Musiker-Medizin
Prof. Eckhard Altenmüller
Von Ahmed El-Salamouny


Wie können wir ohne Nervosität ein Konzert spielen? Was könnten Gitarristen mit Sportlern gemeinsam haben? Warum haben fast alle Gitarristen Rückenschmerzen? Wieso können wir unsere Finger nicht so schnell bewegen wie Pianisten? Ist Gitarre wirklich das schwierigste aller Instrumente?
Prof. Altenmüller
Prof. E. Altenmüller

Diese Fragen stellten wir einmal nicht einem Gitarristen, sondern jemandem, der sich in vielen Dingen, die unser Instrument betreffen, vielleicht besser auskennt als wir selber.
Unser Interviewpartner, Prof. Altenmüller, leitet das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Sein Wartezimmer ist voll von Gitarristen, die mit den unterschiedlichsten Problemen zu ihm kommen. Unser Instrument mögen wir mehr oder weniger kennen, aber wissen wir, was im Körper und in der Psyche während des Musizierens vor sich geht? Es gibt jedenfalls erstaunliche Erkenntnisse im Bereich der Forschung.



Musiker-Medizin – das klingt so, als ob Musik krank macht?
E. Altenmüller: Musik kann krank machen, vor allem bei Überbelastung, ungünstigen Bewegungsabläufen oder starkem, beruflichem Stress. Es gibt eine amerikanische Studie aus den achtziger Jahren, bei der 4000 Musiker – vorwiegend Orchestermusiker – befragt worden sind. 60 % von ihnen litten unter Schmerzen oder hatten Probleme, die sie beim Spielen störten. Da erst, nachdem man festgestellt hatte, dass so viele Musiker Probleme haben, kam die Idee der Musiker-Medizin auf.

Haben Sie großen Zulauf in Ihrer Praxis? Sind darunter viele Gitarristen?
E. Altenmüller: Ja, viele Gitarristen kommen zu mir. Ich habe mich auch sehr mit dem Instrument auseinandergesetzt. Für mich ist es das schwierigste Instrument. Es ist dafür eine sehr komplizierte Feinmotorik in der rechten Hand notwendig. Die zeitlich-räumliche Präzision und die Klanggebung der linken Hand, sowie die polyphonen komplexen Griffverbindungen machen die Bewegungsabläufe hier noch komplizierter. Die sitzende Haltung ist nicht optimal. Viele Gitarristen beugen sich über die Gitarre. Beim Gebrauch der Fußbank kann man sich zu sehr abknicken. Manche nicht so geübte Spieler knicken das linke Handgelenk zu sehr ab. So kann es überdehnt und auch der mittlere Handnerv eingequetscht werden. Manche drücken den rechten Arm zu stark gegen die Gitarre und klemmen so den Ellennerv ein. Deswegen ist ein guter Unterricht gerade für Anfänger sehr wichtig, damit nicht von vornherein falsche Spieltechniken eingeübt werden. Eine relativ aufrechte Haltung mit einem geraden Rücken ist wichtig. Man sollte vom unteren Rücken aus seine Wirbelsäule stützen. Übermäßiger Kraftaufwand sollte vermieden werden, und vor allen Dingen sollte man die beiden Hände von einander unabhängig machen. Wenn man also einen anspruchsvollen Griff in den oberen Lagen spielt, sollte man nicht mit der rechten Hand auch noch Kraft aufwenden. Man soll sich beim Spielen immer wieder bewegen und in seiner Haltung flexibel sein. Viele bekommen Angst und glauben, das steife Sitzen gäbe ihnen Halt und Sicherheit. Wenn man dagegen den Körper in der Musik mitgehen lässt, ist das sowohl für die Haltung gut als auch für den Höreindruck. Psychologen haben herausgefunden, dass der visuelle Eindruck bis zu 50 % des Höreindrucks ausmacht! Wie bewegt sich der Musiker auf der Bühne, was für einen Gesichtsausdruck hat er? Der angstvolle und angespannte Blick auf die linke Hand wird vom Publikum sofort wahrgenommen.


Was ist Ihre Meinung zur Fußstütze?
E. Altenmüller: Es kann durch die unsymmetrische Haltung zu Verdrehungen und Verspannungen in der linken Seite des Rückens kommen. Die Gitarrenstützen bieten da einige Vorteile: die Haltung ist entspannter. Der Nachteil ist, dass es für den Zuhörer nicht so elegant aussehen mag, aber es ist in jedem Fall gesünder.

Sie sind Spezialist für Bewegungsabläufe. Können sie uns Gitarristen sagen, wie wir das schnelle Spiel trainieren können?
E. Altenmüller: Es gibt Menschen, die können nie wirklich schnell spielen. Das liegt zum Teil an der Geschwindigkeit mit der die Nervenzellen feuern. Man nimmt an, dass es eine Art angeborene Grundschnelligkeit gibt, die man nur geringfügig steigern kann. Bei manchen Instrumenten kann man durch andere Gelenke kompensieren, wenn man die Finger nicht so schnell bewegen kann. Beim Klavier durch Drehung des Handgelenkes. Bei der Gitarre ist das schwierig, weil man da sehr gut artikuliert einzelne Anschläge formen muss. Gitarristen kommen schnell an ihre Leistungsgrenze. Der zweite Aspekt ist, dass man durch geringeren Krafteinsatz schneller spielen kann. Muskeln, die große Kräfte aufbieten müssen, können das nicht sehr schnell hintereinander machen. Drittens: Es ist günstiger, wenn man einen Bewegungsablauf zuerst in einem langsamen Tempo „einprogrammiert“ und danach in überschaubaren Segmenten das Tempo deutlich steigert. So wird der Ablauf in einem schnellen Bewegungsprogramm gespeichert. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass langsame und schnelle Bewegungen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns abgespeichert werden. Die Bereiche überlappen sich zwar, sind aber nicht die gleichen. Zuerst aber ist das langsame Einprogrammieren und die innere Vorstellung wichtig.

