Der Überdaurer

Leo Kottke

Von Larry Concklin

Leo Kottke hat direkt oder indirekt jeden beeinflußt, der heute akustische Gitarre spielt - ob er es weiß oder nicht. Man höre etwa Kottkes „Six and Twelve String Guitar" - wenn nicht längst bekannt, es ist der erste Steel-String-Gitarrenklassiker. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Albums war die akustische Gitarre im wesentlichen noch ein Begleitinstrument für Sänger, besonders für Folkmusiker. Leo Kottke aber sollte dies völlig verändern. Der Stammbaum aller akustischen Gitarrensolisten fängt bei diesem Album an, es war zudem der Impuls für kreative, offen gestimmte Slide Gitarre. Der Mann ist ein Überdaurer, denn genau das, was ihn berühmt machte, zerstörte ihn fast: Power Picking. Er mußte wegen Überanstrengung der Hand die Finger-Picks aufgeben und neu anfangen, was ihm hervorragend gelungen ist - der ultimative Beweis ist seine neue CD „Live". Leos Musik groovt, sein Stil ist immer noch persönlich und hebt sich deutlich von anderen ab.

Auf seiner Europa-Tournee trafen wir den Gitarristen bei seinem Auftritt im Jazzhaus in Freiburg und sprachen später nochmals mit ihm, als er wieder zu Hause in Minneapolis war.

 

Bist du mit deiner Europa-Tournee zufrieden?

Leo Kottke: Sie war besser, viel besser, als ich erwartet hatte. Eigentlich bin ich dieses Mal auch gekommen, um herauszufinden, ob ich überhaupt noch ein Publikum hier habe. Es ist schon so lange her, daß ich zuletzt in Europa aufgetreten bin, fast acht Jahre, und jetzt habe ich erlebt, daß noch mehr Leute kamen als früher. In Deutschland, Holland und England waren die Auftritte meistens ausverkauft und wirklich gut.

Duck Baker hat mir einmal erzählt, daß er es schwierig findet, für ein europäisches Publikum zu spielen, weil er öfter Elemente amerikanischer Folk-Songs aufgreift, wozu aber vielen in Europa der Zugang fehlt.

Leo Kottke: Ich weiß, was er meint, aber mir gefällt es einfach, außerhalb meiner eigenen Kultur zu spielen. In Deutschland gibt es Biere, die viermal so alt wie Amerika sind...

Deine Version von „Corrina, Corrina" heute abend ist die schönste, die ich je gehört habe. Wie bist du zu dem Lied gekommen?

Leo Kottke: Ich weiß nicht mehr, wann ich es zum ersten Mal gehört habe, aber seitdem hat mich der Originaltext verfolgt und natürlich auch der Name „Corrina".

Es ist ein wirklich ausdrucksvolles Lied.

Leo Kottke: Ja. Oft hat ein Lied mit solch einem Inhalt kein wirkliches Gefühl, sondern ist eher eine Anhäufung von Klischees, aber dieses hat einfach etwas - ich freue mich, daß es dir gefällt.

Ich habe viele Versionen davon gehört, von Bo Carter bis Bob Dylan. Deine ist so schön, weil sie zart und gleichermaßen rund ist und damit einen ziemlichen Kontrast zu deinem sonstigen Stil darstellt. Eine wirkliche dynamische Bereicherung für deinen Auftritt.

Leo Kottke: Und diese Dynamik herzustellen ist schwierig für einen Solospieler; sie muß sich während des Auftritts entwickeln. Wenn du dir vorher eine Reihenfolge ausdenkst, hört sich der Liedwechsel an, wie wenn du einen anderen Gang einlegst. Es ist besser, wenn man völlig verschiedene Stücke hat, die man dann spielt, wenn die Stimmung danach ist.

Wenn ich deine CD „My Feet Are Smiling" (1973) mit deiner neuesten „Live" (1995) vergleiche, hören sie sich verschieden und doch gleich an - auch wenn das wie ein chinesisches Axiom klingt. Du hast dein Spiel verändert. Früher war es „Power Picking" mit Fingerpicks, und dann warst du gezwungen, ohne sie zu spielen. Danach war dein Sound eher zart; aber du hast ihn auch ohne Picks zu der Kraft zurückgebracht, die er vorher hatte.

