Mystiker Gordon Lightfoot Von Michael Lohr Orillia ist ein kanadisches Städtchen, wie man es
sich in Klischees von Holzfällern und herb-schöner Natur ausmalt. Ein
paar Autostunden nördlich von Toronto liegt es am Highway zwischen Felsen,
Wiesen, Sümpfen, Seen und Wäldern. Die Sommer sind heiß, die Winter bitterkalt;
die Jahreszeiten, die allesamt pünktlich eintreffen, sind so ausgeprägt,
daß man jede für sich auskosten kann; das Leben verläuft im gemächlichen
Trott nordamerikanischer Provinzstädte. Und diese hier hat gleich zwei
kulturelle Nationalhelden hervorgebracht. Dem einen, Kanadas Humoristen
Stephen Leacock, hat man es hier nie recht verziehen, daß er Orillia zum
Modell für seine köstlichen Sunshine Sketches Of A Little Town"
machte; dem anderen, Gordon Lightfoot, bereitet man bis heute bei jedem
seiner Konzerte einen triumphalen Empfang. Jugend Im Grunde gilt der Applaus einem Rätsel: Dieser Mann da auf der Bühne, der als Kind im North River angeln ging, an der High School Leichtathletik trieb, im Schulchor sang und musizierte, in der Wäscherei seines Vaters jobbte, dieser Mann also, der kaum Aufregenderes erlebte als alle anderen - wie konnte der bloß all diese Songs schreiben? Hunderte von Melodien von makelloser, einprägsamer und unverwechselbarer Schönheit, die weltweit Jugendliche überhaupt erst zur Gitarre bringen (und einen Jim Croce zum Songschreiben); Hunderte von Texten, die aus dem Duft des Regens in den Wäldern um Orillia, aus dem Alltag der kleinen Leute eine Poesie machen, die zu Hause verstanden wird und weltweit das Gefühlsleben von Millionen begeisterter Hörer anspricht, widerspiegelt und erweitert ... Der Drang, solche Werke zu schaffen, sitzt nach Lightfoots eigener Aussage bei ihm tief und hat sich schon zu High-School-Zeiten gemeldet - weshalb, bleibt letztlich ungeklärt: Wer weiß schon, warum man so etwas tut?" Daß der 1938 geborene Lightfoot überhaupt an die Musik geriet, lag an seiner Mutter Jessie, die bis heute seine Heimspiele besucht. Früh waren ihr seine Stimme und sein Gesangstalent aufgefallen; sie brachte ihn in den Kinderchor und bestärkte ihn - wie Lightfoot später schmunzelnd behauptete - auch mit materiellen Anreizen: Weißt du, Gordon, mit so etwas kann man Geld verdienen ... " Die Karrierebausteine im Telegrammstil: Auftritte bei Festen in Orillia, Kirchenchor, Klavierunterricht, Gesangsquartett in der High School, Gitarre (selbst beigebracht), Musikausbildung am Westlake College in Los Angeles ab 1958, Tonsetzer für Rundfunk- und Werbejingles in Toronto, Begegnung mit der Folk-Bewegung Anfang der 60er - und mit einer neuen Art von Lied; persönlich und politisch engagiert und doch poetisch-phantasievoll waren die Songs, die ein Mann namens Bob Dylan schrieb. Karriere 1963, nach einer von ihm moderierten Country-Sendung bei der BBC in England, begann Lightfoot dann ebenfalls, Folksongs mit ganz persönlicher Handschrift und Aussage zu schreiben. Und noch während er sich mit Solo-Auftritten in Detroit und Toronto eine Gefolgschaft erspielte, machten andere Interpreten aus seinen Songs Hits: Marty Robbins nahm Ribbon of Darkness" auf, Peter Paul & Mary widmeten sich Early Morning Rain". Beim Mariposa Folk-Festival in der Nähe von Toronto wurde er entdeckt und unter Vertrag genommen von Bob Dylans Manager Albert Grossman, der Lightfoots Ende 1964 eingespieltes Debüt-Album bei United Artists unterbrachte. Mit dessen Veröffentlichung (heute Early Lightfoot" betitelt) fiel der Startschuß für eine schnelle Folge weiterer LPs, die - meist in intimer akustischer Besetzung eingespielt - den Kanadier als großartigen Singer/Songwriter etablierten: The Way I Feel" (1967), Did She Mention My Name" (1968), Back Here On Earth" und Sunday Concert" (1969). Kommerz Wenig später wechselte der kommerzielle Geheimtip zu Warner Brothers, wo er sofort einschlug, als er für sein erstes Album dort 1970 das Lied schrieb, das ihn unsterblich gemacht haben dürfte: If You Could Read My Mind" - oft mißverstanden als