In Concert


Gruber & Maklar

Leverkusen, Schloss Morsbroich

1985 fingen Christian Gruber und Peter Maklar bei dem gleichen Gitarrenlehrer in Augsburg an, Unterricht zu nehmen. Der Mann ermunterte beide zum zweisamen Spiel und legte dadurch den Grundstein für eines der heute erfolgreichsten klassischen Gitarrenduos im deutschsprachigen Raum.

Schloss Morsbroich ist ein gepflegtes und beschauliches Anwesen vor den Toren Leverkusens. Sein Konzertsaal mit seinen Stuckdecken und dem riesigen Kronleuchter bietet das perfekte Ambiente für ein klassisches Gitarrenkonzert am Sonntagvormittag. Die ersten Stücke sind die "Valses Poeticos" von Enrique Granados, die nach der Einleitung im 4/4-Takt aus sieben verschiedenen Walzerthemen bestehen. Die beiden Gitarristen wechseln sich in Begleitung und Themenvorstellung ab und präsentieren sich gleich zu Beginn mit zwillingshafter Agogik und perfekter Verzahnung der Stimmen. Christian Gruber und Peter Maklar sind beim Konzert einander zugewandt und spielen das immerhin gut zweistündige Programm komplett auswendig. Die gelungene dynamische Ausformung arbeitet die poetischen und tänzerischen Facetten der Musik Granados‘ - ursprünglich für Klavier geschrieben - wundervoll heraus. Diese ist nicht so sehr von Virtuosität geprägt, als vielmehr von harmonischer Farbenpracht. Aber auch spieltechnisch schwierigste Passagen gelingen mühelos und verderben nicht die Leichtigkeit des sonntäglichen Morgens durch angestrengtes Handwerk. Diese technische Souveränität hat ihren Grund: "Obwohl wir privat nicht so viel zusammen unternehmen, sehen wir uns fast täglich. Wir proben mindestens zweimal die Woche plus die Konzerte, das ist eine Menge Zeit."

Als nächstes stehen die Tänze von William Byrd auf dem Programm, einem wichtigen Komponisten der elisabethanischen Zeit. "Die Renaissance-Musik eignet sich sehr gut für zwei Gitarren. Uns macht die Abwechslung Spaß. Wir mögen es, verschiedenste Sachen zu interpretieren und an den tonlichen Feinheiten zu feilen. Die Musik von William Byrd ist ursprünglich für das Virginal geschrieben, einem Vorläufer des Cembalos. Der Klang ist sehr leicht und luftig." Diese Musik hat einen intimen Charakter und ein kunstvolles, fugenartiges Thema. Im zweiten Tanz wird der Rhythmus dann etwas straffer, und eine triumphierende Dur-Harmonik ist zu hören. "Wir haben eine CD mit rein spanischer romantischer Musik aufgenommen, die im Moment auch einen Großteil unseres Repertoires ausmacht", berichtet Peter Maklar. Die Transkriptionen haben wir selbst vorgenommen, vom Klavier auf zwei Gitarren." Von dieser CD wird die "Evocación" aus der Iberia-Suite von Issac Albeniz gespielt, bei der die Einflüsse französischer Impressionisten unüberhörbar sind. Albeniz schöpft rhythmisch und harmonisch aus dem Fundus der spanischen Folklore, und doch hat seine Musik einen leichten pointillistischen Fluss, gitarristisch unterstützt vom feinen Klang der künstlichen Flageoletts. Später dann erleben wir fortissimo gespielte Akkordpassagen und scharfe Ganztonharmonik, bevor die letzten zarten Obertonakkorde und Pizzicato-Bassnoten ausklingen. Mit der "Sonata Fantasia" folgt dann ein Stück zum Wachwerden. Dusan Bogdanovic schrieb es 1991 und verarbeitete die vielen kulturellen Einflüsse, denen er in seiner Heimatstadt San Francisco ausgesetzt ist. Furios und polytonal verschmelzen beide Gitarren zu einem gesamtorchestralen Klang. Der Dialog der Musiker entwickelt sich collagenartig mit Techniken wie Bending, Slapping, Ghost Notes und Hammerings. Dieses gelegentlich geräuschhafte Hantieren markiert die bewusste Abkehr vom unbedingten Schönheitswillen. Abwechselnde Solopassagen über arpeggierten Flageoletts gipfeln in einem Fortissimo beider Gitarren.

Leo Brouwers "Micro Piezas", geschrieben 1958, stehen nach der Pause auf dem Programm. Es sind vier kurze, humorvolle Sätze, Miniaturen mit vielen pentatonischen Motiven. Diese Musik hat etwas Pantomimisches und ein ebenso dunkles wie leichtes Klangbild. Schrägste Dissonanzen münden unversehens in einen strahlend reinen Dreiklang. "Die ‚Micro Piezas‘ von Leo Brouwer sind richtige Meisterwerke", sagt Peter Maklar. "Sie sind so genial für zwei Gitarren geschrieben, wie man es selten findet. Uns macht es unglaublich Spaß, dieses Stück zu spielen, nicht zuletzt wegen des innewohnenden Humors." Hören wir eben noch eine pervertierte Drehorgel oder Spieluhr, dürfen wir einige Takte später wieder in zutiefst romantischen, manchmal kinderliedhaften Stimmungen schwelgen. In Astor Piazollas "Lo Que Vendra" kontrastiert eine strenge Melancholie mit der ungestümen Kraft der rhythmischen Bewegung. Dies findet seine Entsprechung in einer klaren Registertrennung: Während eine Gitarre die Bassläufe übernimmt, konstatiert die andere im oberen Halsbereich Akkorde und Melodie. Mit Joaquin Turinas andalusischen Tänzen aus dem Jahr 1912 kehren wir zum Abschluss nach Spanien zurück. Ein Tango ganz anderer Art ist zu hören, in der Harmonik ganz traditionell gehalten. Die anschließende Petenera ist ein rasantes Thema im ¾-Takt. Ob es allerdings zum Tanzen taugt, bleibt fraglich - allzu kunstvoll ist es auf instrumentales Spiel ausgelegt und schafft unter Verwendung von Chromatik ein komplexes Klanggewebe. Ohne Zugabe dürfen Gruber & Maklar selbstverständlich nicht den Saal verlassen. Der "Feuertanz", ein publikumswirksames Showstück, verabschiedet uns in den sonnigen Nachmittag. Erleben durften wir ein hervorragendes klassisches Gitarrenkonzert in stilvoller Kulisse.

 

Plattentip: Gitarrenduo Gruber & Maklar: Iberia - Spanische Musik für zwei Gitarren (1999, Signum)

 

Andreas Schulz