Leo Kottke: Diese Phase war wirklich ein Alptraum, aber gleichzeitig sehr lehrreich. Musik kann dir viel geben, ganz direkt, wenn man spielt; mehr philosophisch, wenn man sein Leben durch sie und mit ihr lebt.

Wo hat dieser Alptraum angefangen, und wie hast du ihn erlebt?

Leo Kottke: In Denver. Man stellt sich zwar immer das Schlimmste vor, was einem passieren kann, aber so etwas kam nicht einmal in meinen schlimmsten Träumen vor. Wenn ich vorhin gesagt habe, daß es lehrreich war, dann insofern, als ich nun das Schlimmste tatsächlich erfahren habe und im Nachhinein froh bin, daß es passiert ist. Es hat zwar Jahre gedauert, von den Fingerpicks wegzukommen und die Hand zu heilen, aber ich habe davon profitiert. Mein Spiel ist heute besser. Es gibt nur ganz wenige Sachen, die ich ohne Fingerpicks nicht machen kann, eigentlich nur Nuancen. Dafür gibt es vieles, was ich ohne sie spielen kann und früher, mit Picks, nicht machen konnte.

Ich habe gesehen, daß dein Daumen beim Spielen jetzt parallel zur Baßsaite liegt - hast du auch früher mit den Picks so gespielt?

Leo Kottke: Nein, mit den Picks habe ich meine Handfläche in Richtung Ellenbogen gedreht. Ich habe mich auf Bildern so spielen sehen und fand, daß es sehr verrenkt aussieht. Es gibt zwar Leute, die ihr ganzes Leben mit Picks spielen, wie David Lyndley, aber die spielen nicht so verrückt wie ich damals, immer so hart es geht. Ich wußte einfach nichts anderes, konnte einfach nicht modulieren. Und in Denver ist es dann eines Abends passiert. Mitten im Auftritt ist meine Hand erstarrt und ließ sich nicht mehr bewegen. Sie tat weh. Ich habe versucht, einen Finger zu bewegen, aber das hat sich angefühlt, als hätte ich einen dicken, engen Handschuh an, und so kann man natürlich nicht spielen. Schließlich bin ich dazu übergegangen, meine Hand in eine Art Universalposition zu bringen und den ganzen Arm zu bewegen. Da es keine Heilungsmöglichkeit für mein Problem gibt, mußte ich mir eine neue Spieltechnik angewöhnen. Ich hatte von anderen Leuten gehört, die damit erfolgreich waren.

Django ist das beste Beispiel. Wie lange hat es gedauert, bis du wieder so spielen konntest wie heute? Ich höre in „A Shout Towards Noon"(1986) deutlich einen neuen Stil.

Leo Kottke: Stimmt. Das war die erste CD nach fünf Jahren Pause.

Die CD ist schön. Es sind ein paar „Power Pieces" darauf, der Rest ist subtiler.

Leo Kottke: Sie ist eine der wenigen CDs, die ich hin und wieder auflege. Normalerweise höre ich meine CDs kaum, weil es immer wieder Stellen gibt, mit denen man im Nachhinein nicht zufrieden ist, die man jedoch nicht mehr ändern kann. Diese aber gefällt mir, sie ist sehr nachdenklich. Als ich sie gemacht habe, hatte ich einige drastische Veränderungen in meinem persönlichen Leben hinter mir, und ich hatte mich gerade wieder aufgebaut. Es hat ein paar CDs bei „Private Music" gedauert, bis ich meine alte Kraft zurückhatte, trotzdem finde ich, daß die CDs bei diesem Label die wohl ausgereiftesten sind. Vielleicht, weil ich bei „Capitol" jedes halbe Jahr eine produzieren mußte...

Das kann nicht gesund sein!

Leo Kottke: Überhaupt nicht.

Als du dann auf deiner Europa-Tournee vor acht Jahren einige Stücke von der Platte gespielt hast, habe ich dir gesagt, wie sehr mir „Ice Field" gefällt - ein Stück, das du wahrscheinlich nicht gespielt hättest, wenn du noch mit Picks spielen würdest.

