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Special – Aufnahme klassischer Gitarren
Von Andreas Schulz (Text und Fotos)


Eine spezielle und nicht einfach zu meisternde Aufgabe ist die Aufnahme klassischer Gitarren im Heimstudio. Um unseren Lesern diese anspruchsvolle Aufgabenstellung nahe zu bringen, haben wir mit zwei erfahrenen Musikern gesprochen, wertvolle Tipps und Hinweise gesammelt und einige Beispielaufnahmen gemacht.

Grundlagen

Für die Aufnahme klassischer Gitarren gelten zunächst einmal alle Regeln und Tipps, die in den vielen vorangegangenen Folgen unserer Recording-Serie gemacht wurden. Allerdings weicht das klassische Klangideal doch deutlich von modernen Steelstring-Aufnahmen ab. So kommt es nicht in Frage, das Signal eines eventuell vorhandenen Tonabnehmers (wie Piezo o.ä.) bzw. eines internen Mikrofons (im Korpusinneren) zu benutzen. Auch ist es bei klassischen Aufnahmen üblich, einen gewissen Anteil des Raumklanges mit einzufangen, also die Mikrofone etwas weiter weg von der Gitarre aufzustellen. Das setzt natürlich einen vertretbar klingenden Aufnahmeraum voraus. Ist dies nicht gegeben, muss man doch wieder nah mikrofonieren und den Raumklang später mit einem digitalen Hall-Prozessor hinzufügen. Normalerweise werden für klassische Gitarrenaufnahmen Großmembran-Kondensator-Mikrofone benutzt. Das Klangbild darf tendenziell ruhig rund und weich sein; eine Betonung der Präsenzen und Höhen ist weniger angesagt. Hat man hell klingende Mikrofone, kann man sogar bei der Nachbearbeitung mit einem EQ eine leichte Höhenabsenkung einstellen. Ordentlich klingende Klassikaufnahmen lassen sich durchaus mit Homerecording-Equipment durchführen, man höre dazu die Beispiele auf der AKUSTIK-GITARRE-CD, die in einem nicht besonders präparierten Raum mit älterem Mittelklasse-Equipment aufgenommen wurden und ohne jede Nachbearbeitung auf der CD zu hören sind. Wer möchte, kann im eigenen Studio ausprobieren, was mit EQ, Kompressor, Limiter und Hall aus diesen „nackten“ Spuren ‚rauszuholen‘ ist.

Bernd Maier

Bernd Maier ist Mitglied des „Barrios Guitar Quartet“ und hat sich im Rahmen dieser Gruppe aber auch als Solist intensiv mit dem Thema „klassische Gitarren-Aufnahmen“ beschäftigt. Wir sprachen mit ihm über Equipment, Mikrofonierung und Aufnahmetechniken.
„Ich hab die besten Ergebnisse mit Großmembran-Mikrofonen erreicht. Der Gesamtklang ist etwas weicher als bei Kleinmembran-Mikros, und die

Sitzhaltung
Mikrofonierung

unerwünschten Nebengeräusche sind etwas geringer. Man sollte die besten Mikrofone nehmen, die man sich leisten kann. Ich benutze zwei MC 740 von Beyerdynamic, die vergleichbar mit dem U87 der Firma Neumann sind. Wenn das Budget es erlaubt, kann man auch Röhrenmikrofone benutzen. Als Richtcharakteristik stelle ich meistens Niere ein, außerdem verwende ich oft einen Bass-Cut. Mein Vorverstärker hat eine Bass-Absenkung ab 50 Hertz. Manche Mikrofone senken bereits ab 80 Hz ab, das würde aber den Grundtonbereich der Gitarre beschneiden.“
Ein wichtiges Glied der Equipment-Kette ist der Vorverstärker.
„Ich liebe den Röhrenklang und benutze den Gold-Mike von SPL. Er hat eine gute Klangqualität und ist auch fürs Heimstudio erschwinglich. Er ist nicht nur ein reiner Vorverstärker, sondern bietet noch einige Extras wie Low-Cut oder Präsenzanhebung. Dieser Preamp klingt für mich natürlich und warm.“
Bei digitalen Aufnahmen kommt auch den Analog/Digital-Wandlern eine wichtige Rolle zu.
„Ich benutze ein MOTU 828 Firewire-Interface und nehme immer mit 24 Bit und 48 kHz auf. Mit einer Sampling-Rate von 96 oder sogar 192 kHz aufzunehmen, macht für mich qualitativ keinen Sinn. Der Sprung von 16 Bit auf 24 Bit war allerdings enorm. 24-Bit-Aufnahmen klingen einfach tiefer und genauer; 16 Bit klingen wie eine schlechte Abbildung, so als wollte man eine dreidimensionale Sache zweidimensional darstellen.“

Wie sieht dein Aufnahmesystem aus?
Bernd Maier: Ich nehme mit einem Power-Mac G4 mit 733 MHz auf, die Recording-Software ist der Digital-Performer der Firma MOTU. Mit dieser Aufnahmeumgebung mache ich auch Schnittoperationen, Nachbearbeitung und das komplette Mastering. Im Grunde ist es eine Komplett-Software, ein Audio/MIDI-Sequenzer. Auch die Effekte sind sehr gut.

