|
Badi Assad Von Larry Conklin Badi Assad ist durch und durch Brasilianerin, ihre Musik hat Feuer und strahlt Lebensfreude aus. Darüber hinaus ist sie eine musikalische Entdeckerin: von einem traditionellen, klassischen Hintergrund kommend, hat sie den Horizont der brasilianischen Gitarrenmusik erweitert. Auf den Weg geholfen haben ihr dabei ihre weltberühmten Brüder, die Gitarristen Sergio und Odair Assad. Badi (sprich Ba-schi) ist eine begnadete Gitarristin und eine leidenschaftliche Persönlichkeit. Sie besitzt eine perfekte Spieltechnik, und ihre Neuerungen im Bereich Dynamik und Rhythmus zeugen von einem sehr unabhängigen Geist. Als ich sie zum ersten Mal traf, tanzte sie gerade im Publikum zu der Musik einer ihrer Schüler bei einem Sommer-Workshop. Ihre Spezialität ist der Groove, der Rhythmus, den sie mit den verschiedensten Instrumenten und oft auch vokal inszeniert. Was ihr allerdings wirklich am Herzen liegt, sind Klangerlebnisse - nicht, ihre Technik und ihr Können zu demonstrieren. Es hat wirklich viel Spaß gemacht, mit ihr zu sprechen. Wie bist du überhaupt zur Gitarre gekommen - wann hast du zum ersten Mal jemanden bewußt Gitarre spielen gehört, und wann hast du selbst angefangen zu spielen? Badi Assad: Also, wie du weißt, habe ich zwei Brüder, die Gitarre spielen, Sergio und Odair. Die haben schon gespielt, als ich geboren wurde, und dadurch habe ich in meiner Kindheit immer ihre Musik gehört. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich schon als Kind Interesse an dem Instrument und am Spielen hatte, weil es schon so viel davon im Haus gab: zwei Teenager, die beide verbissen übten: dieselben Tonleitern, Läufe und Musikstücke... - oder ob es so sein sollte, daß ich erst mit 14 dazu kam. Damals waren meine Eltern in die Umgebung von Sao Paulo gezogen, nach Sao Joao da Boa Vista, weil mein Vater wollte, daß ich in einer kleineren Stadt als Rio de Janeiro aufwachsen sollte. Ich bin ihnen dankbar dafür, denn Sao Joao da Boa Vista ist eine wirklich kleine Stadt, die nur eine paar Wasserfälle hat. Es ist ein ansonsten sehr ruhiges Leben dort. Da in diesem Ort wirklich nichts los war, waren meine Hauptbeschäftigungen erstens, mich in der freien Natur aufzuhalten, zweitens, in einer kleinen Tanzschule zu tanzen und drittens, Gitarre zu spielen. Mein Vater, der ein sehr guter Bandolimspieler (Bandolim ist eine brasilianische Mandoline) und der erste Lehrer meiner Brüder war, hatte zu dieser Zeit niemanden, mit dem er seine Musik spielen und genießen konnte. Also hat er mich eines Tages gefragt, ob ich nicht Gitarre spielen lernen wolle, um mit ihm zu spielen. (Genauso hat er es mit Sergio und Odair gemacht). Freudig habe ich zugestimmt, und so habe ich spielen und Noten lesen gelernt. Als meine beiden Brüder uns bald darauf besuchten, waren sie ganz begeistert von meinem Spiel. Seitdem sind sie meine besten Lehrer. Hattest du auch eine klassische Ausbildung? Badi Assad: Ja, eben bei meinen Brüdern. Und danach an der Musikhochschule von Rio. Du hast mir erzählt, daß du Tänzerin werden wolltest. Hat das deine Art zu spielen beeinflußt? Badi Assad: Viele klassische Musiker verstecken sich hinter ihren Instrumenten, sie vergessen manchmal, daß es ihren Körper überhaupt gibt. Wenn ich spiele, fühle ich, daß die Musik aus meinem ganzen Körper kommt. Die Energie fließt zwischen meiner Stimme oder dem Instrument, das ich spiele und mir. Ich glaube, daß ich das von meiner Tanzausbildung mitbekommen habe, weil sie meinem Körper mehr Flexibilität und Freiheit geschenkt hat. Manchmal