Home-Recording für (Akustik-) Gitarristen

Von Andreas Schulz (Text und Fotos)

In der letzten Folge dieser Serie ging es um die Grundlagen der Aufnahme von Gesang. Dieses Thema werden wir vertiefen und weiteren in diesem Zusammenhang wichtigen Aspekten einen näheren Blick gönnen.

Bei kaum einer Studiodisziplin gibt es mehr Fallen und potentielle Fehlerquellen als bei Gesangsaufnahmen. Daher darf es nicht verwundern, wenn ein Schwerpunkt dieser Folge die technische Optimierung und das Aufzeigen möglicher Probleme ist.

Popp- und Windgeräusche

Bei bestimmten Konsonanten entsteht ein starker, fast explosionsartiger Luftstrom. Dagegen sind alle Mikrofone „allergisch“ und quittieren dies unwillig mit massiven Störgeräuschen und Verzerrungen, die entstehen, wenn die „Druckwelle“ auf die sensible Membran trifft. Machen Sie einen Versuch: sagen Sie langsam und deutlich das Alphabet auf und halten Sie die Hand in ca. 5 cm Entfernung vor den Mund. Schnell sind die kritischen Laute identifiziert: der schlimmste Übeltäter ist das P, gefolgt von B, F, K und T. Der Luftstrom geht dabei in unterschiedliche Richtungen, was die Wahl der besten Mikrofonposition zusätzlich erschwert. Die so entstehenden Störgeräusche nennt man Popp- bzw. Wind-Geräusche. Treffen sie ungehindert auf die Membran, sind brauchbare Aufnahmen unmöglich. Doch es gibt Abhilfe. Einfachste Maßnahme: man stülpt einen „Poppschutz“ über das Mikrofon, eine Art offenporige Schaumstoffkappe, die verhindert, dass der Luftstrom die Membran erreicht. Ein Nachteil dabei ist eine leichte Bedämpfung der hohen Frequenzen, so dass der Klang an Brillanz verliert. Da die Störgeräusche immer einen starken tieffrequenten Anteil haben, hilft auch eine Bass-Absenkung. Diese nimmt man entweder am Mischpult vor (Bässe behutsam absenken, ein parametrischer EQ begünstigt gezielten Zugriff auf Frequenzen unterhalb von 100 Hz), oder man verwendet ein Mikrofon, das ein eingebautes Low-Cut-Filter hat (heißt manchmal auch High-Pass-Filter). Gängige Werte sind hier bspw. eine Absenkung von 12 dB/Oktave unter 100 Hz. Der Klang der Stimme wird dabei nur wenig verfälscht, da ihr nutzbarer Frequenzbereich oberhalb von 100 Hz liegt. Mit Veränderungen des Mikrofonabstandes zu arbeiten, bringt aus technischen Gründen nicht besonders viel. Benutzt man ein Nahbesprechungsmikrofon, wird der Klang in einem Abstand von mehr als 8 bis 10 cm unbefriedigend. Gut ausgebildete Sänger beherrschen den richtigen Umgang mit dem Mikrofon, was die Probleme mildern kann. Ein erfahrener Vokalist wird auf korrekten und berechenbaren Mikrofonabstand achten und Explosiv- oder Zischlaute nicht unnötig überbetonen. Unbedingt vermeiden sollte man, das Mikrofon unterhalb des Mundes anzuordnen, da vor allem bei T-Lauten die Luft nach unten ausgestoßen wird. Die „ideale“ Lösung bei Verwendung empfindlicher und hochwertiger Mikrofone ist ein professioneller Popp-Schutz. Dieser besteht aus einem Ring, über den ein feiner Stoff gespannt ist. So werden alle Windgeräusche (und eine allzu „feuchte“ Aussprache) wirkungsvoll vom Mikrofon ferngehalten (bei Bedarf kann man zusätzlich mit dem Bass-Cut arbeiten). Angenehmer Nebeneffekt: ist der Popp-Schutz in passender Entfernung vom Mikrofon einmal befestigt, kann der Sänger nicht mehr näher an das Mikrofon herangehen und hat es leicht, seine Position verlässlich zu halten. Wenn Sie bestehende Gesangsaufnahmen einmal ausbessern müssen, indem Sie einzelne Phrasen oder sogar Worte neu einsingen, werden Sie bemerken, dass selbst kleine Positionsveränderungen hörbare Klangunterschiede zur Folge haben. Einen solchen Popp-Schutz kann man ab etwa 30,- € im Fachhandel kaufen. Empfehlung: ein Modell mit schwenkbarem Schwanenhals und integrierter Stativklemme. Der Durchmesser des Ringes sollte nicht kleiner als 10 cm sein.

