Dieter Fischer
„Lieber weniger Kapriolen“


Anno 2000 wird bei dem Jazzlabel Jardis ein Debütalbum veröffentlicht: „Trio Music“ – ein Ritterschlag für den Gitarristen Dieter Fischer. Sensibel, zart, asketisch: Was den 38jährigen menschlich charakterisiert, kennzeichnet auch seine Musik.

Musikalische Sozialisation
Dabei begann das Leben des „Vorort-Stuttgarters“, der in Neuhausen „am Rand der Startbahn“ mit Frau und zwei Kindern lebt, so ungewöhnlich, wie er selbst sich jedem Klischee einer „geordneten“ Musiker-Biografie entzieht: auf der „Handwerker-Laufbahn“. „Das ist so unterer Mittelstand, aus dem ich komme“, schwäbelt er verbindlich. Und unverständlich ist, dass sein Weg zum gestandenen Jazzgitarristen einer aus Widerständen, Opfer- und Entbehrungsbereitschaft war. „Mein Vater war Werkzeugmacher, meine Mutter Hausfrau und Schneiderin.“ Hauptschule, abgebrochene Elektroinstallateurslehre, Gärtnerlehre und ein Jahr Gärtner. Dann ist der Twen ein halbes Jahr arbeitslos. Und nutzt die Zeit, um sehr viel Gitarre zu üben...
Zehn war er, elf, als er statt der kleinen Marschtrommel, die er sich wünscht weil die Neuhäuser Bürgerwehr sie so imposant schlägt, eine Gitarre bekommt. Mit der meldet er sich an der Jugendmusikschule an, wo er klassischen Unterricht erhält, „bis Heinz Teuchert Band 1“. Der Teenager hört auf, hört nun doch lieber „Rainbow“ und „Black Sabbath“. Und entdeckt Frank Zappa, „meinen ständigen Wegbegleiter“ bis heute und Türöffner zum Jazz. Der erste Jazzgitarrist, den er bewusst hört, ist Doug Raney; aber er hört nun auch Klavier, Saxofon und anderes. „Das war alles mehr ein Suchen, ein Alles-mal-Ausprobieren.“

Jobs
Ein Gitarren-Purist ist er nicht und arbeitet doch hart am Instrument. Langsam ersetzt die Musik die Gelegenheitsjobs als Gärtner, und dann stellt er überrascht fest, „dass ich mit der Musik fast mehr verdiente als mit den Jobs.“.
Irgendwann anfangs der Achtziger spielt er erstmals fest mit anderen Musikern zusammen, und bald gibt es eine erste Band, die an „Jugend jazzt“ teilnimmt, zwar keinen Preis einheimst, aber doch schon „richtige eigene Kompositionen“ spielt, Jazzrock, denn der sei leichter zu spielen gewesen als Jazz. Und dann taucht Dieter erstmals im Stuttgarter Jugendhaus auf, wo einmal monatlich Sessions stattfinden. „Ich wurde herzlich aufgenommen“, erinnert er sich, „und von da aus ging es dann nach und nach in die Stuttgarter Szene hinein.“ Die Arbeit mit dem Instrument allerdings bleibt „total unsystematisch“, so lange, bis ihn ein völlig neuer Ehrgeiz packt: Er will an die Hochschule, an der er aber ohne Notenkenntnisse keine Chance hat. „Und so hab' ich mich richtig zusammengerissen und gelernt vom Blatt zu spielen“, widerwillig, denn bis dahin war er „ein nahezu militanter Ablehner aller Musiktheorie“. Bloß nichts Akademisches! In dem Milieu, aus dem er stammt, „lernt man, so was abzulehnen.“ Aber nun geht es nicht anders, und dass er sich sorgt, die Freunde könnten ihm verloren gehen, ist der eine Grund; der zweite ist, dass er allzu gern selbst an der Hochschule unterrichten möchte. „Mir war vieles klar. Aber ich konnte es nicht artikulieren.“