Leo Kottke: Schon lange, bevor ich die Picks aufgab, habe ich Gitarristen beneidet, die ohne sie spielten, weil mir sehr bewußt war, wie nuancenreich und klangfarbig sie spielen konnten. Besonders ihr Rhythmus hat mich fasziniert. Mit Picks hat jede Note den gleichen Wechsel. Mein Gefühl ist vergleichbar mit dem eines Drummers, der einer Rhythmusmaschine zuhört, bei der jeder Schlag gleich laut ist. Irgendwie entsteht dabei Distanz, während man viel näher dran ist, wenn man mit den Fingern spielt.

Es hat mehr Dimension.

Leo Kottke: Ja, und mehr Farbe. Der Rhythmus wird spannend, und man kann plötzlich über eine Dynamik verfügen, die vorher nicht da war.

Wie spielst du jetzt? Mehr mit den Nägeln oder mehr mit den Fingerkuppen?

Leo Kottke: Hauptsächlich mit den Kuppen, wenig mit dem Nagel, aber wenn ich ihn einsetze, muß es auch sein.

Mir fällt Montgomery ein, der auch die Picks aufgeben mußte, wegen der Nachbarn. Dann spielte er mit den Fingern und entwickelte einen wunderschönen Klang.

Leo Kottke: Eben. Eigentlich ist das auch die Art, wie man die Gitarre ursprünglich gespielt hat - genauer gesagt: die Laute. Walter Gerwick, der Lautenspieler, der die besten Aufnahmen der Cello-Suiten von Bach gemacht hat, die ich je gehört habe, spielte ohne Nägel. Verblüffend. Ich erinnere mich dabei auch gut an John Hurt, den ich spielen gesehen habe, als ich noch auf der High School war.

Das nenne ich Glück.

Leo Kottke: Ja, denn er ist immernoch wichtig für mich. Machmal verliert man die Orientierung, schaut sich um, und dann denke ich an ihn. Er spielte ohne Picks und hatte diesen schönen sanften Ton.

Als du vor langer Zeit mit dem Gitarrenspielen angefangen hast - konntest du dir da vorstellen, daß du so weit kommen würdest, daß es überhaupt tragen würde?

Leo Kottke: Nein, wirklich nicht. Wenn ich einmal darüber nachgedacht habe, dann wußte ich nur, daß ich mir irgendeinen Beruf ausdenken müßte, weil das Gitarrespielen wohl nicht satt machen würde. Ich wußte aber auch, daß es immer das Wichtigste in meinem Leben sein würde, egal, was passiert. Das wußte ich schon mit elf Jahren und hatte wenig Ehrgeiz in anderen Dingen. Eines Tages war mir klar, daß ich dabei bleiben würde, und ich machte mir keine anderen Gedanken mehr. Aber daß es so weit tragen würde, hätte ich mir nie träumen lassen, ganz zu schweigen davon, daß es auch außerhalb der Staaten klappen würde. Es ist wirklich...

...toll.

Leo Kottke: Ja. Ich habe mit Joe Pass darüber gesprochen, was für ein Privileg es ist, musizieren zu dürfen, ein Riesenprivileg.

Weil du das, was du machst, gerne machst und davon leben kannst.

Leo Kottke: Genau.

Du hast mit Joe Pass gespielt. Wie war das, und was hast du mit ihm gespielt?

Leo Kottke: Das war während des „Guitar Summit". Es war seine letzte Tour und seiner Meinung nach die beste seines Lebens. Wir haben einfach etwas in „E" improvisiert, ein 12-Takte-Schema, nicht in diesem Dominant-7-Sound, den Joe so liebt. Er hat mir zuliebe eine Blues-Skala gemacht. Es gab einige Abende, die waren einfach phantastisch, wenn es „geklickt" hat.

Die CD „Live" hast du komplett mit Mikrofonen aufgenommen. Als du neulich im Jazzhaus warst, hattest du ein Pickup in der Gitarre.