zärtliches Liebeslied, schildert dieser zeitlose Song die Einsicht, daß eine grundlos abhanden gekommene Liebe durch kein romantisches Heldentum zurückzuholen ist: I don´t know where we went wrong./But the feeling´s gone,/And I just can´t get it back." Nachdem der Plattenfirma das Potential dieses Songs aufgegangen war, benannte sie das eigentlich Sit Down Young Stranger" betitelte Album flugs um und spendierte dem Nachfolger Summer Side of Life" eine - nicht immer angemessene - kommerziellere Produktion. Die nächsten beiden Alben, Don Quixote" (1972) und Old Dan´s Records" (1972) jedoch enthalten dank der Konzentration auf Lightfoots Stärken (hervorragende Akustikgitarrenarbeit, dezente Orchestrierung) viele der atmosphärischsten Songs, die der Kanadier je geschrieben hat. Sein bis heute dichtestes Studioalbum aber sollte noch kommen: Sundown" (1974) scheint Pop/Rock- und Country/Folk-Elemente perfekt auszutarieren; geschmackvolle Arrangements grundieren diese Produktion mit einer herbstlich-pessimistischen Aura (The Watchman´s Gone"). Der unwiderstehliche Titelsong und das melancholische Carefree Highway" wurden sogar echte Hits - was Lightfoot trotz starker Songs und behutsamer Modernisierung mit dem Nachfolgealbum Cold On The Shoulder" (1975) nicht in gleichem Maße gelingen wollte. Mit einer leichten Plastikglasur" schien der Folk-Pop der beiden nächsten Alben Summertime Dream" (1976) und Endless Wire" (1978) überzogen, während schwankende Inspiration eine künstlerische Krise andeutete, die zunächst vom Charts-Erfolg des Wreck Of The Edmund Fitzgerald" überdeckt wurde. Lightfoots goldene Jahre waren vorbei, auch wenn die Rückkehr zu erdigeren Sounds auf Dream Street Rose" (1980) und Shadows"(1982) ihm das Lob der Penguin Encyclopedia of Popular Music einbrachte, auf einzigartige Weise aus der Mode gekommen zu sein in diesen Tagen des grell aufgeputzten Mülls". Diesem Müll ging Lightfoot aber dann doch auf den Leim, als er Salute" (1983) elektrifiziert einspielte und sich mit East Of Midnight" 1986 ganz auf der Höhe der Zeit zeigen wollte. Neuzeit Bezeichnenderweise hat er danach jahrelang auf weitere Alben verzichtet. Daß er zuletzt kaum Neues zu sagen hatte, war ihm selbst aufgefallen, und als er wieder reüssierte, schien er mit Mitte 50 in einen ruhigen Hafen eingelaufenzu sein, aus dessen Perspektive sich wieder neue Einsichten ausdrücken ließen. Sowohl Waiting For You" (1993) als auch A Painter Passing Through" (1998) klingen nach künstlerischem Spätsommer. Ihnen fehlt der ganz große, durchgängige kreative Schub - aber die Erkenntnis, daß persönliche Erfolge mehr zählen als solche in Kunst und Kommerz, münzt Lightfoot um in schlichte Produktionen von milder Wärme. Dabei zeigt der Titelsong seines neuen Albums Lightfoot in Höchstform: Das autobiographische A Painter Passing Through" ist keineswegs verklärender Rückblick, sondern spricht in fast karibischer Gelassenheit autobiographische Widersprüche aus (In meiner Blütezeit,/da war ich wie weggetreten"); zugleich schildert der Song in starken Bildern sein Selbstverständnis vom Künstler und Liedermacher: Wenn du mein Geheimnis wissen willst,/dann lauf mir nicht hinterher./Denn ich bin nur ein Maler/auf der Durchreise in der Geschichte." Oder: Wenn du die Antwort wissen willst:/Ich kann deinem Leben keine Wende geben./ Denn ich bin nur ein Maler/auf der Durchreise im Underground". Songs Lightfoot selbst als gutaussehender, athletischer Typ sprach immer schon unterschiedlichste Hörerschichten an: Durch die Verbindung klassisch männlicher Begeisterung für Schiffe, Eisenbahnen, Fernstraßen (in unzähligen Songs) mit sanften Zügen wie Parteinahme für die Schwachen (Home From The Forest", Don Quixote"), Liebe zur Natur (Love And Maple Syrup", Wild Strawberries") und Poesie (Minstrel Of The Dawn") gelang ihm der Weg zu einer glaubwürdigen Künstleridentität; ein Realist im Detail und ein Romantiker im Herzen, so sang er mit legendärer Stimme von einfachen Dingen - nachvollziehbar und doch