In Concert: Pat Metheny

Pat Metheny Special Quartet
Bonn, Museumsmeile

Aus der Distanz heraus glaubt man kaum, dass dieser Gitarrist schon Mitte vierzig ist. Der Ausstrahlung nach bleibt er der ewig kindliche Peter Pan des Jazz, während ein Großteil seiner Zuhörer (mehrere hundert allein in Bonn) allmählich dem Studentenalter der eigenen Kinder entgegensieht.

Zunächst wird die positive Grundstimmung unter dem Zeltdach an einem jämmerlich nasskalten Juliabend durch einen übertrieben beflissenen Sicherheitsaufwand etwas getrübt (es müsste sich doch herumgesprochen haben, dass Jazz-Fans nicht mit Flaschen werfen, ihren Idolen nicht an die Wäsche gehen und auch keine Bühnen plündern!), bis ohne ein Wort der Begrüßung (und auch im ganzen Konzert übertrieben wortkarg) ein wahrhaftes "Special Quartet" loslegt, in dem jeder Musiker sein Instrument neu definiert, wie Pat Metheny zu Recht behauptet. Über Michael Breckers Saxofon braucht man kein Wort zu verlieren, Bill Stewart am Schlagzeug kann nicht nur swingen und grooven, sondern nebenbei noch an den Klangbildern der Combo mitmalen, und Larry Goldings ist mit flexibel-moderner Virtuosität auf der Hammond-Orgel die Entdeckung des Abends.

Und was bietet der Chef selbst? Die unglaublich lockere Geschmeidigkeit auf der nach ihm benannten Ibanez-Archtop, den typischen Sound, den alterslosen Reiz der Diskrepanz zwischen ohrwurmartigen, rockig bis süßlichen Melodiebögen und verschachtelten Rhythmen, das Lustwandeln eines scheinbar naiven Chamäleons durch den Jazz der letzten 50 Jahre. Wenn man meint, man habe stereotyp eingängige Strickmuster entlarvt, entwischt er dem eben gefassten Vorurteil in nervös-dissonante 32tel (unisono mit Brecker) eines provokanten Neutöners. Und just wenn man denkt, der ganze Programmaufbau entspringe einzig dem Lustprinzip, enttäuscht ein allzu durchsichtiges Spiel: Einen Free-Jazz-Titel zelebriert Pat Metheny auf einer Synthesizergitarre mit dem ätzenden Sound eines verzogenen großen Metalltors, bis sämtliche Nerven in Flammen stehen - nur um dem anschließenden Schlusstitel (einer jener typischen, rhythmisch und melodisch rasanten Nummern) im Kontrast noch mehr Durchschlagskraft zu verleihen.

Enttäuschend eher die Balladen - entweder zu sentimental oder zu bemüht um Modernität. Auch die akustische Gitarre ist an diesem Abend nicht Methenys Stärke, obwohl er sogar ein gezupftes Solostück spielt und die berühmte 42-saitige Picasso-Gitarre von Linda Manzer einsetzt. Als erste Zugabe allerdings strummt er eine Steelstring mit brillantem Klang und legt so einen sehr kraftvoll-dichten Klangteppich aus für Michael Breckers Lyrismen über ein "Summertime" mit furiosem Finale und - wie am ganzen Abend - absolut makellosem Zusammenspiel. Etwas aber fehlt. Der persönliche Rapport mit dem Publikum? Die hemdsärmelige Aura früherer Konzerte? Lyle Mays' silbriger Klaviersound als notwendige Komplementärfarbe zum bläserartigen Metheny-Ton? Egal. Die meisten Zuschauer stört das nicht. Sie schwärmen am Schluss zu Dutzenden vor Begeisterung von allen Seiten zur Bühne, als wollten sie das Ende von Süskinds "Parfüm" mit Pat Metheny als Liebesobjekt live inszenieren. Vielleicht war der Sicherheitsaufwand doch gerechtfertigt. Michael Lohr