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Der Lyriker Peppino DAgostino Von Ralf Bauer (Text und Fotos) Es ist nunmehr zwölf Jahre her, daß der Fingerstyle-Gitarrist Peppino DAgostino in die Vereinigten Staaten auswanderte, um seinen großen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Er war bereits damals Gitarrist mit Leib und Seele und wollte mit aller Kraft daran arbeiten, seinen Lebensunterhalt damit bestreiten zu können - sowohl als Live-Performer als auch als Komponist. Doch liegen diese ersten Tage im fernen San Francisco als Straßenmusiker, Maler und Gemüseverkäufer inzwischen weit zurück - der Traum wurde Realität. In den vergangenen Jahren erschienen bereits vier in den USA produzierte CDs, zwei weitere stammen noch aus der aktiven Zeit zuvor in Italien. Verschiedene Kritiker stellen ihn schon heute auf eine Stufe mit Leo Kottke, Doc Watson oder John Renbourn und David Grisman. het Atkins, Michael Hedges oder Egberto Gismonti sind nur einige,mit denen er die Bühne teilte. So ist es nur logisch, daß er nun auch in Europa mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seine letze Produktion "Venus Over Venice" (1995) ist nur ungefähr zur Hälfte von Solostücken geprägt - Kontrabaß, Violine und Flöte wurden in einzelne Kompositionen eingebunden, die dadurch schon fast String-Band-Charakter bekamen. Für DAgostino war es eine neue Erfahrung - diese Stücke danach wieder für die Solokonzerte zurechtzuschneidern eine weitere. Im Laufe der Zeit entwickelte er daraus eine völlig eigenständige Technik. Es gelang ihm, weite Bereiche von Baß- und Melodiespiel mit der linken Hand abzudecken, was der Spielhand Freiräume für Perkussion und Rhythmik ermöglicht. Seine erste Produktion "Bluerba" (1981) entstand in Zusammenarbeit mit Enzo Ponzio und Alfredo Morabito, bei der zweiten "Silk And Steel" (1984) war neben anderen bereits Duck Baker mit von der Partie. Die ersten US-Aufnahmen "Acoustic Spirit" (1987) und "Sparks" (1988) erschienen auf dem Shanachie Label, und einige dieser Songs wurden für "Venus Over Venice" neu arrangiert. Ein guter Freund aus früheren Zeiten ist ebenfalls vertreten - David Wilcox. Vor Jahren hatte Peppino DAgostino ihn bei einem seiner Konzerte in North Carolina kennengelernt, Wilcox arbeitete damals gerade an seinem ersten Demotape. Er gab DAgostino ein Band, und ein Titel darauf begeisterte Peppino schon damals sofort: "Walk Away Renee", es wird auf "Venus Over Venice" von David Wilcox gesungen. Die Musik von Peppino DAgostino ist von verschiedensten Einflüssen geprägt - Jazz, Klassik und Folk. Sein Sound ist warm und lyrisch, und er spiegelt den persönlichen Charakter eines Künstlers wieder, der es vorzüglich versteht, Gefühle in Töne zu wandeln, ohne dabei kitschig zu wirken. Dennoch strahlt dieser Mann auch eine ganze Menge an Power und Spontaneität aus, er ist eben auch nach zwölf Jahren in den Vereinigten Staaten noch ein typischer Italiener - molto bene! Wir trafen Peppino DAgostino auf der Namm-Show in Los Angeles, wo er für L.R. Baggs und Godin/Seagull als Endorser tätig war. Deine Wahlheimat sind die USA, doch liegen deine musikalischen Anfänge in Italien. Wo genau in Italien hast du gelebt, und wie begann deine musikalische Weltreise? Peppino DAgostino: Ich wurde auf Sizilien geboren und habe im Alter von ungefähr zehn Jahren mit dem Gitarrespielen begonnen. Mein Cousin war der erste, den ich mit einer Gitarre hörte, er spielte sehr einfach, Akkorde eben, aber ich habe es geliebt. Er hat mir dabei geholfen, meine Mutter zu überreden, eine Gitarre für mich zu kaufen. Es war also 1968, als ich zunächst mit dem einfachen Nachspielen der damaligen Hits von den "Beatles" usw. begann. War dein erstes Instrument eine Konzertgitarre oder eine Steelstring? Peppino DAgostino: Es war noch eine Konzertgitarre, doch ich habe sehr bald auf die Stahlsaiten gewechselt. Danach habe ich mich an das Fingerpicking gewagt und zusammen mit Freunden, wir waren damals so ungefähr zwölf bis 13 Jahre alt, "Santana" und "Beatles" nachgespielt. Im Laufe der Zeit wurde es mit dem Gitarrespielen immer ernster, ich hörte Gitarristen wie Leo Kottke bereits mit 15 oder 16. Ich habe übrigens stets hauptsächlich Akustikgitarre gespielt, das war schon immer meine große Liebe, ich liebe die Reinheit des akustischen Tons. Alles, was ich damals spielte, hatte ich mir bis dahin selbst beigebracht, indem ich mir einfach Musik anhörte und sie