Anders
Scorpions - Acoustica
Von Andreas Schulz


Rudolf Schenker und Klaus Meine sind stolz. In Madrid wurde eine Strasse neu benannt: "Calle de Scorpions". Meine und Schenker sind das Herz der "Scorpions", die auf ihrem aktuellen Album "Acoustica" ihr Faible für akustische Instrumente entdeckt haben.

Die Hannoveraner Gruppe "Scorpions" ist die erfolgreichste Rockband Deutschlands - und eine der wenigen deutschen Formationen, die einen internationalen Erfolg vorweisen kann. Die Geschichte der Band ist geprägt von Superlativen. Die Gründung datiert ins Jahr 1965. Das Debüt "Lonesome Crow" erscheint 1972. Die 70er Jahre sind geprägt von unzähligen Auftritten und insgesamt sieben Alben, die den Grundstein für den beachtlichen internationalen Erfolg legen. Rudolf Schenker (Gitarre) und Klaus Meine (Gesang) etablieren sich als kreatives Songwriting-Team, was sich bis heute nicht geändert hat. In den 80er Jahren sind die "Scorpions" weltweit auf allen großen Festivals als Headliner präsent und entfesseln gigantische Bühnen- und Licht-Shows. Sie genießen als "Hard-Rock-Heroen" fast schon Kult-Status. Bereits 1986 spielen sie jenseits des damals noch existierenden Eisernen Vorhangs in Budapest. Es folgen Konzerte in Leningrad und Moskau. Die Ballade "Wind Of Change" wird zur Hymne des politischen Wandels Ende der 80er. Es folgen personelle Umbesetzungen, weitere erfolgreiche Produktionen und ausgedehnte Tourneen rund um den Globus. Zusammen mit dem Dirigenten Christian Kolonovits werden erste Crossover-Projekte realisiert - für die Hard-Rocker ein Ausflug in Richtung Experimentierfreudigkeit. Bisher letzter Punkt der "Scorpions"-Geschichte: das Live-Album "Acoustica", aufgenommen in einem portugiesischen Kloster und weitgehend akustisch instrumentiert.

"Wir waren schon lange einem sanften Druck seitens der Plattenfirmen und der Fans ausgesetzt, endlich ein akustisches Album zu veröffentlichen. Dieses Format kennt man unter dem Motto ‚Unplugged' ja zur Genüge. In Scorpions-Konzerten gab es immer schon akustische Momente, und nach einem philharmonischen Projekt mit Christian Kolonovits war die Zeit reif für eine Akustik-Aufnahme," beschreibt Klaus Meine die Entstehungsgeschichte von "Acoustica".

"Das Ganze hat dann mehr Spaß gemacht, als wir selbst je geglaubt hätten. Realisiert wurde es in einem ehemaligen Kloster in Lissabon, einer spannenden Location, wo wir in intimem Rahmen vor etwa 800 Leuten spielen konnten. So wurde die CD und eine DVD mit Konzertaufnahmen produziert." Selbst nach über 30 Jahren im Rock-Business war die erweiterte Besetzung mit zwölf Musikern und der gänzlich neugestaltete musikalische Rahmen für viele bekannte Songs eine erfrischende und inspirierende Erfahrung. "Für uns wäre es langweilig gewesen, die Stücke einfach nur in neuem Sound nachzuspielen. Wir passten alle Arrangements an die neue klangliche Situation an. Wir wollten das Publikum überraschen und selbst eine Menge Spaß haben. Ich denke, wir haben die neuen Möglichkeiten bestens ausgeschöpft," erklärt Rudolf Schenker.

Die alten Songs machten eine Entwicklung durch, und als der kreative Prozess erst einmal in Bewegung war, herrschte keinerlei Ideenmangel mehr. Zwei komplett neue Songs wurden sogar am Tag vor den Aufnahmen noch schnell im Hotelzimmer eingeprobt - eine Erfahrung, die Schenker an seine Anfänge des Musikmachens erinnerte, an spontane Sessions mit hohem Improvisationsanteil. Für "Acoustica" wurde die Scorpions-Besetzung kräftig erweitert. Außer dem bereits erwähnten Christian Kolonovits an den Keyboards spielte der Holländer Johan Daansen eine zusätzliche Gitarre, um den Lead-Gitarristen Matthias Jabs zu entlasten. Außerdem dabei: Perkussion, Cello und drei Backing-Sängerinnen. Klaus Meine beschreibt diese Produktion als ein Zurückfinden zu den eigenen musikalischen Wurzeln und betont, dass diese CD, selbst nach allen Höhen und Tiefen einer 30-jährigen Karriere, ungemein bereichernd gewirkt habe.

Neue Erfahrungen - das ist der Ausdruck, den Schenker und Meine im Interview immer wieder gebrauchen und der wohl am besten ihre persönlichen Eindrücke zusammenfasst. Der Ausblick für die Zukunft sieht allerdings wieder ein härteres Rock-Album vor, das von den Fans vehement eingefordert wird. Die Scorpions wollen klarstellen, dass sie noch nicht "im Schaukelstuhl" musizieren und ihren Biss keineswegs verloren haben.


Hören wir ein wenig in die Acoustica-CD hinein. "The Zoo" kommt in mächtigem Shuffle-Groove, die überschwänglichen Reaktionen der Fans sind mit Raummikrofonen deutlich hörbar eingeblendet. Die Rhythmusgruppe mit Drummer James Kottak und Bassist Ralph Riekermann spielt keineswegs mit unplugged-üblicher Zurückhaltung, sondern drückt kräftig aufs Gaspedal. Bei den Gitarren-Arrangements der ruhigeren Songs werden Strumming-Parts mit gezupften Passagen kombiniert. Dazwischen gibt es immer wieder Gitarrensoli, die eher in die songdienliche als in die virtuose Ecke zielen. Mit geschmackvollen Keyboardsounds, schönen Cello-Einsätzen und sauberen Chören wird die "Drei-Gitarren-Besetzung" wirkungsvoll unterstützt. Etwas fragwürdig ist die Version von "Dust In The Wind", weniger wegen ihrer musikalischen Umsetzung, sondern ihrer schieren Anwesenheit auf einer Scorpions-CD. Gleiches könnte man auch für "Love Of My Life" konstatieren - ein Song, der mit Freddie Mercury assoziiert wird. Unverzichtbar sind dagegen Hits wie "Wind Of Change" oder "Still Loving You". Musikalisch ist "Acoustica" sicher keine Offenbarung, die das Unplugged-Genre revolutionieren könnte. Dass der ausschließliche Gebrauch akustischer Gitarren für die Hard-Rocker aus Hannover eine neue Erfahrung ist, ist dagegen absolut glaubhaft. Das Gute daran: die Scorpions-Songs funktionieren und kommen auch in diesem neuen Klanggewand überzeugend daher. Auf der CD sind neben drei Cover-Versionen auch drei weitere komplett neue Scorpions-Songs verewigt.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6 / 2001