Captain Fingers Lee Ritenour Von Andreas Schulz Mit sieben Jahren hatte er zum ersten Mal eine
Gitarre in der Hand, und das hat ihn wohl so begeistert, daß er sich schon
als Teenager entschloß, fortan als Musiker durchs Leben zu gehen. Heute
zählt Lee Ritenour zu den Größen der jazzigen Fusion-Gitarristik und hat
eine bemerkenswerte Erfolgsbilanz vorzuweisen: zahlreiche Erstplazierungen
in verschiedenen Gitarren-Polls, ein rundes Dutzend Grammy-Nominierungen,
sieben "Goldene Schallplatten", ein Top-15-Hit und bisher 25
Alben unter eigenem Namen. Anläßlich der Veröffentlichung von Album Nr. 26 mit dem Titel "This Is Love" lud der mit typischer US-Westcoast-Leichtigkeit gesegnete Mr. Ritenour zum Pressetermin nach Hamburg. Die neueste Entwicklung in deiner Karriere scheint die Tatsache zu sein, daß du nunmehr dein eigenes Label - "i.e. Music" - betreibst. Wie ist es dazu gekommen? Lee Ritenour: Ein guter Freund von mir, ein sehr erfahrener Geschäftsmann, verließ GRP-Records, und ich schlug ihm vor, etwas zusammen zu machen, da er ein wirklich gutes Verständnis für meine musikalische Stilistik hat. Er sagte, es gäbe noch jemanden, nämlich den Besitzer des "Jazziz" Magazins, der Interesse hätte, ein Label zu gründen. Sobald sie wußten, daß ich interessiert bin, ging alles sehr schnell; wir machten einen Wirtschaftsplan, hatten einige Gespräche über unsere gemeinsamen Vorstellungen und kamen schließlich mit Polygram als Partner heraus. Alles lief vergleichsweise einfach, und die Aufgabenteilung ist perfekt: Es gibt einen Partner im Verlagswesen, einen Wirtschaftsexperten, und ich bin zuständig für den künstlerischen Teil. Es ist eine Menge Arbeit, eine Menge Business, aber es gibt mir mehr kreative Kontrolle über meine eigenen Platten und die Gelegenheit, mit vielen verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten. Wir entwickeln Talente wie Badi Assad, signen aber auch etablierte Künstler wie Al Jarreau, der jetzt bei "i.e. Music" ist. Auf jeden Fall ist es sehr spannend und fördert auch meine Fähigkeiten als Produzent. Die erste Produktion war "A Twist of Jobim" ... Lee Ritenour: Ja, ich habe das Album zusammengestellt, produziert und selbst eine Menge gespielt; im Grunde ist es eine Lee-Ritenour-Platte. Dazu kamen dann Gastmusiker wie Al Jarreau, Herbie Hancock oder Dave Grusin. Es war eine sehr erfolgreiche Platte in den USA, das "Number One Contemporary Jazz Album" des Jahres. Du hast schon lange ein enges Verhältnis zur brasilianischen Musik? Lee Ritenour: Das fing an, als ich noch ein Teenager war und diese Musik hörte, die wie eine Welle über die Staaten schwappte, mit Leuten wie Stan Getz, Antonio Carlos Jobim oder Joao Gilberto. Mit 20 kam ich zum ersten Mal nach Brasilien und habe mich einfach verliebt in die großartigen Melodien, die ausgefeilten Akkordfolgen, die Rhythmen und die Art, Akustikgitarre zu spielen. Seitdem sind viele Alben entstanden, die einen brasilianischen Einfluß haben. In dieser Zeit habe ich auch eine Tournee mit Sergio Mendes gemacht und dabei unglaublich viele Musiker kennengelernt. Kannst du dich noch an die Aufnahmen zu dem Album "Rio" von 1979 erinnern? Lee Ritenour: Klar, das war ein sehr wichtiges Projekt für mich. Ein Teil davon ist in Rio entstanden, ein Teil in New York und in L.A., ein großes Unternehmen. Es war auch sehr erfolgreich und wird heute noch oft gespielt. Auf dieser Platte war