Leo Kottke: Ja, es ist ein Sunrise-Pickup. Ich habe zwar noch nie reingeschaut, aber es ist ein passiver doppelspuliger Pickup. Es ist sehr interessant, denn im Gegensatz zu den anderen Double-Coils kann man Bronzesaiten damit verwenden. Die Mikrofone erfordern einen echt guten Mischer, der ein Gefühl dafür hat, wie eine Gitarre klingen sollte, wie sie wirklich klingt. Und so ein Mann ist schwer zu finden, wenn du wie ich arbeitest. Im allgemeinen hast du erstens den Mischer, der gerade da ist, und zweitens klingen die Mikrofone sehr verschieden - es hängt auch von dem Raum ab, in dem du spielst. Mit dem Pickup hast du bis zu einem gewissen Grad - wenn du auch noch den nötigen Preamp hast - mehr Kontrolle von der Bühne aus. Außerdem hat man mit dem Pickup keine Rückkopplungsprobleme. Was mir bei Auftritten mit dem Mikrofon am meisten aufgefallen ist, ist, daß der Sound jeden Abend völlig anders ist. Das gilt besonders für Stahlsaiten, nicht so sehr für Nylonsaiten, die sich über das Mikrofon viel besser anhören. Wenn ich auf Nylonsaiten spielen würde, würde ich nur das Mikrofon benutzen.

Was für Musik hörst du, wenn du zu Hause bist?

Leo Kottke: Meistens gar keine (Gelächter) außer meiner Gitarre. Ich stehe total auf diesen Sound und spiele viel.

Was fällt dir zum Thema „Inspiration" ein?

Leo Kottke: Nur, daß, wenn man sie erwartet und bereit ist, auf sie zu warten, sie dann auch kommt. Ich habe Leute sagen hören, daß ihnen einfach nichts einfällt, aber das glaube ich nicht. Sie sind nur nicht spielerisch genug, probieren nicht genug aus.

Ich glaube, daß die Musik jederzeit da ist, und wenn du viel spielst, wird er, sie oder es schon kommen. Aber wenn du nicht spielst, obwohl du fühlst, daß du jetzt spielen solltest, weil du anderes zu tun hast, wie Geschirr waschen oder Windeln wechseln, dann kann es schon passieren, daß die Muse sagt: „O.k., ich sehe dich in einem halben Jahr wieder".

Leo Kottke: Genau so ist es. Wenn du dich ihr nicht widmest, ist sie sauer auf dich und bestraft dich ziemlich lange. Bei mir geht es so: Ich sitze und spiele und habe eine Idee, arbeite an ihr, komme weiter damit, bin begeistert und entwickle sie bis zum Ende - und plötzlich habe ich eine neue Idee. Ich arbeite an ihr, bin ein paar Stunden später fertig und dann - uh - kommt wieder eine neue. Du mußt ihr sofort nachgehen, wenn du sie hast. Ich habe zweimal die Erfahrung gemacht, daß, als ich gerade fertig war, haufenweise Ideen kamen und ich bis zur Erschöpfung gearbeitet habe, total fertig war, und als immer mehr kamen, schließlich gesagt habe: „Das hebe ich mir für später auf". Als ich auf sie zurückkommen wollte, waren sie natürlich weg. Und sie kamen lange nicht zurück. Du darfst dich ihnen niemals verweigern, egal, was ist, du mußt weitermachen. Eine meiner Lieblingsgeschichten dazu ist, was der Schriftsteller Saul Bellow über John Berryman, den Dichter, gesagt hat, als der sich in Minniapolis umgebracht hat. Berryman war ein großer Poet. Trotz der Tatsache, daß Berryman ein immer wieder rückfällig werdender Alkoholiker war, der sein Problem nie in den Griff bekam, meinte Bellow, daß der Grund für seinen Selbstmord darin lag, daß er sein ganzes Leben versucht hat, die Muse dazu zu bringen, zu ihm zu kommen, und dann passierte es, daß sie kam und ihn nicht mehr losließ, er konnte sich ihr nicht mehr entziehen, fand keine Ruhe mehr, außer durch den Tod.

Eine irre Geschichte! Etwas anderes: Auf der CD „Live" spielst du „Bean Time", ein Stück von dem Album „My Feet Are Smiling". Ist da eine Absicht dabei?

