In Concert

George Benson

Bayrischer Hof, München

Es ist schon erstaunlich, welch unterschiedliche Leute auf ein Konzert von George Benson gehen. Aber noch viel erstaunlicher ist es zu sehen, was im Laufe des Konzerts mit diesen Leuten geschieht. Eine Stunde, bevor der Gitarrist und Sänger aus Pittsburgh, Pennsylvania die Bühne betrat, bildete sich eine ebenso lange wie bunt gemischte Schlange vor dem Festsaal des superfeinen Münchner Luxushotels.

Sie alle waren eigentlich zu einem "Paradoxon" erschienen, denn zur "Final-Gala" des diesjährigen Münchner Klaviersommers gab es ausgerechnet ein Gastspiel des weltberühmten Jazzgitarristen. Aber in München sieht man das seit Jahren schon nicht mehr allzu verbissen.

Sehen und gesehen werden, Münchens Schickeria war vollständig und nur zu vergnügungsbereit angetreten. Der opulent eingerichtete Saal wimmelte nur so von Hotelbediensteten, die das finanzstarke Publikum mit (fast) allem versorgten, was man erdenken, essen und trinken kann. Bei diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten fielen die gehemmt herumstehenden Jeanshosen-Träger und Anhänger karierter Hemden beinahe aus der Rolle. Das Geld indes vereinte sie alle, denn 95 Mark mußten schon berappt werden, um sitzend dabeisein zu können.

Benson betrat die Bühne des Festsaals, fein gekleidet wie die Schickimicki-Truppe vor ihm, stöpselte das rote Ibanez-Hollow-Body-Modell, das seinen Namen trägt, in einen Fender-De-Ville-Verstärker und ließ erst einmal, bevor seine Band überhaupt zu spielen wagte, ein paar vertrackte Sechzehntel von den Fingern perlen. Zur Auflockerung! Oho! Tuschel, tuschel, ein erstauntes Raunen schlich durch den Saal. Dann knallte die Band los, und Benson brillierte mit "Sidonah, Sidonah", spielte flüssig und sehr elegant. Seine Soli zündeten sofort und ohne Gnade. Nicht gerade ein leicht verdauliches Stück, dennoch: Die Meute wollte mehr, war begeistert, tickte regelrecht aus. Schrie, johlte, pfiff und sprang ein ums andere Mal auf und nieder, fast wie beim "Rumptata"-Oktoberfest. Als dann "In The Country" und "Weekend In L.A." folgten, waren die Bedenken hinsichtlich der Szenerie vergessen. Benson umgarnte schlichtweg alle mit seinem superben Spiel und seinem sehr gekonnt aufgesetzten Lächeln.

Der 55jährige mag zwar früher, als junger Gitarrist in den 60er Jahren, von Wes Montgomery beeinflußt worden sein, ging dann aber, in den 70er Jahren, konsequent seinen eigenen Weg, der ihn weit weg von den Wurzeln auf eine sehr erfolgreiche, massenkompatible Jazz-Funk-Pop-Formel brachte. Das ist freilich kein Verbrechen, und ein toller Musiker ist George Benson trotzdem immer geblieben: einer, der zwar populär, aber nie peinlich geworden ist.

Showtime! Natürlich mußte sie irgendwann kommen, die Stunde der großen Gefühle, die Zeit für Kompromisse. George Benson ist ja nicht nur als Saitenkünstler, sondern auch, oder gerade, als Sänger berühmt geworden, und die Leute wollten selbstverständlich auch (seine) Balladen hören. Also kamen sie, kompakt und komprimiert nacheinander: "Nothing’s Gonna Change My Love For You", "The Greatest Love Of All", "The Long And Winding Road" und der Titelsong von seinem aktuellen Album "Standing Together" - mit schmierigen Streichern aus dem Synthi-Speicher und triefenden Ansagen wie "I love you! Munich is such a wonderful city with such wonderful people!" Aber was soll’s, Benson ist ein begnadeter Entertainer. Er weiß ganz genau, was er wann sagen muß. Und die Leute lieben ihn dafür, weil er ihnen gibt, was sie wollen: ein bißchen Jazz, ein bißchen Schmalz, ein bißchen von allem. Was aber wirklich in dem "Smooth Operator" steckt, zeigte er beim Klassiker "Beyond The Sea": Da scattete und solierte er, daß einem die Haare auf den Armen munter zu Berge standen. Das muß man erst mal so hinkriegen, da macht ihm keiner was vor! Seine Band - Stanley Banks (Bass), Thomas Hall (Keyboards), Michael O’Neill (Gitarre), Dennis Saucedo (Percussion), Buddy Williams (Drums) und David Witham (Klavier) - hielt sich bei alldem dezent zurück und ließ den Star des Abends nur machen. Und der machte alles richtig. Hatte er sein Publikum mit den soften Songs erfolgreich geködert, zog er sie in der letzten halben Stunde ganz auf seine Seite, indem er den Festsaal in ein Tollhaus verwandelte. War das noch derselbe Bayrische Hof? Waren das noch dieselben auf stilvolles Benehmen Bedachten von vorhin? Bei "Give Me The Night" schwappten die Wogen der Begeisterung hoch und bei der Zugabe "On Broadway" schließlich über. Zerlotterte Jeans tanzten ekstatisch und ausgelassen neben schnittigen Bügelfalten. Selbst den Elegantesten unter den Eleganten war es plötzlich egal, wie sie aussahen, ob sie noch ausreichend Klasse hatten, sie wollten nicht mehr elitär und überlegen sein, sondern nur noch Spaß haben. Yeah! Andreas Boer