nachgefragt

Thomas Fellow

Von Gregor Hilden
Fotos: Günter Rössler

Zusammen mit der Sängerin Constanze Freund kann der Dresdner Gitarrist Thomas Fellow als Duo „Friend’n Fellow" zur Zeit große Erfolge verbuchen. Eine dritte CD ist unlängst erschienen und mit hervorragenden Kritiken in Fach- und Publikumspresse bedacht worden. Zudem gibt es jetzt immer öfter die Gelegenheit, das Duo in der gesamten Bundesrepublik live zu erleben.

Als die „deutschen Tuck & Patti" könnte man die beiden bei nur flüchtiger Betrachtung vorschnell abstempeln. Sowohl Friend als auch Fellow haben mit den US-Kollegen aber doch nur das Instrumentarium gemeinsam: Gitarre und Gesang. Und dann gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit - sie beherrschen ihr Instrument. Wir trafen uns mit Thomas Fellow zu einem interessanten „Gitarrengespräch".

Laß uns doch einmal ganz vorne in deiner Biographie beginnen. Du hast - soweit ich weiß - klassische Gitarre studiert. fellow.jpg (11764 Byte)

Thomas Fellow: Ja, ich habe ziemlich lange in Weimar bei Monika und Jürgen Rost studiert - eigentlich aber auch mit dem Faible für südamerikanische Musik und auch modernere Sachen. Das heißt, man hat natürlich die gesamte Bandbreite der klassischen Gitarre studiert. Ich nahm dann auch an Wettbewerben teil und gab Konzerte während meines Studiums.

Das war noch zu DDR-Zeiten ...

Thomas Fellow: Ja, ich habe 1982 angefangen zu studieren und genoß somit auch die extreme Förderung, die damals Sportlern und Musikern zuteil wurde. 1989 habe ich dann das Studium abgeschlossen.

Zur „Wende" kam dann also auch die musikalische Wende ...

Thomas Fellow: Nein, das hatte eigentlich damit kaum etwas zu tun. Ich wurde auch vorher schon über die staatliche Künstleragentur der DDR vermittelt und konnte an Wettbewerben teilnehmen und Konzerte in Indien oder auch Südamerika geben. In der Umbruchzeit brach dann für mich eigentlich gar nicht so viel zusammen. Denn trotz der reduzierten staatlichen Förderung lief es eigentlich recht gut.

Aber du hast doch musikalisch in gewisser Weise umgesattelt. Du bewegst dich heute zwischen Pop und Jazz, wenn ich das einmal grob katalogisieren darf. Mehr Jazz als Pop vielleicht ...

Thomas Fellow: Das kann man wirklich schwer einordnen. Das, was wir machen, ist schon sehr eigen. Wir spielen Musik, die auch von Bands gespielt wird, aber die Reduzierung auf die Gitarre und den Gesang ergibt doch ein völlig neues Bild: Die „Roots" der Musik sind nicht so deutlich zu erkennen. Aber du hast schon recht: In unserer Musik sind Pop, Jazz, Blues und Folk vertreten. Aber von Stück zu Stück und auch von Konzert zu Konzert ändert sich etwas bei uns im Klang.

Trotzdem muß doch der Wechsel vom Konzertgitarristen zum Popmusiker ein Einschnitt in deinem musikalischen Schaffen bedeutet haben?

Thomas Fellow: Eigentlich nicht. Ich muß zwar sagen, daß ich klassische Gitarre studiert habe. Gehört habe ich aber so gut wie keine klassische Musik.

Wie kann man dann die Musik spielen?

Thomas Fellow: Ich habe das selbst gespielt, aber da war ich auch schon immer ein „Quertreiber". Die Leute kamen zu den Konzerten, weil sie wußten: „Thomas spielt Thomas". Sie wußten, daß ich doch eine sehr spezielle Art hatte, mit dem Material umzugehen. Manch einer war auch ein wenig entrüstet. Und die ganz Konservativen meinten auch immer: „Sag mal, warum machst du eigentlich keine Popmusik?"

Wann und wie hast du dann Constanze kennengelernt?

Thomas Fellow: Constanze habe ich bereits in den 80er Jahren kennengelernt. Sie bereitete sich damals auf ihr Gesangsstudium vor, und wir haben gemeinsam in Weimar studiert. Aber erst 1991 hatten wir eine Vorstellung von der Musik, die wir zusammen machen wollten, und fingen an, ein Programm aufzubauen. Nur Gitarre und Stimme sollte es sein. Vor allem Songs, Pop-Standards und Jazzklassiker haben wir uns zunächst vorgenommen. Es hat sich dann sehr schnell gezeigt, daß sich die Stücke unter unseren Fingern derartig veränderten, daß man sie teilweise nur noch am Text erkennen konnte, so daß wir irgendwann dachten, daß es Sinn machen könnte, eigenes Material zu spielen. So hat sich das „Step by Step" entwickelt. 1992 habe ich dann entschieden, daß ich überhaupt nicht mehr als klassischer Gitarrist tätig sein wollte. Diese Welten in Einklang zu bringen, ist doch sehr schwierig.