Nimmst du linear auf oder verwendest du bereits am Anfang der Klangkette irgendwelche Effekte?
Bernd Maier: Ich benutze wie gesagt das Hochpass-Filter, aber keinen Equalizer. Ich nehme allerdings einen EQ für die Nachbearbeitung, hauptsächlich um die hochfrequenten Nebengeräusche in den Griff zu bekommen. Eine Standard-Einstellung für meinen Geschmack ist ein Shelving-Filter mit einer Absenkung von ca. 5 dB bei 3,6 kHz für einen grundtönigen Klang oder bei 4,4 Khz für einen obertönigen Klang.

Wie realisierst du Aufnahmen des Barrios Guitar Quartet?
Bernd Maier: Man kann grundsätzlich die einzelnen Instrumente mikrofonieren oder mit einer geeigneten Stereo-Mikrofonierung eine Aufnahme des Ensembles machen. Bei unserer letzten CD haben wir uns dafür entschieden, die Gruppe stereo als kompakte Einheit aufzunehmen. Wir wollten nicht jede einzelne Gitarre deutlich hörbar machen, sondern den Schwerpunkt auf den Gesamtklang legen. Wir haben also zwei Nieren-Mikrofone in etwas größerem Abstand aufgestellt.

Wie bekommst du die Dynamik in den Griff?
Bernd Maier: Ich benutze natürlich einen Kompressor um das Zuviel an Dynamik auszugleichen. Allerdings reden wir hier nicht von Kompression im Sinne einer Pop-Produktion. Ich versuche so zu komprimieren, dass die natürliche Dynamik noch deutlich zu hören ist.

... mehr dazu in Heft 6/03 ab Seite 124!

AKUSTIK-GITARRE-CD
Zur Demonstration verschiedener Aufnahmetechniken haben wir folgende Szenarien auf die Festplatte gebannt:
1. Aufnahme mit einem Großmembran-Kondensatormikrofon, Abstand ca. 20 cm, ausgerichtet unterhalb des Schalllochs in Richtung Steg Hörbeispiel
2. Gleiche Mikrofonposition, Abstand ca. 45 cm Hörbeispiel
3. Wieder 'Close Miking‘ (Abstand 20 cm), diesmal eine hintere Mikrofonposition, ausgerichtet auf die Decke unterhalb des Steges Hörbeispiel
4. Hintere Position, Abstand ca. 45 cm
5. Stereo-Aufnahme mit zwei Großmembran-Kondensatormikrofonen, Abstand jeweils ca. 20 cm, Ausrichtung: Mikro 1 hintere Position unterhalb des Steges, Mikro 2 Decke unterhalb des Halses, Mikros sind parallel ausgerichtet
6. Gleiche Aufstellung wie unter 5, allerdings sind die Mikrofone jetzt gerichtet, d.h. sie stehen in der gleichen Achse, aber um etwa 90 Grad zueinander verdreht
7. Gerichtete Aufstellung wie unter 6, Abstand ca. 45 cm

Beim Abhören dieser Beispiele empfiehlt sich ein guter Kopfhörer, um die mitunter subtile Wirkung der verschiedenen Mikrofonsettings auch wirklich beurteilen zu können. Bitte beachten: die Aufnahmen fanden unter typischen Homerecording-Bedingungen statt. Der Aufnahmeraum hatte einen Boden aus Echtholz-Parkett und war nicht weiter gedämpft oder anderweitig akustisch optimiert. Es herrschten eher harte Oberflächen vor, Vorhänge oder Polstermöbel, die bspw. in einem Wohnzimmer für eine gute Schalldämpfung sorgen, waren nicht vorhanden. Auch das verwendete Aufnahme-Equipment besaß Homerecording-Standard und ist erschwinglich: zwei AKG C-3000 Mikrofone und eine ältere Roland VS-1680 EX Hard-Disk-Recording-Workstation. Weiteres Outboard-Equipment war nicht am Start; auf eine Nachbearbeitung mit EQ und künstlichem Nachhall haben wir bewusst verzichtet. Die Beispiele hat Bernd Maier vom Barrios Guitar Quartet eingespielt.