Feingeist

Claus Boesser-Ferrari

Von Gregor Hilden (Interview und Fotos)

Wenngleich der Mannheimer Gitarrist Claus Boesser-Ferrari eine lange, eher traditionelle musikalische Schule durchlaufen hat - er studierte klassische Gitarre und nahm Unterricht bei Leo Kottke wie auch John Renbourn - ist sein künstlerischer Standpunkt 1997 von intellektueller Stärke geprägt. Boesser-Ferrari ist zudem ein kompetenter Jazz-Interpret, der in Verbindung mit den Stilmitteln der „neuen europäischen Akustikgitarre" sein eigenes klangliches Territorium geschaffen hat. Seine Musik ist Musik zum intensiven Zuhören und Musik mit Tiefgang.

Fangen wir doch einmal ganz vorne an. Ich habe deiner Infobroschüre entnehmen können, daß du sehr viele verschiedene musikalische Wege beschritten hast, was vielleicht ja gar nicht so sehr bekannt ist. Zunächst hast du klassische Gitarre studiert, wann war das?

Claus Boesser-Ferrari: Oh, wann war das... Ich glaube, von '71 bis '73. Wobei ich dir da gleich sagen muß: Ich hatte das Studium abgebrochen, nachdem ich mich mit meinem Professor entzweit hatte. Er verlangte von mir, daß ich eben ausschließlich Nylon-String-Gitarre spiele...

Das war damals wohl die Zeit, wo man solcherlei Forderungen an verschiedenen Hochschulen für unabdingbar hielt...

Claus Boesser-Ferrari: Genau! Er kam zu mir und sagte: „Ich hab's gemerkt, du hast wieder auf der Stahlsaitengitarre gespielt - ich sehe es deinem Daumen an". Dann habe ich irgendwann gedacht: „Das kann doch wohl nicht wahr sein" und gab das Studium auf.

Und dann wurde es ganz besonders interessant: Du gingst nach Cambridge und hattest Unterricht bei u.a. Leo Kottke und John Renbourn!

Claus Boesser-Ferrari: Ja, das waren halt die bekannten Leute, und es war außerdem so, daß du dieses Steelstring-Picking hierzulande ja gar nicht lernen konntest. Es war sehr schwierig, überhaupt an Literatur heranzukommen. Es ging damit los, daß ich im „Beat-Club" Tom Paxton gesehen hatte und dachte: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, wo ist der zweite Gitarrist?". Mich hat das richtig umgeworfen. Ich habe mich bei Freunden erkundigt, was es denn so gibt, und irgend jemand sagte: „Du mußt mal nach Cambridge", da wäre ein großes Folkfestival. Ich habe mir dann die Infos zuschicken lassen und sah, daß die ganzen Cracks wie eben Leo Kottke, Bert Jansch und John Renbourn auch Workshops dort abhielten. Ja, dann bin ich dorthin gegangen und nahm Unterricht bei den Leuten. Das habe ich drei Jahre hintereinander gemacht, habe mich dort wochenlang aufgehalten und mich halt auch umgeschaut, was es so an CDs und Literatur gibt. Übrigens hat auch Marcel Dadi in Cambridge unterrichtet - ihm habe ich meinen trockenen Wechselbaß zu verdanken.

Wie lief denn der Unterricht ab, etwa bei Leo Kottke? Das waren wahrscheinlich Workshop-Gruppen...

Claus Boesser-Ferrari: Ja, sowohl mit Groß- als auch mit Klein- oder Kleinstgruppen, oftmals zu dritt. Nun ist es ja so: Leo Kottke ist ja nicht der große Theoretiker, er konnte dir auch nichts in Noten aufschreiben. Er sagte: „Paß auf, ihr lernt jetzt bei mir über das Zusehen und über das Zuhören. Jetzt guckt mal, was ich da mache, und wenn es zu schnell geht, dann sagt Bescheid, dann mache ich es nochmal"! Das war also nicht besonders „akademisch", was mir aber sehr gut gefallen hat.

Der Gegensatz zur Akademie zuvor...

Claus Boesser-Ferrari: Ja, genau.

Dann ging es weiter mit einer sehr erfolgreichen Folkrock-Band - die wahrscheinlich stark durch diesen britischen Stil beeinflußt war?