kaufe ich neue Rhythmusinstrumente, nur weil ich mir vorstelle, wie sie jemand spielt und gleichzeitig dazu tanzt. Das ist eine unglaubliche Sache, Musik zu sehen". Erzähle mir, was du zum Thema Inspiration fühlst und denkst. Badi Assad: Es ist schon eigenartig, wie jeder Mensch seine eigene Art hat, sich inspirieren zu lassen. Die Stimme der Inspiration kommt von Gott, und die Künstler sind sein Werkzeug, um diese aufzunehmen und erfahrbar zu machen. Ich bin immer für neue Inspirationen offen, und sie kommen von überall: wenn ich irgendeine Show sehe, einen Film, wenn ich zu Hause oder auf der Straße Musik höre, wenn ich reise, wenn ich eine schöne Landschaft sehe, wenn ich der Natur lausche, wenn ich ethnische Musik höre... Aber obwohl ich mich von so vielen verschiedenen Quellen inspirieren lassen kann, ist der Prozeß, sie für mich zu verarbeiten, sehr langsam. Andererseits kann es vorkommen, daß ich etwas Erlebtes sofort in Worte umsetzen kann. Es ist schon sehr spannend, wie schnell und direkt es auch sein kann. Du spielst sehr ursprünglich und dynamisch - welches Bühnen-Setup benutzt du, um dies richtig einzufangen? Badi Assad: Mein Setup ist recht einfach, weil ich nur meine Gitarre und meine Stimme verstärken muß. Manchmal brauche ich ein weiteres Mikrofon für ein paar kleine Rhythmusinstrumente, aber am meisten mache ich über meine Stimme, die ich mit einem Head-Set-Mikrofon verstärke, das ich immer bei mir habe. Außerdem habe ich normalerweise zwei Gitarren bei mir, weil ich in verschiedenen Stimmungen spiele und es manchmal unmöglich ist, die Gitarre schnell umzustimmen... Welche Stimmungen spielst du? Badi Assad: Ganz verschieden. Manchmal stimme ich, ohne nachzudenken, einfach so, und dann entwickle ich Akkorde daraus. Später schreibe ich sie auf und lerne sie auswendig. Dann wiederum stimme ich bewußt, zum Beispiel das tiefe E auf D und manchmal noch tiefer auf C. Oder das hohe E runter auf D. Für das Stück Laser" habe ich das hohe E auf D und das H auf C gestimmt; für Carta a l'Exili", bei dem auch ein Ventilator mitläuft (beide Stücke sind auf der CD Rhythms"), sind alle Saiten auf H und E gestimmt. Besonders wegen dieses Stücks brauche ich die zwei Gitarren. Das kann ich mir vorstellen! - Wie ist es im Studio, womit nimmst du da auf? Badi Assad: Das ist etwas ganz Spezielles, weil ich bei einem besonderen Label (Chesky Records) aufnehme. Chesky benutzt seine eigenen Mikrofone (128 x Oversampling Mark III ADC mit Ultra Analog Modulen und Vakuum Röhrenequipment). Es gibt kein Overdubbing. Das ist manchmal sehr schwierig, denn wenn du mit jemand zweitem spielst, müssen sie den geeigneten Platz am Mikrofon für beide finden, um das weitere Instrument oder die Stimme live mitaufzunehmen und während der Aufnahme zu mischen, denn es gibt keine Chance, später noch etwas zu verändern. Was für Gitarren spielst du? Badi Assad: Ich besitze vier Gitarren: zwei elektroakustische Takamines und zwei akustische, eine Fisher und eine billigere Giannini. Die Fisher war meine erste Gitarre, Odair hat sie mir geliehen, als ich noch klein war. Jetzt finde ich allerdings, daß sie nach fast 15 Jahren mir gehört. Ganz interessant ist, daß Odair und Sergio sagen, daß sich der Klang dieses Instruments verändert hat, daß sie femininer" klingt. Ich glaube, daß das stimmt, denn Holz ist lebendig und nimmt die Energie des Körpers auf, mit dem es mehrere Stunden am Tag in Berührung ist. Meine billigere Gianinni ist eine brasilianische Gitarre, mit der ich ausprobiere, experimentiere. Manchmal