Bücher und CD´s

Bücher

Acoustic Guitar Magazine’s Private Lessons, 1 (String Letter Publishing), 100 S., IMP

Entgegen der Cover-Ankündigung "For Players of all Levels ..." bietet "Private Lessons, 1" hauptsächlich Stoff für Anfänger und mittelweit Fortgeschrittene (mit guten Englischkenntnissen). Es handelt sich dabei nicht um ein konventionelles Lehrbuch,refer1.jpg (6062 Byte) sondern um eine Sammlung von Workshops des amerikanischen Acoustic Guitar Magazines. Die Besonderheit dieses Hefts liegt nicht nur in der thematischen Vielfalt begründet, sondern auch darin, daß man es mit einem ganzen Heer von Gitarrenlehrern zu tun bekommt: Mit von der Partie sind Dale Miller, Charles Chapman, Ken Perlman, Mark Hanson, David Hamburger, Larry Sandberg, Elizabeth Papapetrou, Jim Wood, John Jennings, John Leventhal, Gary Talley, Dixe Bruce, Glenn Weiser, Dylan Schorer, Rex Gillentine, Hal Glatzer, Kelly Joe Phelps, Dan Crary und Kristina Olsen, die allesamt mit Bild und Kurzbiographie zu Beginn des Buches vorgestellt werden.

Da erwarten einen unter dem Oberbegriff "Technik" detailreiche und äußerst fundierte Analysen, Perspektiven, Übungen und Beispielsongs zu Hammering-ons und Pull-offs sowie diverse Anschlagsvarianten, Rockrhythmen mit Power Chords, Flatpicking, Double-Stop-Licks, Celtic Tunes, Texas Swing, Country Licks, Swing Guitar Solo Licks, Slide Guitar (Bottle Neck), Blattspiel etc. Unter dem Schlagwort "Musiktheoretische Zusammenhänge" geht es dann z.B. um Quinten- und Quartenzirkel, um die Integration von Baßlinien, das Spiel mit Open Tunings, Liedbegleitung, Songwriter-Akkorde sowie ums Arrangieren von mehreren Gitarrenstimmen bis hin zur Auftrittsvorbereitung u.v.m. Alle Notenbeispiele liegen dabei in Standardnotation mit Tabulatur und Akkorddiagrammen vor. Die passende Ergänzung bilden die beiden zugehörigen CDs, die mit ihren jeweils über 90 Tracks rund 150 Minuten akustisches Begleitmaterial zu den einzelnen Workshops liefern. Eine sehr interessante Sammlung. -tse-

 

Dieter Szametat

Von Anfang an: Akustik Gitarre (AMA), 127 S.

Nun beherrscht man sie endlich, die handelsüblichen "Camping-Akkorde", und auch die ersten Barré-Akkorde klingen schon ganz passabel ... Aber alle Lieder mit demselben Anschlag?

Genau an diesem Punkt setzt die Gitarrenschule von Dieter Szametat an, deren Schwerpunkt - auf vier Kapitel verteilt - in der Erarbeitung von Anschlagsmustern, Zupfmustern, kombiniertem Plektrum- und Fingerzupfspiel (Flatpicking) sowie dem Melodieakkordspiel liegt. Aber auch völlige Anfänger profitieren von dieser Schule, da die ersten Griffe lediglich das Anschlagen der G-, der H- und der E-Saite mit gestütztem Daumen auf der D-Saite erfordern und nur ein Finger der linken Hand greifen muß (Griffdiagramme). Gut gelöst ist die detailreiche Darstellung der Anschlagshandposition auf den einzelnen Zählzeiten mittels Miniaturzeichnungen in Kombination mit Pfeildiagrammen, so daß man auch ohne einen Gitarrenlehrer gut vorankommen kann. Auf traditionelle Notation wird zu Beginn verzichtet, erst beim Flatpicking werden die Tabulaturen von der traditionellen Notation ergänzt. Beim Fingerpicking kommen Tabulaturen für die linke Greifhand und die rechte Zupfhand zum Einsatz, und die Lieder werden im Lead-Sheet-Format (Songtext, Melodienotation, Akkordsymbole) dargestellt. Die Anschlagsmuster beinhalten viele rhythmisch-perkussive Anschlags-, Klopf- und Dämpftechniken (z. B. Chop, Slap, Double-Hand-Technik, Hammering-ons, Pull-offs, Crosspicking [Banjo-Rolls]). Wer sich an dem eher traditionell orientierten Liedermachergut nicht stört, der findet in dieser Schule eine Fundgrube rhythmischer und perkussiver Anschlags- und Zupfvarianten, die noch genügend Freiraum für Eigenkreationen übriglassen und natürlich auch auf andere Stilistiken übertragbar sind. Die beiliegende CD komplettiert die Gitarrenschule mit einer akustischen Hörkontrolle der einzelnen Übungen und Lieder (inkl. Gesang), wobei die Übungen in schneller und langsamer Variante mit Metronom dargeboten werden. -tse-