tiefgründig. Selbst der simplen Situation von Spaziergängern gewinnt er überraschend Existentielles ab: Sie suchen die Welt ab danach,/ob sie noch etwas anderes ist als das, was sie sehen./Sie sehnen sich danach, verstanden zu werden/von dem Herz, das den Wald gestaltet." (Love And Maple Syrup"). In Affair On Eighth Avenue" schlendern zwei junge Liebende Hand in Hand durch die nächtliche Stadt; ihre jähe Erkenntnis, daß ein solcher Moment des vollkommenen Einsseins nicht ewig währt, mündet am Ende in eine offene Sinnfrage. Offen bleibt auch die stärkste Geschichte, die Lightfoot je erzählt hat - die eines Indianerjungen, dessen Vater 1910 gelyncht wird und der nach dem Tod seiner Mutter in einer weißen Schule aufwächst, von wo er schließlich flieht (Cherokee Bend"). Ein ähnlich radikal menschlicher Ansatz prägte selbst in den politisierten 60ern und 70ern Lightfoots Lieder gegen den Krieg. Er schrieb sie konsequent aus dem Blickwinkel zerstörter Kindheit (The Lost Children"), aus der Perspektive junger Bräute (die ihr unbenutztes Hochzeitskleid für immer wegschließen) und junger Männer, die ihr Dorf in patriotischer Hochstimmung verlassen und schnurstracks in der Hölle landen (The Patriot´s Dream"). Es scheint fast, als habe er als Kleinkind wie ein Seismograph die feinsten Erschütterungen im kanadischen Kleinstadtidyll durch den fernen Weltkrieg unauslöschlich registriert (Drink Yer Glasses Empty") - und eine verblüffende Antwort auf die Raketen in der Wiese" gefunden (Sit Down Young Stranger"). Auch eine Unmenge von Liebeslieder hat Gordon Lightfoot geschrieben - aber ihn auf Themen zu reduzieren, würde seiner frappierenden Fähigkeit zur pointierten Formulierung kaum gerecht: Und das Haus, in dem du wohnst,/wird nie einstürzen,/wenn du den Fremden bedauerst,/der vor der Tür steht." (The House You Live In") Von seinem Produzenten einmal gefragt, worum es in einem beiläufig erwähnten neuen Text gehe, erwiderte Lightfoot nur: Um gar nichts!" Und erläuterte dies in einem Interview: Was hätte ich ihm sonst sagen sollen? Das allerletzte, was der Welt heute noch fehlt, ist ein weiteres Lied über ein aktuelles Problem. Ich erzähle Geschichten, aber die spielen sich zwischen den Zeilen ab". So berichtet er etwa von seinem Umgang mit Versuchungen (Frauen, Alkohol), seinem Gefühl unstillbarer Rastlosigkeit (Hiway Songs", Ordinary Man", Restless"), vom allmählichen Altern (Cold On The Shoulder") und seinen Betrachtungen völliger Ausgebranntheit (Endless Wire"). Identität Der Mann, der Gesichtslähmung, Alkoholismus (bis 1982), Scheidung und Kehlkopfkrebs hinter sich hat, fand Halt meist in seinem unaufdringlich präsenten Glauben - und in den Menschen (Brave Mountaineers", Hiway Songs") sowie den Wäldern und Wassern um Orillia, deren Duft sich allein mit Titeln wie Long River", Sixteen Miles To Seven Lakes", Peaceful Waters", Bend In the Water", Christian Island" und Seven Island Suite" durch sein ganzes Werk zieht. Der Norden (Whispers Of The North") mit seinen Jahreszeiten (Pussy Willows Cattails") bietet ihm Zuflucht vor dem Getöse der Welt: Sea Of Tranquility" lädt den Hörer auf das verführerischste ein in die Waldnacht, zu Schnecke und Adler, Forelle und Wiesel, zum silbernen Mondlicht auf faulenden Baumstümpfen, zur inneren Ruhe. Für das dünnbesiedelte Riesenland Kanada sind solche Songs jedenfalls unbezahlbare Tourismus-Werbung und unschätzbare Beiträge zur nationalen Identität. Wer Lightfoot-Texte intensiv hört, wird zum Kanada-Fan; wer es dann auch bereist, wird verblüfft sein, wie präzise der Songwriter das Land und sein Lebensgefühl einfängt. Zum hundertsten Unabhängigkeitstag 1967 skizzierte er in Crossroads" in weniger als 50 Wörtern Geographie und Hauptwirtschaftszweige aller kanadischen Regionen - und jenen harten Typ Mann, der dem rauhen Land Wohlstand und Zivilisation abgetrotzt hat und dennoch sensibel bleibt für die Natur: Ich hab das Land wachsen sehen wie eine schöne und mächtige Sache./Und in der Stille einer Sommernacht habe