Greifbar
Martin Steelstring „00-17“
Von Gregor Hilden


„Musikalisch-warmes“ Klangbild: Martin „00-17“

Angesichts eines enormen Preissprunges bei hochwertigen US-amerikanischen Akustikgitarren kann man ja mittlerweile bereits erleichtert aufatmen, wenn man es – wie in diesem Fall – mit einem edlen neuen Geschöpf zu tun hat, welches im Laden für „nur“ knapp über 2000 Euro zu erstehen sein wird!

Die großen US-Firmen mit ihren stolzen Markennamen wissen natürlich was sie wert sind. Eine Gibson-, Taylor- oder Martin-Gitarre genießt hohes Ansehen, hat Prestige-Charakter und behält auf lange Zeit ihren Wert. Aber auch die Produktionskosten haben sich in den letzten Jahren enorm gesteigert. Folge: Die Preise, gerade für erlesene Stücke, haben sich bisweilen vervielfacht. Listenpreise für High-End-Gitarren zwischen 3- und 5000 Euro sind längst keine Seltenheit mehr. Und wer auf professionellem oder semiprofessionellem Niveau Musik machen möchte, will freilich auch mit einem Instrument spielen, welches für die „Arbeit“ optimale Bedingungen bietet.
Mit der neuen „00-17“ ist es Martin nun scheinbar gelungen, eine solche Gitarre zu entwickeln, die zum einen auch für den Normalverdiener erschwinglich ist, dabei aber größtmögliche Qualität – und eben auch den besagten „stolzen Namen“ zu bieten hat (für den, der darauf Wert legt...).


Konstruktion
Ein ähnliches, preisgünstiges Modell stellten wir bereits in unserer Ausgabe 6-99 vor. Im Gegensatz zu der ebenfalls komplett aus massivem Mahagoni gebauten „000-15“ erscheint unsere heutige Testkandidatin mit ihrem beeindruckenden High-Gloss-Finish (Hochglanzlackierung) und der mehrfachen Korpuseinfassung (Binding) sehr viel edler als die matt und dürftig dreinblickende kleine Schwester. Natürlich ist die Optik einer Gitarre letztlich Geschmacksache (und der Autor dieser Zeilen bekennt sich eindeutig zu hochglänzenden Varianten), aber dann gibt es auch noch so etwas wie eine „wertige Anmutung“. Über diesen Begriff bin ich erstmalig beim Überfliegen einer Auto-Fachzeitschrift gestolpert. Im Vergleichstest verschiedener Karossen wurden da nämlich nicht nur die messbaren Werte miteinander verglichen, sondern eben auch der subjektive Eindruck: wie wertvoll etwa ein Cockpit und ein Interieur erscheint bzw. „anmutet“. Und nach diesem kleinen Exkurs ist vielleicht nachvollziehbar, wenn nun an dieser Stelle gesagt wird, dass der erste Eindruck, den die neue 00-17 auf den Tester macht, sich in dieser Hinsicht um Welten von der günstigen 15er Version unterscheidet. In technischer Hinsicht sind die Unterschiede allerdings eher gering: Der beliebte „Grand Concert“-Body, eine Martin-Entwicklung aus den 30er Jahren, ist hier wiederzufinden. Eine Form die gerade in den letzten Jahren wieder enorm populär geworden ist. Passend zum eher zierlichen Korpus wurde auch der komplett einteilig gearbeitete Hals eher schlank, mit einem nur leicht angedeuteten V-Profil ausgerichtet, besitzt also deutlich weniger Masse als die fast schon klobigen Hälse der Martin „Vintage-Serie“. Ein kräftiges Ebenholzgriffbrett mitsamt mittelstarker „Vintage“ Bundstäbchen (im Gegensatz zu Jumbo-Bundstäbchen deutlich schmaler und weniger hoch) findet auf dem rückseitig seidenmatt lackierten Hals Platz, und als hätte man unsere Kritik an den etwas „ruckeligen“ No-Name-Mechaniken im Testbericht zur 000-15 ernst genommen, finden sich heute erstklassige vergoldete Schaller-Typen inklusive Martin-Prägung an der mit Palisander furnierten Kopfplatte. Und: nichts „ruckelt“ mehr... die Gitarre lässt sich geschmeidig stimmen. „Perfekt“ könnte man zu diesem Konzept sagen – allerdings gibt es doch noch einen kleinen (relativ schnell zu behebenden) Minuspunkt zu vermelden: Die Saiten-Befestigungsstecker schauen mit fast 1 Zentimeter viel zu weit aus der Ebenholzbrücke heraus, was nicht nur ein optischer Makel ist, sondern vor allem Dämpftechniken mit dem Handballen der rechten Hand deutlich erschwert. Abhilfe kann da ein Fachmann verschaffen, der entweder die Stecker austauscht oder aber die Führungen in der Brücke verbreitert. Besser wäre es natürlich, die Pins würden gleich ab Werk vernünftig eingearbeitet sein... Dies würde im übrigen zu der ansonsten perfekten Verarbeitung der Gitarre auch deutlich besser passen.

