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Wie können
wir ohne Nervosität ein Konzert spielen? Was könnten Gitarristen
mit Sportlern gemeinsam haben? Warum haben fast alle Gitarristen
Rückenschmerzen? Wieso können wir unsere Finger nicht
so schnell bewegen wie Pianisten? Ist Gitarre wirklich das schwierigste
aller Instrumente?
Diese Fragen
stellten wir einmal nicht einem Gitarristen, sondern jemandem, der
sich in vielen Dingen, die unser Instrument betreffen, vielleicht
besser auskennt als wir selber.
Unser Interviewpartner, Prof. Altenmüller, leitet das Institut
für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule
Hannover. Sein Wartezimmer ist voll von Gitarristen, die mit den
unterschiedlichsten Problemen zu ihm kommen. Unser Instrument mögen
wir mehr oder weniger kennen, aber wissen wir, was im Körper
und in der Psyche während des Musizierens vor sich geht? Es
gibt jedenfalls erstaunliche Erkenntnisse im Bereich der Forschung.
Musiker-Medizin
– das klingt so, als ob Musik krank macht?
E. Altenmüller: Musik kann krank machen, vor
allem bei Überbelastung, ungünstigen Bewegungsabläufen
oder starkem, beruflichem Stress. Es gibt eine amerikanische Studie
aus den achtziger Jahren, bei der 4000 Musiker – vorwiegend
Orchestermusiker – befragt worden sind. 60 % von ihnen litten
unter Schmerzen oder hatten Probleme, die sie beim Spielen störten.
Da erst, nachdem man festgestellt hatte, dass so viele Musiker Probleme
haben, kam die Idee der Musiker-Medizin auf.
Haben Sie
großen Zulauf in Ihrer Praxis? Sind darunter viele Gitarristen?
E. Altenmüller: Ja, viele Gitarristen kommen
zu mir. Ich habe mich auch sehr mit dem Instrument auseinandergesetzt.
Für mich ist es das schwierigste Instrument. Es ist dafür
eine sehr komplizierte Feinmotorik in der rechten Hand notwendig.
Die zeitlich-räumliche Präzision und die Klanggebung der
linken Hand, sowie die polyphonen komplexen Griffverbindungen machen
die Bewegungsabläufe hier noch komplizierter. Die sitzende
Haltung ist nicht optimal. Viele Gitarristen beugen sich über
die Gitarre. Beim Gebrauch der Fußbank kann man sich zu sehr
abknicken. Manche nicht so geübte Spieler knicken das linke
Handgelenk zu sehr ab. So kann es überdehnt und auch der mittlere
Handnerv eingequetscht werden. Manche drücken den rechten Arm
zu stark gegen die Gitarre und klemmen so den Ellennerv ein. Deswegen
ist ein guter Unterricht gerade für Anfänger sehr wichtig,
damit nicht von vornherein falsche Spieltechniken eingeübt
werden. Eine relativ aufrechte Haltung mit einem geraden Rücken
ist wichtig. Man sollte vom unteren Rücken aus seine Wirbelsäule
stützen. Übermäßiger Kraftaufwand sollte vermieden
werden, und vor allen Dingen sollte man die beiden Hände von
einander unabhängig machen. Wenn man also einen anspruchsvollen
Griff in den oberen Lagen spielt, sollte man nicht mit der rechten
Hand auch noch Kraft aufwenden. Man soll sich beim Spielen immer
wieder bewegen und in seiner Haltung flexibel sein. Viele bekommen
Angst und glauben, das steife Sitzen gäbe ihnen Halt und Sicherheit.
Wenn man dagegen den Körper in der Musik mitgehen lässt,
ist das sowohl für die Haltung gut als auch für den Höreindruck.
Psychologen haben herausgefunden, dass der visuelle Eindruck bis
zu 50 % des Höreindrucks ausmacht! Wie bewegt sich der Musiker
auf der Bühne, was für einen Gesichtsausdruck hat er?
Der angstvolle und angespannte Blick auf die linke Hand wird vom
Publikum sofort wahrgenommen.
Was ist Ihre Meinung zur Fußstütze?
E. Altenmüller: Es kann durch die unsymmetrische
Haltung zu Verdrehungen und Verspannungen in der linken Seite des
Rückens kommen. Die Gitarrenstützen bieten da einige Vorteile:
die Haltung ist entspannter. Der Nachteil ist, dass es für
den Zuhörer nicht so elegant aussehen mag, aber es ist in jedem
Fall gesünder.
Sie sind
Spezialist für Bewegungsabläufe. Können sie uns Gitarristen
sagen, wie wir das schnelle Spiel trainieren können?
E. Altenmüller: Es gibt Menschen, die können
nie wirklich schnell spielen. Das liegt zum Teil an der Geschwindigkeit
mit der die Nervenzellen feuern. Man nimmt an, dass es eine Art
angeborene Grundschnelligkeit gibt, die man nur geringfügig
steigern kann. Bei manchen Instrumenten kann man durch andere Gelenke
kompensieren, wenn man die Finger nicht so schnell bewegen kann.
Beim Klavier durch Drehung des Handgelenkes. Bei der Gitarre ist
das schwierig, weil man da sehr gut artikuliert einzelne Anschläge
formen muss. Gitarristen kommen schnell an ihre Leistungsgrenze.
