All-round
Gibson "J-45 Rosewood Deluxe"
Von Gregor Hilden


Wenn man von der typischen "Dreadnought"-Steelstring spricht, fällt einem normalerweise zunächst das Martin "Schlachtschiff" ein! Ein anderes Original kommt ebenfalls aus den USA: die Gibson J-45 - die sogenannte "Roundshoulder-Dreadnought".

Einen echten "Klassiker" haben wir hier vor uns: Das Modell J-45 wurde in seiner Ursprungsversion erstmals bereits 1942 vorgestellt; es war die Antwort von Gibson auf die ungeheuer populär gewordene D-Form von Martin. Und natürlich war man sich bei diesem renommierten Hersteller zu schade, einfach ein bestehendes, erfolgreiches Design profan "abzukupfern" - die grundlegende Modifikation zeigt sich bei der Gibson-Variante wohl in der Abrundung der vorderen Korpusfront - und als "Roundshoulder" sollte diese Gitarre künftig ihren besonderen Platz in der Instrumentenhistorie erhalten!

Konzept
Unzählige Male wurde im Laufe der Zeit die J-45 mit immer wieder neuen Modifikationen versehen: der ursprünglich aus Mahagoni gefertigte 16-Zoll-Korpus musste für kurze Zeit einem solchen aus Ahorn weichen, mit dem Bridge-Design wurde ausgiebig experimentiert, und immer wieder sollte dieses Modell später als Grundlage für aufwendig verzierte Custom-Shop-Schönheiten dienen.
Mit den jüngsten Ausführungen haben sich die Gibson-Gitarrenbauer jetzt wieder an dem klassischen Vorbild orientiert. Ein detailgetreues Remake des Ursprungsmodells wurde aufgelegt - und mit dem vorliegenden Modell "J-45 Rosewood Deluxe" eine weitere Variante, die zwar ebenso auf der klassischen Vorlage basiert, dennoch aber in einigen wichtigen Punkten noch mehr auf die Erwartungen und


Bedürfnisse heutiger Gitarristen abgestimmt ist. So besteht der Body dieser J-45 - wie der Name schon verrät - aus massivem Palisander (Rosewood), eine ebenfalls massive Fichtendecke schwingt auf den Zargen, und der Mahagonihals trägt ein Ebenholzgriffbrett mit dezenten Dot-Einlagen. Wie man es von einem Instrument in dieser Preisklasse erwarten sollte, ist der Hals aus einem Stück Mahagoni gefertigt. Wie in guten alten "Vintage"-Tagen wird die Schwalbenschwanz-Hals-Korpusverbindung mit heißem Knochenleim fixiert, dabei ist dieser Übergang wunderbar schlank gehalten, was das Spiel in den hohen Lagen deutlich vereinfacht. Anstelle der offenen und einfachen "Vintage"-Mechaniken der Basis-Version sind dem Testmodell leichtgängige, verkapselte Grover-Mechaniken in güldener Ausführung spendiert worden, und - fast unsichtbar, nur am Klinkeneingangs-Gurtpin zu erkennen - beherbergt der Steg einen dezenten Fishman-Bridge-Pickup ("Thinline"-Modell). Die zur Spannungsversorgung gehörige Batterie ist am Hals-Unterklotz angebracht und lässt sich mit einem Griff in das Schallloch mühelos erreichen. Das gesamte, hochglänzend lackierte Instrument ist herausragend gut verarbeitet und präsentiert sich in einem edlen Understatement-Design - lediglich der Korpus ist an der Oberkante mit einem vierlagigen Kunststoffbinding versehen, am Boden findet sich eine einfache Einfassung und die Schalllochrosette ist ebenfalls elegant schmal gehalten.


Bespielbarkeit/Klang

Beim ersten Spielen dieser Gitarre wird sofort klar, warum dieses Konzept auch fast 60 Jahre nach seiner Einführung immer noch top-aktuell ist: Man spielt eine Steelstring-Gitarre, die einerseits nicht die wuchtige Ausgeladenheit einer herkömmlichen Dreadnought besitzt, aber dennoch mit einem größeren Klangvolumen ertönt als man es beispielsweise von einer OM kennt. Gibson hat dieses Konzept mit dieser aktuellen Version weiter verfeinert, indem nicht nur die gesamte Gitarre erfreulich leicht gebaut ist, sondern auch die Halsdimension trotz einer moderaten Breite angenehm flach gehalten ist. Ein ideales Konzept für alle modernen Spielweisen. Sowohl Picking-Techniken als auch Akkordbegleitungen oder solistische Improvisationen lassen sich mühelos realisieren. An der Gitarre ist nichts "sperriges", sie fügt sich in die Hände des Gitarristen wie ein Instrument, das man schon lange zu kennen glaubt. Entsprechend vielseitig ist der Klang der J-45 Rosewood Deluxe: Einerseits vollmundig breit, mit tiefen, warmen Bässen, anderseits mit einem enorm spritzigen Obertonverhalten. Diese "glänzenden" Höhen bestimmen den Grundcharakter der Gitarre, selbst einige Stunden gespielte Saiten klingen hier brillant und durchsetzungsfreudig - aber dennoch nicht aufdringlich. Der Güte der verwendeten Materialien und der aufwändigen handbearbeiteten X-Deckenbeleistung ist es wohl auch zu verdanken, dass der Ton dieser Gibson mit souveräner Kraft und mit großem dynamischem Potential erklingt. Diese Charaktereigenschaften werden auch mittels des eingebauten Pickups sauber übertragen. Regelmöglichkeiten sind am Instrument allerdings nicht vorhanden, was bei dieser Gitarre aber auch angemessen ist - eine zigarettenschachtel-große Fräsung in der Zarge wäre nun wirklich ein Sakrileg! Klangeinstellungen müssen somit am Verstärker oder an der Gesangsanlage bzw. der PA vorgenommen werden. Eine clevere weitere Möglichkeit besteht auch darin, einfach einen handelsüblichen 7-Band oder 10-Band Equalizer zwischen Gitarre und Verstärkung zu schalten. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise Solosounds einstellen und mit dem Schalter eines solchen Fußbodengerätes aktivieren.

Fazit

Die Gibson "J-45 Rosewood Deluxe" ist einer liebevoll gebaute und klanglich absolut uneingeschränkt einsetzbare "Allround-Gitarre". Hochwertigste Materialien und ein entsprechendes Know-how in der Fertigung fügen sich bei dieser Gitarre zu einem edlen Instrument zusammen, dem man auf dem ersten Blick den Preis aufgrund des schlichten Designs nicht unbedingt ansehen - dessen Qualitäten man wohl aber hören kann. Angenehmes Handling, komfortable Bespielbarkeit und die leichte Bauweise sind weitere Pluspunkte für ein tatsächlich schlüssiges Konzept. Eine Gitarre für Profis und Liebhaber echter Wertarbeit!

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6 / 2001