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The Art of Tapping Preston Reed Von Andreas Boer Der Mann spielt, als hätte er einen Drum-Computer verschluckt", begeisterte sich ein Zuschauer nach einem Preston-Reed-Konzert beim 5. Gitarrenfestival in Wiesloch. Und er hatte gar nicht mal so unrecht: Preston Reed muß zu den Perkussionisten" unter den Gitarristen gezählt werden, denn ähnlich wie unser" Uwe Kropinski sieht der Amerikaner Preston Reed die Gitarre als ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Sounds; egal, ob die nun über dem Schalloch gezupft und gepickt, auf dem Korpus geklopft oder auf das Griffbrett getappt sind. Vor allem dieses (beidhändige) Tappen, das Michael Hedges Anfang der 80er Jahre mit seinem legendären Album Aerial Boundaries" popularisierte, in Verbindung mit einem locker aus den Händen fließenden Groove, hat Preston Reed zu einem profilierten und anerkannten Meister der Neuen Schule" werden lassen. Wir unterhielten uns mit Preston Reed über seinen Werdegang, seine Anfänge, seine Entwicklung zum Könner, über kreative Momente und über Tapping. Wenn man deine Musik hört, kann man sich nur sehr schwer vorstellen, wo du begonnen hast. Es ist ja nicht so, daß man sich hinsetzt, eine Gitarre zur Hand nimmt und einfach anfängt, so wie du zu spielen. Kannst du uns die verschiedenen Stadien deiner Entwicklung erläutern? Preston Reed: Die erste Stufe meiner Entwicklung war, daß ich die Gitarre viele Jahre lang, insgesamt sechs Alben, im Fingerpicking-Style gespielt habe. Du weißt schon: Leo Kottke, John Fahey usw. Was mich wirklich dazu gebracht hat, war das Schreiben und Komponieren von Musik. Wenn man sich die Gitarre nicht als ein Instrument, sondern als einen Weg, deine Musik zu kreieren, als eine Quelle von Sounds für diese Musik, versteht, dann kann man sie so verwenden, wie du selber das möchtest. Man muß die Gitarre nicht mit einem Pick spielen, muß keine Akkorde und diese ganzen Sachen spielen. Es gibt so viele Möglichkeiten, speziell auf der akustischen Gitarre, wo man zum Beispiel unglaublich viele perkussive Sounds erzeugen kann. All diese Möglichkeiten kann man kompositorisch nutzen, wenn man seinen eigenen Stil öffnet und Musik kreiert. Als du noch jünger warst, was hast du da gespielt? Preston Reed: Das war Five For Two, Eyes Of Blue" auf der Ukulele. Mein Vater hat es mir beigebracht. Und ein anderes Stück: Hang Down Your Head", ein Folk-Song. Ich war der Jüngste in meiner Familie, und meine zwei Schwestern haben eine Menge RocknRoll gehört, vor allem die Beatles" und die Rolling Stones". Also war ich ein Rolling Stone" und habe einige Lieder von ihnen nachgespielt. Aber mit das Erste, was ich tat, war, meine eigenen Lieder zu schreiben. Ein Stück hieß The Lonely Night", da war ich gerade acht Jahre alt und spielte erst seit ein paar Monaten Gitarre. Ich habe immer eigene Sachen geschrieben und mich selbst unterrichtet. Mit jedem Stück, das ich schreibe, versuche ich, mich zu verändern, irgend etwas Neues zu finden. Und das Wissen, das ich mir auf diese Weise aneigne, kann ich dann weiter verwenden. Man kann also seine eigene Bildung verbessern, indem man kreativ ist. Bist du der Überzeugung, daß im normalen" Fingerstyle bereits alles gesagt und geschrieben worden ist? Oder gibt es doch noch irgend etwas zu entdecken? Preston Reed: Aber doch, das normale" Gitarrenspiel selbst ist wundervoll. Was ich jetzt mache, soll es auch gar nicht ersetzen. Ich verwende es ja immer noch in meinem heutigen Stil, neben all den anderen Sachen wie Slap Funk" (Stück von seiner CD Metal"; Anm. d. Red.), um einen bestimmten