Bluesmaster

John Hammond

Von Larry Conklin

John Lee Hooker, Furry Lewis, John Hurt, Lightin Hopkins, Mance Lipscomb, Fred McDowell, Bukka White, Arthur Crudup, Son House, Skip James, Lonnie Johnson, Big Joe Williams, Jimmy Reed, Muddy Waters, Howlin Wolf, Big Mama Thornton... Das sind nur einige der Musiker, mit denen John Hammond Musik machte. Wenn John spielt, hört man sie alle und noch mehr. Seit Jahren ist er unermüdlich unterwegs und elektrisiert mit der akustischen Gitarre sein Publikum. Darüber hinaus ist er ein wichtiges Verbindungsglied in der Bluestradition; er hält den Geist von dem, was vor langer Zeit irgendwo im Mississippi-Delta begann, lebendig und hat damit eine ganz neue Generation von Solo-Bluesmusikern inspiriert. Seine letzten drei CDs wurden in der Kategorie "Traditional Blues" für den Grammy nominiert.

John, wir haben uns schon länger nicht mehr unterhalten - hast du immer noch 200 Auftritte im Jahr?

John Hammond: Ja, immer noch 200 pro Jahr, und das schon ganz schön lange.

Wie lange gibst du schon Konzerte?

John Hammond: Seit 35 Jahren, genauer gesagt: Seit 1962 trete ich professionell auf.

Als du 1962 in New York anfingst, gab es wahrscheinlich relativ wenige Leute, die akustischen Blues solo gespielt haben, und von denen war wohl niemand so entschlossen wie du...

John Hammond: Wahrscheinlich nicht. Es gab schon ein gewisses Bewußtsein für Blues und natürlich Gitarristen, die ihn gespielt haben, bevor ich damit anfing. Ich denke da an Dave van Ronk, Eric von Schmidt und Ian Buchanan, den ich in Ohio getroffen habe, als ich dort zur Schule ging. Er hat damals schon in New York gespielt, er kam von dort und hat bei Rev. Gary Davis gelernt.

Wie viele Gitarristen...

John Hammond: Ja, Gary Davis war in den fünfziger Jahren nach New York gezogen, spielte auf der Straße, selten auch in Clubs, er wurde in den frühen Sechzigern sozusagen wiederentdeckt und bekam dann regelmäßig Auftritte.

Aber du hast nicht in New York angefangen.

John Hammond: Meine Profikarriere begann in Kalifornien, in der Gegend um Los Angeles. Die New Yorker Szene, wo ich eigentlich herkomme, hat mich ein bißchen eingeschüchtert. Außerdem war ich noch nie an der Westküste gewesen und fand es an der Zeit, auch die mal kennenzulernen. Nach ungefähr acht Monaten bin ich nach New York zurückgekehrt und habe bei "The Club" vorgespielt, der damals noch "Gerde’s Folk City" hieß. Ich bekam einen Auftritt! Der Besitzer gab mir einen Vertrag für zwei Wochen mit Phil Ochs.

Für zwei Wochen! Habt ihr jeden Abend gespielt?

John Hammond: Sechs Abende die Woche.

Da kann man nur besser werden...

John Hammond: (Gelächter) Ja, dieser Gig hat Eindruck gemacht! Noch in derselben Woche haben Phil und ich einen Vertrag bei Vanguard Records bekommen. Im Dezember ’62 habe ich meine erste Platte gemacht.

Wie viele Stücke hast du jetzt im Repertoire?

John Hammond: Ungefähr 400.

Das glaube ich nicht, das müssen mehr sein...

John Hammond: Wahrscheinlich, ich lerne ja jedes Jahr welche dazu.

Entdeckst du immer noch neue Gitarristen?

John Hammond: Oh ja, ich stoße immer wieder auf neue, genauer gesagt, ältere Musiker...

...die schon lange spielen, die du aber noch nie gehört hast.

John Hammond: Genau.Gerade wenn du meinst, daß du jetzt alles kennst, kommt plötzlich was Neues. Ich finde viele Dinge bei anderen Musikern, die mich auf neue Ideen bringen. Auf diese Art habe ich im Laufe der Jahre viele Freundschaften mit Gitarristen geschlossen, die meine Richtung spielen. Hin und wieder treten wir zusammen auf, und dann sagt auf einmal jemand: "Kennst du Baby Boy Warren?" Ich sage: "Baby Boy Warren? Wer soll denn das sein?" Und dann kommt raus, daß er ein Blueskünstler aus den vierziger Jahren aus Detroit ist, der unglaublich gut war. Ich gehe also los, suche, finde natürlich ungefähr 20 Platten von ihm und habe schließlich zwei seiner Stücke mit auf meine CDs genommen. So geht’s.

