In Concert


John Williams

Frankfurt, Alte Oper

„Prinz der Gitarre" nannte ihn einst sein Lehrer Andrés Segovia. Gemeint war John Williams, und der hat sich inzwischen zu einem der führenden Klassikgitarristen entwickelt.

Zusammen mit einer international erfolgreichen musikalischen Institution, dem „Australian Chamber Orchestra", war Williams auf Deutschlandtournee. Im Gepäck: gemeinsame CD mit Musik von Schubert und Giuliani.

Zum Gitarrenkonzert Nr. 1 in A-Dur von Mauro Giuliani betritt John Williams die Bühne und stimmt nach dem begrüßenden Applaus kurz seine Greg-Smallman-Gitarre. Nach einer Einleitung der Streicher, die in einem bewegten Lauf gipfelt, erklingen die ersten Töne der Gitarre. Der Kontrast von gestrichenen und gezupften Saiten erweist sich als äußerst reizvoll. Im ständigen Wechselspiel mit dem Orchester stellt Williams - konzentriert in die Noten schauend - das Thema vor. Auffallend sind die spieltechnisch besonders anspruchsvollen Oktavläufe, die mit klarem Anschlag und beeindruckender dynamischer Bandbreite artikuliert werden. Kurze Soloteile der Gitarre münden immer wieder in mächtige Tutti des Streichorchesters. Nach diesem ersten Teil - im Klassik-Esperanto „Allegro Maestoso" genannt - folgt das „Andantino Siciliano", ein andächtiges Thema im ¾-Takt, gehalten in schwerer Moll-Tonalität. Im abschließenden „Rondo alla Polacca" erleben wir lebhafte Sechzehntel-Arpeggien der Gitarre und wieder die auffälligen chromatischen Oktavpassagen in rasantem Tremolo. Williams über den Komponisten, einen der Meister der italienischen Gitarrenmusik des frühen 19. Jahrhunderts: „Als Giuliani sein Gitarrenkonzert in A-Dur 1808 in Wien uraufführte, wurde er als der vermutlich größte Gitarrist seiner Zeit gefeiert. Neben seiner Virtuosität bemerkten zeitgenössische Kommentatoren seine großartige Ausdrucksfähigkeit, den gesanglichen Charakter seiner Adagios und wie er das Instrument zum Singen zu bringen wusste. Sie berichteten zudem über ein gewisses improvisatorisches Moment in seinem Spiel. Die Musik im ersten Satz hat dramatische Züge, als ob eine Geschichte erzählt würde. Es herrscht eine kontinuierliche Vielfalt von Tempi und Stimmungen, die die Tür öffnet zu den Gegensätzen zwischen Arie, Rezitativ, orchestralem Tutti, Virtuosität und Kadenz."

Das zweite Stück des Abends mit gitarristischer Beteiligung, die Nourlangie für Gitarre, Streicher und Schlagzeug von Peter Sculthorpe, trägt dem großstädtischen Publikum mit seinen Hörerfahrungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert Rechnung. Der musikalische Zeitsprung von 180 Jahren wird an diesem ruhigen Sonntagabend innerhalb einer knappen Stunde vollzogen. Die Musik polarisiert: Während manche dem Klanggewitter aus Metallplatten und bitonalen Akkorden argwöhnisch und stirnrunzelnd gegenübertreten, erfreuen sich andere an den spannenden und plakativen Grenzüberschreitungen. Williams über Peter Sculthorpe (*1929): „Seine Tonsprache ist inspiriert von der einzigartigen Landschaft und den Naturschönheiten Australiens. In dieser Hinsicht wurde er nachhaltig von der asiatischen Kultur geprägt, insbesondere von der Musik Japans und Indonesiens. Ich drängte ihn, für die Gitarre zu schreiben, damit auch sie sich dieses eindringliche und bildkräftige Musikidiom zu eigen machen kann. In der Nourlangie, geschrieben 1989, wird das vielfältige klangliche Potential der Gitarre ganz ausgeschöpft, sowohl ihre besondere Klangfülle als auch einzeln gezupfte Töne. So besteht hier ein Gegensatz zur traditionellen europäischen Gitarrenmusik, in der weniger das herrliche Timbre des Instruments im Mittelpunkt steht."

Zur Eröffnung schwingen Gongs und Metallplatten in einem langen Crescendo, unterlegt von geheimnisvoll anmutenden Streicherlinien und bitonalen Akkorden. Das Gitarrenthema schraubt sich in Achtelnoten durch eine lange Sequenz. Nach dem etwas steifen Ernst des Giuliani-Konzerts zaubern die teils sehr seltsamen Geräusche der malträtierten Violinen und Celli ein Grinsen aufs Gesicht. Es folgt eine Sequenz mit Staccato-Gitarre und Bongos, von den Streichern pizzicato untermalt. Dazwischen besänftigt immer wieder der befreiend offene Klang von mächtigen Sus-Akkorden. Diese sinnliche und kurzweilige Musik lässt beim Hören intensive Bilder erstehen, was durchaus der Absicht des Komponisten entsprechen dürfte. Über dissonanten Gitarrenakkorden und einem düsteren Bass-Ostinato schwingen sich Violinen und Bratschen zu drohendem Unheil auf. Aus dem metallischen Ausklang der Metallplatten erhebt sich die wiedergeborene Gitarre mit romantischen und minimalistisch repetitiven Zerlegungen, und es folgt wieder das majestätische Hauptthema. Gitarre, Perkussion und Kontrabässe leiten das Finale ein, das Williams nach einem grandiosen Crescendo mit langsam verklingenden Patterns beschließt. Für den Hörer bleibt das Erlebnis einer intensiven Musik, die mit einer sehr bildhaften Tonsprache ebenso kurzweilig unterhaltend wie inhaltlich ernst daherkommt. Einen Beitrag dazu leistet, dass das Instrument Gitarre aus seinem klassisch-orchestralen Schattendasein heraustritt. Die klassische Gitarre ist mehr als ein romantisches Softie-Instrument und sehr wohl in der Lage, auch in zeitgenössisch strengem bis dissonantem Umfeld ihren Platz zu finden.

Dazu könnte auch John Williams beitragen, wenn er in seinem Repertoire weiterhin einen Platz für moderne und postmoderne Kompositionen freihält. Auch Williams pflegt allerdings in erster Linie idyllischen Schönklang und klangreinen Ausdruck an der Grenze zu schlüpfrig-glattpolierter Perfektion. Den Sprung der Klassikgitarre ins nächste Jahrhundert könnte auch Williams zu einer leichten Übung machen. Andreas Schulz