Rhapsody in blue Gibson L-5 Studio Von Wolfgang Niemann Als zum Ende des Jahres 1922 bei Gibson die erste
L-5 präsentiert wurde, hätte sich deren Erfinder L. Loar wohl kaum vorstellen
können, welche Auswirkungen dieses neue Instrument auf den Gitarrenbau
und die Musik der damaligen Zeit haben sollte. Den Gitarristen wurde erstmalig
ein Instrument an die Hand Die führenden Gitarristen dieser Zeit, z.B. Eddie Lang, nahmen dieses Instrument begeistert an, und so wurde die Gibson L-5 über ihre lange Bauzeit von nunmehr über 70 Jahren gleichsam zu einer Ikone. Wurde die erste L-5 noch streng nach den Vorstellungen L. Loars gebaut, nämlich ausgesprochen schlicht, so änderte sich nach seinem Weggang von Gibson 1924 ihr Erscheinungsbild mehr und mehr. Sowohl dem Zeitgeist folgend wie auch dem Bemühen, die Stellung des Instrumentes innerhalb der Produktpalette zu betonen, wurde die optische Ausstattung immer aufwendiger und die Korpusgröße im Jahre 1934 von 16 auf 17 Zoll erweitert. Ein weiteres, typisches Merkmal der L-5, der Saitenhalter im Art-Deco-Stil, wurde schließlich im Jahre 1937 zusammen mit einer Mensurverlängerung auf 65 cm eingeführt. War die L-5 bislang ein rein akustisches Instrument, wurde sie im Jahre 1951 auch elektrifiziert, was ihren Bekanntheitsgrad nochmals steigerte. Die Gitarre nannte sich fortan Gibson L-5 CES (Cutaway Electric Spanish). Neben einer Bestückung mit elektromagnetischen Tonabnehmern und der dazugehörigen Reglereinheit war die einzige Änderung eine etwas dickere Ausarbeitung der Decke, um Rückkopplungen zu minimieren, sowie eine Änderung der Deckenverstrebung, um der höheren Belastung durch die Tonabnehmer Rechnung zu tragen. Seit 1993 bietet Gibson nun verschieden Versionen der L-5 an. Teilweise handelt es sich um Wiederauflagen alter Klassiker (`34 L-5, `51 L-5 CES), aber eben auch um die Neuinterpretation dieser Gitarre. Und um eine solche handelt es sich bei der hier vorgestellten L-5 Studio.
Konstruktion Auffällig ist bei diesem Modell zum einem die Farbgebung, die sich in keiner Weise an der Tradition anlehnt, zum anderen aber auch die Schlichtheit in der Optik. Die Gibson L-5 Studio sieht ausgesprochen modern aus, eben anders. Es wurde gänzlich auf eine opulente optische Ausstattung verzichtet. Selbst das Markenzeichen aller L-5-Gitarren, die Einlegearbeit in der Kopfplatte in Form eines "Blumentopfes" (Flower Pot), wurde konsequent weggelassen. Bei der Konzeption war es wohl das Ziel, im Hinblick auf einen günstigen Verkaufspreis unnötige Kosten zu senken, ohne allerdings Abstriche beim Ton zu machen. Und soviel sei dem Test schon mal vorweggenommen: Dieser Grundgedanke des mit der Entwicklung betrauten "Custom Shop" wurde auch voll umgesetzt. Wie zu erwarten wurde das Instrument aus Hölzern gebaut, die sich als optimal für den Bau von hochwertigen Archtop-Gitarren erwiesen haben. So ist der Hals in guter alter L-5-Tradition aus drei Streifen Riegelahorn zusammengefügt. In die Leimfugen sind schmale Furniere eines dunklen Holzes gesetzt, und das sauber aufgeleimte Griffbrett besteht aus feinporigem Ebenholz (wie auch das Stegunterteil), in das 20 Jumbobünde perfekt eingefügt wurden. Lediglich einer abschließenden Politur der Bundstäbchen hätte man etwas mehr Sorgfalt widmen können. Allerdings polieren sich diese durch das Spielen schnell selbst, und außerdem wird dies mit Sicherheit auch durch den ausliefernden Händler bei der Einstellung der Gitarre erledigt. Auf eine Einfassung des Griffbretts wurde verzichtet. Zur Orientierung finden sich lediglich Punkteinlagen aus Perlmutt. Die Bundstäbchen sind an ihren Enden aber perfekt verrundet, so daß ein flüssiges Spiel unterstützt wird. Die werksseitig aufgezogenen 12er-Saiten sind in einem schlichten Saitenhalter (genannt "Bail Tailpiece") eingehängt und werden mit vernickelten Grover-Mechaniken, die angenehm weich und präzise arbeiten, in Stimmung gebracht Die gewölbte Decke ist aus massiver, feinjähriger Sitka-Fichte gefertigt. Die Wölbung entsteht aber nicht durch eine Presse, sondern wurde mit einer Fräse grob vorgearbeitet und abschließend per Hand mit Schnitzmesser und Schleifpapier perfektioniert. Boden und Zargen sind wie der Hals aus Ahorn, wobei allerdings hier der Rotstift angesetzt wurde. Zumindest der Boden wurde in Furniertechnik (d.h. aus mehreren Lagen) gefertigt und dann mit einer Presse in die gewünschte Wölbung gebracht - selbstverständlich in der Absicht, einen günstigen Verkaufspreis realisieren zu können. Dennoch wurde ausgesprochen dekorativ gemasertes Holz verwendet, und diese Art der Fertigung ist bitte nicht als Billiglösung zu verstehen. Schließlich wurden alle L-5-CES-Modelle in den 60er Jahren mit einem laminierten Boden gebaut und sind heute gesuchte Gitarren. Hals und Korpus wurden vor der abschließenden Versiegelung mit einem Klarlack blau gebeizt, was die Maserung der Hölzer sehr schön zur Geltung kommen läßt und für den modernen Charme verantwortlich ist. Na ja, und zu guter Letzt gab es für die "Studio" doch noch ein aufwendiges optisches I-Tüpfelchen mit auf den Weg: Das atemberaubende mehrfach eingefaßte Perloid-Schlagbrett im Art-Deco-Stil paßt ausgezeichnet zum dunkelblauen Lack und wertet sofort das gesamte Erscheinungsbild dieser Gitarre enorm auf. Den vollständigen Artikel findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 5/98 |