Hast du Lieblingsgitarristen, die du lieber interpretierst als andere?

John Hammond: Das hängt ganz vom Stück ab, unabhängig vom Musiker. Wenn mir ein Stück gefällt - aus welchen Gründen auch immer - reizt es mich, egal von wem es ist.

Das klingt logisch. Gehst du immer noch mit zwei Gitarren auf Tournee - einer National und einer akustischen, mit deiner Martin?

John Hammond: Ja, mehr kann ich einfach nicht mitnehmen.

Erzähle uns was über deine National.

John Hammond: Das ist eine 14bündige Duolian von 1935, die mir meine Frau vor fünf Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Sie hat einen Ahornhals und klingt wunderschön.

In den frühen 30ern hörte der Hals am zwölften Bund auf, und das machte sie etwas schwierig für Slide.

John Hammond: Stimmt. Damals hat man sie aber auch auf den Schoß gelegt, um Slide zu spielen. Erst 1934 wurde der 14. Bund serienmäßig eingeführt - ich glaube nicht, daß die Tri-Cone schon 14 Bünde hatte, weiß es aber nicht genau. Bob Brozman hat dieses unglaubliche Buch mit der ganzen Geschichte der National-Gitarre geschrieben.

Seit zehn Jahren versucht er alle aufzustöbern, die je produziert wurden. Ich habe neulich mit ihm gesprochen, und er sagte mir, daß ihm noch ungefähr 1.000 fehlen.

John Hammond: Wow!

Zurück zu deinen ersten Auftritten. Es muß damals ganz schön einschüchternd für dich gewesen sein, als du neben den vorhandenen Größen gespielt hast. Wie ich eben schon gesagt habe: Du warst einer von wenigen - und du bist weiß!

John Hammond: Meine einzige Sorge, die ich hatte, das einzige, was mich verunsichert hat, waren weder das Publikum noch die anderen Gitarristen, egal ob schwarz oder weiß, sondern die Kritiker, also die Presse, die immer irgendwas finden und aufbauschen mußte, um ihre Artikel interessant zu machen. Die haben bemeckert, daß ich weiß sei und die Musik der Schwarzen ausbeuten würde. Dieser ganze Mist. Irgendwann hat es mich dann kaltgelassen, denn mir wurde klar, daß weder das Publikum noch die Musiker, deren Urteil mir wichtig war, so fühlten. Nur irgendwelche Journalisten, die dachten, sie hätten das moralische Recht mich auszugrenzen.

Um es genau zu sagen: Du hast nicht versucht, schwarz zu sein, du hast einfach diese Musik geliebt.

John Hammond: Ja, und ich hatte jedes Recht dazu.

In diesem Prozeß warst du ein Präzedenzfall für alle, die dann kamen. Heute gibt es wieder eine ganz neue Generation von jungen Schwarzen. Leute wie Alvin Young Blood Heart, Keb Mo.

John Hammond: Richtig. Und Corey Harris, Diamond Jim Green und viele andere.

Wenn ich so zurückschaue, gab es dich, Taj Mahal und Dave van Ronk. Ihr alle habt diese Musik geliebt, habt sie so präsentiert, wie ihr sie verstanden habt und damit den Standard dafür gesetzt, was heute gemacht wird.

John Hammond: Also wenn ich wirklich so etwas wie ein Vorbild gewesen bin, dann bin ich froh, daß ich Menschen geholfen habe, eine Musik für sich zu entdecken, die mir selbst so viel Vergnügen und Einsicht gebracht hat. Ich bin sehr froh, daß ich schon damals diese Musik für mich machen und sie bis heute beibehalten konnte.

...und dabei immer noch besser wirst.

John Hammond: Hoffentlich.

Ich habe schon mehrmals Konzerte für dich eröffnet und jedes Mal gedacht: "Verdammt, jetzt ist er wieder besser als das letzte Mal". Du steigerst dich kontinuierlich.

John Hammond: Ich versuch’s jedenfalls.

Warum spielst du immer im Sitzen?

John Hammond: Ich sitze lieber, weil ich nicht gerne ein Gitarrenband am Hals habe, und außerdem klopfe ich gerne mit dem Fuß.

Chris Smither stellt sogar ein Mikrofon bei seinem Fuß auf.

