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Heather
Nova: „Alles im Fluss“
„ Oft entstehen die wunderbarsten Songs aus schmerzhaften Erfahrungen.“
„
Blow“, „Oyster“, „Siren“, „South“...
Bei Albumtiteln gibt sich die zierliche Sängerin und Gitarristin
gern einsilbig. Das gilt auch für ihr neues Werk: „Storm“.
Ein Neuanfang in jeder Hinsicht: Neues Label, neues Konzept, neue
Gastmusiker. Mit „Storm“ kehrt die karibische Songwriterin
zurück zu ihren Wurzeln.
Heather Nova,
wird am 6. Juli 1968 als Heather Frith geboren. Durch die Musikalität ihrer Mutter lernt sie mit 8 Gitarre
zu spielen und entdeckt Künstler wie Neil Young, Tim Buckley
und Jimmy Cliff. 18 Jahre lebt sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwester
auf dem Hausboot ihrer Eltern, dann besucht sie die Rhodes Island
School Of Music. Von dort zieht sie nach New York und tingelt mit
ersten eigenen Songs durch die Bars und Kaffeehäuser. Anfang
der Neunzigerjahre zieht sie nach London und nimmt ihre erste EP „These
Walls“ auf, die sie als Heather Nova – nach dem Namen
ihrer indianischen Großmutter – veröffentlicht.
1993 folgt ihr erster Longplayer „Glow Stars“, aufgenommen
mit der Hilfe ihres damaligen Freundes, dem Killing Joke-Gitarristen
Youth. Heather Nova tritt im Vorprogramm von den Violent Femmes
und den Cranberries auf. Ein erster Erfolg gelingt ihr mit ihrem
Major-Debot „Blow“, der große Durchbruch folgt
mit ihrem 94er Album „Oyster“.
Hallo Heather,
fühlst du dich gut?
Heather Nova: Ja, danke. Ich spiele gerade akustische Showcases,
um mein neues Album vorzustellen.
...beim ersten
Hören deines Albums war ich mir nämlich
nicht so sicher. Es gibt eine Menge unglückliche Liebeslieder
auf dem Album.
Heather Nova: Nun, ich schreibe eigentlich immer über die
Unwägbarkeiten in Beziehungen; ich habe da schließlich
die gleichen Erfahrungen wie jeder andere Mensch. Auch ich weiß,
dass das Leben nicht immer leicht ist. Und auch ich habe den Weg
zum perfekten Glück noch nicht gefunden. Ich schreibe über
die Dinge in meinem Leben, an denen ich arbeiten muss und will.
Zum Beispiel?
Heather Nova: An meiner Beziehung, zum Beispiel.
Wenn du in einer sehr langen Beziehung bist und dann einen anderen
Mann attraktiv
findest, musst du dich damit auseinandersetzen. Ich habe mit
meinen Freundinnen darüber gesprochen und jede von ihnen
kam irgendwann mal an den gleichen Punkt. Diese Songs reflektieren
meine Erfahrung mit dem Gefühl, dass du bei allem im Leben,
selbst beim schlimmsten Schmerz, am Ende etwas daraus lernen
kannst.
Kollegen
wie Justin Currie (Del Amitri) oder Billy Corgan (Zwan) referieren über die Schönheit der Traurigkeit als künstlerischen
Antrieb.
Heather Nova: Ja, genau. Oft entstehen die wunderbarsten Songs
aus schmerzhaften Erfahrungen.
Die Aufnahmen
zu „Storm“ entstanden an sehr gegensätzlichen
Orten mit sehr unterschiedlichen Stimmungen - der Wärme der
Bermudas und der Kälte der schneebedeckten Berge nahe Woodstock.
Heather Nova: Das war eigentlich gar nicht geplant, das hat sich
zufällig so ergeben. Die Leute, mit dem ich arbeiten wollte
(Mitglieder der Band Mercury Rev), leben nun mal im nördlichen
New York State. Und dort, im Februar, erlebten wir den schlimmsten
Schneesturm der vergangenen 50 Jahre. So etwas habe ich noch nie
erlebt! Unglaublich! Wir arbeiteten in einer Hütte, auf der
Spitze eines Berges, völlig isoliert von der Außenwelt.
Kein menschliches Leben im Umkreis von 150 Kilometern. Der Sturm
war so intensiv, dass alle Verbindungen für Tage unterbrochen
waren. Ich fand dieses Gefühl der Einsamkeit toll. Wir haben
am Kaminfeuer gesessen und Gitarre gespielt. Es war unglaublich
romantisch.
Das Schreiben der Songs fand allerdings wie immer auf den Bermudas
statt, oder?
Heather Nova: Ja. Ich liebe es, auf den Ozean zu schauen, das hilft
mir, alles von der Seele zu waschen, mich nur auf die Musik einzulassen
und die pure Wahrheit dessen, was ich sagen will zu finden. Der
Ozean ist für mich so etwas wie ein gigantischer Reinigungsapparat.
Da gibt es einfach nichts außer Himmel, Wellen und Wind.
Und alles verändert sich ständig und das schärft
deine Wahrnehmung.
Du hast
schon öfters an ungewöhnlichen
Orten aufgenommen. Wie wichtig ist dir das Ambiente einer Aufnahme?
