Old-Fashioned

Stefan Grossman

Von Michael Lohr

 

In den USA hat er Rory Block mit seinem Ragtime-Picking angesteckt und später Duck Baker gefördert, ebenso in Europa Leo Wijnkamp jr., Ton Van Bergeyk und Peter Finger. Einen Jacques Stotzem hat er gar erst zur Gitarre gebracht. „Bis heute sind die Wälder Europas voll von seinen Erben", meint Dave Van Ronk. In den Siebzigern mußte man hierzulande weder Gitarre spielen noch zur städtischen Szene gehören - selbst auf dem Lande wußte man einfach, daß ein gewisser Stefan Grossman tolle Bücher schrieb, die einem ganze Piano-Rags auf der Gitarre beibrachten - ein Mann, der für den Fingerpicker Dale Miller eben früh schon „die notwendige Energie, Sturheit und die organisatorischen Fähigkeiten besaß, um für ihn selbst eine Rolle zu erfinden und aufrechtzuerhalten als ein Vorreiter der Gitarrenmusik, die ihn gepackt hatte."

 

Ein Schlüssel zu solcher Energie: das bescheidene, liberale, jüdische Elternhaus in New York, wo „der menschliche Geist als geheiligt galt"; Kunst, Theater, Bibliotheken und Musik (z.B. Woody Guthrie) erschienen Herbert und Ruth Grossman als natürliche Seelennahrung für ihre Kinder. Als der 1945 geborene Stefan mit vierzehn, beeindruckt von einem Big-Bill-Broonzy-Titel, auf einen Tip hin in einer zweifelhaften Ecke der Bronx einen vielversprechenden Gitarrenlehrer ausfindig machte, mußte sein erschrockener Vater erst einmal flugs einen Grund erfinden, um den Sohn regelmäßig persönlich dorthin zu fahren.

Dort schließlich lag der Schlüssel zum Tor in Grossmans musikalische Zukunft: die Gestalt von Reverend Gary Davis, dessen schier grenzenlos vielseitiges Fingerpicking-Repertoire Grossman bis heute fasziniert. In acht Jahren bei diesem Meister lernte der junge Weiße vom alten Farbigen endlos wie bei einem guten Großvater, kitzelte aus ihm immer neue Anregungen heraus und nahm ihn schließlich auch stundenlang auf Band auf - gerade rechtzeitig, denn lange hatte er geglaubt, dieser großartige Mann könne nie sterben.

Um dies auch schriftlich festzuhalten, entwickelte Grossman, aufbauend auf Pete Seegers Notation für fünfsaitiges Banjo, seine eigenwillige Gitarren-Tabulatur, lernte so, Varianten des Country-Blues zu unterscheiden und gewann Oak Publications für die Idee einer solchen Lehrbuchreihe. Neu an Grossmans Methode: detaillierte Spieltips für den authentischen Sound und der Einsatz von Lehrcassetten (von Ruth Grossman versandt).

Mit 18 gründete der Gitarrist die Even Dozen Jug Band, später spielte er bei den berüchtigten Fugs E-Gitarre. Aber in die Zukunft wies eine erste LP-Einspielung für Elektra im Duett mit Rory Block - „How To Play Blues Guitar" - die bereits ein Tabulaturbuch enthielt. Allein mit seinen Songs auf die Bühne traute er sich nicht, weil es ihm nach eigenen Angaben an Stimme und Bühnenpräsenz mangelte. Erst als er 1967 auf einer Reise, geplant nach Indien, in England hängenblieb, begann er - auf Zureden von Bert Jansch, Davey Graham, Martin Carthy, Eric Clapton und John Renbourn - regelmäßig aufzutreten. Dabei entwickelte er durchaus Entertainer-Qualitäten: ein locker-beschwingtes Repertoire an trockenen Zwischenkommentaren, nicht zu vergessen der immer wieder absurd eingestreute Ausruf „Hot dog!". Wichtiger aber noch: seine gitarristischen Markenzeichen in Form eines klaren Anschlages sowie ein rhythmisch exakter Stil, auf die wichtigsten Töne beschränkt, mit dem Resultat eines sehr transparenten Klangbildes, in dem die Grundidee des Fingerpicking in fast magischer Schärfe hervortritt.

Das Mißverständnis eines belgischen Veranstalters führte 1976 zur langjährigen Duo-Zusammenarbeit mit John Renbourn - und damit möglicherweise zu Grossmans originellstem musikalischen Schaffen: Auf „Stefan & John" (1978), „Under The Volcano" (1979) und „The Three Kingdoms" (1987) und bei unzähligen gemeinsamen Tourneen ergänzten sich Johns weicher, eleganter „Baroque-Folk" und Stefans locker und doch präzise swingender Folk-Jazz zur traumhaften Symbiose aus Groove und Introspektion, die so stimmig nicht zu erwarten gewesen wäre. In Titeln wie „Spirit Levels" brillierte Stefan Grossman nebenbei mit äußerst geschmackvollem Bottleneck-Spiel.