John Hammond: Und John Hartford treibt es am weitesten, indem er einen kompletten Tap Dance macht, während er Banjo spielt.

Gut! Erzähle uns was von dem Film, den du über Robert Johnson gemacht hast - "The Search For Robert Johnson".

John Hammond: Er wurde von der britischen Produktionsfirma Jambic gedreht im Auftrag von Channel 4 in England. Die wollten einen Dokumentationsfilm über das Leben von Robert Johnson haben.

War das zur selben Zeit, als die CBS Doppel-CD von ihm erschien?

John Hammond: Genau. Damals wollte plötzlich alle Welt wissen: Wer ist dieser Kerl Robert Johnson eigentlich? Und es gab all diese bescheuerten Geschichten wie "Crossroads", und es wurde den Briten überlassen, mehr darüber zu wissen, was in der amerikanischen Geschichte los ist, als die Amerikaner selbst. Jedenfalls ist diese Filmgesellschaft auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich Interesse hätte mitzumachen. Ich habe "Wahrscheinlich nicht" geantwortet, weil ich dachte, daß wieder mal jemand eine absurde Geschichte daraus machen würde oder irgend so einen religiösen Quatsch hochspielen würde - von wegen, er habe seine Seele dem Teufel verkauft und so. Also hat es mich zuerst überhaupt nicht angeturnt. Aber dann hab’ ich ausführlich mit dem Produzenten Chris Hunt geredet, der mir sagte, daß Leute wie Gayle Dean Wardlow und Mack McCormick bereit wären, vor der Kamera zu sprechen. Mack McCormick ist derjenige, der als erster alles über Robert Johnson erforscht hat, der Roberts Schwester gefunden und sein wirkliches Leben dokumentiert hat. Als ich also gehört habe, daß Mack in dem Film sprechen würde, habe ich gern zugesagt. Es gab kein Filmskript. Wir sind durch Mississippi, Arkansas, Texas und Tennessee gefahren. Sie hatten überall Leute aufgetan, die Robert kannten, als er noch jünger war und zur Schule ging, und die mit ihm unterwegs waren, als er gespielt hat wie Johnny Shines und Honey Boy Edwards. Auch alte Freundinnen von ihm - eine wirklich interessante Mischung! Die Filmcrew war schon Monate vorher unten gewesen und hat all diese Leute zusammengebracht, die vor der Kamera gerne ihre Erinnerungen erzählen wollten. Jetzt war ich dabei und befand mich (wie gesagt: ohne Skript) in der etwas peinlichen Lage, mit Menschen zu sprechen, die ich nicht kannte, nie zuvor gesehen hatte- eine ganz schöne Herausforderung! Und das alles ohne Gage, einfach für eine gute Sache - nämlich etwas Realität und Wahrheit in sein Leben reinzubringen.

Klarheit!

John Hammond: Genau. Er war einer der Besten, die es je gab, und vielleicht der Einflußreichste - man muß sich nur vorstellen, daß 60 Jahre nach seinem Tod mehr Alben als je zuvor von ihm verkauft werden.

Phänomenal. Und damit zurück zu dir. Bei wem hast du spielen gelernt?

John Hammond: Bei mir selbst und durch Inspiration. Natürlich auch durch harte Arbeit, aber nicht durch irgendeine Schule. Einfach dadurch, daß ich versuche, was mir so durch den Kopf geht, in die Finger umzusetzen. Stilistisch haben mich der Delta-Blues und der Piedmont-Stil am meisten beeinflußt.

Trittst du immer noch ohne Pickup auf?

John Hammond: Ja, ich spiele ausschließlich akustisch und bin damit wohl ziemlich der einzige. Es gibt wirklich kaum jemand, der nicht zumindest durch eine DI-Box spielt. Deshalb finde ich es komisch, wenn sie dann Begriffe wie "akustisch" oder "unplugged" und so verwenden. Das ist nicht echt akustisch.

Warum bist du in dieser Frage so radikal?

John Hammond: Es besteht ein Unterschied zwischen "elektrisch" und "akustisch". Ich höre es jedesmal genau, wenn ich mal eine Direkt-Box oder Pickups ausprobiert habe - es ist einfach nicht dasselbe. Ich habe Gitarristen erlebt, die sogar im Freien ohne Mikrofon gespielt haben. Dann drängen sich halt alle um sie rum - wenn einer spielen kann, wird er auch gehört. Man muß ihn nur hören wollen - wie in den Dreißigern, als viele Größen so spielten. Als die Depression in den USA am schlimmsten war und es wirklich kein Geld gab, gab es auch kein Massenpublikum, keine Stadien und große schicke Nachtclubs. Sie spielten auf einem Laster oder in einer Scheune.