Rhythmus laufen zu lassen. Ich glaube, es ist eine erweiterte, kreative, orchestrale Art des Gitarrenspiels. Einige Eigenschaften des Fingerpicking, zum Beispiel die beständige Daumenbewegung und der konstante Beat, kann man durchaus in anderen Richtungen bewahren, wenn man aufmerksam ist. Man kann etwa seine linke Hand nehmen und einen Drum-Beat schlagen, genauso, wie es der rechte Daumen beim Fingerpicking vollzieht. Es ist eine Erweiterung des schon Existierenden, das heißt, musikalisch gesehen ist es gar nicht so verrückt oder ungewöhnlich, wie es zuerst scheint. Ich war ein schneller Fingerpicker und habe irrsinnige Stücke gespielt. Aber mein Interesse galt immer mehr dem Komponieren interessanter Musik, die mich persönlich zufriedenstellt und mich vorwärtsbringt, und nicht so sehr dem Spielen an sich, obwohl ich natürlich den Sound der Gitarre liebe. Nach einer langen Zeit mit dem Fingerpicking hatte ich das Gefühl, der Welt gezeigt zu haben, daß ich fingerpicken kann. Was nun? Wollte ich wirklich Mr. Fingerpicker" werden? Oder wollte ich etwas Neues unternehmen, das risikoreicher und innovativer, aber auch viel persönlicher werden würde? Das war das Hauptargument für meinen neuen Stil: Ich konnte mehr von mir einbringen, von meinem Geist, meiner Kreativität, meinem Körper. Es ist eine sehr körperbetonte Spielart. Korrigiere mich, wenn ich falsch liegen sollte, aber ich hatte bei deinem Konzert das Gefühl, daß du Schwierigkeiten mit dem gewöhnlichen" Gitarrenspiel hattest. Oder zumindest beim Wechsel von den neuartigen, rhythmusorientierten Takten zu den Abschnitten im Fingerstyle. Fällt dir das Umdenken von normal" auf neu" schwer? Preston Reed: (Pause) Das kann sein. Der Wechsel hin und wieder zurück... ich versuche, ihn so elegant als möglich zu gestalten. (Pause) Glaubst du wirklich, daß ich Probleme hatte? Ja, ich denke schon: Bei Train" behinderten sich das Spiel mit dem Slide und das beidhändige Tappen von oben" gegenseitig, so daß merkliche Brüche entstanden. Habe ich dich jetzt schockiert? Preston Reed: Hm, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Aber wenn, dann war es bestimmt meine kompositorische Absicht, so eine Art Break. Hör dir die Platte an: Der Zug stoppt, um dann überraschend wieder loszufahren. Also ist es überhaupt kein Problem für dich, beide Dinge unter einen Hut zu bringen? Preston Reed: Nein, ich glaube nicht. Es ist einfach eine Sache, die ich gewohnheitsmäßig ausübe. Natürlich kann es am Anfang schwierig sein, wenn ich gerade etwas völlig Neues zum ersten Mal spiele und dann urplötzlich umdenken muß. Ich verfüge natürlich über keine Erfahrung von über 15 Jahren für die Techniken, die gerade erst von mir erfunden worden sind. Ich bin der Überzeugung, daß ich die Wechsel dennoch sehr gut draufhabe. Meine nächste Frage wirst du schon oft beantwortet haben und wirst sie vielleicht langweilig finden: Wie war deine erste Reaktion auf Aerial Boundaries" von Michael Hedges? Preston Reed: Es ist eine großartige Platte. Ich liebe Michael Hedges Musik. Er ist übrigens auch ein sehr netter Mensch. Meine Reaktion auf Aerial Boundaries" war: Wow, da gibt es noch soviel Kraft und Potential in der Gitarre, indem man sie spieltechnisch neu überdenkt. Und das hat mich inspiriert, und als ich selbst damit anfing, haben sich auf einmal völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Aber es ist nicht so, daß ich andere Gitarristen studiere, seitdem ich vor etwa zehn Jahren neu begonnen habe. Denn man beschäftigt sich direkt mit dem Komponieren, nicht so sehr mit gitarrenspezifischen Dingen. Und so wäre es für mich auch nicht