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Gewiss - die
Gitarre, ein vermeintlich einfaches Instrument, bietet unerschöpfliche
Möglichkeiten zur musikalischen
Selbstverwirklichung. Insofern gelingt es vielen Gitarristen immer
wieder neuartige "Drehs" zu entdecken um damit Fußnoten
in der Zupfgeigenhistorie hinterlassen.
Aber aus dem Nichts einen neuen Stil entwickeln, der Gitarre in
einem ganzen Kontinent eine neue Identität verschaffen und
nach erfolgreicher Gründung eines eigenen Spartenmusiklabels
Generationen unabhängiger Musiker zu Ähnlichem anregen
- das geht weit über Fußnoten hinaus.
Fahey, der "Vater
des Amerikanischen Solo-Stahlsaitenspiels", der das Instrument
sozusagen neu erfunden habe (Dale Miller), bleibt auch für
Leo Kottke "einer der Helden von dem, was auch immer dieses
Land an Kultur hat. Was er vermittelt hat, war eine Sichtweise,
die es vor ihm nicht gegeben hatte - solche Ideen kommen von Menschen
wie ihm."
Kottke, Ackerman, DeGrassi, Hedges, Kolbe & Illenberger - alle
haben sie unendlich profitiert von den unbeirrbar individuellen
Visionen eines schüchternen Jungen aus Takoma Park, Maryland,
der 1939 als Sohn von Washingtoner Regierungsangestellten geboren
wude. Mit 15 Jahren erlebte er etwas, das nach eigenen Angaben sein
"Leben ruinierte": Fahey hörte Bill Monroes "Blue
Yodel #7" und fiel vor Begeisterung fast um. Die Platte war
ausverkauft! Er musste sich an Sammler wenden und geriet dabei an
einige der größten Fanatiker in seiner Gegend, mit denen
er spontan ausgedehnte Fahrten durch die Südstaaten unternahm,
um die schwarzen Viertel nach Künstlern und deren 78er Blues-Platten
zu durchkämmen. 
Einmal zum Country-Blues bekehrt, hatte Fahey aber - anders als
die meisten Plattensammler - mit 14 Jahren begonnen, sich selbst
das Gitarrespiel beizubringen. Während seines Philosophiestudiums
in Washington bildete er sich in Musiktheorie und -praxis weiter.
Als er seine Freunde schließlich mit originalgetreuem Country-Blues-Picking
verblüffte, entstand 1958 die bierselige Idee, Fahey solle
eine Platte machen - und sie als Werk eines angeblich wieder entdeckten
Blues-Künstlers ausgeben.
Damals eine Platte selbst machen, "das war ungefähr so
wie sich ein eigenes Auto zu bauen", erklärt ein Freund.
Mit 300 Dollras, die er sich von seinem Pfarrer geliehenen hatte,
gründete John sein Label Takoma Records. Die erste Platte wurde
per Versand und an der Tankstelle vertrieben, wo Fahey jobbte. Die
Rechnung ging auf, weil ein unfreiwillig geniales Gesamtpaket dem
Album Kultstatus bescherte: eine absurd-ausgefallene Titelgebung
(z.B. "The Revolt Of The Dyke Brigade"), eine karge Cover-Grafik
("Wir kannten damals keine Künstler") und insbesondere
die Mitwirkung eines "Blind Joe Death". Dieser angeblich
verschollene, in Wirklichkeit frei erfundene farbige Gitarrist wurde
in den Liner Notes mit allen Blues-Klischees zur Legende stilisiert
- man ließ ihn u.a. im Nebenjob die farbigen Toten des Ortes
einbalsamieren, während man Fahey selbst andichtete, sich seine
erste Gitarre aus einem Sarg gebaut zu haben. Über die Jahre
zementierten Faheys schwarzhumorige Flirts mit dem Exitus (siehe
Albumtitel wie "Dance Of Death & Other Plantation Favorites"
oder "Death Chants, Breakdowns, And Military Waltzes")
seinen Status. Das grotesk parodierte Musikanthropologen-Geschwafel
in seinen Liner Notes verstärkte zudem seine Vorlieben für
bizarre Themen.
Inzwischen bot
"Blind Joe Death" alias John Fahey nicht nur authentischen
Country-Blues; er vermengte zunehmend hemmungsloser Bela Bartok,
Charlie Patton, Popmelodien, anglikanische Mystik, Existentialismus
auf eine einzigartig ironische Weise, die die heranwachsende Hippie-Generation
aufhorchen ließ. Dabei stellte der Autodidakt seine Kenntnisse
aus dem Country Blues (Fahey studierte inzwischen in Los Angeles
"Folklore Studies") nach und nach in einen neue Zusammenhänge
- klassische Formen, Sonaten-Codas, Gegenmelodien, "weiße"
Sounds und 12-taktigen Blues-Schemen, bis hin zu gewagten Dissonanzen
durch chromatische Rückung der Melodie über konstante
Wechselbässen.