übrigens ein junger Musiker zu hören, Marcus Miller, der ein ziemlich irres Solo gespielt hat (lacht). Dein Spitzname in der Gitarrenszene ist "Captain Fingers". Gibt es dazu eine Geschichte? Lee Ritenour: Ich weiß wirklich nicht mehr, wer genau damit angefangen hat, aber es hatte auf jeden Fall damit zu tun, daß ich schon sehr früh eine wirklich gute Spieltechnik hatte. Als der Ausdruck dann geprägt war, habe ich ein Stück darüber geschrieben, das auch auf dem Album "Captain Fingers" ist. Ich finde es lustig, und schließlich steckt auch eine gewisse Anerkennung darin. In einem deutschsprachigen Jazz-Lexikon bist du aufgeführt, und es heißt, du verkörperst den in allen stilistischen Sätteln sicheren Allround-Gitarristen. Entdeckst du dich da wieder? Lee Ritenour: Ja, natürlich, meine Studiokarriere hat mir einen riesigen Background in den verschiedensten Stilistiken gegeben, und so kann ich mein Spiel jederzeit der musikalischen Umgebung anpassen. Auch auf der neuen Platte "This Is Love" sind ganz unterschiedliche Stile vertreten. Mein Jazzgitarren-Sound hält das alles zusammen. Ich spiele den Lee-Ritenour-Guitar-Style das ganze Album hindurch, aber in sehr verschiedenen Grooves und Settings, also scheint diese Definition zutreffend zu sein. Während meiner Studiozeit war ich stolz darauf, eine Motown-Session zu spielen, ein Barry-White-Date, ein Diana-Ross-Album, am nächsten Tag mit "Pink Floyd" zu arbeiten oder ein Klassikprojekt mit John Williams und einem Sinfonie-Orchester aufzunehmen. Diese Vielfalt habe ich damals sehr genossen. Könntest du heute nochmals so arbeiten? Lee Ritenour: Nein, wirklich nicht. Nach 1980 hörte ich auf, ein Studioplayer zu sein. Zu diesem Zeitpunkt war ich gewissermaßen der meistbeschäftigte Studiogitarrist in L.A., und es fing an, sich zu wiederholen und langweilig zu werden. Außerdem hatte ich das Bedürfnis, selbst als Künstler wahrgenommen zu werden und nicht immer nur für andere zu arbeiten. Du warst auch an vielen Filmmusiken mit Dave Grusin beteiligt ... Lee Ritenour: Die Soundtracks aufzunehmen war etwas Besonderes, es gab mehr Druck, alle waren nervös. Immerhin haben 30 bis 90 Musiker mitgewirkt, und oft war die Musik sehr schwer zu lesen. Manchmal waren Linien zusammen mit den Streichern oder den Holzbläsern zu spielen, und du mußt immer exakt sein und dem Dirigenten folgen. Einige der Musiken waren wunderschön, aber es war eine seltsame Atmosphäre im Studio; es war harte Arbeit und hat nicht immer Spaß gemacht. Was sind denn deine wichtigsten Einflüsse als Gitarrist? Lee Ritenour: Wes Montgomery war der erste große Einfluß, dann Kenny Burrell, Howard Roberts, Joe Pass, und der Bluesgitarrist Mike Bloomfield. In den sechziger Jahren habe ich mich parallel entwickelt, ich liebte Jazz und Rock. Es waren die Sechziger in Los Angeles, das Zeitalter des Rock, so habe ich an beiden Seiten gearbeitet. Auf dem neuen Album scheinen alle Stile, in denen du zu Hause bist, zusammenzufließen. Es gibt Popsongs, Blues, Latin, Funk, Jazz und auch zwei fast klassische Stücke mit der Nylonstring . Lee Ritenour: In den letzten Jahren habe ich viele themenorientierte Alben gemacht wie "Wesbound", "Lee & Larry" oder "A Twist of Jobim". Hier habe ich absichtlich die verschiedensten musikalischen Dinge verarbeitet, mit denen ich mich 97 und 98 beschäftigt habe. Wenn du dir die Musik von Anfang bis Ende anhörst, wirst