Konntet ihr zu dem Zeitpunkt beide schon von der Musik leben?

Thomas Fellow: Es war ein Sprung, da die klassischen Konzerte nicht nur ziemlich regelmäßig, sondern auch ziemlich gut bezahlt waren. Aber das war es mir wert, und ich war auch überzeugt davon, daß es weiterhin funktioniert. Außerdem unterrichtete ich nebenbei und konnte somit schon von der Musik leben.

Dann kam die erste CD mit Constanze.

Thomas Fellow: Ja, die erste CD kam 1995 noch im Eigenvertrieb. Daraufhin kamen Reaktionen von unserem jetzigen Label, das uns wiederum einlud, eine Reihe von Konzerten als Opener von Luther Allison zu spielen. Es entstand eine sehr intensive Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Labelchef Thomas Ruf und auch mit Luther Allison. 1997 entstand dann die CD „Home", auf der wir auch mit Luther einen Song gemeinsam aufnahmen. Es war gleichzeitig sein letzter Gastauftritt vor seinem Tod. Die Platte war noch erfolgreicher, als wir es uns erhofft hatten.

Eine schöne Karriere. Gab es denn auch zwischendurch Kritiker, die meinten, daß etwa ein Konzept von „Tuck & Patti" übernommen oder abgekupfert wurde?

Thomas Fellow: Es gab schon diese Vergleiche, aber vor allem aus einem Grunde: eben weil diese Duo-Besetzung sehr selten ist. Trotzdem ist jeder Vergleich diesbezüglich doch sehr ehrenwert, weil es so hervorragende Musiker sind. Und in einem negativen Kontext wurde diese Analogie auch nicht verwendet. Wenn man aber genauer hinhört und einen Schritt weiter geht, dann merkt man schon, daß sehr, sehr viele Unterschiede bestehen. Es ist eine andere Musik und vor allem auch eine andere Live-Performance. Der Klang der Stimme wie auch der Gitarre ist ein ganz anderer - ich habe zudem einen ganz anderen Frisör ... (Gelächter).

Der Anteil der Eigenkompositionen ist bei euch sehr hoch ...

Thomas Fellow: Ja, es befinden sich auf der neuen Platte lediglich zwei Fremdkompositionen. Außerdem haben wir eine weniger traditionell geartete Herangehensweise. Es gibt Songs auf der Platte, bei denen ich mehrere Gitarren übereinander spiele, wo ich die Steelstring oder auch eine Dobro einsetze. Dann gibt es ein Stück, wo sogar ein Cello-Quartett mitwirkt, oder ein anderes, auf dem eine Hammond-Orgel und ein Schlagzeug zu hören sind. So entstehen dann vielfältige Klangfarben.

So umgeht ihr das Problem, das man von „Tuck & Patti"-Platten kennt, daß nämlich ein gleichbleibender Sound über einen längeren Zeitraum mitunter etwas eintönig werden kann.

Thomas Fellow: Ja, wir versuchen, das Duo-Konzept so progressiv wie möglich anzugehen. Das heißt, wir versuchen natürlich, auf der Bühne den Leuten eine „Show" zu liefern. Wir experimentieren und improvisieren live. Und wir versuchen, mit Sound und Licht eine mögliche Eintönigkeit zu vermeiden. In unseren Köpfen sind so viele unterschiedliche Klänge, daß wir auch mit jazzigen oder funkigen Titeln arbeiten. Im Live-Programm gibt es Stücke von den „Neville Brothers", Titel von Hendrix bis hin zu mehr folkloristischen Stücken à la „Me And Bobby McGee". Es gibt auch hin und wieder einen Jazz-Standard, der aber auch auf unsere ganz spezielle Weise interpretiert, vielleicht etwas gegen den Strich gebürstet wird. So wollen wir demnächst einmal „God Bless The Child" mit einer Dobro arrangieren. Wir müssen unseren Möglichkeiten, Ideen und Sounds nachkommen.

Deine Aufgabe ist es dann, die entsprechenden Arrangements für die Gitarre zu entwickeln. Du mußt also eine Begleitstimme entwerfen und gleichzeitig auch Soli spielen.

