Ausgabe 6/2000

Gitarre - Klang einer Epoche?

Von Franz Holtmann

Kaum vorstellbar für uns eingefleischte Spieler und Liebhaber, aber es soll Menschen geben, für die ist die Gitarre einfach nur langweilig und altmodisch. Diese vornehmlich jungen Leute suchen, wie schon so viele Generationen vor ihnen, zu Recht nach Klängen, mit denen sie sich identifizieren, aber auch von ihren Eltern differenzieren können.

Warum sollte die Welt plötzlich so konservativ geworden sein, an einem einzelnen Klangideal festzuhalten? Das wäre dann das erste Mal - sieht man einmal von klassischem Kulturgut ab, dessen Bedeutung im historisch-musealen Wert liegt, der entsprechend öffentlich gefördert wird. Die Gitarre als lebendiges Instrument genießt hingegen schon so lange die Gunst von Musikliebhabern, dass ein Wechsel zu einem anderen Modeklang nicht gänzlich überraschend wäre - Techno-Kids und Cyber-Punks kommen immerhin schon ganz ohne Naturklänge aus. Dennoch gibt es auch in diesem technologisch reproduzierenden Musikbereich viele Beispiele für das immer noch existente Bedürfnis nach lebendiger Schwingung, ja selbst heimeliges Vinylknistern und das lästige und von uns oft spieltechnisch aufwendig bekämpfte Saitenquietschen werden in elektronischer Musik oft als Sample zur Belebung der allzu sauberen synthetischen Materie zugefügt, um den "human touch" zu simulieren. Grundlegende Änderungen in der musikalischen Mode und dem Instrumentarium gingen in der Vergangenheit oft auf starke gesellschaftliche Einschnitte zurück. Beispiel USA: Hier verschwand nach dem Ersten Weltkrieg die vordem so beliebte Mandoline fast völlig von der Bildfläche und wurde vom Banjo verdrängt. Die Weltwirtschaftskrise und der große Börsencrash Ende der 20er Jahre beendeten dann die goldene Zeit des Banjo-Jazz, und das Publikum suchte und fand u.a. neue Hoffnung und (zeit-)geistige Heimat bei der nun aufkommenden Gitarre als Spiegel einer sich zum Besseren wandelnden modernen Gesellschaft.

Jimmie Rodgers, der später zum Vater der Country-Music werden sollte, debütierte bereits 1927 mit seinem gitarrenorientierten Album "The Soldier's Sweetheart", gefolgt von der Carter Family 1928 mit "Bury Me Under the Weeping Willow", wo Maybelle Carter einen einflussreichen neuen Standard für die Gitarrenbegleitung setzte. Am Broadway sang Nick Lucas 1929 den erfolgreichsten Song des Jahres "Tip Toe Through the Tulips" zur Gitarre. Die aufblühende Swing-Ära der 30er Jahre brachte wunderbare Archtop-Gitarren hervor, was wegen der steigenden Lautstärke in einen "battle of widths", also einen Kampf der Korpusgrößen, ausartete. Aus gleichem Grund kamen auch die Resonator-Instrumente auf - einfach, damit man in den Orchestern mithalten konnte. Der Zweite Weltkrieg beendete dieses Ringen und brachte nach seinem Ende völlig neue musikalische Moden hervor. Die erfolgreiche Einführung der E-Gitarre und neue Stilistiken wie BeBop und Rock'n'Roll sorgten für rasante Entwicklungen, und die Gitarre erlebte ihren Höhepunkt als Modeinstrument Mitte der 60er Jahre mit der Blüte der Beat-, aber auch der Folk- und Protestwelle. Ob nun Joan Baez und Bob Dylan mit ihren Flattops auf Protestmärschen oder Jimi Hendrix mit seiner elektrischen Version der amerikanischen Nationalhymne in Woodstock, sie alle wurden durch die gleiche Krise, den Vietnam-Krieg, geeint. Der Enthusiasmus für die Gitarre war groß; leicht zu transportieren, war sie schnell und überall zur Hand, oder sie konnte elektrifiziert endlich auch melodisch gleichberechtigt etwa neben Blasinstrumenten existieren. So weit der etwas eingeschränkte Blick auf die Gitarrenentwicklung in den USA, die allerdings auch immer Folgen für die Alte Welt hatte.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 6/2000