Durchgecheckt


Alt und Bariton

Guild F 212 XL NT

Von Jürgen Richter

 

Weder Gitarristen noch Gitarrenbauer beschäftigen sich gerne mit dem Thema 12-String, denn sie ist problematisch. Dabei gibt es kaum jemanden, der sich der Faszination der 12er entziehen kann. Guild hat sich dieser Problematik schon immer gestellt, und das mit Erfolg: Eine Gitarre, die für den guten Namen von Guild mitverantwortlich ist, ist sie bestimmt, die 12saitige Jumbo.

Es ist nicht wirklich einfach, eine solche Gitarre zu bauen. Stellt es schon bei einem normalen Instrument eine Gratwanderung zwischen Stabilität und Resonanz dar, so gilt dies ganz besonders für eine Zwölfsaitige. Zum einen zerren hier doppelt so viele Saiten an der Decke und am Steg, zum anderen sind diese Saiten recht dünn, denn man will sie noch einigermaßen bequem spielen können. Dünne Saiten aber erfordern auch eine dünne Decke, um sie zum Klingen zu bringen. Was also tun? Exemplarisch steht die Guild F 212 XL Rede und Antwort.

Konstruktion

Die Guild-Leute sind diesem Problem mit einem besonderen Holz und einer speziellen Konstruktion begegnet. Zunächst zur Decke: Sie ist, wie sich das für eine ordentliche Akustische gehört, aus massiver Fichte gefertigt. Holzauswahl und -zuschnitt sind dabei gut, aber nicht so optimal, wie ich das schon bei Guild gesehen habe. Um eine gute Schwingung zu ermöglichen, hat man das Holz relativ dünn gehalten. Damit dennoch ausreichend Stabilität gewährleistet werden kann, ist die Bebalkung im Gegenzug recht massiv gehalten. Wie bei fast allen Instrumenten dieser Art wurde auch hier das traditionelle X-Bracing verwendet.

Boden und Zargen der F 212 XL bestehen aus massivem Mahagoni. Auch für den Hals wurde auf Mahagoni zurückgegriffen. Er besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, die so zusammengeleimt wurden, dass die Maserung symmetrisch verläuft. Das ist wichtig, weil es sonst zu ungleichmäßigen Verzügen kommen kann. Auch so ist man vor arbeitendem Holz natürlich nicht gefeit (nur totes Holz arbeitet nicht, es klingt aber auch nicht mehr ...), aber zumindest kann man solche Verzüge mit dem Stahlstab kompensieren. In der Mitte wurde ein schmaler Streifen aus Ahorn eingeleimt. Das Griffbrett besteht aus Ebenholz und trägt 20 Bünde, die aus mittelstarkem Draht geschnitten wurden. Sonst findet man hier nicht allzu viel Zierrat - mit Perlmutt hat man sich erfreulich (?!) zurückgehalten. Lediglich ein paar Dots zur Orientierung wurden in der Kante eingelassen. Die ganze Arbeitsleistung sollte in den Sound gehen. Riesig ist die Kopfplatte. Das muss sie auch sein, denn immerhin zwölf Mechaniken sollen darauf Platz finden. Schön, dass man ganz normal an die Wirbel herankommt und keine besonders spitzen Finger benötigt. Die Mechaniken selbst sind übrigens aus dem Hause Grover und komplett vergoldet.

Bespielbarkeit und Sound

Fangen wir mal ganz vorn an, nämlich beim Koffer. Dieser ist im Preis enthalten, könnte allerdings von etwas besserer Qualität sein. Dafür ist er geschlossen, was den Anfangsschock etwas hinauszögert. Aber dann! Eine größere Gitarre ist mir wohl selten in die Finger geraten. Hier scheint alles überdimensioniert zu sein, was insgesamt wieder einen recht ausgewogenen Eindruck hinterlässt. Der riesige Korpus und die riesige Kopfplatte passen also optisch recht gut zusammen und werden durch einen Hals verbunden, der das Attribut „schlank" nicht direkt verdient. Zwar muss man hier mit der doppelten Anzahl an Saiten klarkommen, diese allerdings spielen sich sehr leicht. Die Werkseinstellung ist perfekt, tiefer geht nicht mehr und muss auch nicht sein. Auch auf dem recht breiten Hals findet man sich schnell und gut zurecht und erkennt bald die Vorteile: Hier kann man sich austoben, egal welcher Technik man frönt! Der Sound! Eine zwölfsaitige Gitarre scheint mir von der Stimmlage her immer eher ein Alt zu sein als ein sonorer Bariton. Wenn man einer normalen sechssaitigen Gitarre weitere sechs Saiten, die zudem weitgehend im Oktavabstand klingen, zufügt, erhält man ebendiesen eher brillanten, wenig tiefgründigen Ton. Hier ist es anders. Die F 212 XL ist derart riesig, dass der dazugehörige Sechssaitensound vermutlich hoffnungslos bassig wäre. Aber mit den Oktavsaiten zusammen erhält man einen sonoren und brillanten Ton, Alt und Bariton gleichzeitig. Das Ergebnis ist beeindruckend. Man erhält den silbrigen Ton einer Zwölfsaitigen, der Anschlag und der Grundton aber sind sehr weich und voll - ein Kennzeichen von Gitarren mit Mahagonikorpus. Alles, was man sich vielleicht von einer 12-String gewünscht hat und woanders nicht fand - hier ist es! Dementsprechend kennt sie auch kaum Einschränkungen. Fingerpicking, Bluespicking, Ragtime, Solo - hier geht alles, was auch der Gitarrist kann.

Fazit

Die Guild F 212 XL NT ist endlich mal eine 12-Saitige, die offensichtlich gleich von Anfang an als zwölfsaitige konzipiert worden ist. Dementsprechend gibt sie sich klanglich recht kompromisslos (wobei man lediglich die matten Werkssaiten bemängeln könnte), hat aber natürlich andere Schwächen: Eine derart eindeutig fett klingende Gitarre kann nicht klein sein. Kleine und mittelgroße Leute werden also ihre Probleme haben. Damit kann man aber klarkommen - und glaubt mir: es lohnt sich!

 

TECHNISCHE DATEN
Herkunft USA
Form Jumbo
Body Mahagoni massiv
Decke Fichte massiv
Randeinlagen (Binding) Kunststoff
Schalllochrosette Kunststoff
Hals Mahagoni zweiteilig, Ahorn
Kopfplatte Mahagoni, Kunststoffaufleimer
Griffbrett Ebenholz
Halsbreite Sattel 47 mm
Halsbreite 12. Bund 59 mm
Bundstäbchen Medium
Hals-Korpus-Übergang 14. Bund
Mensur 65 cm
Steg Ebenholz
Sattel/Stegeinlage Kunststoff
Stegpins Kunststoff
Gurtknöpfe 1
Pickguard Kunststoff
Mechaniken Grover, vergoldet
Werkssaiten light
Preis ca. 3.650,- DM