Ordnung
Nun selbst Student, hat Dieter im Fach Harmonielehre reihenweise Aha-Erlebnisse. „Ich hatte es in mir, aber es hatte keine Gestalt. Ich hab' das dann einfach alles geordnet. Und am Ende hat es sich dann ja doch zusammengesetzt.“ Vier Jahre später ist er diplomiert: „Das nützt ja nicht nur dem eigenen Unterrichten. Das bringt ja wirklich was!“ Leicht aber tut er sich nicht; denn „wenn man zwanzig Jahre keine Bücher gelesen und kein Abi hat, dann sitzt man da und es fällt einem enorm schwer. Aber ich hatte den Willen, das abzuschließen.“ Alle Parameter seien dank des Studiums „auf ein Level“ gerückt, bilanziert er. „Es wurde alles glatter, geschmeidiger. Aber es wurde auch akademischer.“
Und natürlich macht der Student Musik. Vorm Studium hat er schon von der Musik gelebt und gelernt, Kompromisse zu machen, mit Tanzmusik, mit Gospelchor, „aber das ist mir nie schwer gefallen, denn ich hatte ja immer den Vergleich zu meiner Gärtner-Zeit. Da stehst du von morgens bis abends, machst einen Job für elf Mark die Stunde, der dich langweilt, und abends bist du platt. Was spricht dagegen, Tanzmusik zu machen, für hundert Mark?“

Sounds
Jemand mit seiner Biografie erfährt auch stilistische Entwicklungen anders als die chronisch sorglose Mehrheit, die irgendwann fasziniert entdeckt, was alles man mit einem Jazzstück machen, „wie schnell und wie lang man es spielen kann.“ Rasch überwindet er die Circe der Großen Jazz-Freiheit: „Ich glaube, dass es bei immer langsamer, immer kürzer, immer weniger wurde. Es ging immer weiter zurück, zurück zu: Kabel, Verstärker, Gitarre“, obwohl er die Sounds der Scofield, Metheny und Stern schon sehr begehrenswert findet, Anfang '90. Er probiert herum, aber auch aufwendigstes Equipment hilft ihm nicht; er bekommt die Sounds nicht hin, ist enttäuscht, aber nur so lange, bis er zufällig in einem Musikgeschäft das Instrument entdeckt, das seinen weiteren Weg entscheidend bestimmen wird – eine Gibson ES-175D. Da ist er 30, und er kauft die Gitarre „einfach, weil sie mir gefallen hat“. Es bedarf dann doch mehrerer Jahre, bis der 335-Spieler den Zugang zu dem neuen Instrument findet. Als er ihn hat, ist er „Mainstreamer“: „Durch die 175 kam ich zum Jazz der klassischen Moderne. Also nicht ich hab' das bestimmt, sondern die Gitarre.“ Und nun weiß er auch: „Die zu spielen, das ist so was Klares, da kann man gar nicht schummeln. Da muss einem was einfallen, da muss man einfach genau spielen. Und darauf achten, dass es gut klingt. Ich werde auch immer langsamer, immer archaischer.“ Für den Klang sorgt bei Dieter („ich bin weg von Polytone“) mittlerweile ein grundsolider Röhren-Fender mit 40 Watt. Und, fast schon gleichauf mit der ES-175, eine L-7, Baujahr 1948, mit Pickup. „Sie hat zwar die große Mensur, mit der ich nie zurechtkam, aber die läuft für mich besser als die 175. Die reagiert halt anders und hat auch eher diesen Grant-Green-Sound.“ Tatsächlich wird sein Spiel ruhiger, essentieller, auf „Inside“ beschränkt, und er ändert seinen Anschlag, „nicht mehr so weit hinten, weiter vorne, so dass ich jetzt wirklich richtig am Drücken bin. Und was die Saiten angeht: Unter 0.13ern läuft gar nichts mehr.“

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6-02