| „Dem
Ursprung des Instruments folgen“
Franco Morone
gilt in Italien dank weit verbreiteter Lehrbücher und zahlreicher
Workshops als Fingerstyle-Lehrer der Nation. Weltweit hat er sich
einen Namen gemacht als Gitarrist ersten Ranges, der durch Kompositionen
und Arrangements besticht, die Folk und Blues geschickt mit dem
mediterranen Erbe seiner Heimat und mit keltischer Tradition mischt,
der sein besonderes Interesse gilt. An einem freien Tourneetag führten
wir anlässlich der Entstehung seiner neuesten CD „Running
Home“ dieses Interview.
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| „Etwas von mir selbst in die Musik
hineinlegen“ |
Bei „Running
Home“ scheinst du auf ein in sich vielfältiges Album
abgezielt zu haben.
Franco Morone: Diesmal wollte ich viel Abwechslung
in der Musik, in Spieltechniken und Sounds erreichen, immer den
Bedürfnissen des jeweiligen Stückes entsprechend. Also
habe ich verschiedene Tunings und verschiedene Instrumente benutzt.
Ich habe z.B. die langsamen Stücke mit einer OM-Gitarre eingespielt,
um den wärmsten Sound zu erzielen, der für Balladen genau
richtig ist. Für die schnelleren Stücke und die mit Perkussion
habe ich eine Gitarre mit kleinerem Körper genommen, weil diese
einen ausbalancierteren Ton hat und nicht soviel Bass. Und dann
war da noch eine Gitarre aus Graphit, die in den Mitten einen besonderen
Frequenzgang hat, der sich hervorragend für das Bottleneck-Spiel
eignet. Ein anderes Stück wurde mit einer alten 12saitigen
aufgenommen.
Ist das
Album eher eine Sammlung von Titeln, oder ein zusammenhängendes
Statement... „Running Home“ scheint mir meinem gegenwärtigen
Gefühl als Musiker zu entsprechen. Vor ein paar Jahren habe
ich „The South Wind“ gemacht, das nur aus irischen Traditionals
besteht. Aber im Moment bewege ich mich mehr in eine multi-ethnische
Richtung mit einer Bandbreite verschiedener Sprachen, wie sie vielleicht
auch einem Live-Konzert eher entspricht; aber ganz sicher werde
ich auch wieder ein „kohärentes“ Album machen.
Du hast aber bei „Running Home“ neben unterschiedlichen
Gitarren auch völlig verschiedene Aufnahmeorte gewählt
– z.B. zu Hause…
Franco Morone: … ja, nur mit DAT-Recorder
und ein paar guten Mikrophonen. Bei diesem ersten Aufnahmeschritt
geht es ohnehin nur um das Spiel selbst; Hall und Equalizer kann
man dann im Studio dazugeben. Es hat sich als gute Idee erwiesen,
immer nur das Allernötigste an Equipment mitzunehmen. Damit
bin ich dann in die Toskana gefahren, in die Abruzzen und in die
Emilia Romagna – alles schöne Gegenden. Und dabei ist
mir aufgefallen, dass man den gleichen Titel durchaus besser spielen
kann, wenn man an dem Ort, wo er aufgenommen wird, eine besondere
Atmosphäre spürt. Also habe ich verschiedene Versionen
eines Titels an verschiedenen Orten aufgenommen und natürlich
hinterher die beste genommen.
Im Augenblick
scheinst du mehr zu arrangieren als zu komponieren.
Franco Morone: Das könnte sich auch irgendwann
wieder ändern, aber im Moment trifft das schon zu, zumal ich
gerade an einer Sammlung italienischer Volkslieder sitze und als
nächstes eine Sammlung keltischer Stücke herauskommen
soll. Allerdings warten bei mir auch noch eine Menge Eigenkompositionen
auf ihren Feinschliff. Ich glaube, die Kunst des Arrangierens wird
manchmal in ihrer Bedeutung arg unterschätzt – die Folgen
hört man dann, wenn ein junger Gitarrist es eilig hat, mit
seinen Eigenkompositionen herauszukommen.... Das Arrangieren lehrt
einen, wie man seinen persönlichen Stil entwickelt und dabei
doch wichtige Arbeit an ganz verschiedenen Musikrichtungen leistet.
Mir hat einmal ein Freund gesagt, dass er meinen Stil erkennt in
allem, was ich spiele – Blues, Italienisches, Keltisches.
Und das war eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen
habe. Arrangieren bedeutet manchmal die Kunst, ein anderes Instrument
zu imitieren – z.B. O´Carolans Harfe, die irische Fiddle
oder den Gesang eines Volkslieds. Ich habe bei dieser Aufgabe eine
Menge gelernt, und zwar weil verschiedene Instrumente eine Melodie
oder Harmonie in den Verzierungen, der Akkordik oder der Dynamik
völlig unterschiedlich spielen können.
Und wie
gehst du beim Arrangieren vor?
Franco Morone: Als Erstes versuche ich etwas zu
finden, das ich wirklich gerne spiele. Etwas, das mich berührt,
egal warum; durch Melodie oder Rhythmus oder die Verbindung von
beidem. Wenn ich ein gutes irisches Stück finde, suche ich
nach anderen Versionen davon – z.B. wenn die erste von einem
Fiddler war, eine zweite vielleicht von einem Akkordeonspieler.