Leo Kottke: Ja, weil ich eigentlich „Bean Time" nicht mehr spiele. Ich dachte, es wäre schön, eine Verbindung zu früher herzustellen. Außerdem hat das Stück eine ganz eigene Stimmung, die ich sonst nicht auf der CD hatte.

Hörst du noch Snoozer Quinn?

Leo Kottke: Danke der Nachfrage. Ich höre die Platte nicht mehr, weil ich sie völlig im Kopf habe. Aber es lohnt sich, sie zu hören.

Er war der erste, bei dem ich gehört habe, daß er alles spielen kann - den Baß, den Rhythmus und gleichzeitig die Melodie. Es hörte sich so leicht und unangestrengt an.

Leo Kottke: Ja, ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber es klingt, als ob er irgend etwas Seltsames mit seiner Gitarre macht, er gibt ihr einen eigenen Ton. Er steht in einer Reihe mit Lonnie Johnson.

Ja, Lonnie, der hat einige der stärksten Stücke aufgenommen, die ich je gehört habe, und das vor mehr als 65 Jahren!

Leo Kottke: Stimmt. Wenn man ihm zuhört, hat man immer das Gefühl - wirklich immer, egal was er spielt - daß da mehr passiert, als man hören kann. Manche sagen zum Beispiel, er hört sich an, als ob er eine Zwölfsaitige spielt, obwohl man weiß, daß es nicht so ist.

LonnieJohnson hat aber auch mit zwölf Saiten gespielt, besonders bei diesen phantastischen Duetten mit Eddie Lang.

Leo Kottke: Richtig, aber ich will damit sagen: Egal, ob er eine Gitarre mit sechs oder zwölf Saiten spielt, empfinde ich jedesmal, wenn ich ihn höre, diesen eigenartigen Klangtrip. Snoozer macht das auch. Sie überladen akustisch irgendwie, sie überladen die Gitarre. Du hörst eine Harmoniekaskade, die immer wieder vorkommt. Und wenn jemand versucht, diese Stücke nachzuspielen, Ton für Ton, wäre dieser Effekt, der mich richtig verfolgt, einfach nicht da. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber ich vermute, daß sie das Ende eines Tons mehr betonen, als man es normalerweise macht, daß sie ihn länger halten, so daß der Anfang des nächsten Tons sich mit ihm verbindet.

Wie würdest du deine Spieltechnik beschreiben?

Leo Kottke: Ich weiß nicht, ob ich eine Beschreibung dafür habe. Die Art, wie ich spiele, ist eher klassisch.

Drückst du den kleinen Finger gegen die Gitarre, während du spielst?

Leo Kottke: Nein, das darf man wirklich nicht machen. Diese Technik kann einen ganz schön in Schwierigkeiten bringen, wenn man nicht aufpaßt. Außerdem schränkt sie das Spiel ein.

Du meinst, daß sich die Hand frei über dem Schalloch bewegen können soll?

Leo Kottke: Richtig.

Warum?

Leo Kottke: So sollte es einfach sein, da gehört sie hin. Das ist die freieste Art zu spielen, die am wenigsten einschränkende, die logischste. Es gibt keinen Grund, die Hand irgendwo zu verankern.

Mir ist aufgefallen, daß du bei Auftritten jetzt stehst, anstatt zu sitzen.

Leo Kottke: Mein linker Arm hat am meisten Bewegungsfreiheit, wenn ich stehe, es ist außerdem angenehm. Wenn man Abend für Abend auf verschiedenen Stühlen sitzt, ist die Gitarre jedesmal in einer etwas anderen Position, besonders, wenn man auch noch den Fuß irgendwie aufsetzen muß. Wenn man steht, hat man immer die gleiche Haltung, und das macht sicherer.

Was machst du, um dich einzuspielen?