Claus Boesser-Ferrari: Ganz stark sogar! „Thorin Eichenschildt" war eine relativ bekannte Band damals, die auf dieser gerade angesagten Deutsch-Folk-Welle mitritt. Unsere Musik sprach sogar Leute wie Fritz Rau (Tourneeveranstalter-Mogul und Verleger, d. Red.) an. Aber es war auch die Zeit, wo beispielsweise Joan Baez ganze Stadien gefüllt hat. Wir waren sogar mit ihr zusammen auf Tour und hatten einen Plattenvertrag bei der Polydor. Wenn ich heute in die Aufnahmen hereinhöre, denke ich allerdings, daß das doch richtig schrecklich klingt - also ich kann da heute nicht mehr viel mit anfangen.

Du hast heute auch die traditionellen Picking-Elemente weitestgehend aus deinem Spiel eliminiert.

Claus Boesser-Ferrari: Ja, was auch gut so ist. Begonnen hat das Ganze sicher mit Renbourn und Jansch, die ihrerseits die Stilistik amerikanischer Vorbilder wie Rev. Gary Davis usw. aufgegriffen haben und gleichzeitig ihre klassisch-folkloristische Tradition dagegengesetzt haben.

Dein Stil entwickelte sich auch mit verschiedenen Reisen, die du im Laufe der Jahre vorgenommen hast?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, ich war in Zentralamerika, Südamerika, auf Kuba. Das hat mich vor allem in rhythmischer Hinsicht beeinflußt. Bis heute bin ich ein ganz großer Fan der afrikanischen oder südamerikanischen Rhythmik und denke, daß ich diese Elemente zum Teil auch auf die Gitarre übertragen habe. Ich habe natürlich nie angefangen, etwa Bossa Nova zu spielen, habe aber ganz bewußt rhythmische Elemente in mein Spiel untergebracht. Und durch die Hintertür ist auch die klassische Welt wieder hereingebrochen, insbesondere die moderne Klassik oder Avantgarde-Musik - verbunden damit auch die Technik.

Nun kann man sicherlich nicht sagen, daß du „südamerikanische Gitarre" spielst, es ist vielmehr eine Art „europäischer Stil", den du und einige andere Kollegen hierzulande pflegen, ein Stil, der eben aus diesen zahlreichen Elementen gewoben ist.

Claus Boesser-Ferrari: Das ist schön, daß du das sagst. Ich denke, daß die „europäische Gitarre" in der Form lange Zeit gar nicht existent war. Die Gitarristen hatten immer unter diesem Komplex der Identitätslosigkeit gelitten. Mittlerweile gibt es tatsächlich so etwas wie eine europäische Steelstring-Gitarre, wobei ich sagen muß, daß daran gerade auch Peter Finger einen Riesenanteil geleistet hat, der diesen Stil mitaufgebaut hat und letztlich entsprechende Musiker auf seinem Label sammelt.

Kritiker oder Hörer mit einem traditioneller ausgerichteten Geschmack könnten vielleicht sagen, daß dies doch eine sehr intellektuelle Spielart der Gitarrenmusik sei. Hast speziell du Derartiges schon einmal zu hören bekommen, oder gab es Rezensenten, die dir „Kopflastigkeit" attestiert haben?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, das gab es sicherlich. Aber die Welten scheiden sich da halt, und es ist auch stückeabhängig. Es gibt Stücke, die ich tatsächlich mehr mit dem Kopf erarbeitet habe, und möglicherweise hört man dies - was natürlich nicht so gut ist. Ich denke aber, das ist der Stand, den ich zu bieten habe. Auf der anderen Seite weiß ich, daß ich ein ziemlich „undisziplinierter" Musiker bin. Ich bin z.B. kein extremer Theoretiker, so gibt es bei mir bestimmt auch so etwas wie eine Mischung zwischen Kopf und Bauch. Ich finde es dennoch wirklich nicht schlecht, wenn ich den Kopf einsetze und auch die Musikhörer das Gehirn benutzen müssen. Es ist ja so: Jeder, der weiß, was eine Tritonus-Substitution ist, gilt gleich als verkopft und verkrampft - eine Eigenschaft, die wir Europäer uns gerne selbst vorwerfen, während wir die ausschließliche Lockerheit der Amerikaner hemmungslos verehren. Was mich aber langweilt, sind „harmonische Mondlandschaften", und der Begriff der sogenannten „Bauchmusik" erinnert mich schon fast an „braune Wollsocken": tödlich unerotisch. Es geht mir eigentlich vor allem um die Authentizität und die Wahrhaftigkeit in der Musik. Natürlich will ich auch nicht hören, wie kompliziert der Komponist gedacht hat - ich kann schon mit drei Akkorden auskommen, wenn sie etwas ausdrücken.