Wie Debussy seinerzeit durch bewusstes Ignorieren gültiger
Kompositionsregeln neue Klangräume in der europäischen
Musik schuf, so inspirierte John Fahey einen neuartigen amerikanischen
Gitarrenimpressionismus. Mit der einzigen Gitarrentechnik, die er
gelernt hatte, spielte er schließlich alles, was er an Kindheitsklängen
im Kopf hatte. Das Resultat war eine freundliche, aber nicht glatte
Musik, die dennoch Offenheit, Tiefe, Weite und Zeitlosigkeit ausstrahlte.
Die Stahlsaitengitarre unversehens zum Orchester. Die Dreadnought
- ohnehin ein lautes Instrument, mit geringerer Abgrenzung der Einzeltöne
- schuf mit Hilfe von extrem dicht postierten Mikrofonen einen Sound,
als sitze der Hörer im Innern der Gitarre. Bei langen Zupfmustern
potenzieren sich die schwingenden Saiten mit ihren Obertönen
zum (scheinbar) polyphonen Ensemble. Ein simpel nachzuspielendes
Konzept, das binnen eines Jahrzehnts fähige und phantasievolle
Schüler hervorbrachte.
Anfang der 70er
Jahre - nach der Entdeckung von Musikern wie Robbie Basho, Peter
Lang und vor allem Leo Kottke - florierte Takoma Records in seiner
selbst geschaffenen Marktnische und hätte vielleicht den Sprung
ins richtig große Geschäft schaffen können - wenn
der chronische Roots-Fan John Fahey nicht gewesen wäre: "Das
Problem war", erinnert sich ein Weggefährten, "dass
er so etwas wie ernsthafte Musik machte und sie fast wie ein Punk-Rocker
präsentierte. John trank auf der Bühne aus großen
Cola-Flaschen und unterbrach sich mitten im Stück, um eine
Zigarette zu rauchen." Und anstatt sein erfolgreiches Konzept
weiterzuführen, experimentierte Fahey nun mit Dixieland ("Of
Rivers And Religions"). Zu allem Überfluss befremdete
er die Hörer mit, unausgegorenen Experimenten im Bereich der
konkreten Musik auf dem Folk/Roots-Label Vanguard ("The Singing
Bridge Of Memphis, Tennessee") und einer Sammlung von Geräuschen,
mit der er gut 20 Jahre vor HipHop und Sampling seiner Zeit wohl
ein wenig voraus war.
Künstlerisch zunehmend orientierungsloser und geschäftlich
ohne Durchblick verkaufte er Takoma Records Ende der 70er an Chrysalis.
Doch als er kurz danach mit seiner zweiten Frau nach Salem, Oregon,
zog, ging es erst recht abwärts: Chronische Müdigkeit
(Barr-Epstein-Syndrom) ließ ihn zur Flasche greifen, ohne
dass er wusste, dass er bereits Diabetiker war. Krank, verwirrt,
zweimal geschieden, einsam und pleite, musste er schließlich
machtlos zusehen, wie hochglanzpolierte Weiterentwicklungen seines
bluesverwurzelten Gitarrenimpressionismus' als "New Age"
verkauft wurden.
Als John Fahey
in den 90ern wieder auf die Beine kam, widmete er dieser Bewegung
mit der er nichts zu tun haben wollte und auf die er jeglichen Einfluss
leugnete ein böses Experimentalstück namens "On The
Death And Disembowelment Of The New Age". Dazu Fahey: "Ich
bin der Typ Mensch, der dasitzt und zusieht, wie es mit der westlichen
Zivilisation bergab geht, und für mich spielt diese Musik dabei
eine zentrale Rolle. Sie ist Hintergrundgedudel, die als Konzertmusik
verkauft wird, und die Zuhörer merken es gar nicht mehr. Es
ist eine Tragödie." Zu diesem Zeitpunkt hatte Fahey -
in einem chaotischen Motelzimmer in Salem lebend - noch ein paar
Jahre der Freude vor sich: jetzt am gesteigerten Publikumsinteresse
in Bezug auf seine zunehmend experimentelle Musik. Von seiner einst
typischen sonnig-naiven amerikanischen Klangmalerei mochte er nichts
mehr wissen, weil er sie nun, eigenen Aussagen zufolge, nach einer
Psychoanalyse als verlogene Fassade vor seiner Trauer und Einsamkeit
entlarvt hatte: "Der Grund, weswegen ich Patton und diese anderen
Delta-Sänger so sehr mochte, war ihr Zorn. Ihre Musik ist voller
böser Vorzeichen. Patton hatte Rheuma am Herzen und wusste,
er würde jung sterben." Und: "Blind Joe Death war
die Verkörperung von allen aggressiven Instinkten in mir."
Nicht willens, sich dem amerikanischen Optimismus-Diktat zu unterwerfen,
fand Fahey das Leben bis zuletzt "sehr traurig, egal wie man
es führt."
Am 24. Februar
starb John Fahey in einem Krankenhaus in Salem, Oregon. Wir werden,
wie der Rolling Stone es im Nachruf ausdrückte, diesen "mountain
of a man" sehr vermissen.
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