Thomas Fellow: Du wirst lachen, aber es gibt eigentlich keine Arrangements. Wir entwickeln eine Konzeption. Bei den eigenen Stücken spiele ich etwa eine Gitarre auf Kassette, und Constanze schreibt einen Text dazu. Bei den Cover-Versionen ist das anders. Die Stücke entstehen live immer wieder neu - manchmal auch zur Verwunderung unserer Zuhörer, die vielleicht den Song von der Platte ganz anders kennen. Aber auch die Plattenproduktion entstand relativ frei, quasi im Studio fertiggestellt. Ich deute z.B. Grooves an. Wir finden ein Tempo und eine Tonart. Da müssen wir z.B. sehen, daß die Färbung der Stimme paßt und daß auch die Tonart auf der Gitarre gut klingt. Dann bleibt kaum noch Zeit, viel zu probieren. Das heißt: Wir spielen einfach.

Es gibt in deinem Spiel aber auch sehr komplexe Baßfiguren, gekoppelt mit gezupften Patterns etc. Das muß doch irgendwie ausgearbeitet sein.

Thomas Fellow: Nein, eigentlich nicht. Mein Konzept ist es, im Kopf verschiedene Stimmen zu hören und zu spüren, denen dann nachzugehen und sie umzusetzen. Man hört natürlich dummerweise auch Stimmen, die man gar nicht spielen kann. Das merkt man dann beim Spielen. Aber viele Stimmen, etwa die Baßfiguren, sind spontane Fill-ins und Improvisationen. Der Song steht, die Tonart steht - aber der Vorteil eines Duos ist ja, daß der eine spontan auf den anderen reagieren kann. Constanze macht irgend etwas, und ich versuche, es zu artipizieren, oder versuche zumindest, dem zu folgen - und umgekehrt. Sie singt anders, wenn ich anders spiele, und ich spiele anders, wenn sie anders singt. Bestimmte Phrasen bleiben natürlich bestehen - auch um den anderen nicht ständig mit neuen Dingen zu verunsichern. Aber es kann durchaus passieren, daß ich einen Song anfange, du kommst dazu, und am Ende sehen wir, was passiert ... Wenn man hundertmal im Jahr spielt, ist es sehr wichtig, daß man sich Überraschungsmomente und Interesse an den Stücken beibehält. So gelingt uns das. Hinterher können wir uns zusammensetzen und sagen: „Das war aber eine tolle Variante", wir wissen aber genau, das wird nie wieder so sein.

Sehr interessant. Wie lange habt ihr für die neue Platte gebraucht - mit einer solchen Herangehensweise?

Thomas Fellow: Wir brauchen natürlich im Studio immer etwas länger, weil die Songs ja noch nicht fertig sind. Wir nehmen grundsätzlich auch live zusammen auf. Daa bedeutet, ein Song wird gut, oder wir machen ihn noch einmal; es gibt keine Möglichkeiten, Parts auszubessern. Der Take davor, der Take danach kann dann auch schon wieder ganz anders sein, weil sich das Gefühl für den Song verändert hat. Das ist natürlich aufwendig, aber ohne doppelten Boden! Der Live-Charakter soll schließlich erhalten bleiben, was im Studio ohnehin immer schwer ist.

Ich hätte das nicht vermutet, weil eure Arrangements sehr ausgeklügelt klingen. Ihr könnt auf einem sehr hohen Niveau improvisieren. Was man bei klassisch ausgebildeten Musikern relativ selten erlebt.

Thomas Fellow: Dazu fallen mir gleich sehr viele Dinge ein: Bei der Improvisation ist es ja nicht so, daß du lauter Dinge spielst, die du noch nie gehört hast usw. Es ist eher eine spontane Auswahl in erster Linie von Klängen und Rhythmen, die du beherrschst. Manchmal probiert man auch etwas ganz Extremes, aber selbst das ist eine Zusammenstellung von Dingen, die du kennst. Ich habe natürlich auch viel geübt, unterschiedlichste Noten gespielt. Habe auch viel vor mich hin gespielt und damit improvisiert. Ich habe dadurch die Gitarre erforscht und auch ganz gut kennengelernt. Das war eigentlich die Voraussetzung für alle späteren Konzepte, die ich entwickeln konnte. Die Beschäftigung mit der klassischen Musik hat natürlich sehr geholfen. Ein E-Gitarrist sieht vielleicht Akkorde als Griffe und kann einen Akkord in zehn verschiedenen Positionen auf dem Griffbrett spielen. Ich habe gelernt, die einzelnen Noten zu sehen und weiß daher auch, wo jeder Ton liegt. Ein Akkord ist dann ein Zusammentreffen von verschiedenen Tönen in einem Moment. Wenn ich also einen Akkord spiele, versuche ich ihn so zu greifen, daß ich jede einzelne Stimme entwickeln kann. Etwa die Melodiestimme, die eine Bewegung machen könnte, ein Fill, oder auch genauso gut stehen bleiben kann. Oder die Mittelstimme oder die Baßstimme. Daß heißt, ich initiiere Bewegungen in einem Akkord. So kommt man an einen ganz bestimmten Punkt. Wenn man einen Akkord sieht, spielt und ihn als festgelegt betrachtet, bekommt man halt keine Stimmführung in das Ganze. Es ist auch das Zusammenspiel der rechten und der linken Hand. Ohne die Ausbildung der rechten Hand wäre ich nicht imstande, diese Dinge so umzusetzen. Jeder der vier Finger der rechten Hand muß eigentlich sämtliche Arbeiten ausführen können, die Bewegung muß in der gleichen Geschwindigkeit funktionieren, so gibt es auch keine festgelegten Muster. In der linken Hand lernt man, die Finger zu führen, andere Finger stehen zu lassen - vielleicht wie einzelne Spinnenbeine jedem Finger eine andere Aufgabe zuzuweisen ... Ich habe dadurch aber jetzt auch eine andere Handhaltung als bei der klassischen Gitarre, weil ich perkussive Anschläge mit weichen Sounds koppeln will. Ich lege den Handballen der rechten Hand auf die Saiten, um diese abzudämpfen, und ziehe die Baßsaiten mit dem Daumen nach oben, um diese perkussiven Slap-Sounds mit einem ungeheuren Punch zu erreichen. Du kannst auf der akustischen Gitarre nicht so slappen wie auf einem E-Baß - du triffst alles mögliche, nur nicht die richtige Saite. Die Diskantsaiten sollen natürlich anders klingen, als eine Art Klangteppich.