Du bist der einzige Gitarrist, den ich kenne, der Slide mit einer 17er Nuß am kleinen Finger spielt. Wie kamst du darauf?

John Hammond: Vor vielen Jahren sah ich in einer Werkstatt diesen Ratschekasten, und das war’s. Ich habe mich früh daran gewöhnt und immer gern damit gespielt.

Du hast mir mal erzählt, daß du nie ein Capo benutzt.

John Hammond: Erst kürzlich habe ich damit angefangen...

Warum?

John Hammond: Weil ich so mehr Bandbreite habe, ohne dauernd umstimmen zu müssen.

Vom offenen G zum offenen A.

John Hammond: Genau.

Welche Saiten benutzt du?

John Hammond: Medium Gauge D’Addario - 8020 Bronze String und eine ungewickelte dritte. Außerdem macht D’Addario eine einfache ’26 Gauge G-Saite. Die mag ich besonders.

Und für die Duolian?

John Hammond: Ich nehme dieselben Saiten für beide Gitarren.

Du spielst nur mit zwei Fingern - Daumen und Zeigefinger.

John Hammond: Ja, manchmal auch mit dem Mittelfinger.

Um den Rhythmus zu betonen?

John Hammond: Richtig. Die meisten Bluesgrößen haben so gespielt, sogar Robert Johnson.

Jemand hat mal Rev. Gary Davis gefragt, warum er nur mit zwei Fingern spiele, und er hat geantwortet: "Mehr brauche ich nicht".

John Hammond: So ist es.

Du bereist die ganze Welt und spielst wirklich überall. Das muß deine Art, das Leben und die Welt zu sehen, sehr beeinflußt haben.

John Hammond: Ich denke, daß ich zwischenmenschliche Beziehungen ziemlich klar sehe, wie ähnlich viele Verhältnisse überall sind. Es gibt so viele Fäden, die uns irgendwie verbinden, wie in der Gemeinsamkeit in der Empfindung, was gut und schlecht in der Kunst ist. Es ist z.B. erstaunlich, wie sehr der Blues auf der ganzen Welt geschätzt und gemocht wird, der im Grunde "Folkmusik" ist. Vielleicht weil er so amerikanisch ist, was heißt, daß er von vielen kulturellen Einflüssen geprägt ist. Ich meine damit die Tatsache, daß die USA ein Einwanderungsland waren und dadurch all diese Volkskünste nach Amerika gekommen sind und sich miteinander verschmolzen haben. Der Blues ist ganz klar von der ganzen Welt beeinflußt.

Oft, wenn ich mit dir telefoniert habe, kamst du gerade aus Brasilien, warst auf dem Weg nach Japan, dann weiter nach Australien. Wirst du überall gleich gut aufgenommen?

John Hammond: Durch meine Situation - ich hatte lange keinen Hit und deshalb keine besondere Promotion - habe ich die Taktik entwickelt, irgendwo hinzugehen, wo ich noch nie war und für wenig Geld oder was immer nötig war, um einen Auftritt zu bekommen, zu spielen, um dann, wenn es gut gelaufen ist, wieder eingeladen zu werden und langsam etwas aufzubauen. So machen es viele Künstler - sie verlassen sich auf Mundpropaganda und darauf, wie gut der Auftritt war. Auf diese Art habe ich mir Gegenden richtig "gezogen", wie Australien und Neuseeland. Ich bin jetzt schon so oft dagewesen und habe an allen möglichen Orten gespielt, von winzigen Folk Clubs bis hin zu großen Sälen, und mir allein dadurch einen Namen gemacht, daß meine Auftritte gut waren und daß ich oft da war. Ganz im Gegensatz zum üblichen Vorgehen der Plattenfirmen, riesig Reklame und so zu machen, wovon die Popwelt lebt.

Siehst du dich auch als eine Art Botschafter?

John Hammond: Irgendwie schon. Zwar trete ich in erster Linie einfach nur auf, spiele meine Musik. Ich sehe mich nicht als jemand Außergewöhnlichen, der eine irrsinnige Botschaft zu verkünden hat - aber ich weiß, daß Musik Sprache und Politik transzendiert, und ich bin sehr froh, daß ich es auf dieser Ebene tun kann.

Du arbeitest an einer neuen CD - was erwartet uns?