Es gibt in deiner Musik viele Passagen, die von impressionistischem Schönklang gefärbt sind - das ist sicherlich auch ein Teil von deinem Musikverständnis...

Claus Boesser-Ferrari: Grundsätzlich ist das ein Stück weit meine persönliche Mentalität, meine eigene Welt, in der ich verkehre und wo ich das auch so haben will. Harmonie ist für mich in der Musik nötig und das Größte. Harmonie heißt aber nicht unbedingt immer „schön" oder „Kitsch". Sie ist aber eine Bedingung, die ich an die Musik habe. Dies ist auch kein Widerspruch zu einer Vertracktheit oder einer Brüchigkeit.

Gibt es da für dich andere Musiker, die diese Gratwanderung zwischen Schönklang und Reibung besonders beeindruckend begehen?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, es gibt zum Beispiel den lieben Ralph Towner, einer meiner großen musikalischen Helden.

Der ja auch eine ähnliche Entwicklung durchlebt hat wie du - nämlich mit der Klassik als Grundstock.

Claus Boesser-Ferrari: Ja, er hat relativ spät mit der Gitarre angefangen, jedenfalls professionell.

Hast du denn auch zunächst etwas ganz anderes gemacht?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, ich habe zunächst eine Schriftsetzerlehre gemacht und während der Zeit angefangen, E-Gitarre zu spielen und in einer Band gespielt. Als es dann mit Thorin Eichenschildt losging, konnte ich die Musik schließlich zu meinem Beruf machen. Das bedeutet, ich hatte zwischendurch immer auch Lehraufträge, habe unterrichtet und Film- und Theatermusiken gemacht - so wie das eben die meisten Musiker machen. Zur Zeit bin ich am Heidelberger Stadttheater sehr engagiert. Dort habe ich die Musik für ein Stück geschrieben. Dieser Bereich interessiert mich, und ich glaube, daß ich dort noch einiges machen werde.

Laß uns noch ein wenig über dein neues Projekt sprechen. Deine letzte CD „Blue Footprint" ist im Gegensatz zu den Stücken, die ich auf dem Vorabtape zu deiner neuen CD gehört habe, sehr viel bluesiger und jazziger.

Claus Boesser-Ferrari: Das stimmt. Es sind sind da sogar noch einige rockige Nummern zu hören. Gut, in gewissem Sinne werden auch auf der nächsten Platte bluesige und jazzige Sachen zu hören sein, ich hoffe aber, daß es mehr Brüche geben wird. Ich will vor allen Dingen die Tür ein wenig mehr in Richtung... ich sage mal: „Experiment" öffnen. Dabei hilft mir übrigens diese zwölfsaitige Gitarre, auf der ich mich in meinem Leben schon des öfteren angenähert habe. Ich denke, dieses Mal habe ich sie so einigermaßen im Griff. Ich habe übrigens zwei Saiten geopfert: Die beiden hohen, doppelchörigen habe ich runtergeschmissen, weil die mich nerven. Die beeinflussen das Sustain negativ und machen den Sound so flächig. Damit arbeite ich im Moment. Auf der Platte werden übrigens eine Menge Fremdkompositonen zu hören sein - ich habe sozusagen meine persönliche Hitparade für die Gitarre bearbeitet. Da gibt es zum Beispiel einen alten Titel von Police - „Every Thing She Does Is Magic" - als Samba. Außerdem „Here, There And Everywhere" von den Beatles auf der Zwölfsaitigen, ein Stück von Madonna mit dem Titel „Live To Tell" und „Down By The Sally Gardens", ein alter keltischer Folk-Song in einer 6-String-Fassung und einer 12-minus-2-String-Version.

Du spielst aber auch sehr oft die elektroakustische Paradis-Gitarre.

