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Wetterfest Von Gregor Hilden Immer wieder gibt es neue Entwicklungen auf dem Experimentierfeld Akustikgitarre - das Konzept der hölzernen Steel- oder Nylonstring ist nur eine (wenngleich auch die bewährteste) Möglichkeit, eine Gitarre herzustellen. Ähnlich verdutzt wie in den 20er Jahren die Musiker dreingeschaut haben mögen, als sie mit der ersten Dobro-Gitarre komplett aus Blech" konfrontiert wurden, dürfen heute die Gesichter derjenigen aussehen, wenn sie ein Produkt aus dem Hause Rainsong in den Händen halten. Die Gitarre ist komplett aus Graphit bzw. Carbon Fiber gefertigt!
Rainsong ist die Firma des Physikers, Ingenieurs und begeisterten (Hobby-)Klassikgitarristen Dr. John A. Decker Jr., der angeblich bei einer verregneten Gartenparty, bei der er als Musiker engagiert war, auf die Idee kam, eine völlig neue wetterfeste" Gitarre zu entwickeln. Gesagt, getan - Dr. Decker experimentierte mit verschiedenen Kohlefasermaterialien, und heraus kam dabei die erste Graphit-Akustikgitarre, welche die Welt gesehen hatte. Daß dieses Instrument noch andere Qualitäten haben muß außer dem Regen standzuhalten (Rainsong"), dürfte dem findigen Techniker wohl schon als Ahnung vorausgegangen sein, und tatsächlich sollte mit dieser Entwicklung der Markt der Gitaren um eine weitere, wirklich ernstzunehmende Variante bereichert werden. In den USA, wo die Rainsong-Gitarren nun bereits seit einigen Jahren erfolgreich angeboten werden, konnte die Firma schnell Fuß fassen. Die Produktionsstätte auf Hawaii wurde alsbald vergrößert, und heute ist eine Reihe von qualifizierten Mitarbeitern mit der Produktion der Instrumente beschäftigt. Angeboten wird in der Rainsong-Ausführung all das, was man schon als hölzernes Derivat kennt: Die klassische Gitarre, ein Flamenco-Modell, diverse Steelstrings - von der Dreadnought über die hier abgebildete Elektroakustik bis hin zur 12-String - Akustikbässe und Jazzgitarren. Insgesamt sind es zwölf verschiedene Modelle, die mit verschiedenen Halsbreiten und Verzierungsoptionen angeboten werden. AKUSTIK GITARRE hat nun als erstes deutschsprachiges Gitarrenmagazin die Gelegenheit, eine Rainsong-Gitarre zu testen. Möglich wurde dies durch den kürzlich eröffneten Vertriebsweg - der österreichische Saitenhersteller Thomastik-Infeld wird die Instrumente als Importeur in Kürze auch in die heimischen Fachgeschäfte bringen bzw. dort Bestellungen aufnehmen (jede Rainsong-Gitarre wird auf Custom-Order-Basis" gebaut, also auf die Wünsche des Kunden ausgerichtet). Vorbehalte noch und nöcher" wird nicht nur der Leser angesichts dieser synthetischen Vision empfinden. Auch der Autor dieser Zeilen konnte sich zunächst einer gewissen Skepsis in bezug auf das Konzept und vor allen Dingen bezüglich des recht happigen Verkaufspreises nicht erwehren - doch soviel sei bereits vorab gesagt: Die Rainsong-Gitarre (zumindest das vorliegende Modell) ist nicht nur eine ernstzunehmende Alternative zur konventionellen Gitarre, sondern darüber hinaus eine innovativ-geniale Entwicklung, die - mehr noch als eine Dobro, die schließlich auf bestimmte Musikrichtungen und Spieler spezialisiert und beschränkt ist - insbesondere das Klientel der traditionellen (Holz-)Musiker interessieren wird. Konzept Fast alles ist bei der Rainsong aus einer graphitähnlichen Kohlefasermischung gefertigt: Der Korpus, der Hals, ja gar die Deckenbeleistung und die Brücke sind aus verschiedenen synthetischen Stoffen gefertigt, lediglich