auf meine Art und Weise umsetzte. Als ich etwa 20 war, begann ich damit, mir die ganze Musiktheorie anzueignen - und ich bin immer noch dabei zu lernen. Das Lernen hört nie auf, es ist ein Grund dafür, daß einem Musik nie langweilig werden kann. Wann hast du ungefähr damit begonnen, professionell Musik zu machen? Hast du zuvor einen Beruf erlernt oder sonstige Jobs ausgeübt? Peppino DAgostino: Nein, das heißt, ich habe für etwa zwei Jahre in einem Musikgeschäft in Italien gejobbt, um das Geld für meine Reise in die USA zusammenzubekommen. Was ist für dich der Grund, in den USA zu leben? Peppino DAgostino: Ich habe Freunde hier, und ich war von der amerikanischen Musikwelt fasziniert. Als ich noch zu Hause in Italien lebte, dachte ich, mein Gott, du mußt ein unglaublich guter Gitarrist werden, wenn du in den USA davon leben möchtest. Das ist natürlich prinzipiell auch so, doch in Wirklichkeit hat man hier aber auch viel mehr Raum und Möglichkeiten - die USA sind geographisch einfach sehr groß. Nicht zu vergessen, daß es eine gewaltige Tradition in Sachen "akustische Gitarre" gibt. Angefangen bei Martin-Gitarren, über Bob Dylan bis hin zu Bluegrass - es ist eine richtige "History" diesbezüglich. Es gibt ein sehr großes Interesse an Steelstring-Musik in den USA. Ich habe es vorher auch einmal in Frankreich versucht, doch ich mußte feststellen, daß die großen Möglichkeiten für mich in Amerika liegen. Als ich vor etwa zwölf Jahren hier ankam, mußte ich zunächst diverse Jobs machen, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Nach, ich schätze mal, vier bis fünf Monaten begann ich, in San Francisco Straßenmusik zu machen. Etwas später ergaben sich die ersten Clubgigs, und schließlich traf ich meinen ersten Agenten, der mir einen Plattenvertrag gab. Es war mir nun möglich, in den USA zu touren, und so konnte ich meine Position als Musiker mehr und mehr festigen. Kommen wir zu deiner Technik, benutzt du eigentlich Fingerpicks? Peppino DAgostino: Ich verwende einen Daumenpick und an den Fingern solche Acrylnägel. Wenn man so viel spielt wie ich, brechen die normalen Nägel einfach irgendwann oder sie sind zu sehr abespielt. Wie sieht dein Equipment aus? Welche Gitarren bevorzugst du? Peppino DAgostino: Ich spiele Godin-Gitarren, zur Zeit eine sehr schöne Rosewood Seagull mit einem L.R. Baggs Duett-System. Diese Gitarre wurde speziell für mich gebaut. Die Baggs-Elektronik macht es mir sehr einfach, verstärkt einen guten Sound zu erzielen, sie ist sehr präzise. Es ist eine Kombination von einem Kondensatormikrofon und dem Baggs-Ribbon-Transducer. Als Verstärker verwende ich den Acousticube von AER aus Deutschland. Diese Amps sind phänomenal, es gibt für mich nichts Vergleichbares. Wie würdest du deine Musik und deine Spieltechnik am treffendsten beschreiben? Peppino DAgostino: Ich spiele zunächst einmal traditionelles Fingerpicking, wobei ich versuche, moderne Techniken und sehr viel perkussive Elemente einzubauen, da Rhythmus für mich sehr wichtig ist. Manchmal halte ich während des Spielens so einen Egg-Shaker (Perkussion-Ei) in meiner rechten Hand, um die Rhythmik zu unterstützen, außerdem spiele ich sehr viel mit "pull-offs" und "hammer-ons" etc. Ich finde außergewöhnliche Techniken sehr spannend, und die Leute mögen es. In der letzten Zeit komme ich aber auch mehr und mehr darauf zurück, wieder traditionelles Picking zu spielen. Ich halte es für eine große Herausforderung, mehr auf die Melodie zu achten und dabei Kreativität zu beweisen. Diese ganzen Tricks, die ich zum Teil gerade genannt habe, sind natürlich spektakulär, aber Musik ist eigentlich etwas ganz anderes. Musik soll die Seele der Menschen berühren,und die Melodie ist die effektivste Sache, um dies zu erzielen. Es ist lustig, ich habe hier auf der Namm am Stand von Lloyd Baggs gespielt. Die Besucher dieser Messe werden den ganzen Tag hindurch an jeder Ecke mit Millionen von Tönen bombardiert. So habe ich versucht, die Leute mit sehr langsamen und schönen Melodien zum Bleiben zu animieren. So etwas geht in dem ganzen Messetrubel natürlich völlig unter, doch diejenigen, die stehenblieben und zugehört haben, habe ich nur durch eine schöne Melodie dazu bewogen - für diese Zuhörer spiele ich am liebsten, und es macht mir auch selbst viel mehr Freude, als das Publikum mit einer ausgefallenen Technik zu beeindrucken. Ich bin nun 40 und besinne mich wieder mehr auf die traditionellen Bestandteile in der