nachgefragt

Einzelkämpfer

Thomas Battenstein
Von Gregor Hilden

Thomas Battenstein wollte es wissen! Er ist kein Virtuose auf der Gitarre, eher ein ordentlicher Handwerker - kein genialer Komponist, eher ein solider Kreativkopf, und: Er ist kein Typ, der sich von Plattenfirmenmanagern sagen lassen will, wie Musik zu klingen hat!

Der 47jährige Düsseldorfer ging alsbald in die Offensive und gründete kurzerhand sein eigenes Label plus Verlag und kümmerte sich persönlich um sämtliche Abwicklungen innerhalb des Vertriebes. Mit Erfolg! Thomas Battenstein veröffentlichte vor wenigen Monaten seine sechste CD unter eigenem Namen, bereits 25.000 Einheiten hat er nach eigenen Angaben von seiner Diskographie absetzen können - eine erstaunlichebatten.jpg (13228 Byte) Leistung und ein sehr positives Beispiel für so manchen Musikerkollegen, der sich vielleicht bislang noch nicht so recht traute, sich musikalisch auf eigene Beine zu stellen. Der Erfolg, den Battenstein genießt, basiert letztlich natürlich darauf, daß Battenstein nicht nur ein Geschäftsmann, sondern überdies ein Klasse-Musiker ist. Seine Kompositionen sind höchst unterschiedlich: Von einer Weihnachts-CD mit 50 (sehr schön gespielten) Traditionals über eine musikalische Reise mit 23 Titeln durch 23 Länder („Guitaropa") und das Band-Instrumentalprojekt „Quartier Latin" bis hin zur kargen Gitarren-Duoplatte „Wintertime" präsentiert sich Thomas Battenstein als äußerst vielseitiger Musiker und Produzent.

 

Fangen wir doch einmal mit deiner aktuellen CD „Wintertime" an, eine vielleicht ungewöhnliche Platte, weil du auf den Stücken immer doppelt zu hören bist, sozusagen als dein eigener Duo-Partner. Das Ganze wurde ja im Overdub-Verfahren (das getrennte Einspielen der verschiedenen Tonbandspuren) eingespielt. Kannst du uns erläutern, wie du dies gemacht hast?

Thomas Battenstein: Du sagst „ungewöhnlich, weil overdubt". Gut, man könnte meinen, warum hat er nicht einen zweiten Gitarristen hinzugenommen? Meine Erfahrungen haben aber gezeigt, daß es sehr sehr mühevoll ist, bis du einen zweiten Gitarristen auf diesen Punkt gebracht hast. Es kostet halt Geld und sehr viel Vorbereitungszeit. Dann kommt dazu, daß ich während der Produktion oft noch arrangiere. So habe ich alle Freiheiten, die einzelnen Tracks doch noch zu ändern. Das Overdub-Verfahren ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich habe bei all meinen Platten so aufgenommen, mit Ausnahme der vorletzten Produktion „Quartier Latin", die ich im Tonstudio mit einer Band aufgenommen habe.

 

Die Platte klingt meiner Meinung nach im Vergleich zu „Wintertime" sehr viel runder und ausgewogener...

T.B.: Natürlich klingen zwei Gitarren nicht so wie eine Band mit Baß etc. Es kommt ein wenig darauf an, was man nun erwartet. Wen man die „Wintertime" hört, mag man denken, „das ist ein sehr ruhiger Gitarrist", was aber auch mit dem Thema zusammenhängt. Ich stelle mir selbst die Themen. Wenn ich an eine Produktion herangehe, entwickle ich zunächst ein Konzept, das heißt, ich mache mir selbst einen Auftrag. Ich muß in einer bestimmten Stimmung und Lebensphase sein, um das machen zu können. Und die „Wintertime" ist da etwas ernster. Ich finde, sie klingt aber auch sehr schön und rund. Ich würde sagen, daß alle CDs, die ich bisher produziert habe, doch klanglich sehr ausgewogen sind. Aufgenommen wird mit einem sehr guten Equipment, meist zusammen mit einem erfahrenen Toningenieur abgemischt, und auch die letzte CD ist, wie die meisten anderen, im eigenen Tonstudio aufgenommen.

 

Das Studio ist hier bei dir im Keller?

T.B.: Wir sitzen im Tonstudio!

 

Das Wohnzimmer...

T.B.: Ja, aber das ist dann kein Wohnzimmer mehr. Es wird überall Dämmmaterial angebracht, das entsprechende Equipment steht hier usw.

 

Vielleicht noch einmal etwas zur neuen Platte: Die Stücke haben durchgängig einen etwas melancholischen Touch...

T.B.: Ja! Das ist sicherlich auch ein deutlicher Wesenszug von mir, und ich stehe auch dazu...

