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Referenz-Jumbo

Goodall Indian Rosewood Jumbo
Von Franz Holtmann

Sein Ruf eilt ihm voraus - kaum ein Gitarrenbauer auf diesem Planeten hat in letzter Zeit so enthusiastische Kritiken und Lobpreisungen ernten können wie James Goodall. Dabei ist die Konkurrenz von wirklich guten Gitarrenbauern so groß wie noch nie zuvor, und man kann sich kaum vorstellen, daß die erreichten hohen Qualitätsstandards im High-End-Gitarrenbau überhaupt noch übertroffen werden können. Mit Blick auf den Preis ist eine kritische Erwartungshaltung trotz der vielen Vorschußlorbeeren dann vielleicht doch gerechtfertigt und ein scharfes Ohr verlangt. Was also ist dran an den Goodall Guitars?

Wer ist James Goodall?

goodall.jpg (4303 Byte)Seine erste Gitarre baute James Goodall 1972, und obwohl er auf keine handwerkliche Ausbildung zurückgreifen konnte, muß das natürliche Talent für den künstlerischen Gitarrenbau einen entscheidenden Sinneswandel bei dem damaligen Maler bewirkt haben. Man stelle sich vor: Einem jungen Mann kommt es in den Kopf, sich selbst einmal an der Herstellung einer Gitarre zu versuchen. Er läuft in die Bücherei und liest alles, was er nur finden kann, über Hölzer, Konstruktion, Herstellungsverfahren etc. und nimmt sich vor, „die beste Gitarre der Welt zu bauen". Mit einem immensen Sinn für Perfektionismus, den er selbst schon als Fluch empfindet, geht er voller Tatendrang ans Werk, unterrichtet sich quasi selbst und ruht nicht, bis er seine Vision erfüllt sieht. Der frühe, wenn auch noch regional beschränkte Erfolg seiner ersten Instrumente ermutigte ihn, das Metier zu wechseln und seine musische Ader gänzlich einem konkreten Gegenstand zu widmen, dessen Faszination auch der ästhetischen Farbgebung entspringt.

In seiner kalifornischen Zeit fand Goodall Austausch und Unterstützung bei inzwischen ebenfalls arrivierten Meistern ihres Fachs wie beispielsweise Bob Taylor oder Kim Breedlove, den er schon seit seiner Kindheit kannte, aber erst nach seinem Umzug nach Hawaii im Jahre 1992 gelang es ihm, auch internationale Anerkennung zu erlangen. Heute fertigt er mit fünf Mitarbeitern etwa fünf Instrumente pro Woche, und seine Gitarren sind in kleinen Stückzahlen auf dem deutschen Markt zu finden.

Konstruktion

Nach eigenen Angaben verwendet Goodall viel Zeit auf die Auswahl und Kombination der Tonhölzer. Er spricht von der „Orchestrierung" aller Komponenten bis ins kleinste Detail, um den typischen Ton zu erreichen, der unabhängig von Material und Form die Goodall-Gitarren auszeichnet. Das zum Test vorliegende Jumbo-Modell ist die Konstruktion, mit der alles anfing, und James leugnet seine Vorliebe für dieses Instrument nicht. Für den zweigeteilten Boden und die Zargen fiel die Wahl in diesem Fall auf ein wunderbares Palisanderholz, das eine enge und gleichmäßige Zeichnung aufweist. Die Decke aus der festen wie leichten alaskanischen Sitka-Fichte zeichnet sich durch eine feine parallele Maserung mit seidigen Querverwebungen (silking) aus und kann als Premium-Qualität bezeichnet werden. Die Zargenränder sind mit einem Holzbinding aus „curly koa" abgeschlossen, und auf der Decke und als Bodenfuge findet sich ein dreilagiger Intarsienstreifen. Eine Rosette aus bunt schillerndem Abalone umschließt das Schalloch, und die Decke wird im Schlagbereich durch eine dünne, kaum wahrnehmbare Folie aus durchscheinendem Kunststoff geschützt. Der einteilige Hals aus ebenfalls hochklassigem und dicht strukturiertem Mahagoni trägt ein feines Ebenholzgriffbrett, in das 20 schlanke und perfekt abgerichtete polierte Bünde eingearbeitet sind. Kleine Abalone-Rauten dienen der Lagenkennung. Die Kopfplatte ist mit dunklem Palisander furniert und wie der Korpus von einem Koa-Streifen eingebunden. Leichtgängige und präzise Schaller-Mechaniken in verchromter Ausführung sowie eine Abdeckglocke aus Palisander für die darunter verborgene Halsstabschraube komplettieren den Kopf. In die Brücke aus Ebenholz sind der längenkompensiert ausgefeilte Steg aus Knochen und die in einem leichten Bogen angeordneten Pins eingelassen. Interessant und vom allgemeinen Standard abweichend ist James Goodalls Einstellung zum Ausgleich von Deckenstärke und Beleistung. Er vergleicht die Decke mit einem Trommelfell, das seine Stimmung durch die entsprechende Spannung erhält. So arbeitet er die Deckenstärke an bestimmten Stellen in Richtung Zargenränder aus, um dem Auflagepunkt - in seinen Augen ein wesentlicher Aspekt für die Klangausbeute - ein Maximum an Resonanzfähigkeit abzugewinnen. Eine Philosophie des Ausgleichs zwischen Stabilität und Klangoptimum führte ihn auch zu einer Beleistung mit geraden, also nicht wie üblich verjüngten Bracings, die der Decke eine größere Stabilität verleihen und eine bessere Übertragung von mittleren und höheren Frequenzen gewährleisten sollen. Auf dem inneren Halskopf ist übrigens ein von Hand beschriebener Zettel aufgeklebt, auf dem neben den verwendeten Hölzern auch die empfohlenen Saitenstärken vermerkt sind. Eine perfekte Hochglanzlackierung des Korpus versteht sich fast von selbst, während der Hals sich handfreundlich matt gibt. James Goodall ist also alles andere als irgendein weiterer Gitarrenbauer - der Mann hat Phantasie sowie die für Autodidakten typische Eigenheit und Feinfühligkeit für den individuellen Stil.