John Hammond: Die neue CD wird viel Gitarre und Waschbrett im alten Sound enthalten. Ich habe mir dazu J.J. Cale als "Oberaufseher" mitgenommen. Er hat einen Freund, Paul McManus, der Toningenieur ist und ein kleines Studio zu Hause hat - gerade ein kleines Mischpult und zwei Mikrofone, wie in den alten Tagen. Er ist auf diesen Sound spezialisiert. Mit meinem Freund Washboard Chas - eigentlich heißt er Chas Leary, ist aus Harlem und der beste Waschbrettspieler, den ich je gehört habe - habe ich dort einige gute Stücke aufgenommen: ein paar von Blind Boy Fuller, ein paar von Bukka White, sogar einen Blues von Gene Autry. Der Plattenfirma gefällt’s, aber sie finden, wie immer, daß noch ein Hit drauf muß... Also gehe ich im August mit "Little Charlie And The Nightcats" noch mal hin, mit denen ich schon früher aufgenommen habe. Wir kommen sehr gut zusammen aus.

Du bist jetzt bei der Plattenfirma Point Blank. Wie kam es dazu?

John Hammond: Vor ungefähr fünf Jahren wurde ich von John Lee Hooker gefragt, ob ich mit ihm als akustisches Duo spielen würde.

Das Ergebnis ist auf John Lees CD "Mr. Lucky" zu hören.

John Hammond: Genau - diese CD kam 1991 bei Point Blank raus und hat mir viel gebracht. Die zwei Stücke, die ich mit ihm darauf spiele, bekamen eine sehr gute Kritik, die CD wurde vergoldet. Außerdem wurde Point Blank auf mich aufmerksam und erfuhr, daß ich keinen Plattenvertrag hatte.

Wie du auf "Mr. Lucky" spielst, erinnert mich sehr an deine Filmmusik für "Little Big Man". Es ist kein Blues im traditionellen Sinne, es sind eher Blues-Improvisationen.

John Hammond: Das kommt daher, daß John Lee einen so großen Einfluß auf mich hatte und ich seinen "Free Wheeling Style" gespielt habe - wie bei den vielen Auftritten zusammen mit ihm. Wir sind gute Freunde, und ich fühle mich ihm sehr verbunden. Ich kann das nur schlecht ausdrücken - was ich sagen will, ist, daß ich seine Gefühle kenne. Jedenfalls hat mich wegen dieser Zusammenarbeit mit John Lee und einigen Auftritten mit J.J. Cale, der eine CD mit mir machen wollte, Point Blank endlich unter Vertrag genommen, und die Dinge änderten sich schlagartig.

1992 erschien dort deine CD "Got Love If You Want It", die von J.J. Cale produziert ist.

John Hammond: Ja, genau. Und auf einmal habe ich viel Arbeit bekommen. Meine Agentur konnte jetzt sagen, daß ich bei Point Blank bin, dann wurde die CD für den Grammy nominiert, und das hat enorm geholfen. Plötzlich war ich auch mehr in Europa. Damals war Point Blank noch in England - also bin ich zwei bis drei Mal im Jahr rübergeflogen und viel öfter als früher dort aufgetreten. Und endlich hatte ich eine gute Promotion für meine CDs! Das war ganz neu für mich.

Im Endeffekt warst du mit deinen vielen Tourneen dein eigener und bester Promotor.

John Hammond: Das trifft mich und meinen Erfolg genau: Ich bin da, wo ich bin, einzig und allein, weil ich immer losgezogen und das ganze Jahr aufgetreten bin - unbeeindruckt und uneingeschüchtert von der Business-Seite.

Ich persönlich mag deine Solo-Aufnahmen am liebsten, da kommst du voll rüber, besonders bei den Live-Aufnahmen.

John Hammond: Ich auch. 1976 habe ich beschlossen, nicht mehr mit einer Band auf Tournee zu gehen, auch gar nicht mehr darüber nachzudenken, sondern mich ausschließlich auf Solo-Auftritte zu konzentrieren. Das mochten die Plattenfirmen nicht so gern, die eher nach einem Hit mit vollem Sound suchten. Deshalb habe ich zuerst versucht, mit einem Daumenpick und zwei Fingerpicks zu spielen, um mehr Volumen zu bekommen. Dabei ist mir dauernd der Pick vom Mittelfinger in das Schalloch gefallen, was die Gitarre in einen riesen Maraca verwandelt hat, wenn ich versucht habe, ihn wieder rauszuschütteln. Deshalb habe ich es schließlich aufgegeben, mit zwei Picks zu spielen.