Man hört das unterschiedliche Spiel verschiedener Instrumente
im gleichen Stück, besonders im Folk; man vergleicht die Versionen
und entwickelt dadurch eine eigene Vorstellung von diesem Stück.
Dann sollte man sich über die beste Tonart und das beste Tuning
für das Stück klar werden. Dafür hat es sich als
hilfreich erwiesen, sich den tiefsten Basston und den höchsten
Melodieton des Stücks herauszupicken und zu schauen, wie das
mit der Begleitung bzw. der Melodie hinhauen könnte. Eine andere
Möglichkeit ist die, nach dem besten Verhältnis zwischen
offenen und gegriffenen Saiten zu suchen. Ich habe früher viele
verschiedene Tunings benutzt, aber im Moment möchte ich das
doch stark einschränken.
Diese Entwicklung
scheinen viele Fingerstyle-Gitarristen durchzumachen – manche
konzentrieren sich am Ende auf nur ein Tuning.
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| „Ich will der Erste sein, der von
meiner Musik emotional berührt wird“ |
Franco
Morone: Ja, im Prinzip schon, aber doch nicht nur noch
ein Tuning...! Die Wahl des Tunings ist eng verbunden mit der Melodie
und Harmonie eines bestimmten Titels, und ich benutze Open Tunings,
weil ich Stücke damit leicht und ökonomisch spielen kann.
Aber wenn ich z.B. improvisieren will oder Jazz-Standards zusammen
mit anderen Gitarristen spiele, bleibe ich in der Standardstimmung
– es hat einfach keinen Sinn, andere Stimmungen für Jazz
zu benutzen. Im Moment benutze ich meistens EADEAD oder eine modifizierte
Variante (EADEAE), um meist in A die keltischen Titel, Blues oder
Eigenkompositionen zu spielen. Da hat man die Basstöne, die
man in Volksmusik am häufigsten braucht, auf leeren Saiten
– den Grundton auf der 5. Saite, die Dominante auf der 6.
und die Subdominante auf der 4. Diese vielen offenen Saiten im Bass
ermöglichen mehr Freiheiten in der Melodie. Daneben benutze
ich auch noch DADGAD, im Augenblick eher für italienische und
eigene Stücke – und davon wieder eine Abwandlung (DADGGD),
die sich aus dem Konzept von Borduntönen ergibt, die mit der
Melodie mitlaufen. Zu hören ist dieses Tuning bei „Running
Home“, und „The Wedding“.
Glaubst
du, dass dein Spiel sich noch immer entwickelt?
Franco Morone: Natürlich – wenn auch
nicht radikal. Anfangs war ich stark beeinflusst vom Blues, dann
von Ragtime und Swing, und dann habe ich angefangen, irische Musik
zu spielen. Wenn man sich durch so viele Stilrichtungen hindurch
entwickelt, nimmt man viele Einflüsse auf. Und wenn mir heute
manchmal ein bisschen die Inspiration ausgeht, gehe ich einfach
zurück an die Wurzeln. Wenn man wieder bei Null anfängt,
findet man viele neue Ideen. Und mit mehr Begriffen im Vokabular
hat man immer mehr Ausdrucksmöglichkeiten.
Was war
denn der Ansatz der Vergangenheit?
Franco Morone: Man weiß ja, dass die Stahlsaitengitarre
mit dem Blues geboren wurde. Und der Blues wurde mit der Stahlsaitengitarre
geboren. Daher ist es gut und richtig, auf einer solchen Gitarre
mit Blues anzufangen, so wie es auch richtig ist, Etüden von
Giuliani oder Carulli auf einer klassischen Gitarre zu spielen.
Es liegt einfach in der Natur der Sache, dem Ursprung des Instruments
zu folgen. Nur erlaubt die unglaubliche Vielseitigkeit der Stahlsaitengitarre
heute eben ein hervorragendes und breit gefächertes Repertoire.
... mehr
dazu in Heft 6/03 ab Seite 28!
Aktuelle Produktion:
„Running Home“
Schon beim Opener
(dem Titelstück) beginnt die Suche nach Worten für das,
was hier in Tönen gemalt wird: Die Essenz vieler Stile zwischen
Afrika, Italien, Irland und Nordamerika ist dermaßen harmonisch
eingeflossen in einen warm-relaxten und doch erdigen Gitarrenklang,
dass alles zugleich treibend und zart daherkommt. Tänzerisch
leichte Grooves, mühelos fließendes Melodiespiel und
feine Transparenz der Polyphonie versetzen den Hörer zusehends
in ein noch zu erschaffendes Land, das keltische Mystik und mediterrane
Wärme ausstrahlt. Es liegt auf der Hand, dass solch liebevoll
gesponnenen Zwischentöne sich nicht mit Wucht ins Hirn sprengen;
dafür entfalten sie aber eine ähnlich belebende Tiefen-
und Langzeitwirkung wie die Musik von John Renbourn und Pierre Bensusan.
Discographie
(Acoustic Music)
Guitarea
The South Wind
Melodies Of Memories
Running Home
Stranalandia (Re-Release, angekündigt)
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