Leo Kottke: Ich sollte das machen, tue es aber nicht. Ich spiele die ersten Takte von ein paar Liedern - nicht um mich einzuspielen, sondern um zu sehen, ob alles sitzt. Manchmal merke ich zum Beispiel, daß sich ein Finger komisch bewegt, oder daß die Gitarre zu viel Feuchtigkeit aufgenommen hat, oder daß ich irgendwie nicht gut drauf bin, oder daß sich irgendwas komisch anhört. Also spiele ich mich nicht richtig ein, sondern spiele einfach etwas, um zu sehen, ob irgendwas nicht stimmt, damit ich mich darauf einstellen kann. Ich habe immer einen kleinen Imbusschlüssel bei mir, um den Hals nachzuziehen, sowie höhere und tiefere Ersatzstege. Joe Pass hat sich auch nicht eingespielt. Er hat sich geweigert zu spielen, bis er auf der Bühne stand. Als ich ihn einmal nach dem Grund gefragt habe, sagte er: „Dann habe ich es doch schon gespielt"

Hast du ein Lieblingsalbum unter deinen eigenen CDs?

Leo Kottke: Eigentlich nicht - außer, daß ich mit der CD „Live" wirklich sehr zufrieden bin.

Damit wäre ich auch zufrieden. Sie ist sehr ausgewogen und deckt viel Zeit und verschiedene Gebiete ab. Sie ist ganz du, sehr charakteristisch.

Leo Kottke: Ich freue mich, das zu hören. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn man plötzlich jemand anderes ist.

Hast du viele Gitarren zu Hause?

Leo Kottke: Ja, aber seit ich mit Taylor zusammenarbeite, spiele ich zu Hause dieselben Instrumente wie auf der Bühne. Ich habe zwar noch andere, aber Taylor hat mir ziemlich genau die Gitarre gebaut, die ich will. Ich spiele lange genug, um davon eine genaue Vorstellung zu haben.

Wie lange arbeitest du schon mit Taylor zusammen?

Leo Kottke: Ich weiß nicht mehr genau, wann wir die Zwölfsaitige gebaut haben, aber wir haben drei oder vier Jahre daran gearbeitet und immer wieder andere Prototypen entwickelt, mit verschiedenen Mahagoniarten, Verstrebungen usw. Im Moment spiele ich mit einem Sechssaiter, Modell Kottke. Es gibt 50 Stück davon, sie geht aber nicht in die Produktion. Wir suchen immer noch nach etwas Speziellerem, was noch besser zu meiner Art zu spielen paßt.

Aber du bist doch zufrieden, was du im Moment hast, gefällt dir?

Leo Kottke: Ja, ich bin „a pig in shit" mit diesen Gitarren.

Stimmt es, daß du mal ein U-Boot gesteuert hast?

Leo Kottke: Stimmt (Gelächter), stimmt. Die USS Half Beak, das war das zweitälteste Boot in der Marine. Unser Schwesterschiff war die Tusk, das war das älteste Boot dort. Ich war oft am Steuer und habe es einmal bei einem Tauchvorgang außer Kontrolle gebracht. Zehn Grad, das nennt man einen „Down Bubble", ist der maximale Winkel, den man mit diesen Booten einnehmen kann. Bei mehr als zehn Grad ist es außer Kontrolle, und das habe ich geschafft. Dann tutet es wie verrückt auf dem Schiff, und jeder rennt um sein Leben.

Wie schön, mit einem Amerikaner zu sprechen (Gelächter).

 

 

 

Leo Kottke Diskographie

 

1968 - „12-String Blues" (Oblivion)

1969 - „6 & 12 String Guitar" (Takoma)

1971 - „Mudlark" (Capitol)

1972 - „Greenhouse" (Capitol)

1973 - „Ice Water" (Capitol)

1973 - „My Feet Are Smiling" (Capitol)

1974 - „Chewing Pine" (Capitol)

1974 - „Dreams & All That Stuff" (Capitol)

1971-1976 - „Did You Hear Me" (Capitol)

1976 - „Leo Kottke" (Capitol)

1976 - „The Best" (Capitol)

1978 - „Live in Europe" (Chrysalis)

1978 - „Burnt Lips" (Chrysalis)

1979 - „Balance" (Chrysalis)

1981 - „Guitar Music" (Chrysalis)

1983 - „Time Step" (Chrysalis)

1986 - „A Shout Toward Noon" (Private Music)

1988 - „Regards From Chuck Pink" (Private Music)

1989 - „My Farter's Face" (Private Music)

1990 - „That's What" (Private Music)

1991 - „Great Big Boy" (Private Music)

1994 - „Pecuiliaroso" (Private Music)

1995 - „Live" (Private Music)