Mountain of a Man
John Fahey
Von Michael Lohr

 

Gewiss - die Gitarre, ein vermeintlich einfaches Instrument, bietet unerschöpfliche Möglichkeiten zur musikalischen Selbstverwirklichung. Insofern gelingt es vielen Gitarristen immer wieder neuartige "Drehs" zu entdecken um damit Fußnoten in der Zupfgeigenhistorie hinterlassen.


Aber aus dem Nichts einen neuen Stil entwickeln, der Gitarre in einem ganzen Kontinent eine neue Identität verschaffen und nach erfolgreicher Gründung eines eigenen Spartenmusiklabels Generationen unabhängiger Musiker zu Ähnlichem anregen - das geht weit über Fußnoten hinaus.

Fahey, der "Vater des Amerikanischen Solo-Stahlsaitenspiels", der das Instrument sozusagen neu erfunden habe (Dale Miller), bleibt auch für Leo Kottke "einer der Helden von dem, was auch immer dieses Land an Kultur hat. Was er vermittelt hat, war eine Sichtweise, die es vor ihm nicht gegeben hatte - solche Ideen kommen von Menschen wie ihm."
Kottke, Ackerman, DeGrassi, Hedges, Kolbe & Illenberger - alle haben sie unendlich profitiert von den unbeirrbar individuellen Visionen eines schüchternen Jungen aus Takoma Park, Maryland, der 1939 als Sohn von Washingtoner Regierungsangestellten geboren wude. Mit 15 Jahren erlebte er etwas, das nach eigenen Angaben sein "Leben ruinierte": Fahey hörte Bill Monroes "Blue Yodel #7" und fiel vor Begeisterung fast um. Die Platte war ausverkauft! Er musste sich an Sammler wenden und geriet dabei an einige der größten Fanatiker in seiner Gegend, mit denen er spontan ausgedehnte Fahrten durch die Südstaaten unternahm, um die schwarzen Viertel nach Künstlern und deren 78er Blues-Platten zu durchkämmen.
Einmal zum Country-Blues bekehrt, hatte Fahey aber - anders als die meisten Plattensammler - mit 14 Jahren begonnen, sich selbst das Gitarrespiel beizubringen. Während seines Philosophiestudiums in Washington bildete er sich in Musiktheorie und -praxis weiter. Als er seine Freunde schließlich mit originalgetreuem Country-Blues-Picking verblüffte, entstand 1958 die bierselige Idee, Fahey solle eine Platte machen - und sie als Werk eines angeblich wieder entdeckten Blues-Künstlers ausgeben.
Damals eine Platte selbst machen, "das war ungefähr so wie sich ein eigenes Auto zu bauen", erklärt ein Freund. Mit 300 Dollras, die er sich von seinem Pfarrer geliehenen hatte, gründete John sein Label Takoma Records. Die erste Platte wurde per Versand und an der Tankstelle vertrieben, wo Fahey jobbte. Die Rechnung ging auf, weil ein unfreiwillig geniales Gesamtpaket dem Album Kultstatus bescherte: eine absurd-ausgefallene Titelgebung (z.B. "The Revolt Of The Dyke Brigade"), eine karge Cover-Grafik ("Wir kannten damals keine Künstler") und insbesondere die Mitwirkung eines "Blind Joe Death". Dieser angeblich verschollene, in Wirklichkeit frei erfundene farbige Gitarrist wurde in den Liner Notes mit allen Blues-Klischees zur Legende stilisiert - man ließ ihn u.a. im Nebenjob die farbigen Toten des Ortes einbalsamieren, während man Fahey selbst andichtete, sich seine erste Gitarre aus einem Sarg gebaut zu haben. Über die Jahre zementierten Faheys schwarzhumorige Flirts mit dem Exitus (siehe Albumtitel wie "Dance Of Death & Other Plantation Favorites" oder "Death Chants, Breakdowns, And Military Waltzes") seinen Status. Das grotesk parodierte Musikanthropologen-Geschwafel in seinen Liner Notes verstärkte zudem seine Vorlieben für bizarre Themen.