 

Dennoch unterscheiden sich die anderen Platten doch ganz erheblich.

T.B.: Das ist richtig. Ich hätte dieses Konzept einer zeitlosen Musik, ganz zu Anfang bei der Gründung des Labels „Tomte", niemals mit einer Plattenfirma realisieren können. Ich wollte unabhängig sein und konnte so mein langfristiges Repertoire aufbauen. Ich möchte nicht eine CD machen, die mal schnell, mal langsam ist. So kam es mir bei der Weihnachts-CD mit den 50 Advents- und Weihnachtsliedern auch darauf an, eine sehr ruhige, meditative Musik zu machen, fernab von dem Gängigen, was es sonst zu diesem Thema gibt. Sehr abwechslungsreich ist sicherlich die „Guitaropa". Da sind absolut fetzige Nummern neben romantischen Bearbeitungen. Ähnlichkeit mit „Wintertime" hat die Solo-CD „Ile D'yeu" mit klassischer Gitarre aus eigener Feder. Aber zur Frage „Warum eine solche ruhige CD?": Ein Kritiker hat einmal gesagt: „Er streift sein mögliches Virtuosentum ab, spielt wenige Noten, und es klingen sogar die Pausen". Das ist ein großes Kompliment. Die Reduktion als ein künstlerisches Ziel.

 

Was auch das Leitmotiv bei „Quartier Latin" war...

T.B.: Ja, die Platte war auch eine ganz tolle Erfahrung für mich, da ich von 1986 bis 1996 immer alleine gearbeitet hatte - und dann mit anderen, wesentlich jüngeren Musikern und wenigen Proben eine sehr frische CD zu produzieren. Ich wurde von den Kollegen richtig gefordert. Die Gruppe ist hier im Umkreis sehr bekannt, und es kann sein, daß es vielleicht einmal eine zweite „Quartier Latin" gibt.

 

Was sagen denn deine Stammhörer zu den stilistischen Wechseln? Der Abstand ist doch ziemlich groß.

T.B.: Eigentlich wurde bislang jede CD erfolgreicher, weil die Stammkunden und -hörer immer breiter werden. Der Sprung war zwar noch nie so groß wie jetzt, aber die „Wintertime" hat dadurch auch wieder ganz neue Hörerkreise erschlossen. Jede CD ist möglicherweise die erste für den Zuhörer. Wenn dann jemand etwas nachbestellt, gibt es manchmal ganz überraschende Statements wie „Das hätten wir ja gar nicht gedacht, daß sie auch so loslegen können...". Manche haben es natürlich auch etwas schwer.

 

Du hast das Gitarrenspiel autodidaktisch erlernt?

T.B.: Ja, zunächst. Etwa sieben Jahre war ich Autodidakt und habe dabei so meine eigenen Skalen gefunden, natürlich auch in Bücher geguckt, konnte aber noch keine Noten lesen. 1974 habe ich bei einem Düsseldorfer Gitarrenlehrer, Reiner Kienast, Unterricht genommen und sechs Jahre lang klassische Gitarre gelernt. Das war für mich eine wichtige Grundlage - auch für das Unterrichten, was ich heute noch sehr gerne tue. Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist aber sicher das Label.

 

Der Verlag, den du alleine aufgebaut hast - und dies sehr erfolgreich. Ich denke, daß es wohl auch ein langer Weg war?

T.B.: Das ist richtig. Es gab auch ein paar Anfangsschwierigkeiten. Zuvor hatte ich das Konzept der Weinachtsplatte der Industrie angeboten. Die fanden das zwar sehr interessant, sahen aber keine Vermarktungschancen. Ich merkte aber, daß eine sehr große Resonanz auf privater Ebene und im Freundeskreis auf die Aufnahmen da war, als ich einige Stücke einmal auf eine Kassette aufnahm und verschenkte. Später bekam ich Anrufe mit richtigen Bestellungen dieses Bandes. Irgendwann war die Nachfrage so groß, daß ich die Platte 1991 selbst herausbrachte, und bereits zum ersten Winter hin hatte ich etwa 5.000 Tonträger verkauft! Das war natürlich ein glücklicher Einstieg, der mir gleich sehr viele Kunden beschert hatte.

 

Dann ging der Vertrieb über Mail-Order weiter?

T.B.: Ja, Mail-Order, aber auch über Geschäfte. Ich bin eigentlich ganz naiv direkt auf die Läden zugegangen, habe ihnen die Platte präsentiert und gesagt: „Hier ist etwas, was sich von den gängigen Weihnachtsprodukten abhebt". Das mache ich auch heute noch so.

( Das vollständige Interview findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 2/98)