Inzwischen hatte die Entscheidung der Firma Elektras, „How To Play Blues Guitar" aus dem Programm zu streichen und Grossman die Mastertapes zu überlassen, den Startschuß zu Stefans eigenem Label gegeben. Nach Absagen von allen denkbaren Firmen gründete er 1973 kurzerhand mit Ed Denson „Kicking Mule Records" - und bot auch einer neuen Generation europäischer Picker damit eine Plattform, bevor etwa 1980 das „Aus" kam. Der Zusammenbruch des europäischen Akustikgitarren-Musikmarkts, Probleme mit Denson, neue Konkurrenz (High-Tech in der Art von Kolbe & Illenberger oder New-Age-Impressionismus à la Windham Hill) ließen Kicking Mule arg „old-fashioned" aussehen. Obwohl Grossman - kaum beeindruckt durch die Geschehnisse - die Mastertapes von Kicking Mule behielt und zunächst mit John Renbourn weiterarbeitete, bahnte sich doch eine Wende an. Die Grossmans fühlten sich immer reifer für grundlegende Veränderungen. Die Gründe: Die Jobs wurden zunehmend rarer, der Spaß am Touren mit Renbourn (das letzte Studioalbum bot teilweise recht schwunglose Kost) wurde weniger; ein monatelanges Bettlager nach einem Bandscheibenvorfall schlug ihn zurück, und es entwickelten sich Gedanken an einen Umzug in die USA - auch im Interesse der beiden Töchter, die nach fast 20 Jahren Europa erst sechs Jahre in Italien, dann zehn in England, dann wieder einige Zeit in Italien verweilten.

Auf der Suche nach einem US-Vertrieb für ein Album mit John Renbourn geriet Stefan Grossman an Shanachie Records, wo man ihn prompt als A & R-Manager einstellen wollte. Und so landete er 1987 wieder in den USA, editierte alte Kicking-Mule-Bänder für Guitar-Artistry-CDs von Shanachie und konnte wieder nach vorne schauen. Videorecorder waren inzwischen etabliert - und damit Lehrvideos absetzbar. Als Grossman begann, die Bänder zu produzieren und Hilfe brauchte, öffneten sich ihm alle Türen. Manche Ansprechpartner begrüßten ihn staunend: „Du bist Stefan? Ich hatte dein Buch, als ich elf war..."

Andererseits gab Stefan seinen Eltern nun etwas zurück: „Stefan Grossman’s Guitar Workshop" wurde reaktiviert als Beschäftigungstherapie für seinen nach schwerer Erkrankung pensionierten Vater. Der erfüllte diese Funktion großartig, und es boomte trotz geringen Werbeaufwandes, so daß Grossman Shanachie verließ und sich ganz der Produktion für seinen Versand widmete. Dessen aktueller, ca. 60seitiger, auf Zeitungspapier gedruckter Winterkatalog 1995/96 gehört zum Umfassendsten, was es heutzutage an Gitarren(lehr)material gibt: Dutzende von Lehr- oder Konzertvideos, CDs, Cassetten und Unterrichtsbücher, von Big Bill Broonzy und Scott Joplin über Doc Watson und John Renbourn bis hin zur afrikanischen Fingerpicking-Gitarre, zu Larry Coryell und Joe Pass.

Nun, mit 50, könnte Grossman eine positive Bilanz ziehen. Fast im Alleingang (als Lehrbuchautor, Plattenproduzent, Tourneemanager, Labelboß und Künstler) hat er jegliche handgemachte amerikanische Musik auf Folkbasis für die Fingerpicking-Gitarre konserviert, an hervorragende neue Gitarristen vermittelt und selbst zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen. Doch lieber spricht er über Perspektiven, Workshops zu Hause, Tourneen inklusive Kontakt zum Publikum: „Ich lerne immer noch ständig im Fortgang meiner Arbeit." Nach eigener Aussage besitzt er immer noch Stunden um Stunden unveröffentlichtes Bandmaterial alter Bluesmeister, und die Laserdisc als neues Medium hat er bereits ins Auge gefaßt.

 

Discographie

Die wechselhaften Geschicke der früheren Labels lenken den Blick auf das bei Shanachie und im „Guitar Workshop" heute Erhältliche:

„Love, Devils, And The Blues" (Shanachie 97001), Blues-Gitarren-Solos in verschiedenen Spielarten

„Yazoo Basin Boogie" (Shanachie 97013), Zusammenstellung von 22 Solo-Titeln, original in den 70ern auf „Yazoo Basin Boogie" und „Memphis Jellyroll"

„Guitar Landscapes" (Shanachie 97010), weites Spektrum, Solos und Duos mit Renbourn, Duck Baker, Mike Cooper

„Shining Shadows" (Shanachie 97020): absolut pur und solo - Blues, Celtic, eigene Stücke

„How To Play Blues Guitar" (Shanachie 98001/02), Doppel-CD, diverse Country-Blues-Richtungen, mit verschiedenen Mitspielern (nicht identisch mit dem gleichnamigen Debütalbum)

„Black Melodies On A Clear Afternoon" (Shanachie 98011/12), Doppel-CD, 70 Minuten Spielzeit, 34 ausgewählte Titel aus Blues und Ragtime; original in den 70ern auf „Fingerpicking Guitar Techniques", „How To Play Ragtime Guitar", „My Creole Bell")

Mit John Renbourn: „Snap A Little Owl" (Shanachie 97003), Zusammenstellung aus den ersten beiden Studioalben von 1978-79