du merken, daß eine Menge Abwechslung darin ist, aber über allem steht mein Jazzgitarren-Sound. Man erkennt meinen Stil zu arrangieren und zu produzieren, es klingt schon wie ein typisches Ritenour-Album. Gibt es ein Lieblingsstück auf dieser Platte? Lee Ritenour: Ich mag "Alfie´s Theme" sehr gerne. Es wurde bis auf die Bläser-Overdubs live eingespielt, in zwei Takes, und hat eine sehr erfrischende Athmosphäre. Ich stehe total auf den Klang von Ronnie Fosters Hammond-Orgel, irgendwann muß ich ein Trio-Album mit Orgel machen. Einige der Stücke verwenden Drum-Loops und Sampling. Hat das deinen Arbeitsstil oder deine Art zu komponieren verändert? Lee Ritenour: Auf jeden Fall. In den letzten Jahren habe ich verstärkt mit dem Computer arrangiert und komponiert, und die Möglichkeit, Audiodaten auf die Harddisk aufzunehmen, hat die Arbeitsmöglichkeiten sehr verändert. Ich benutze Macintosh-Computer und eine Software namens "Logic Audio" von der Firma Emagic, und dieses Programm hat im Grunde mein gesamtes musikalisches Leben verändert. Ich programmiere alles mit einer MIDI-Gitarre, nie mit dem Keyboard. Den Titelsong der neuen CD habe ich bis auf die Bläser alleine mit einer MIDIfizierten Gitarre eingespielt. Gibt es keine Tracking-Probleme (Zeitverzögerung)? Lee Ritenour: Die gibt es schon, aber in dieser Software kann man das sehr komfortabel editieren und auch die Notendarstellung benutzen, außerdem arbeite ich mit Gitarrensynthesizern seit 20 Jahren und habe einige Erfahrung. Du machst also eine Art Vorproduktion in deinem eigenen Homestudio? Lee Ritenour: Ja, inzwischen ist es zu einem professionellen Aufnahmestudio gewachsen, in dem ich alles selbst machen kann. Seit auch die Gitarrenparts in den Computer gespielt werden können, ist das ganze Studio im Grunde zu einem großen Kompositionswerkzeug geworden. Alle sozusagen "produzierten" Stücke der neuen Platte sind in meinem Studio entstanden, die Jazztitel und die akustischen Stücke sind in einem anderen Studio live mit der Rhythmusgruppe aufgenommen worden. Es gibt zwei Stücke auf der CD, die deutlich anders sind als alles, was du bisher gemacht hast. Du hast klassische Motive und Klänge benutzt und sie improvisatorisch weiterentwickelt. Lee Ritenour: Ja, eines der Stücke, "Dreamwalk", stammt von 1980 (von der Platte "RIT"), und bei der neuen Aufnahme habe ich es erweitert, Orchestersamples eingesetzt und den Improvisationsteil als Jazz-Waltz geschrieben. Die "Pavane", geschrieben von Gabriel Fauré 1887, kombiniert eine klassische Jazz-Rhythmussektion mit programmierten Streichern - ein sehr interessantes Arrangement, das Frank Becker für mich gemacht hat. Das ist eine sehr eklektische Auswahl, und ich freue mich darauf, das Material auch live zu spielen. Wirst du zukünftig mehr in diese Richtung arbeiten? Lee Ritenour: Du kannst dich darauf verlassen, daß ich eines Tages ein komplettes klassisches Crossover-Album machen werde. Ich habe einigen Background in dieser Richtung, habe unter anderem bei Christopher Parkening studiert. Das dürfte so ziemlich das einzige musikalische Projekt sein, das ich bisher noch nie gemacht habe. Es wird zeitgenössische klassische Musik enthalten, genauso wie impressionistische Stücke und eine Originalkomposition. Es braucht natürlich sehr viel Zeit, das vorzubereiten. Das vollständige Interview findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 5/98 |