Heather Nova: Sehr wichtig! Ein toller, inspirierender Ort oder
ein gut klingender Raum geben dir schließlich eine gute Arbeitsatmosphäre.
Auf jener Hütte hatten wir eine tolle Aussicht und wir hatten
dort einen Kamin. Ich glaube zwar nicht, dass man das Knistern
des Feuers hören kann; aber spüren, vielleicht. Solche
Sachen sind mir wichtig. Die Akustik des Raumes natürlich
auch. Alles spielt eine Rolle und trägt dazu bei, dass es
am Ende eine tolle Platte wird. Den Gesang habe ich auf den Bermudas
aufgenommen, und bei den ganz sparsamen, akustischen Songs kannst
du im Hintergrund sogar die Frösche quaken hören. (lacht)
Dieses Album ist sehr, sehr ehrlich.
Wenn Musik
auch Reflexion ist, was für Musik hast du in der
letzten Zeit gehört?
Heather Nova: Wenn ich schreibe oder aufnehme höre ich grundsätzlich
keine Musik. Das ist eine Zeit, in der ich einen leeren Kopf brauche.
Reine Gedanken. Keine Einflüsse, keine Ablenkung. Ich habe
die Zeit auf den Bermudas auch mit Gartenarbeit verbracht und damit
mein Boot zu renovieren. Erst jetzt, wo ich wieder unterwegs, bin,
gehe ich in Plattenläden und schaue mich um, was in der Zwischenzeit
an Musik erschienen ist.
Welche Gitarren kamen auf dem Album zum Einsatz?
Heather Nova: Ich spiele noch immer meine Taylors. An sie habe
ich mich gewöhnt, komme gut mit ihnen klar und habe – hoffe
ich - meinen Sound gefunden. Andere Instrumente für dieses
Album waren Streicher, eine Hammond B3, ein bisschen Klavier
und etwas gebürstetes Schlagzeug.
Wie hat sich im Laufe der Zeit dein Fingerpicking entwickelt?
Heather Nova: Nicht sonderlich, befürchte ich! (lacht) Ich
bin mit meiner Technik zufrieden, sie ist für mich ganz klar
ein Mittel zum Zweck. Denn für mich steht immer der Song im
Vordergrund. Aber klar, ich mag Fingerpicking, im Gegensatz zum
Chord-Strumming, weil es deinem Spiel eine gewisse Leichtigkeit
verleiht.
„Storm“ ist
sehr ruhig ausgefallen, ist auf das Wesentliche reduziert: auf
Melodie und Stimme.
Heather Nova: So eine Platte wollte ich schon seit Jahren machen.
Als mein Plattenvertrag mit dem letzten Album auslief, entschloss
ich mich, keinen weiteren Deal zu unterschreiben. Dieses Album
habe ich zum ersten Mal ohne eine Plattenfirma gemacht. Es gab
also niemanden, der bestimmte Erwartungen an mich hatte, der meinte,
ich solle einen Hit fürs Radio schreiben, oder der mir riet,
endlich kommerzieller zu werden. Ich wollte ganz einfache, aufs
wesentliche reduzierte Songs. Erst als die Platte fertig war, habe
ich sie verschiedenen Labels angeboten. So hatte ich während
des gesamten Prozesses die künstlerische Kontrolle darüber,
was ich machen wollte.
War das Album eine leichte Geburt?
Heather Nova: Es war das schnellste Album, das ich je aufgenommen
habe. Es entstand in lediglich zehn Tagen. Das Songwriting hat
mehrere Monate gedauert, die Aufnahmen lediglich ein paar Tage.
Es war der natürlichste Aufnahmeprozess den ich je erlebt
habe. Ich habe mit meinen Freunden von Mercury Rev aufgenommen.
Wir waren, wörtlich genommen, in der gleichen Stimmung,
es war alles im Fluss. Es war die beste Erfahrung, die ich je
bei einer meiner Platten gehabt habe.
Außerdem
hast du mit Patti Smith-Gitarrist Lenny Kay gearbeitet. Er hat
sich als Fan von dir geoutet.
Heather Nova: Ich mag das! (lacht). Aber ernsthaft, ich mag seine
Musik und er meine, das beruht auf gegenseitigem Respekt. Wir kennen
uns schon eine ganze Weile. Und als ich in New York war, um die
Songs zu mixen, rief ich ihn an und fragte ihn, ob er nicht Lust
hätte spontan etwas zu meinen Songs zu spielen. Das war dann
wirklich ein sehr entspanntes Arbeiten.
Dies ist dein 5. Album. Wo stehst du mit diesem Werk?
Heather Nova: Es ist mein Lieblingsalbum. Mein vorletztes Album
entstand mit zu vielen Produzenten, während mir meine Plattenfirma
die ganze Zeit über die Schulter schaute und einzureden
versuchte, dass ich einen Hit bräuchte. Keine gute Atmosphäre
für eine Platte! Dies dagegen ist das Album, das ich seit
Jahren machen wollte. Was kann ich sagen? Ich bin absolut glücklich!
Diskografie:
Glowstars, 1993; Blow, 1993; Oyster, 1994; Siren, 1998; Wonderlust,
2000; South, 2001; Storm, 2003.
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