 

Eddie Nünning

Latin Jazz Fingerstyle

(80 S. inkl. CD, Acoustic Music Records)

Hinter dem Begriff "Latinjazz" verbergen sich die Jazzstile, die mehr oder weniger deutlich von karibischer oder von mittel- bzw. südamerikanischer Musik beeinflußt sind. Im Mittelpunkt dieses Buches steht dabei der "Bossa Nova" bzw. die "Bossa-Nova-inspirierten" Spieltechniken. "Bossa Nova" (dt.: "Neue Sache") entstand in den 50er Jahren in Brasilien als Verschmelzung einer etwas kultivierteren Form des Samba mit dem "Cooljazz" der damaligen Zeit. Für Gitarristen ist gerade dieser Stil bzw. diese Musik interessant, weil die Gitarre - und hier vor allem die Nylonstring-Gitarre - integraler Bestandteil ist.refer2.jpg (5186 Byte)

Das Buch ist in zwei Hauptkapitel aufgeteilt. Im ersten Kapitel werden erste Jazzakkorde in Verbindung mit vielen typischen Bossa-Nova-Rhythmen erarbeitet und auch erste Improvisationsanleitungen erteilt. Sodann werden verschiebbare Jazz-Akkorde vermittelt, welche anschließend in Beispielstücken vertieft werden. Das zweite Hauptkapitel widmet sich ausschließlich der Latinjazz-Sologitarre, wobei die Erarbeitung des Stevie-Wonder-Songs "You Are The Sunshine Of My Life" im Mittelpunkt steht. Wenngleich das Buch "nur" mit vier Stücken arbeitet, gelang Eddie Nünning auf 80 Seiten eine sehr effektive Einführung in die reizvolle Welt des Bossa Nova. Die Beispiele und die angebotenen Übungen sind didaktisch und methodisch schlüssig ausgearbeitet. Die CD ist sehr gut produziert und bietet eine optimale Hilfe für die doch nicht so ganz gewohnten Rhythmen. Hans Westermeier

 

CDs

Bireli Lagrene

"Blue Eyes" (Dreyfus Jazz/Edel-Contraire)

Komischerweise muß man im Zusammenhang mit dem Namen Bireli Lagrene immer noch an das ehemalige Wunderkind denken - an den Dreizehnjährigen, der alle Django-Reinhardt-Soli rauf und runter und rückwärts spielen konnte. Dabei ist er längst erwachsen geworden, der Bireli. Gereift sind mit ihm seine Musik, sein musikalischer Ausdruck und seine künstlerische Eigenständigkeit. "Blue Eyes" präsentiert einen Jazzmusiker (zusammen mit einem wirklich hervorragenden Trio), der an seinem Profil gearbeitet hat, der längst keine "Sensation" mehr ist, dafür ein Gitarrist mit einer klaren musikalischen Sprache. Und die ist auf den 13 Titeln von "Blue Eyes" im positiven Sinne von sattem Mainstream-Jazz geprägt. Grundkonzept war zudem, Titel aufzugreifen, die einst von Frank Sinatra interpretiert wurden. Lagrene spielt Standards von Gershwin, Cole Porter, Rodgers/Hart und Burke/Van Heusen wie ein alter Hase. Kein Wunder - er ist einer! Die Zigeunerjazz-Schule ist - das mag man schade finden oder auch nicht - hier so gut wie gar nicht mehr zu hören. "Blue Eyes" ist ein reinrassiges Swing-Jazz-Album. Eines der oberen Güteklasse und eines mit einem tollen Klang zudem. Vielleicht hätte sich der Gitarrist die ein oder andere Gesangseinlage verkneifen können; sein vollmundiger Gitarrenton, die quirlige Spielweise und das tolle Zusammenspiel mit den Musikern machen dieses Album aber zu einem Hochgenuß für Swing-Fans. Gregor Hilden

 

Jackie Leven

"Night Lilies" (Cooking Vinyl/Indigo)