Claus Boesser-Ferrari: Richtig, die ist auf den neuen Aufnahmen auch zu hören. Ich spiele diese Gitarre mit dem Kapo am 5. Bund. Mit der Paradis, die übrigens in der Schweiz gebaut wird, benutze ich auch ein Poly-Sub-Baß-System. Das bewirkt, daß die Baßtöne mit einer Oktave unterlegt werden können. Mir gefällt diese Brettgitarre aber auch deswegen, weil sie eben sehr spezifisch klingt. Man kann außerdem den Hals verbiegen und dies vor allen Dingen besser kontrollieren als bei einer normalen akustischen Gitarre.

Wobei man aber nicht von einem typischen Akustikgitarren-Klang sprechen kann. Der Sound geht schon fast in die Richtung „clean gespielte E-Gitarre"...

Claus Boesser-Ferrari: Ja, wobei ich dir sagen möchte: Diese reinen Akustikgitarren-Sounds, die interessieren mich gar nicht mehr so sehr. Dieses ewig „Edelklingende" ist mir auf Dauer langweilig. Damit verbunden eben das Bedürfnis einiger Gitarristen, immer so edel klingend daherzukommen, interessiert mich auch nicht. Deswegen benutze ich zum Beispiel immer noch einen magnetischen Pickup im Schalloch, damit kommt wirklich noch etwas „Dreck" hinzu, den ich im Sound haben möchte.

Hinzu kommen noch einige Effektgeräte, konnte ich hören...

Claus Boesser-Ferrari: Ja, zum Beispiel ein ganz langsam eingestellter Flanger, der nicht nur auf dem Tonabnehmer-Kanal liegt, sondern sogar auf dem Mikro. Ich habe Flanger eigentlich immer gehaßt. Ich habe es dann aber dank eines Tips von meinem Toningenieur doch einmal probiert. Nicht ganz so vordergründig eingesetzt, ist es ganz großartig.

Gesang war für dich ja nie ein Thema. Hat man es als Gitarrist nicht manchmal leichter, wenn man auch Stimme beisteuert?

Claus Boesser-Ferrari: Man hat es auf jeden Fall einfacher! Die menschliche Stimme ist eigentlich auch für mich mit das faszinierendste Instrument. Es trifft einen noch einmal irgendwo anders, als es ein anderes Instrument vermag. Die akustische Gitarre spür ich halt mehr in der Magengegend.

Du konzertierst gelegentlich mit einer Schauspielerin, die zu deiner Musik Gedichte von Gertrude Stein rezitiert.

Claus Boesser-Ferrari: Ja, mich hat das deswegen interessiert, weil ich diese Sprache als Musik begreife. Es geht um Laute, Sounds und Rhythmik. Wir haben vorhin über Kopf und Kopflastigkeit gesprochen - ich stehe halt auch auf Leute wie etwa James Joice, der etwas produziert, was für viele einfach unleserliches Zeug ist. Auch das ist für mich Musik.

Kasten

Gitarren

Martin 12-String S-Modell Custom Shop mit „Lane Pure" Magnetpickup

Albert & Müller S-1 Steelstring

Joel Laplane Konzertgitarre „Marseille" mit Paradis Pickup-System

Paradis-Elektroakustik mit Poly-Sub-Baß

Saiten

D'Addario und Martin 0.12er Steelstrings

Kürschner „light" Nylonstrings

Elektronik

Zwei Lakewood Acoustic-Cubes

Seymour Duncan „Tara"-Combo

Carl Martin Preamp/Chorus, Boss Reverb/Delay RD3

Bei Mikroabnahme: ein Neumann KM-184

Diskographie

1977: Thorin Eichenschildt - „Leichtes Leben" (Trikont)

1979: Thorin Eichenschildt - „Chile-Suite" (Polydor)

1984: Claus Boesser - „Hotel Bluefields" (Schnoog)

1988: Boesser/Wagner/Jamieson - „Bluefields II" (Vineta/Aris)

1990: Claus Boesser & Uwe Henke - „412-432" (Vineta/Tonspuren)

1991: Claus Boesser & Uwe Henke - „Das Dreieck" (Vineta/Tonspuren)

1994: Claus Boesser-Ferrari & Markus Sprengler - „In A Blue Shade" (DTM/Town Music)

1995: Claus Boesser-Ferrari - „Blue Footprint" (Acoustic Music Rec./Rough Trade)