Editorial 6 - 02

Ansichtssachen

Unterschiedlicher könnten die Aussagen kaum sein, die in dieser Ausgabe von zwei renommierten Gitarristen in ihren Interviews festgehalten wurden. Da ist die fast schon höhnische Aussage des Ausnahme-Technikers Al Di Meola, der den Standpunkt vertritt, dass ein Gitarrist doch meist nur von seiner eigenen schlechten Spieltechnik ablenken möchte, wenn er die Meinung vertritt, dass Attribute wie „Feeling“, Emotion und Ausdruck in der künstlerischen Performance weit über einer ausgebildeten und trainierten Spielweise stünden. Unser „progressiver Veteran“ Artie Traum hält es dagegen mit den alten Bluesern: „Das Entscheidende an guter Musik ist, dass durch sie die Persönlichkeit des Spielers erkennbar wird. Gerade traditionsbewusste Musik vermeidet eine Überbetonung der Spieltechnik. Die Abbildung persönlicher Emotionen des Musikers ist wichtiger als reine, wenn auch beeindruckende Technik“.
Und wer gewinnt nun das große Ansichtssachen-Duell im Rahmen des vom Magazin-Master streng gleichmäßig verteilten Zeilen-Kontos... Wohl keiner von beiden!

Sie aber, als Leser von AKUSTIK GITARRE, können sich anhand der prägnanten Aussagen vieler Weltklasse-Musiker auch in diesem Heft nicht nur mit interessanten Thesen beschäftigen, sondern auch aus vielen Ansichten, Teil-Aspekten, Details und Selbstzeugnissen der Musiker eine Menge wichtiger Bausteine für ihren eigenen Stil adaptieren. Es sind oftmals Aussagen und Standpunkte, mit denen sich das eigene Spiel reflektieren lässt, und mit denen sich letztlich auch individuelle Meinungen deutlicher herausbilden lassen.

Nur eines müssen Sie bei uns nicht: Ihre Stimme nur für eine der Parteien abgeben. Lassen Sie sich von den unterschiedlichen Sichtweisen inspirieren und versuchen Sie, mit Hilfe der vielen gesammelten Erfahrungen der Szene-Größen, vielleicht Ihren persönlichen Mittelweg zu finden. Auf diese Weise, nämlich durch die genreübergreifende Beschäftigung, durch die Verschmelzung der unterschiedlichen Ansätze - und damit verbunden auch durch die eigene künstlerischen Beeinflussung, sind jedenfalls schon eine Menge Gitarristen zu musikalischer Reife gelangt.

In diesem Sinne, viel Spaß mit dieser Ausgabe wünscht

Gregor Hilden