die Bundstäbchen sind wie gewohnt aus Neusilber, und die Mechaniken kommen von Schaller - sie besitzen sinnigerweise Ebenholzflügel! In einem aufwendigen Hitze-Vakuum-Prozeß werden die Graphitteile hergestellt: Body, Decke und Hals bilden jeweils eine Einheit. Während der Hals mitsamt Kopfplatte, Griffbrett und Halsstock aus einem Stück besteht, ist der Boden des Bodys in typischer Elektroakustik-Größe und deutlich verminderter Tiefe in der Mitte durch eine schmale Fuge geteilt, die aber beim Blick durch das Schalloch im Innern nicht sichtbar ist. Scheinbar wollen die Hersteller gewisse vertraute Elemente beibehalten, und so besitzt auch die Decke eine holzähnliche optische Struktur, und das Griffbrett erweckt den Anschein, als sei es aus Ebenholz, was vordergründig ein wenig vergessen läßt, daß wir es immer noch mit Graphit zu tun haben. Deutlicher wird dieser Umstand aber zweifellos, wenn man nach dem Halseinstellstab sucht - der ist nämlich überhaupt nicht verhanden, weil er gar nicht gebraucht wird! Das Carbon-Fiber besitzt nämlich die Eigenschaft, daß es sich in keiner Weise verziehen kann, und somit wird gar keine traditionelle Halsverstärkung benötigt. Ungläubig stimme ich versuchshalber alle sechs Saiten um drei Halbtöne nach oben, um zu testen, ob sich nicht doch eine kleine Veränderung der Halskrümmung ergibt - keine Chance! Wo sich bei ähnlicher Prozedur ein Holzhals verbogen hätte wie eine Banane, bleibt der für mich jetzt langsam immer geheimnisvoller werdende Graphithals in exakt der gleichen (optimal eingestellten) Position. Auch ist das Beleistungssystem der Decke in diesem Fall nicht aus Stabilitätsgründen angebracht; vielmehr soll es lediglich eine Dämpfung verschiedener Frequenzen bewirken. Na klasse, vorbei ist es also mit dem beängstigten Blick auf Holz und Decke, wenn sommerliche Temperaturen das Auto zum Kochen bringen oder ein Transport der Gitarre im Winter bei Minusgraden der Organik des Gitarrenholzes böse mitspielt. Selbst Kollegen wie Pete Townsend dürften mit diesem Instrument in der Hand vor ein ernstes Problem gestellt werden, wenn sie nach vollendetem Konzert wieder einmal gedenken, ihr Instrument vor versammelter Mannschaft auf dem Bühnenboden zu Bruch zu hauen. Einen Gig im strömenden Regen werde ich mir für meinen Teil aber dennoch gerne verkneifen... Äußerlich sind alle Komponenten der Gitarre perfekt miteinander verbunden, der Hals sitzt bombenfest am Korpus, die Brücke ist optimal befestigt, und auch die Werkseinstellung der Saitenlage könnte besser nicht sein. Lediglich im Innenraum des Bodys befinden sich einige harte, tropfengroße Reste eines Spezialklebers, mit dem die Zargen an Boden und Decke befestigt sind. Die gesamte Gitarre ist - will man sich ihrer entledigen - theoretisch vermutlich nur im Hochofen zu entsorgen, was ich aber als Versuchsbestandteil dieses Testberichtes zu probieren unterlassen habe. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die hübschen Abalone-Einlagen: Während die Schalloch-Rosette als kompletter Ring auf die Decke geleimt ist, findet sich auf der Kopfplatte das spärlich bekleidete Abbild eines Maui Girls" als Inlay wieder. Wer als Gitarrist ob dieser freizügigen Abbildung möglichen Problemen mit der Ehefrau aus dem Wege gehen möchte, kann sich die ansonsten identische Abalone-Dame auch in einer Variante bestellen, bei der die Hawaii-Blumenkette nicht versehentlich" zur Seite gerutscht ist, sondern vergleichsweise züchtig den Oberkörper bedeckt (Modest Maui Girl").
