"Alltag"


Hört, hört

Von Franz Holtmann

Das muss man sich einmal vorstellen: Unser Ohr nimmt, kaum hat man die 20 überschritten, stetig an Leistungsfähigkeit ab, aber die richtig guten Instrumente (?) kann sich in der Regel doch erst der wirtschaftlich einigermaßen „etablierte" Mensch leisten - der ist dann allerdings nicht mehr ganz so jung. Was also hört der dann eigentlich noch von diesen angeblich so tollen akustischen Qualitäten einer Gitarre, kann er die denn überhaupt noch beurteilen?

Moment mal, so einfach wollen wir es uns nun doch wieder nicht machen. Erst einmal handelt es sich bei Audiogrammen um statistische Messmethoden, die eventuell von irrelevanten Eckwerten ausgehen; Klangschönheit jedenfalls ist letztlich doch Empfindungssache und nicht so leicht, wenn überhaupt zu messen. Zweitens ist das mit dem Hören auch noch sehr viel komplexer, als so ein Messgerät uns weismachen will. Wie bei anderen Sinnen auch, so lässt sich für das Ohr mit einiger Berechtigung ebenfalls die Mutmaßung anstellen, dass unser Gehirn Erfahrungen speichert, sich in unserem Falle also an die optimalen Klänge der Jugend später auch dann noch erinnert, wenn die Hörfähigkeit bereits eingeschränkt ist. Klangliche Wahrnehmung ist folglich nicht nur von vielen äußeren Bedingungen und insbesondere persönlichen Befindlichkeiten und Dispositionen abhängig, sondern wird unter Umständen auch noch „intern" idealisiert. Beethoven komponierte noch, als er stocktaub war, hatte die Klänge also im Kopf, ohne sie physikalisch noch wahrnehmen zu können. Gut, das ist die andere Seite der Medaille, zeigt aber tendenziell, wie weit das gehen kann, mit dem Hören ohne zu hören.

Zum Vergleich der Sinne: Aus Untersuchungen der biologischen Psychologie weiß man zum Beispiel, dass Menschen mit zunehmendem Alter den objektiven Sehkraftverlust zunächst gar nicht realisieren. Das nachlassende Auge transportiert zwar immer weniger Informationen an das Sehzentrum, welches die fehlenden Punkte jedoch aus dem Speicher der Erinnerung holt, das Bild selbständig ergänzt und sozusagen für eine Idealisierung der Wahrnehmung sorgt. Die Schwächung der Sinneswahrnehmung wird zumindest nicht in ihrem vollen Umfang registriert, und entsprechend groß ist letztlich auch die Überraschung, wenn endlich eine Brille eingesetzt wird. Dann allerdings macht die rekonstruierende Hirnpartie Feierabend, und fortan wird mit Sehhilfe gearbeitet.

Mit dem Ohr nun steht uns, verglichen mit dem Auge, ein höher entwickeltes und an Komplexität kaum zu übertreffendes Sinnesorgan zur Verfügung. Anders als beim Auge, wo oft schon ein Scharfstellen der Linse reicht, nehmen beim Ohr ungleich mehr Komponenten auf die Güte der Klanginformationen Einfluss. Allein schon die Informationsbeeinflussung durch den Stand der Ohrmuschel ist enorm. Der Prince of Wales etwa nimmt die Welt demnach akustisch etwas anders wahr als Nikki Lauda. Hörverluste lassen sich grundsätzlich schlechter korrigieren, da es sich offenbar nie nur um einen schlichten Frequenzeinbruch handelt, der dann wie beim Auge durch die Brille ausgeglichen werden könnte. Die Interaktion im Klanggefüge ist von hoch sensibler Struktur, und nicht ohne Grund spricht man von Klangfarben, die wiederum untrennbar mit Emotionen verwoben sind. Allerdings arbeitet auch für das Ohr unser großer interner Rechner, der den Klangfarben die entsprechenden registrierten Gefühle zuordnet, somit also eigentlich sogar mehr Daten für die Ergänzung eines lückenhaften Klanges zur Verfügung hat. Ein Hörgerät (Schrecken aller Musiker) kommt denn auch erst zum Einsatz, wenn massive Schwierigkeiten auftreten. Es dient in erster Linie dem Erhalt der Kommunikationsfähigkeit und ist also nicht auf Klangschönheit ausgerichtet. Gottlob soll es derzeit aber auch auf diesem Gebiet enorme Fortschritte geben, etwa durch die Implantation von Minichips ins Innenohr. Auf diese letzte (technische) Möglichkeit, hörend am Leben teilzunehmen, sind die meisten Menschen glücklicherweise nicht angewiesen, und so kommen wir mit der zuvor beschriebenen körpereigenen Rekonstruktion des Klangbildes ganz gut zurecht. Was uns mit zunehmendem Alter vor allen Dingen abhanden kommt, ist der hohe Frequenzbereich, somit also auch die Obertöne, die zwar großenteils nicht vordergründig wahrgenommen werden, aber auf das tonale Ambiente dennoch enormen Einfluss nehmen.

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Nachbemerkung: Ausgangspunkt dieser Kolumne über das Hören war eigentlich nur die technische Seite der klanglichen Wahrnehmung und die Sorge um die natürlichen Verschleißerscheinungen. Aber das Ohr lässt sich, dank seiner engen Verbindung zu Herz und Seele, nicht so leicht fassen, und jede Antwort zieht immer gleich mehrere Fragen nach sich. So wird es uns auch weiterhin beschäftigen: unser Ohr. Nun brauchen wir aber dringend eine Pause ... wie bitte? ...das Ohr schläft nie!? Auch das noch.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6/99