Innere Vorstellung?
E. Altenmüller: Damit meine ich, dass man sich den Vorgang, wie bei den Sportlern, mental klarmacht. Wir können als Musiker von den Sportlern sehr viel lernen. Sportler müssen mental üben. Ein Stabhochspringer kann nicht langsam üben: er muss sich die Bewegungsabläufe Stück für Stück mental erarbeiten.

Wie schnell kann man seine Finger bewegen?
E. Altenmüller: Man hat Messungen gemacht, und es gibt Menschen, die können bis zu zehnmal in der Sekunde einen Finger anschlagen. Die meisten können dies fünf- bis sechsmal in der Sekunde. Es hängt aber wie gesagt von der generellen Schnelligkeit des Nervensystems eines Menschen ab.

Wie kommt es dazu, dass Musikern, die nie Probleme mit der Hand hatten, plötzlich die Finger versagen?
E. Altenmüller: Es gibt einfache Überlastungen. Muskeln, die leicht schmerzen, verspannen sich immer mehr und versteifen. Das kennt wahrscheinlich jeder, wenn die Muskeln nicht mehr genug Sauerstoff bekommen. Das ist harmlos, man sollte aber dann erst mal eine Pause machen. In anderen, seltenen Fällen gibt es Störungen der Ansteuerprogramme einzelner Finger. Plötzlich sind Bewegungen nicht mehr genau und koordiniert.

Wie behandeln Sie das?
E. Altenmüller: Zunächst: so früh wie möglich kommen, wenn so etwas bemerkt wird! Man sollte die Übezeit reduzieren. Wichtig ist zu wissen, dass die Ursache dieser Fehlbewegung nicht psychologisch ist, sondern an einer Fehlvernetzung von Nervenzellen liegt. Psychologische Faktoren können das jedoch beeinflussen. Also sollte man versuchen seine Angst abzubauen, denn mit Angst und der daraus resultierenden körperlichen Verkrampfung richtet man noch mehr Schaden an. Übertriebener Ehrgeiz ist genau so wenig gut. Man sollte sich Stücke suchen, bei denen es keine Probleme gibt, damit man noch Spaß am Spielen hat. Es gibt ein Medikament, dass diese Fehlvernetzung lockern kann und die Beweglichkeit erhöht. Die andere Möglichkeit ist, dass man die krampfenden Muskeln durch eine Spritzenbehandlung mit dem Wirkstoff Botulinum-Toxin lockert. Das ist jedoch ein langwieriger Prozess und kann mehrere Jahre dauern.

Sie sagen: die Psyche ist nicht der Grund, spielt aber immer mit...
E. Altenmüller: Unsere Theorie ist, dass Patienten mit Bewegungsstörungen schon vor ihrer Erkrankung sehr viel mehr Angst haben als Gesunde. Sie haben auch einen höheren Perfektionsanspruch an sich selber. Stellen wir mal ein Szenario auf. Ein wichtiger Konzertabend naht, und es kommt im Konzert zu einer Fehlbewegung. Wenn das mit Angst passiert, frisst sich das viel stärker im Gehirn ein, als wenn man einen Fehler gelassen passieren lässt. Man sollte sich klar machen, dass Fehler absolut normal sind. Vor allen Dingen sollten Lehrer ihre Schüler aufbauen und nicht durch toten Perfektionismus nerven. Stücke immer wieder und wieder zu üben bis sie total perfekt sind, und jede Kleinigkeit zu kritisieren, das ist nicht sehr günstig.
Mein Eindruck ist, dass die Probleme zunehmen. Dass Musiker Probleme mit Nervosität, Angst und Bewegungsstörungen haben, das gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Gründe sind: Hochvirtuosentum, Spezialisierung auf ein Instrument, Erschwerung des Repertoires. Übrigens: in Sparten der improvisierenden Musik wie Rock und Jazz ist das Problem lange nicht so stark wie bei klassischer Musik, wo immer der Zwang besteht, einen ganz bestimmten Notentext wiederzugeben.

Können sie erklären, was ein „Blackout“ ist?
E. Altenmüller: Das ist eine Angstreaktion, eine Reaktion des vegetativen Nervensystems. Eine soziale Phobie, die Angst sich in der Öffentlichkeit zu blamieren. Dabei kommt es zur Ausschüttung von Stresshormonen. Diese Hormone können Gedächtnisstrukturen kurzzeitig ausschalten. Angst kann man auch mit einer Fluchtreaktion gleichsetzen, bei der es darum geht, so schnell wie möglich wegzukommen. Alles andere wird dann ausgeblendet.

... mehr dazu in Heft 6/03 ab Seite 118!


Herr Professor Altenmüller, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!