Klang und Bespielbarkeit Jetzt geht es ans Eingemachte": Mit großer Spannung und verstärkter Erwartungshaltung machten wir uns an diese Gitarre, um schließlich die akustischen Qualitäten zu beurteilen. Und was dann zu hören war, ließ augenblicklich die zweifellos vorhandenen Vorbehalte in Richtung Plastiksound" etc. verschwinden: Das Instrument klingt rund und ausgewogen, keinerlei unangenehme Sterilität ist dem Frequenzbild nachzusagen, und von fast schon übernatürlicher Kraft ist das Sustainverhalten. In allen Lagen erklingen die Noten - fast wie bei einer E-Gitarre - unvergleichlich lange aus. Selbst auf den Diskantsaiten und in den hohen Tonbereichen präsentiert sich dieses Phänomen. Freilich ist der Sound, den die Rainsong produziert, nicht zu vergleichen mit einem edlen hölzernen Instrument mit seinen subtilen Obertonspektrum, aber gerade der Einsatzbereich Elektroakustik" scheint prädestiniert für eine derartige Konstruktion, wie sie die Rainsong offeriert. So, wie eine Dobro nicht nach Holz klingt und nicht klingen soll - um noch einmal diesen Vergleich zu bringen - oder so, wie eine Ovation-Gitarre eben nach Ovation" klingt, so hat die Rainsong ihr gänzlich eigenes Klangbild, was aber im Vergleich zu Dobro und Ovation tendenziell noch mehr in Richtung herkömmliche Akustikgitarre" geht. Die verwendeten Materialien sind dabei durchaus zu hören", was aber in keiner Weise negativ behaftet ist, denn das Graphit produziert ein tatsächlich angenehmes und unaufdringliches Klangverhalten. Dynamische Möglichkeiten sind dabei ebenfalls gegeben: Ein harter Anschlag wird mit der entsprechenden Lautstärke quittiert, und eine weichere Vorgehensweise bringt feine, silbrige Sounds, mit warmen Bässen in einer erstaunlichen Fülle. Angesichts der geringen Größe und Tiefe des Bodys ergeben sich geradezu sensationelle Resultate. Mit Recht wird also dieses Modell trotz ihres kleinen Bodys sowohl mit als auch ohne Fishman Pickup-System geliefert. Ebenso Erfreuliches läßt sich zur Bespielbarkeit des Instruments sagen. Es ist ein Vergnügen, diese Gitarre zu bedienen. Die Saitenlage ist komfortabel eingerichtet, der Hals (in seiner Form frei wählbar als Flatpickers- 12-Fret-, Classical-, Fingerpickers-, Jazz- Flamenco-, Jazz-12-String- und 12-String-Neck) besitzt eine nach meinem Geschmack phantastische mittlere Stärke mit einem leichten D-Rückenprofil, und das Cutaway trägt seinerseits zum bequemen Lagenspiel bei. Dabei ist die gesamte Gitarre von nur geringem Gewicht, und auch die Korpusgröße ermöglicht ein wahrlich leichtes Handling. Die nächste Station ist das verstärkte Spiel. Implantiert ist das relativ neue Fishman Prefix-Blender-System, bei dem ein eingebautes Kondensatormikrofon stufenlos mit dem unter der Brücke versenkten Piezo-Transducer gemischt werden kann. Das Ergebnis ist von geradezu betörender Frische und Klarheit gekennzeichet, die genannten akustischen Eigenschaften werden adäquat über das Fishman-System zu Gehör gebracht. In diesem Zusammenhang sei die Reaktion von Larry Fishman, dem Gründer der Fishman-Company, erwähnt, als er zum ersten Mal auf einer Musikmesse die Rainsong-Gitarre mitsamt seines Systems zu hören bekam: Was habt ihr mit meinem Pickup gemacht?", soll dieser verwundert gefragt haben, im Glauben, ein Enhancer würde den Klang künstlich auffrischen. Fazit Anekdote hin oder her - gerade als elektroakustische Gitarre besitzt die Rainsong ihren ganz besonderen Reiz. Ein ganz und gar außergewöhnlicher Klang ist ihr eigen, und die Bespielbarkeit dürfte mit zum Besten gezählt werden, was eine akustische Gitarre überhaupt bieten kann. Einen kleinen Eindruck kann man im Übrigen bekommen, wenn man sich den Rainsong Guitar Sampler auf CD anhört (auf besondere Anfrage bei Thomastik-Infeld in Wien). Dort ist auf 17 kurzen Instrumentalstücken neben den anderen Rainsong-Modellen auch die WindSong-Gitarre zu hören. Wichtiger aber noch ist der Höreindruck im Zusammenhang mit dem eigenen Spiel, und so darf es als tatsächlich großzügige Geste gewertet werden, wenn im Firmen-Info vermerkt ist: If you are not completely satisfied with your Rainsong guitar, just send it back within 30 days for a full refund" - zu deutsch: 30 Tage Rückgaberecht bei Nichtgefallen mit Geld-zurück-Garantie! Technische Daten Form: Elektroakustik, mitteltiefer Body Body: Graphit, mit Cutaway Decke: Graphit Hals: Graphit Kopfplatte: Graphit Griffbrett: Graphit Mensur: 65 mm Steg: Graphit Sattel/Stegeinlage: Kunststoff Stegpins: Ebenholz Gurtknopf: 2 Stück, schwarz verchromt Pickguard: Graphit Mechaniken: schwarz verchromte Schaller m. Ebenholzflügeln Halsbreite Sattel: 44 mm Halsbreite 12. Bund: 55 mm Elektronik: Fishman Prefix Blender, Kondensatormikro und Piezo Optionen: mit und ohne Pickup-System lieferbar, diverse Optionen und Hälse Preis: ca. 10.000,- DM mit Koffer |