sonderlich nützlich gewesen, andere Spieler abzuchecken. Kann man sagen, daß du die neuartigen Techniken, die Michael Hedges popularisierte, weiterentwickelt hast? Preston Reed: Ich habe viele eigene Dinge erfunden, die er nicht macht. Ich kann eigentlich auch nicht sagen Ich verdanke meinen Erfolg Michael Hedges", denn wir produzieren sehr unterschiedliche Musik. Was sich möglicherweise ähnelt, ist nur oberflächlich betrachtet ähnlich, wie zum Beispiel das Tapping. Aber zusätzlich spiele ich noch Percussion und Drums auf der Gitarre. Ich schreibe die Songs sogar so, daß sie auf Rhythmen und Beats basieren, die ich dann als Pattern wiederhole. Das macht er nicht. Du hast dir für deine speziellen musikalischen Vorstellungen von Ovation ein spezielles Instrument bauen lassen? Preston Reed: Ja. Es ist eine Ovation Adamas mit extralangem Hals, so daß ich die Gitarre einen ganzen Ton tiefer als eine normale Gitarre stimmen kann. Meine Kompositionen haben einen sehr tiefen Baßsound, der den Stücken mehr Kraft verleiht. Ich mag es, wenn die Gitarre tiefer klingt. Diese Adamas wurde speziell für mich und abgestimmt auf meine Bedürfnisse angefertigt. Einige von den oberen Schallöchern sind nur aufgemalt, weil ich sie als Percussion-Pad brauche; die Schnitzereien im Bindung wurden glattgeschmirgelt, damit ich meine Hände nicht verletze; es gibt einen zweiten Pickup, einen akustischen Seymor Duncan, der an der Decke befestigt ist und als Mikrofon arbeitet, um meine perkussiven Klänge aufzunehmen. Wenn ich beidhändig über dem Hals tappe, muß die Gitarre vollständig ausbalanciert hängen, was ein Problem darstellt, da der verlängerte Hals doch etwas kopflastig ist. Deshalb gibt es auf der anderen Seite, in der Gitarre, ein zusätzliches Gewicht, damit die Gitarre gut ausbalanciert wird. Wie du siehst: Die Leute von Ovation haben eine Menge für mich getan, damit ich gut arbeiten kann. Dann gibt es da noch eine eingebaute Elektronik, damit ich die beiden Pickups abmischen kann. Keine zusätzlichen Verstrebungen unter der Decke? Preston Reed: Nein, nicht daß ich wüßte. Es hat jedenfalls nicht danach ausgesehen, als ich einmal hineingeschaut habe. Ich frage deshalb, weil du bei deinen rhythmischen Figuren die Decke ganz schön belastest, sprich: draufhaust". Hast du jemals Decken aus Holz entzweigeschlagen? Preston Reed: Nein, aber das ist eine gute Frage. Ich habe niemals eine Gitarre verletzt, mit Ausnahme einer Decke, in die ich einmal ein Loch geschlagen habe. Was ich tue, verlangt eigentlich nicht viel Kraft; sie muß nur sehr präzise einwirken können. Ich versuche, mit kleinstem Aufwand den größten Sound zu bekommen. Viele Leute vergessen, daß eine Gitarrendecke konstruiert wird, um bewegt zu werden. Das ist ihre Funktion - sie vibriert, und das erzeugt den Klang. Sie bewegt sich also schon, ist eine vibrierende Masse; man muß diese Bewegung eigentlich nur noch steigern, indem man draufschlägt. Dabei habe ich aber nie Schaden angerichtet, ich habe noch keine Leiste verloren. Wie intensiv hast du spanische Gitarrenmusik gehört? Im Flamenco gibt es ja einige perkussive Techniken, wie zum Beispiel golpe". Preston Reed: Ich habe den Flamenco nie genau studiert, habe aber selbstverständlich schon einmal Flamenco gehört. Bist du dir im klaren darüber, daß viele deiner Kompositionen mehr oder weniger Stücke zum Tanzen sind? Preston Reed: (lacht) Ja, das zweite Stücke heute abend, Ladies Night", war ursprünglich nur ein Scherz, weil es so funky war. Es hat soviel Spaß gemacht, weil es eben dieses funkige Etwas hat, diesen Kick-Drum-Beat: bumm-cha, bumm-cha. Spielst du deshalb