Musik, und dies sind Melodie, Harmonie und Rhythmus. Ich will den Leuten nicht nur mit Tricks imponieren. Eine Messe ist aber auch eine Extremsituation: Es werden letztendlich Produkte vorgeführt, der Showeffekt steht da doch sehr im Vordergrund. Peppino DAgostino: Ja, leider. Mir erscheint das hier oft wie Gymnastik. Ich bin der Meinung, daß die Technik, solange sie der Musik dient, auch in Ordnung ist, wie sie beispielsweise von Peter Finger oder Pierre Bensusan eingesetzt wird, um der Musik zu dienen und weniger um die Leute zu beeindrucken, so finde ich es toll - die Musik sollte stets der Grund für die Spielweise sein. Welche musikalischen Einflüsse haben dich geprägt? Peppino DAgostino: Zunächst sehe ich mich immer noch als Student, im musikalischen Sinne, und ich höre mir sehr viel Musik an - aus sämtlichen Bereichen. Ich glaube, es gibt eine Verbindung zwischen allen Musikrichtungen, und diese Verbindung heißt wieder "Melodie, Harmonie und Rhythmik". Für mich selbst gibt es nur gute Musik, die ich mag, und schlechte Musik. Es gibt Musik, die mich fröhlich macht und zum Tanzen bringt, es ist mir dabei egal, ob es sich um irische, italienische oder amerikanische Musik handelt. Wenn ich komponiere, denke ich nicht darüber nach, was es ist, für mich gibt es einfach nur Musik! Ich kann es wirklich nicht genauer beschreiben, man kann es mit dem Essen vergleichen: Wenn du immer nur Reis ißt, dann kannst du darüber berichten, wie Reis schmeckt. Wenn du die chinesische, italienische und französische Küche kennst, entdeckst du, daß es sehr verschiedene hervorragende Speisen gibt, und so ist es auch mit der Musik. Am liebsten beschreibe ich mich als Musiker, der akustische Gitarre spielt. Du hast mir erzählt, daß du gerade an einer Filmmusik gearbeitet hast. Kannst du näheres darüber berichten? Peppino DAgostino: Ja, gerne. Ich habe den Produzenten während eines Konzertes in Rom kennengelernt. Ich gab ihm meine Adresse, und acht Monate später hat er mich angerufen und gefragt, ob ich den Soundtrack für seinen Film schreiben würde. So kann das Leben spielen, es war eigentlich reiner Zufall, daß wir uns damals in Rom begegneten. Der Prozess, eine Filmmusik zu schreiben war sehr lehrreich für mich. Sie wurde schließlich in Rom eingespielt, ich habe etliche Musiker dafür verpflichtet - einen Kontrabassisten, einen Schlagzeuger, einen Keyboarder, Perkussion und einen Sänger. Wie ist der Name des Filmes? Peppino DAgostino: Oh, der Film heißt "Ardena". Er kommt am 24. Februar 97 in die italienischen Kinos. Er kommt auch in Deutschland auf den Markt. Es ist eine sehr schöne Geschichte über einen Jungen und dessen Familie. Wie bist du dabei vorgegangen - Bilder zu vertonen ist ja etwas völlig anderes als Songs zu schreiben? Peppino DAgostino: Es war das erste Mal, daß ich so etwas gemacht habe, und es war für mich mit vielen neuen Erfahrungen verbunden, angefangen mit der ganzen Technik, Synchronisation usw. usw. Du hast dann eine Szene vor dir, die z.B. eine Minute lang ist. In dieser einen Minute mußt du die Stimmung erfassen und musikalisch umsetzen. Zum Beispiel wenn ein Kind heult oder sonst etwas, so mußt du dies in exakt einer Minute auf den Punkt bringen. Die Zeit ist dir vorgegeben, das ist man normalerweise nicht gewohnt. Dann gibt es wieder längere Szenen, in denen sehr unterschiedliche Emotionen zu vertonen sind. Es ist also zum einen das Zeitlimit und zum anderen das Bild und die Emotionalität der Szene, die den Freiraum, den man als Komponist gewohnt ist, erheblich einschränken. Es ist eine großartige Herausforderung, denn man ist sich ja nicht nur selbst gegenüber verantwortlich, da gibt es ja auch noch einen Produzenten und einen Regisseur usw., deren Projekt die Musik dienen soll - es muß deren Vorstellungen entsprechen. An welchen Projekten arbeitest du ansonsten noch? Peppino DAgostino: Ich habe gerade ein Lehrbuch über meine Musik gemacht, das auch eine CD enthält. Es heißt "New Acoustic Guitar" und wird von Warner Brothers (in Deutschland IMP, d. Red.) verlegt. Das ist sehr gut für mich, es wird weltweit vertrieben. Ich bin nun dabei, die Musik für meine nächste CD zu komponieren, ich weiß allerdings noch nicht genau, wann ich damit fertig bin. Es ist sehr wichtig für mich, auch viel live zu spielen. Im Oktober werde ich auch wieder nach Deutschland kommen. Bis dahin alles Gute, Peppino. Vielen Dank.
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