Klang- und Spieleigenschaften

Die schönsten Überlegungen und Materialien lassen sich letztendlich doch nur am klanglichen Ergebnis messen. Nun gilt es nach Worten zu ringen, um eine annähernd treffende Beschreibung zu liefern, die dem Höreindruck gerecht wird. Schon ein schlichter E-Dur-Akkord bringt soviel Leben in den doch eigentlich recht trockenen Testraum, daß sich die Mundwinkel des Testers unweigerlich in Richtung Ohren bewegen. Es fällt schwer, sachlich zu bleiben bei der Fülle sich überschlagender Impressionen. Fast glaubt man, es mit einem lebenden Wesen zu tun zu haben, so reich, tief, verspielt und klar ist das klangliche Bild. Lauscht man einem Akkord nach, so taucht man ein in eine lichtdurchflutete Landschaft voller singender Obertöne in einem unglaublich gleichmäßigen Abklang. Die Präzision der Bässe und ein jubelnder Diskant, der Druck der sich völlig harmonisch dazugesellenden Mitten - was für eine Balance! Und das Sustain? Selbst im Hochtonbereich ist der Ton dicht und obertonreich - und klingt und klingt und klingt. Lautstärke ist bei Jumbos zwar grundsätzlich kein Problem, aber die Neigung zu einem überbetonten Baßbereich zwingt oft zu vorsichtiger Aktion. Nicht so die Goodall: Bei unerhört kraftvoller Präsenz gibt es weder ein Loch im Frequenzbild noch eine Überdeckung in der tonalen Struktur. Das Kriterium „Tragfähigkeit" bekommt zudem eine Doppelbedeutung: Zum einen läßt die Goodall Jumbo in diesem Punkt - auch auf Distanz gehört - keine Wünsche offen, zum anderen trägt sie den Spieler selbst. Ihr klanglicher Reichtum beflügelt die Phantasie, lädt ein zum Fliegen. Unterschiedliche Spieltechniken läßt sie gutmütig lächelnd über sich ergehen und bleibt souverän in jeder Hinsicht. Ach ja, handhaben läßt sich die Jumbo natürlich auch bestens: Mit einem runden D-Profil liegt sie in einem vertrauten mittleren Bereich, an den man weiter keinen Gedanken verschwenden muß, denn man will jetzt nur noch eins - spielen!

Fazit

Wieder einmal wird die Latte etwas höher gelegt, und James Goodall ist in der Lage, eine der Spitzenpositionen einzunehmen. Sein Jumbo-Modell hat Referenz-Charakter. Goodall-Instrumente werden selten anzutreffen sein, denn es bleibt zu hoffen, daß die erreichte Qualität nicht durch eine Vergrößerung des Produktionsvolumens verwässert wird. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist im vollen Ernst als gut zu bezeichnen, auch wenn man für das Geld schon einen ordentlichen PKW erstehen könnte, nur - wo ist der in fünf Jahren, wenn die Goodall gerade erst in Hochform kommt?

Epilog

Manch einer mag sich angesichts der Gitarren im oberen Preisniveau die Frage stellen: Muß das wirklich sein? Brauche ich wirklich so ein Instrument, um kreativ und glücklich zu sein? Klare Antwort: Nein. Das wäre ja gerade so, als könnte ich Musik nur über eine HiFi-Referenzanlage hören, und das wäre nicht nur noch teurer, sondern auch Blödsinn. Es ist eher so: Jedes gute Instrument hat seine Farbe und Berechtigung, wobei „gut" immer den richtigen Einsatzpunkt meint. Ein Solist mit facettenreichem Ausdruck wird das perfekte Instrument mit einem orchestralen Klang suchen und vielleicht in der Goodall die Entsprechung finden. Dagegen ist in Mischungen mit anderen Instrumenten oft eher der spezielle Klang die richtige Lösung. Zu unterschiedlich für ein allgemeines Urteil sind auch der spieltechnische Ansatz, die klangliche Vorliebe und die gespielte Stilistik. Ohne Frage ist aber ein Mann wie James Goodall eine wichtige treibende Kraft, da er mit viel Gefühl und Sachverstand die Entwicklung des Gitarrenbaus vorantreibt und damit Einfluß auf das grundsätzliche Niveau nimmt.

 

Technische Daten
Herkunftsland: USA/Hawaii
Typ: Jumbo
Decke: Alaska Sitka-Fichte, massiv
Korpus: Indian Rosewood, massiv
Binding: Curly Koa
Griffbrett: Ebenholz
Mensur: 648 mm
Hals-Korpus-Übergang: 14. Bund
Anzahl der Bünde: 20
Halsprofil: runde D-Form
Halsbreite Sattel: 45 mm
Halsbreite 12. Bund: 54 mm
Steg: Ebenholz
Mechaniken: Schaller verchromt
empf. Verkaufspreis: 8.640,- DM inkl. Luxuskoffer