immer mit den Akustik-Verstärkern von Trace Elliot, um genügend Druck in deiner Kick-Drum" zu haben? Preston Reed: Ich mag die Trace Elliots, weil sie viele verschiedene Möglichkeiten bieten, die ich gern verwende. Es gibt einen Notch-Filter usw. Das sind alles nützliche Möglichkeiten, die man entdeckt, wenn man ein Konzert gibt und keinen Ärger haben möchte. Die Trace Elliots sind großartige Werkzeuge, außerdem klingen sie gut, ich mag ihren Sound, aber ich spiele auch Shows ohne sie. Ich reise nicht ständig mit ihnen herum. Aber bei wirklich wichtigen Auftritten versuche ich, immer zwei von ihnen dabeizuhaben, um in Stereo spielen zu können. Warum bist du so selten in Deutschland zu sehen? Es ist nicht so, daß dich keiner kennt, aber eine Tournee würde deinen Bekanntheitsgrad noch steigern... Preston Reed: Ich würde sehr gern öfter mal herkommen, das muß aber mit meiner Schallplattenfirma abgesprochen und organisiert werden, und meine CDs müssen in Deutschland zu kaufen sein. Auf jeden Fall sind die Leute hier für Gitarrenmusik sehr offen. Das gefällt mir. Man munkelt in der Szene, daß du eventuell mit Adrian Legg auf Tour gehen wirst? Preston Reed: Adrian Legg soll eventuell 1997 zum Gitarrenfestival in Wiesloch kommen, und ich soll auch wieder dabeisein. Ich bin nicht sicher, ob wir dann zusammen auftreten, aber es wird 1997 in den USA ein gemeinsames Konzert mit uns geben, das von Ovation finanziert wird. Darauf freue ich mich schon, wie du dir vorstellen kannst. Kannst du uns schon etwas über deine neue CD verraten? Preston Reed: Aber klar doch. Sie wird Ladies Night" heißen und noch innovativer sein. Ich werde darauf sehr groove-orientiert, sehr funky und cool spielen, aber auch einige Balladen interpretieren. Es wird ein interessantes Album werden - ich versuche einen Sound zu kreieren, der anders ist. War es jemals im Gespräch, zusätzlich zu deinen perkussiven Grooves noch einen Drummer zu engagieren oder Samples einzuspielen? Preston Reed: Das habe ich einmal versucht, als ich einen Vertrag mit Capitol hatte. Ich nahm damals ein Sologitarren-Album mit dem Titel Bordertowns" auf. Die Leute von Capitol haben es sich angehört und wollten zusätzlich noch andere Instrumente im Overdub-Verfahren addieren. Ich wollte das zwar nicht, aber sie sagten: Entweder du machst mit und hast bessere Verkäufe - oder wir feuern dich". Letztendlich haben sie es aber ganz ordentlich gemacht, sie holten Alex Acuña für die Aufnahme. Er ist ein großartiger Perkussionist. Dennoch hört es sich auf dem Resultat, der Schallplatte, so an, daß Alex Acuña die Dinge spielt, die ich sonst erledige. Warum also zusätzlich Percussion? Er spielte den Groove, den ich auch spielte, und das war einfach zuviel. Du bist Linkshänder. Ist das ein Vorteil beim Tappen? Preston Reed: Ich bin beidhändig: Manche Dinge erledige ich mit der linken und manche mit der rechten Hand. Ich schreibe und werfe und esse zum Beispiel links. Was man zum Tappen benötigt, ist nicht so sehr eine starke linke Hand, sondern eine gleichmäßige Verteilung beim Gebrauch der Hände. Beide greifen Akkorde, beide strukturieren, beide gestalten Melodien, je nach dem, welche Hand gerade für die musikalische Idee frei ist. Mit wem würdest du gern einmal zusammenspielen? Preston Reed: Pat Metheny. Pat Metheny ist mein Lieblingsgitarrist. Er ist aber nicht nur ein brillanter Techniker, sondern auch ein richtiger Komponist. Wer noch? Bill Evans, der Pianist, der aber leider schon gestorben ist. John Scofield ist auch großartig. Und ich liebe Jimi Hendrix. Ich dachte mir, daß du das sagen würdest. Vielen Dank für das Gespräch! |