ich die Berge klingen gehört." Auf dem gleichen Album wie Crossroads" findet sich auch die mitreißende Canadian Railroad Trilogy", die nach Aussage des prominenten kanadischen Journalisten Pierre Berton in sieben Minuten mehr über Kanada sagt, als er selbst in ein ganzes Buch schreiben könne. Stil Zu Hause ist Gordon Lightfoot längst eine Institution. Es kursieren Geschichten, denen zufolge Kanadier in allen (mitunter prekären) Situationen innehielten, als das Radio plötzlich einen noch unbekannten Lightfoot-Song mit dem charakteristisch abgemischten 12-String-Strumming dudelte. Die Übertreibung verweist auf ein echtes Geheimnis seiner Wirkung: Innerhalb des eng gesteckten Stilhorizonts, einer zumeist gut ausbalancierten Mischung aus Pop, Folk und Country, hat Lightfoot einen unverkennbaren Sound kultiviert, dessen mühelose Natürlichkeit sofort aufhorchen läßt und sich im Unterbewußtsein für immer festsetzt. Seine Melodien sind von unerreichter Klarheit; seine Tonfolgen so perfekt auf die natürliche Sprachmelodie jeder Textzeile modelliert, als gehörten Worte und Töne seit Schöpfungsbeginn zusammen. Darüber hinaus feilt er mit seiner über Jahre zu einer Einheit gewachsenen kleinen Begleitband an jedem Arrangement, bis es auch instrumental absolut stimmig klingt. Und hier zahlt sich aus, daß er ausgebildeter Musiker und nicht Hobbyklampfer ist: Harmonielehre zum ersten (von wo ich mich in einen Akkord hinein bewege und mit welchem ich von da weitergehen muß"); Harmonielehre zum zweiten (die Bemühung um die Hörbarkeit jeden Akkordtons auch im Zusammenspiel zweier Gitarren); Harmonielehre zum dritten (Mit den Jahren habe ich gelernt, mich mit verschiedenen Akkordumkehrungen das ganze Griffbrett hochzuarbeiten, und wenn man die richtig anwendet, dann erkennt man den Unterschied zwischen etwas Zusammengestückeltem und einer Begleitlinie, die auch wirklich zum Song paßt.") Ergebnis: die elegante Logik von If You Could Read My Mind". Dabei reichen seine Begleitmuster kaum über das hinaus, was sich ein engagierter Gitarrenanfänger binnen knapp zwei Jahren erarbeiten kann. Doch dank strenger Philosophie und jahrelanger Praxis wird auch daraus Kunst: sich auf einen konstanten Grundrhythmus für die Band beschränken, aber den eigenen Part trotzdem atmen lassen - eben leicht und doch stark spielen. Trotz fünfköpfiger Begleitband verstärkt Lightfoot seine Akustikgitarren live am liebsten über Mikrofon - aus Soundgründen und wegen der Dynamik der wechselnden Klangschattierungen, wenn er das Mikro aus verschiedenen Winkeln anspielt. Ergebnis: ein charakteristisch harmonisches Gewebe, unaufdringlich geflochten, dessen ruhiger Wohlklang voll kraftvoller Lebendigkeit an Lightfoots geliebte arktische Flüsse erinnert (wo er jährlich wochenlange Kajak-Touren unternimmt). Und in seinem Musikbiotop, in dem die konservative Männlichkeit des Country durch die sensible Mystik des Folk und diese wieder durch die diesseitige Liberalität von Rock und Pop ausgeglichen wird, war der Kanadier stets ungeheuer produktiv: Wer zurückgezogen in einer Blockhütte binnen Tagen die Songs für ein komplettes Album schreiben kann, kennt keine schlaflosen Nächte wegen Ideenmangels: Wenn ich mit einem angefangenen Lied nicht weiterkomme und sowohl meine Inspiration und meine Erfahrung versagen, dann landet der Song eben im Papierkorb - kein Problem! Es gibt andere Zeiten, wo ich richtig in Schwung komme und ein paar Lieder an einem Tag schreibe." Denn: Liederschreiben ist etwas, das mich ständig beschäftigt. Wenn mir etwas Gutes einfällt, dann notiere ich es mir - ob es eine Akkordfolge ist, eine Melodie oder ein Text. Manchmal lassen sich solche Ideen zu einem Song ausarbeiten." Und ein Song ist ein Zusammentreffen von Einsichten und Einblicken. Er muß seine eigene Sichtweise haben - eine Philosophie, die ihn zusammenhält. Zuerst muß ich die spüren; dann weiß ich, daß ich schreiben muß." Den vollständigen Artikel findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 5/98 |