In Concert

Sarah K. & Chris Jones; Bonn, Harmonie

Im Zeitalter der geklonten Pop-Engelchen eine würdevoll reifende blonde Frau zu sehen, die konzentriert, ohne Showattitüde und ohne technischen Overkill musiziert, hat etwas ermutigend Natürliches. Ähnliches lässt sich auch von ihrer live dargebotenen Musik sagen: Selten ist es geworden, dieses selbstverständliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, ein Publikum zwei Stunden lang mit geringem Bühnenaufgebot zu fesseln.

Eins von Sara K.s Mitteln ist dabei (von Strategie zu sprechen, wäre unpassend, da die Musik und die ganze Art, sie vorzutragen, ganz natürlich aus ihr heraus zu fließen scheint) eben die strikte Beschränkung des Aufwands bis an die Grenze des Minimalismus – eine Neigung, die sich auch im Spiel äußert. Die viersaitige Gitarre, eine Besonderheit, deren Vorzug sich erst bei analytischem Hören erschließt, die mehr im Bass-Register wirkt, sie bedient sie sparsam, etwas linkisch und zurückhaltend, ja fast scheu; es entstehen fast rudimentäre Schlag- oder Zupfmuster, mehr spröde Skizzen von Harmonien und Grooves, Andeutungen von Songs. Diese trockene Ökonomie ihrer Instrumentalarbeit steht in einem geschmackvollen Kontrast zu Sara K.s fast opulentem Gesang: Immer wieder modulierend, Töne dehnend, Phrasen hinauszögernd oder in die Länge ziehend, mit leichtem Vibrato, zwischen Blues-Feeling und Folk-Feenhaftigkeit changierend, deutet sie Wortspiele aus, malt die Bilder ihrer gefühlvollen Songpoesie mit Lippen, Zunge und Kehle aus und verleiht den Worten damit eine Tiefe, die der in CD-Booklets abgedruckte Songtext beim bloßen Lesen kaum vermittelt.
Ihre Gitarrenarbeit lässt somit Raum für weitere Begleiter, und zum Glück hat sie solche von hoher Qualität auch immer gefunden. Auf dieser Tournee (und ihrer neuen CD-Produktion „Water Falls“) ist es Chris Jones, der auf der Bühne erzählt, wie ein einziger Song von Sara K. ihn zum Fan gemacht hat – aber ist es wirklich allein die Qualität der Songs, die soviel ausmacht? Man kann sich kaum vorstellen, dass diese Stücke in einer anderen Instrumentierung, mit einer anderen Stimme vorgetragen diese Kraft noch entwickeln würden. Wie auch immer - Chris Jones erweist sich als exzellenter Gegenpol zu der Sängerin. Ein Chamäleon an der Gitarre, das einem Song anscheinend jede Farbe geben kann, die gerade gefragt ist oder die er sich darunter vorstellt. Ein Mann, der sich in die Musik hineindenkt und alles umsetzt, was verlangt wird. Seine Arrangements und sein unglaublich einfühlsames Spiel geben dem jeweiligen Song ein funkelndes Leben, und die vielen Zwischentöne zwischen krachender, treibender Energie, rockig aufgerautem Folk, dem Blues in vielen Schattierungen und Grooves oder einfach nur wunderschönem, punktgenau arrangiertem, kein bisschen naivem und kitschigem Folk machen jeden Augenblick zum Erlebnis. Zudem ist er in lockerer Interaktion mit seiner Arbeitgeberin ein unaufdringlicher Entertainer, eine kabarettistische Naturbegabung, die jeden Anflug von prätentiöser oder weltfremder Schöngeistigkeit im Keim erstickt. Der Zwischenruf eines Zuhörers bringt ihn einmal auf die Archies (eigentlich längst verdrängte Vertreter eines längst verdrängten Kaugummi-Pop anno 1969), und schont dudelt er auf seiner Gitarre das klebrige Fill-in von deren „Sugar, Sugar“, um sich gleich darauf wie ein reuiger Sünder kleinlaut zu geißeln: „It was the devil that made me do it.“
Wenn auch Sara K.s Songs jeweils der allerletzte Tick an lyrischer und musikalischer Brillanz fehlt (etwa unvergessliche Melodien und Refrains), um in die absolute Top-Riege der Liederkünstler zu gelangen, so reichten doch ihre Stimme, ihre herzliche Ausstrahlung, ihr Mut den eigenen Weg zu gehen sowie der phänomenale Chris Jones als Begleiter allemal, um in Bonn Hunderten von Zuhörern einen ziemlich unvergesslichen Abend zu bereiten. Michael Lohr