bearbeite ich sie sogar mit kleinen Percussion-Instrumenten oder Schlagzeugstöcken. Meine zwei Takamines benutze ich bei Live-Auftritten, oder ich stimme sie ganz verrückt. Nur zum Spaß, ohne zu denken, um Musik zu machen, die das, was ich gerade mache, begleitet, indem es durch sie spürbar wird. Spielst du mit den Fingernägeln oder mit den Fingerkuppen? Badi Assad: Ausschließlich mit den Fingernägeln, ich habe nie versucht, mit den Fingerkuppen zu spielen. Manchmal denke ich daran, aber dann verschiebe ich es auf morgen. Warum, weiß ich auch nicht. Ich finde es sehr erstaunlich, daß du Musik von verschiedenen Komponisten spielst und doch immer Badi ganz genau zu hören ist, daß sie alles durchdringt. Wonach suchst du dir die Stücke aus, was suchst du in ihnen? Badi Assad: Wenn ein Musikstück mein Herz berührt, weiß ich, daß ich es spielen werde. Was für Musik hörst du zu Hause? Badi Assad: Das hängt davon ab, was ich gerade vorhabe. Um mich zu entspannen, höre ich viel brasilianische Musik; um zu arbeiten, ethnische Musik aus der ganzen Welt. Oder ich höre ähnliche Musik wie das Werk, an dem ich gerade arbeite. Ich freue mich auf deine nächste CD. Erzähl mir etwas darüber. Badi Assad: Auf meiner nächsten CD wird ausschließlich Gitarrenmusik sein. Sergio hilft mir viel mit den Arrangements. Wir arbeiten an einem Album, das brasilianische Gitarrenmusik seit Anfang des Jahrhunderts enthält - die berühmtesten Komponisten und Gitarristen unseres Landes. Die einzelnen Titel werden in chronologischer Reihenfolge sein. Die Gitarre spielt in Brasilien eine wichtige Rolle... Badi Assad: Die Gitarre ist hier sehr beliebt. Wohin man geht, sieht und hört man Menschen Gitarre spielen - wie in Spanien. Vielleicht sogar noch mehr als dort, weil man hier jede Art von Musik auf der Gitarre spielt und so viele Menschen dafür komponieren. Und zum Schluß noch die unvermeidliche Frage: Es gibt so viele berühmte Gitarristen und so wenige Gitarristinnen - was bedeutet es für dich als Frau, eine der wenigen bekannten Interpretinnen dieses Instruments zu sein? Kannst du dazu etwas sagen, kannst du vielleicht anderen Frauen, die Gitarre spielen, Mut machen? Badi Assad: Es fällt mir nie leicht, auf diese Frage einzugehen. Man kann die Gitarre mit ihren Kurven und ihrer Sinnlichkeit als ein feminines Instrument sehen. Ganz anders als das Klavier zum Beispiel. Als Frau mußt du beide Kräfte vereinen: das Weibliche (Yin) und das Männliche (Yang), du mußt hart sein können, wenn das Stück es verlangt, und du darfst keine Angst haben, wenn deine Sinnlichkeit gefragt ist. Wir dürfen uns nie davor scheuen, uns ganz dem Stück zu stellen. Wenn wir wir selbst sind, finden wir einen eigenen Weg, in diese Welt einzudringen - mit unserer ganzen Kraft und unserer ganzen Zerbrechlichkeit. Was sind deine Pläne für die Zukunft? Badi Assad: Dazu kann ich nur sagen, daß ich vor zehn Jahren tief in meinem Inneren wußte, wo ich in zehn Jahren sein würde. Und bist du da? Badi Assad: Ja, ich bin genau da, wo ich sein wollte - ich reise und bringe meine Musik in die Welt. Jetzt gibt es viele Wege, die ich weitergehen kann, und im Moment konzentriere ich mich darauf zu prüfen, welcher der richtige ist, der beste für mich und meine Musik. Also bin ich mit meinen Lebensentscheidungen an einem wichtigen Punkt angelangt. Ich wünsche dir nie endende Energie. Badi Assad: Danke! Diskographie: 1994 - Badi Assad: Solo, Chesky Records JD99 1995 - Badi Assad: Rhythms, Chesky Records JD137 In Deutschland sind beide Cds über in-akustik erhältlich. |