Der zweite Aspekt ist, dass man durch geringeren Krafteinsatz schneller
spielen kann. Muskeln, die große Kräfte aufbieten müssen,
können das nicht sehr schnell hintereinander machen. Drittens:
Es ist günstiger, wenn man einen Bewegungsablauf zuerst in
einem langsamen Tempo „einprogrammiert“ und danach in
überschaubaren Segmenten das Tempo deutlich steigert. So wird
der Ablauf in einem schnellen Bewegungsprogramm gespeichert. Wir
wissen aus der Gehirnforschung, dass langsame und schnelle Bewegungen
in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns abgespeichert werden.
Die Bereiche überlappen sich zwar, sind aber nicht die gleichen.
Zuerst aber ist das langsame Einprogrammieren und die innere Vorstellung
wichtig.
Innere Vorstellung?
E. Altenmüller: Damit meine ich, dass man
sich den Vorgang, wie bei den Sportlern, mental klarmacht. Wir können
als Musiker von den Sportlern sehr viel lernen. Sportler müssen
mental üben. Ein Stabhochspringer kann nicht langsam üben:
er muss sich die Bewegungsabläufe Stück für Stück
mental erarbeiten.
Wie schnell
kann man seine Finger bewegen?
E. Altenmüller: Man hat Messungen gemacht,
und es gibt Menschen, die können bis zu zehnmal in der Sekunde
einen Finger anschlagen. Die meisten können dies fünf-
bis sechsmal in der Sekunde. Es hängt aber wie gesagt von der
generellen Schnelligkeit des Nervensystems eines Menschen ab.
Wie kommt
es dazu, dass Musikern, die nie Probleme mit der Hand hatten, plötzlich
die Finger versagen?
E. Altenmüller: Es gibt einfache Überlastungen.
Muskeln, die leicht schmerzen, verspannen sich immer mehr und versteifen.
Das kennt wahrscheinlich jeder, wenn die Muskeln nicht mehr genug
Sauerstoff bekommen. Das ist harmlos, man sollte aber dann erst
mal eine Pause machen. In anderen, seltenen Fällen gibt es
Störungen der Ansteuerprogramme einzelner Finger. Plötzlich
sind Bewegungen nicht mehr genau und koordiniert.
Wie behandeln
Sie das?
E. Altenmüller: Zunächst: so früh
wie möglich kommen, wenn so etwas bemerkt wird! Man sollte
die Übezeit reduzieren. Wichtig ist zu wissen, dass die Ursache
dieser Fehlbewegung nicht psychologisch ist, sondern an einer Fehlvernetzung
von Nervenzellen liegt. Psychologische Faktoren können das
jedoch beeinflussen. Also sollte man versuchen seine Angst abzubauen,
denn mit Angst und der daraus resultierenden körperlichen Verkrampfung
richtet man noch mehr Schaden an. Übertriebener Ehrgeiz ist
genau so wenig gut. Man sollte sich Stücke suchen, bei denen
es keine Probleme gibt, damit man noch Spaß am Spielen hat.
Es gibt ein Medikament, dass diese Fehlvernetzung lockern kann und
die Beweglichkeit erhöht. Die andere Möglichkeit ist,
dass man die krampfenden Muskeln durch eine Spritzenbehandlung mit
dem Wirkstoff Botulinum-Toxin lockert. Das ist jedoch ein langwieriger
Prozess und kann mehrere Jahre dauern.
Sie sagen:
die Psyche ist nicht der Grund, spielt aber immer mit...
E. Altenmüller: Unsere Theorie ist, dass Patienten
mit Bewegungsstörungen schon vor ihrer Erkrankung sehr viel
mehr Angst haben als Gesunde. Sie haben auch einen höheren
Perfektionsanspruch an sich selber. Stellen wir mal ein Szenario
auf. Ein wichtiger Konzertabend naht, und es kommt im Konzert zu
einer Fehlbewegung. Wenn das mit Angst passiert, frisst sich das
viel stärker im Gehirn ein, als wenn man einen Fehler gelassen
passieren lässt. Man sollte sich klar machen, dass Fehler absolut
normal sind. Vor allen Dingen sollten Lehrer ihre Schüler aufbauen
und nicht durch toten Perfektionismus nerven. Stücke immer
wieder und wieder zu üben bis sie total perfekt sind, und jede
Kleinigkeit zu kritisieren, das ist nicht sehr günstig.
Mein Eindruck ist, dass die Probleme zunehmen. Dass Musiker Probleme
mit Nervosität, Angst und Bewegungsstörungen haben, das
gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Gründe sind:
Hochvirtuosentum, Spezialisierung auf ein Instrument, Erschwerung
des Repertoires. Übrigens: in Sparten der improvisierenden
Musik wie Rock und Jazz ist das Problem lange nicht so stark wie
bei klassischer Musik, wo immer der Zwang besteht, einen ganz bestimmten
Notentext wiederzugeben.
Können
sie erklären, was ein „Blackout“ ist?
E. Altenmüller: Das ist eine Angstreaktion,
eine Reaktion des vegetativen Nervensystems. Eine soziale Phobie,
die Angst sich in der Öffentlichkeit zu blamieren. Dabei kommt
es zur Ausschüttung von Stresshormonen. Diese Hormone können
Gedächtnisstrukturen kurzzeitig ausschalten. Angst kann man
auch mit einer Fluchtreaktion gleichsetzen, bei der es darum geht,
so schnell wie möglich wegzukommen. Alles andere wird dann
ausgeblendet.
... mehr
dazu in Heft 6/03 ab Seite 118!
Herr Professor
Altenmüller, vielen Dank für dieses sehr interessante
Gespräch!
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