Zischlaute und De-Esser

Ein Problem können auch übermäßig starke Zischlaute sein: die Übeltäter sind hier ‚S‘, ‚Sch‘ und ‚F‘. Hier kann eine Mikrofonposition leicht oberhalb des Mundes Abhilfe schaffen. Oft wird auch ein sogenannter „De-Esser“ verwendet. Dieses Effekt-Gerät ist ein Kompressor, der durch ein Filter in seiner Arbeitsweise gesteuert wird. Dieses Filter ist so eingestellt, dass nur hochfrequente Zischlaute registriert werden, der Rest des Nutzsignals kann ungehindert passieren. Der De-Esser regelt nun bei Zischlauten die Lautstärke kurzzeitig herunter (stellen Sie sich einen Lautstärkeregler vor, der bei Zischlauten wie von Geisterhand bewegt kurz nach unten „zuckt“ und danach sofort wieder die Ausgangsposition einnimmt). Nachteil: da nicht die Frequenz des Zischlautes selbst bearbeitet wird, sondern die Lautstärke einer ganzen Silbe, kann ein übertriebener Einsatz die Stimme deutlich verfremden. Der Sänger klingt gepresst und scheint zu lispeln. Vorsicht ist geboten bei Höhenanhebungen am EQ oder beim Einsatz eines Exciters. Was eigentlich zur Steigerung der Sprachverständlichkeit und Präsenz gedacht ist, kann unerwünschte Zischlaute verstärken.

Gesangs-Monitoring und Psychologie

Speziell für Sänger ist es wichtig, beim Einsingen einen perfekten Klang auf dem Kopfhörer zu haben. Apropos Kopfhörer: bei Verwendung hochsensibler Kondensatormikrofone sollte man zu geschlossenen Kopfhörer-Typen greifen, da man sonst mit Übersprechungen auf die Gesangsspur rechnen muss (so kann es bei offenen Hörern und hoher Lautstärke passieren, dass auf dem Vokal-Track permanent das Zischeln der HiHat aus dem Playback zu hören ist). Viele Sänger singen mit nur einer Kopfhörer-Muschel am Ohr ein, da sie ihre Stimme auf diese Weise besser kontrollieren können. Man sollte als „Toningenieur“ immer auf die Wünsche des Sängers eingehen und den für ihn optimalen Kopfhörermix erstellen. Ein Tipp: bei kraftvoll zu singenden Passagen den Gesang etwas leiser machen – der Sänger wird dann automatisch kräftiger singen. Bei Balladen oder besonders leisen, lyrischen Stellen den Gesang lauter auf den Kopfhörer geben – der Sänger kann dann entspannter und ohne „Druck“ singen. Auf dem Kopfhörer-Mix wird der Stimme immer auch ein Hallanteil beigemischt sein – völlig trocken würde es zu unnatürlich klingen. Unerfahrene Sänger neigen dazu, ein wenig zu viel Hall im Monitor einzufordern. Vorsicht: was sich beim Singen subjektiv angenehm anfühlen mag, kann die Qualität der Darbietung mindern, da sich der Sänger „zu sicher“ fühlt und Details des Vortrages aufgrund der überdimensionierten Hall-Wolke nicht mehr angemessen beurteilen kann.
Beim Gesang spielen Stimmung und mentale Verfassung des Sängers eine besondere Rolle. Ist der Vokalist motiviert und entspannt und fühlt er sich bestmöglich und konstruktiv unterstützt, wird das zum Gelingen einer ausdrucksstarken Aufnahme mehr beisteuern als teures Equipment. Man sollte daher eine relaxte Umgebung schaffen und vor allem bei unerfahrenen Sängern alles vermeiden, was zu Schüchternheit und Frust beitragen könnte. Auch Zeitdruck oder Hektik im Studio können eine Gesangsaufnahme zu einer angespannten und unbefriedigenden Angelegenheit machen. Ein Sänger ist auf Rückmeldungen mitunter stärker angewiesen als ein Instrumentalist. Bespricht man einen „Take“ (eine gerade gemachte Aufnahme), sollte man immer konstruktiv sein und den Sänger nicht mit Kritik überhäufen. Tipp: auch bei misslungenen Takes gelassen bleiben, ermunternde Worte finden und Verbesserungsvorschläge behutsam formulieren.


AKUSTIK GITARRE CD

Auf unserer Begleit-CD finden sich die folgenden Audio-Beispiele:
Bsp. 1: eine Sprachaufnahme mit einem dynamischen Gesangsmikrofon in optimalem Abstand
Bsp. 2: jetzt bei ca. 1 cm Abstand – deutlich ist der Nahbesprechungseffekt zu hören
Bsp. 3: mit ca. 25 cm Abstand
Bsp. 4: einige „üble“ Konsonanten, aufgenommen mit einem Kondensatormikrofon ohne jeden Windschutz
Bsp. 5: nun mit angemessenem Mikrofon-Abstand und professionellem Plopp-Schutz