Du wirst deine wichtigen Parts dann vermutlich auch nicht notiert haben.

Thomas Fellow: Nein! Könnte ich auch gar nicht. Das für mich Wichtige ist ohnehin nicht notierbar. Man kann die Töne notieren, nicht aber Timing und klangliche Aspekte. Der Musik muß über die Ohren gefolgt werden. Einzelne Töne sind ja noch keine Musik - die kommt erst mit der Interpretation.

Da müssen deine ehemaligen Lehrer aber komisch gucken ...

Thomas Fellow: Mein ehemaliger Lehrer war einmal in einem Konzert und war sehr angetan. Er meinte, daß sich da normalerweise drei Gitarristen hinsetzen müßten. Er ist aber wohl froh, daß ich mit dieser Technik nicht irgendwelche klassischen Etüden spiele ...

Gibt es denn irgendwelche Gitarristen, die dich auf deinen speziellen Weg gebracht haben, die dich geprägt haben?

Thomas Fellow: Weniger die Gitarristen, mehr die Musik im allgemeinen, durch bestimmte Klänge. Es gibt aber Gitarristen, die ich höchst verehre. Allen voran Pat Metheny, was man zwar in meiner Musik nicht so hört, was ich aber durchaus spüre. In der klanglichen Seite etwa.

Nach dem Zusammentreffen mit Luther Allison habe ich auch nicht unbedingt das Gitarrenspiel in technischer Hinsicht gelernt, aber andere, ganz wesentliche Dinge erfahren. Intensität etwa, Leidenschaft, zu wissen, warum man auf der Bühne steht, den Leuten ein schönes Konzert zu bieten. Das habe ich von ihm sicherlich gelernt - was ebenso wichtig war wie die Gitarrentechnik. Man muß nicht ständig trainieren, so daß man noch schneller etc. wird - die Substanz ist das Wichtige.

Das Publikum reagiert aber durchaus auch auf deine spektakulären Einlagen!

Thomas Fellow: (lacht) Ja, wenn man einen manchmal etwas übermotivierten Gitarristen erleben möchte, muß man uns live sehen ... Klar, es gibt Effekte. Durch die Bewegung, die Agilität kommt man zu ganz besonderen Dingen auf der Bühne. Die Spannung und die Energie packt man in den Song. So werden bei den Blues-Gitarristen die Soli immer länger, die Soul-Sänger schreien sich heiser, und bei uns wird dann auch gerne „etwas dazugepackt".

Wollt ihr eure Live-Besetzung vielleicht irgendwann einmal ausbauen? Auf der CD ist beispielsweise ein Streichensemble zu hören ...

Thomas Fellow: Diese Einlagen sind auf der CD ja nur punktuell, das würde also live wenig Sinn machen. Wir spielen nun seit Jahren zusammen und haben einen bestimmten Sound entwickelt. Der ist halt „Friend’n Fellow". Es würde sich schlagartig ändern, wenn man mit weiteren Musikern live auftreten würde. Wir haben glücklicherweise nicht das Gefühl, daß die Leute nun wieder einen anderen Klang von uns haben wollen. Die CD-Hörer sind sicherlich froh, daß sie anders klingt, und die Konzertbesucher sind froh, daß wir uns auch weiterhin live zu zweit ausleben.

Das vollständige Interview findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 6/98