Realist
Dirk Darmstädter


Ist es nun gut, schlecht oder eher peinlich, wenn man als Künstler mit Anspruch einen Artikel über sich ausgerechnet im Heftchen einer Fast-Food-Kette liest? Dirk Darmstädter, der gerade unter dem Pseudonym „Me And Cassity“ sein neues Album „Hope, With A Pain Chaser“ veröffentlichte, wundert sich eher. „Ich finde das bizarr, weil ich mich ja von den großen Strukturen verabschiedet habe und nun etwas über mich im Heft einer Firma lese, die für mich der Inbegriff des Corporate Business ist.“ Bei diesem Begriff schaudert es den Sänger, Songwriter und Gitarristen. Der erinnert ihn nämlich an seine ehemalige Plattenfirma. Und auf die ist er nicht gut zu sprechen. Die hat ihn nach seinem 1997er Solodebüt „Darmstädter - Cassity“ mangels Erfolg „gedroppt“. Ausgerechnet er, der Ende der Achtziger mit der Gitarren-Pop-Kapelle „Jeremy Days“ und „Brand New Toy“ einen veritablen Hit verbuchen konnte, bekam attestiert: „Deine Songs haben keine Eier!“

Neben einer Theaterrolle und einem TV-Gastspiel tingelte der Wahl-Hamburger danach durch die Clubs und arbeitete an seiner Unabhängigkeit. Vor anderthalb Jahren gründete er dann sein eigenes Label „Tapete Records“. „Da kümmern wir uns einerseits um Wiederveröffentlichungen von Alben, die wegen zu geringer Verkäufe von den Majors eingestampft werden. Andererseits wollen wir jungen Künstlern ein Forum bieten. Denn viele Bands, die eigenständige Musik machen, werden leider regelmäßig gegen die Wand gefahren.“ Klar, dass der 32-jährige Labelchef die eigenen Strukturen auch für die Produktion von „Hope, With A Pain Chaser“ nutzte: Eine One-Man-Show mit Unterstützung von Freunden, bei der am Ende dreizehn luftige Pop-Songs mit starker akustischer Färbung und schönen Harmonien herauskamen. Bei den Jeremy Days standen damals elektrische Gitarren im Vordergrund. Ursprünglich kommt Darmstädter aber aus der akustischen Ecke und nennt als Vorbilder „Singer-Songwriter, die mit Ausdruck Musik machen. Leute wie Bob Dylan. Akustische Gitarren spielen eine ganz zentrale Rolle in meiner Musik. Ich schreibe alles auf ihnen, bin ein typischer Plektrum-Spieler und liebe die Dicke und Weite einer akustischen Gitarre. Mich fasziniert bis heute, dass so eine Gitarre eine Einheit mit deinem Körper bildet. Du brauchst keinen Amp, kannst sie überall mit hinnehmen und als Songwriter arbeiten.“

Als Zehnjähriger begann er auf einer klassischen Nylon-String. Nach vielen Gitarren, die ihn in seinem Leben begleitet haben, ist inzwischen eine Takamine EN 20 sein Hauptinstrument, weil „auf der Bühne keine an sie heran kommt. Zumal ich diese Gitarre schon seit 17 Jahren spiele. Sie wird einfach immer besser und ist ziemlich perfekt für mich.“ Das zweite Instrument ist eine Fender „Katalina“, die er vor 15 Jahren in einem Hamburger Kaufhaus „für ganz kleines Geld“ erstand und die ihn heute „vornehmlich als Reisegitarre“ begleitet. „Die hat einen ganz eigenen Klang, ich benutze sie meist für Open Tunings.“
Im Studio setzt Darmstädter, der seine Instrumente mit Neumann und AKG Mikrofonen abnimmt, auf autarkes Arbeiten. Das hat auch Priorität, noch vor dem Erfolg. Der Realist: „Es würde mich schon überraschen, wenn ich morgen in den Top10 wäre. Außerdem hatte ich schon mal einen Hit. Das macht dich auch nicht zu einem glücklichen Menschen.“ Stefan Woldach