Spielbarkeit & Klang

Einer der bekanntesten Fans dieser Martin-Gitarrenform ist Eric Clapton. Und es liegt die Vermutung nahe, dass für ihn als E-Gitarristen und Blueser das bequeme Handling dieser handlichen Größe des Bodys ausschlaggebend war. Der Korpus schmiegt sich elegant auf dem Schoß des Gitarristen, und so ist auch dieses Modell empfehlenswert für Musiker - oder gerade auch Musikerinnen - die nicht mit langem Arm um eine dickbauchige Steelstring fassen wollen. E-Gitarristen werden zudem den moderat geformten Hals zu schätzen wissen, der in seiner Form und der mittleren Breite dem einer Gibson „Les Paul“ durchaus nahe kommt. Wie sich die Gitarre allerdings im Stehen spielt, kann ich leider nicht beurteilen – der zweite Gurtpin am Halsfuß ist nämlich leider mal wieder nicht serienmäßig vorgesehen, sondern muss bei Bedarf nachträglich (vom Fachmann) montiert werden. Bis auf die störenden Stecker ist die Martin 00-17 im Sitzen gespielt allerdings ein Traum an Spielkomfort und Handling. Der geschickt geformte Hals, die geringen Maße der Gitarre und die schönen Vintage-Bünde mit ihrer sauberen Einarbeitung, wie auch die nicht allzu hohe Saitenlage bringen von der ersten Minute an, in der man diese Gitarre spielt, ein harmonisches Gefühl, was sich akustisch dann auch direkt in einem flüssig-leichten Spiel äußert.
Gitarristen, die bislang vornehmlich auf Gitarren mit den Standard-Holzkombinationen Palisander/Fichte gespielt haben, werden dann den ausgesprochen warmen Klangcharakter zur Kenntnis nehmen, den ein solches „All-Mahogany“-Instrument bietet. Die strahlenden Höhen, die etwa eine OM-28 bietet, sind bei der 00-17 nicht in dem Maße vorhanden, womit aber vor allem auch eine gewisse Aufdringlichkeit dieses Registers vermieden wird. Selbstverständlich bietet die 00-17 auch ihre gute Portion kraftvoller Höhenanteile, nur erscheinen sie hier etwas natürlicher. Für Gitarristen die dem Blues frönen, oder aber auch Fingerstylisten die solo konzertieren, dürfte diese Abstimmung sehr „musikalisch“ erscheinen; eine dezente, ausgewogene Spielweise wird mit diesem Klangcharakter unterstützt, es finden sich im Klangbild keinerlei grelle Färbungen wieder. Dennoch ist es möglich, die Noten mit der nötigen Kraft in Schwingung zu bringen, um dem Spiel dynamischen Ausdruck zu verleihen, was von größter Wichtigkeit ist! Bässe und Mitten verhalten sich bei dieser Gitarre ähnlich gut konturiert und abgestimmt – insbesondere für konzertante Spieltechniken. Ein Sänger, der sich in der Fußgängerzone „unplugged“ Gehör verschaffen möchte, sollte sich hingegen eher einem Dreadnought-Modell zuwenden, das sicherlich mehr Grundlautstärke bietet, dann aber auch nicht mit den speziellen Feinheiten dieses Konzeptes aufwarten kann (und muss).

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6-02