Inzwischen bot "Blind Joe Death" alias John Fahey nicht nur authentischen Country-Blues; er vermengte zunehmend hemmungsloser Bela Bartok, Charlie Patton, Popmelodien, anglikanische Mystik, Existentialismus auf eine einzigartig ironische Weise, die die heranwachsende Hippie-Generation aufhorchen ließ. Dabei stellte der Autodidakt seine Kenntnisse aus dem Country Blues (Fahey studierte inzwischen in Los Angeles "Folklore Studies") nach und nach in einen neue Zusammenhänge - klassische Formen, Sonaten-Codas, Gegenmelodien, "weiße" Sounds und 12-taktigen Blues-Schemen, bis hin zu gewagten Dissonanzen durch chromatische Rückung der Melodie über konstante Wechselbässen.
Wie Debussy seinerzeit durch bewusstes Ignorieren gültiger Kompositionsregeln neue Klangräume in der europäischen Musik schuf, so inspirierte John Fahey einen neuartigen amerikanischen Gitarrenimpressionismus. Mit der einzigen Gitarrentechnik, die er gelernt hatte, spielte er schließlich alles, was er an Kindheitsklängen im Kopf hatte. Das Resultat war eine freundliche, aber nicht glatte Musik, die dennoch Offenheit, Tiefe, Weite und Zeitlosigkeit ausstrahlte. Die Stahlsaitengitarre unversehens zum Orchester. Die Dreadnought - ohnehin ein lautes Instrument, mit geringerer Abgrenzung der Einzeltöne - schuf mit Hilfe von extrem dicht postierten Mikrofonen einen Sound, als sitze der Hörer im Innern der Gitarre. Bei langen Zupfmustern potenzieren sich die schwingenden Saiten mit ihren Obertönen zum (scheinbar) polyphonen Ensemble. Ein simpel nachzuspielendes Konzept, das binnen eines Jahrzehnts fähige und phantasievolle Schüler hervorbrachte.

Anfang der 70er Jahre - nach der Entdeckung von Musikern wie Robbie Basho, Peter Lang und vor allem Leo Kottke - florierte Takoma Records in seiner selbst geschaffenen Marktnische und hätte vielleicht den Sprung ins richtig große Geschäft schaffen können - wenn der chronische Roots-Fan John Fahey nicht gewesen wäre: "Das Problem war", erinnert sich ein Weggefährten, "dass er so etwas wie ernsthafte Musik machte und sie fast wie ein Punk-Rocker präsentierte. John trank auf der Bühne aus großen Cola-Flaschen und unterbrach sich mitten im Stück, um eine Zigarette zu rauchen." Und anstatt sein erfolgreiches Konzept weiterzuführen, experimentierte Fahey nun mit Dixieland ("Of Rivers And Religions"). Zu allem Überfluss befremdete er die Hörer mit, unausgegorenen Experimenten im Bereich der konkreten Musik auf dem Folk/Roots-Label Vanguard ("The Singing Bridge Of Memphis, Tennessee") und einer Sammlung von Geräuschen, mit der er gut 20 Jahre vor HipHop und Sampling seiner Zeit wohl ein wenig voraus war.
Künstlerisch zunehmend orientierungsloser und geschäftlich ohne Durchblick verkaufte er Takoma Records Ende der 70er an Chrysalis. Doch als er kurz danach mit seiner zweiten Frau nach Salem, Oregon, zog, ging es erst recht abwärts: Chronische Müdigkeit (Barr-Epstein-Syndrom) ließ ihn zur Flasche greifen, ohne dass er wusste, dass er bereits Diabetiker war. Krank, verwirrt, zweimal geschieden, einsam und pleite, musste er schließlich machtlos zusehen, wie hochglanzpolierte Weiterentwicklungen seines bluesverwurzelten Gitarrenimpressionismus' als "New Age" verkauft wurden.

Als John Fahey in den 90ern wieder auf die Beine kam, widmete er dieser Bewegung mit der er nichts zu tun haben wollte und auf die er jeglichen Einfluss leugnete ein böses Experimentalstück namens "On The Death And Disembowelment Of The New Age". Dazu Fahey: "Ich bin der Typ Mensch, der dasitzt und zusieht, wie es mit der westlichen Zivilisation bergab geht, und für mich spielt diese Musik dabei eine zentrale Rolle. Sie ist Hintergrundgedudel, die als Konzertmusik verkauft wird, und die Zuhörer merken es gar nicht mehr. Es ist eine Tragödie." Zu diesem Zeitpunkt hatte Fahey - in einem chaotischen Motelzimmer in Salem lebend - noch ein paar Jahre der Freude vor sich: jetzt am gesteigerten Publikumsinteresse in Bezug auf seine zunehmend experimentelle Musik. Von seiner einst typischen sonnig-naiven amerikanischen Klangmalerei mochte er nichts mehr wissen, weil er sie nun, eigenen Aussagen zufolge, nach einer Psychoanalyse als verlogene Fassade vor seiner Trauer und Einsamkeit entlarvt hatte: "Der Grund, weswegen ich Patton und diese anderen Delta-Sänger so sehr mochte, war ihr Zorn. Ihre Musik ist voller böser Vorzeichen. Patton hatte Rheuma am Herzen und wusste, er würde jung sterben." Und: "Blind Joe Death war die Verkörperung von allen aggressiven Instinkten in mir." Nicht willens, sich dem amerikanischen Optimismus-Diktat zu unterwerfen, fand Fahey das Leben bis zuletzt "sehr traurig, egal wie man es führt."

Am 24. Februar starb John Fahey in einem Krankenhaus in Salem, Oregon. Wir werden, wie der Rolling Stone es im Nachruf ausdrückte, diesen "mountain of a man" sehr vermissen.