Wie macht dieser Mann das? Wie kommt er auf all diese schönen Melodien, diese hintersinnig versponnenen Texte, und wie schafft er es, diese "Poesie des Alltäglichen" in einen derart stimmigen und interessanten musikalischen Zusammenhang zu bringen? Nach dem herausragenden letzten Album "Fairytales For Hard Men" vom vergangenen Jahr erscheint es fast wie pure Magie, daß dieser ehemalige Punkrock-Sänger ("Doll By Doll"), dieser früher heroinsüchtige, vom Schicksal des öfteren gebeutelte Musiker jetzt ein Nachfolgewerk auf den Markt bringt, das seinem bisherigen Meisterstück "Fairytales" wohl in nichts nachsteht. Wieder gibt es da die sanften, von schottischer und keltischer Folklore durchtränkten Melodien, seine ebenso sanfte wie bluesige Stimme und ein unprätentiöses, aber sehr geschmackvolles Gitarrenspiel mit dem wunderbar runden und homogenen Sound seiner Gallagher Dreadnought-Gitarre, die er einst von Doc Watson bekam. Die Musik von Jackie Leven auf einen Punkt zu bringen, ist wahrlich nicht einfach. Popstrukturen mit breiten und ideenreichen "Beatles"-Arrangements gibt es da ebenso wie schlichte Songs im Folk-Gewand. Jackie Levens Songs sind vertonte Gemälde, farben- und phantasiereiche Bilder, in die man versinken möchte. Ein Skandal, daß dieser Musiker immer noch als Geheimtip gehandelt wird, aber auch das wird sich mit Sicherheit noch ändern. -gh-

 

John Renbourn

"Traveller‘s Prayer" (Shanachie/Koch)

Von John Renbourns vielen musikalischen Gesichtern steht ihm das auf seiner neuen CD "Traveller‘s Prayer" besonders gut: Er präsentiert eine sehr schöne Auswahl traditioneller irischer und englischer Stücke sowie eigene Kompositionen; wobei er durch seine Bearbeitung das Kunststück vollbringt, die Musik - alte wie neue - wie aus einem Land klingen zu lassen. Obwohl einige Stücke bis ins 17. und 18. Jahrhundert zurückreichen, gewinnen sie durch Renbourns dynamisches und gefühlvolles Gitarrenspiel Authentizität. Dabei wird der Gitarrist durch sparsame Begleitung von Penny Whistles (Querflöten, Geigen) und Uilleann Pipes (Klarinetten und Flöten) unterstützt, bei zwei Stücken auch durch Gesang. Mit Renbourns intensivem Spiel entstehen Bilder von geheimnisvollen Ritualen, Feiern, Tänzen …

Das Booklet gibt detaillierte Hintergrundinformationen zu jedem Stück, dazu die jeweiligen Tunings und Johns individuellen Kommentar, was die Musik noch besser nachvollziehbar macht. Renbourn ist exzellent in Form - seine Präsentationen etwa von "O‘Carolan" und von "Vaughn Williams" sind so lebendig, daß er den traditionellen Stücken neues Leben einzuhauchen scheint. Sein klares Spiel kommt durch eine sehr gute Aufnahmequalität schön zum Ausdruck. Kurzum, eine sehr empfehlenswerte CD für alle Freunde des klassischen Folk. Larry Conklin

 

Lee Ritenour

"This Is Love" (i.e.music/Polygram)

Wieder meldet sich der mit satter musikalischer Eloquenz ausgestattete Lee Ritenour (siehe auch Interview in dieser Ausgabe) mit einem neuen Studioalbum zu Gehör. Nach seiner Karriere als Studiocrack mit einer absolut unüberschaubarer Diskographie (geschätzt ca. 2000 Alben) wurde er fast zwei Jahrzehnte lang zum Vertreter der locker-leichten LA-Fusion mit brasilianischem Einschlag. In den 80ern und 90ern entdeckte er zunehmend sein Herz für den Jazz-Maestro Wes Montgomery und agierte konsequenterweise zunehmend jazziger und swingender. Die aktuelle CD "This Is Love" scheint eine Zusammenfassung all seiner stilistischen Vorlieben zu sein; man entdeckt die typischen Latin-Funk-Stücke, Songs aus der Pop- und R & B-Ecke, einen hörbar Marley-inspirierten Reggae und knackige Mainstream-Swinger (Hörempfehlung: "Alfie´s Theme" von Sonny Rollins und "Streetrunner" mit schmatzender und groovender Hammond). Auch eine neue Seite in Ritenours Stilistiksammlung wird aufgeschlagen: Zwei wirklich schön arrangierte Titel in klassischem Ambiente, mit Nylonstring-Akustikgitarre und programmiertem Orchester aus dem Sampler, beschließen das Album (Pat Methenys "Secret Story" läßt grüßen). Insgesamt ein außerordentlich vielseitiger Ritenour, der uns einen kurzweiligen Hörgenuß beschert. Der Meister selbst spielt mit edlem Gibson-Tone (L 5 Archtop) seine Lines und Licks; galant und mit einem Hauch von Understatement tönt es aus den Boxen. Wer allerdings etwas musikalischen Wagemut jenseits der sattsam bekannten Pfade erwartet, wird hier enttäuscht. Sehr produziert und durchkalkuliert ist die Musik, glücklicherweise gibt es die beiden schon genannten jazzigen Feger mit Ronnie Fosters Hammondorgel, die live eingespielt wurden. Fazit: eine gut produzierte Mischung aus traditionell swingender Jazzgitarre mit amtlichem Ton und zeitgeistgemäßen Grooves und Loops, die hoffen läßt, daß der etwas mutiger improvisierende Ritenour auch wieder zu Worte kommt. Andreas Schulz