Verbessere mich, wenn ich falsch liege, aber ich habe gelesen, daß du es warst, der Duane Allman auf offene Stimmungen gebracht hat.

John Hammond: Stimmt. Als ich Duane kennengelernt habe, hat er Slide gespielt, aber nur in den Standardstimmungen. Er hat mich spielen sehen und gerufen: "Wie zum Teufel machst du das?" Ich zeigte ihm, daß ich die Gitarre auf A gestimmt habe und daß das die ursprüngliche Art des Slide-Spiels ist, wie Robert Johnson, Son House und so weiter gespielt haben. Duane war fasziniert davon. Er hat sich eine National gekauft und ist wirklich eingestiegen. Wenn ich sage, daß er ein Freund war, meine ich auch, daß er meine Musik verstanden hat.

Du bist einer der wenigen Menschen auf der Welt, die sagen können, daß sie Jimi Hendrix in ihrer Band hatten...

John Hammond: Ja. Leider haben wir nie zusammen aufgenommen. Wir haben eine Weile zusammen gespielt, dann ging er nach England und wurde berühmt.

Und wie war es mit Eric Clapton?

John Hammond: Ich kenne Eric und bewundere ihn sehr. In den Sechzigern haben wir zusammen gespielt - er war in meiner Band.

Das schlägt alles - du hattest Hendrix und Clapton in deiner Band?

John Hammond: Gleichzeitig sogar.

Wie bitte?

John Hammond: Eine Woche lang im Gaslight Club. Ich hatte meine eigene kleine Band mit Charles Otis am Schlagzeug, Lee Collins am Baß und ich an der Gitarre. Hendrix kam gerade von Europa, hat mich besucht und gefragt, ob er mitspielen könne. Er wollte eine Weile in New York bleiben und hat jeden Abend mitgespielt. Am zweiten Tag dieses Gigs kam Eric nach New York, besuchte mich und fragte, ob er mitspielen könne - also haben Eric und Jimi an fünf Abenden mitgespielt.

Unglaublich!

John Hammond: Es ist wahr. In diesem winzigen Lokal, das nicht mal voll war, gerade meine Leute waren da. Ich habe seitdem fast alle, die dawaren, wiedergesehen, und sie sagen jedesmal: "Ich habe dich in New York mit Jimi Hendrix und Eric Clapton gesehen". Heute kann man das kaum noch glauben...

John, du hast eine lange Geschichte hinter dir. Viele, mit denen du gespielt hast, sind heute Legenden, andere bauen Neues auf. Du bist lebendig wie nie, und du tradierst den Blues wie keiner - da möchte ich mich einfach Pops Staples anschließen und sagen: Just keep doing it...

John Hammond: ...playing and talking blues.

 

 Diskographie

1996 Found True Love, Pointblank/Virgin 40655

1993 Trouble No More, Pointblank/Virgin 88257

1993 You Can’t Judge A Book By The Cover, Vanguard 79472

1992 Got Love If You Want It, Pointblank/Charisma 92146

1992 I Can Tell, Atlantic 82369

1988 Nobody But You, Flying Fish 502

1987 John Hammond, Rounder 11532

1984 Blues Explosion (Live Sampler), Atlantic 80149-1

1984 John Hammond Live In Greece, Lyra CP-93

1984 Spoonful, Edsel ED 129

1983 John Hammond Live, Rounder 3074

1982 Frogs For Snakes, Rounder 3060

1980 Mileage, Rounder 3042

1979 Hot Tracks, Vanguard VSD 799424

1978 Footwork, Vanguard VSD 79400

1976 John Hammond Solo, Vanguard VSD 79380

1975 Can’t Beat The Kid, Capricorn CP 0153

1973 Triumvirate, Columbia KC 32172

1972 I’m Satisfied, Columbia KC 31318

1971 Dustin Hoffman as Little Big Man

1970 Source Point, Columbia C30458

1970 The Best Of John Hammond, Vanguard VSD 11/12

1969 Southern Fried, Atlantic SD 8251

1968 Sooner Or Later, Atlantic SD 8206

1967 I Can Tell, Atlantic SD 8152

1967 Mirrors, Vanguard VRS 9245

1965 So Many Roads, Vanguard VSD 79178

1964 Country Blues, Vanguard VSD 79198

1964 Big City Blues, Vanguard VSD 79153

1962 John Hammond, Vanguard VSD 2148