 

Al di Meola

"The Infinite Desire" (Telarc/in-akustik)

Auf seinem neuen Album schlüpft der 44jährige amerikanische Stargitarrist in Siebenmeilenstiefel und stapft mit ihnen in die Vergangenheit. Ein "unendliches Verlangen", von dem der Albumtitel spricht, zieht Al di Meola zurück zur Fusion-Musik der 70er Jahre, zurück zu Chick Coreas "Return To Forever", der Band, deren Gitarrist er als 19jähriges Wunderkind wurde und deren Split ihn 1976 in die Solo-Existenz zwang. Hatte er sich in den letzten Jahren mit seiner Band "World Sinfonia", den überaus gelungenen Astor-Piazzolla-Interpretationen und einer gemäßigten Neuauflage des "Guitar Trio" mit Paco de Lucia und John McLaughlin (alles rein akustische Projekte!) langsam von dem Image des Schreibmaschinen-Stil-Spielers erholt, scheint ihm dieser gute Ruf inzwischen wieder egal zu sein. Wie sonst ist es zu erklären, daß er sich den Tachometer-Gitarristen Steve Vai ins Studio holt und beide "Race With Devil On Turkish Highway", das Al bereits auf "Elegant Gypsy" von 1978 verbraten hatte, so herunterholzen, wie man es sich für die Musik der 90er gerade nicht vorstellt - gefühlskalt, Hauptsache schnell. Ebenfalls fragwürdig sind die vielen elektronischen Spielereien. Über synthetische Drums kann man sich durchaus noch streiten, da will ich nicht konservativer als Johannes Paul II sein, aber all das Gebimmel und Geröchel, das er aus seinem Gitarren-Synthesizer kitzelt, nervt auf Dauer beträchtlich. Mein Gott, inzwischen hat doch wirklich jeder kapiert, daß eine Gitarre fast wie ‘ne Trompete klingen kann. Aber muß man das dann tatsächlich auch machen? "Valentina" wird durch die gnadenlos wiederkehrende Sample-Trompete nahezu unerträglich. 1985 hatte Al di Meola auf "Scenario" und "Cielo E Terra" einige interessante Experimente mit dem Fairlight-System angestellt, aber das ist über zehn Jahre her! Was zählt, sind gute Kompositionen, und da sieht es auf "The Infinite Desire" ziemlich schlecht aus. Schon das Eröffnungsstück ist exemplarisch ernüchternd: "Beyond The Mirage" hat kein klar erkennbares Thema, von Durchführung keine Spur. Statt dessen gibt es oben erwähntes Geklimper und ein paar unnötige Rasereien auf der Les Paul. Und hat man sich dann bis zum sechsten Stück vorgekämpft, vergällt einem die "Invention Of The Monsters" den ganzen Rest - hektisch und ungenau gespielt, blutarm, ermüdend wie eine Schulband, die zuviel will, und zu allem Übel auch noch versetzt mit schrecklichen 80er-Jahre-DX-Bläsern.

Im Laufe der Platte folgen zwar viele ruhigere akustische Passagen (auf einer Nylonstring-Gitarre von Conde Hermanos und Steelstring-Gitarren von Wechter bzw. Ovation gespielt), aber auch sie bleiben blaß und kalt und unerfreulich wie ein verregneter Morgen im Herbst.

Mehr Besprechungen findet Ihr in AKUSTIK GITARRE 5/98