Vorgestellt: Heather Nova
Von Stefan Woldach

Heather Nova: „Alles im Fluss“
„ Oft entstehen die wunderbarsten Songs aus schmerzhaften Erfahrungen.“

„ Blow“, „Oyster“, „Siren“, „South“... Bei Albumtiteln gibt sich die zierliche Sängerin und Gitarristin gern einsilbig. Das gilt auch für ihr neues Werk: „Storm“. Ein Neuanfang in jeder Hinsicht: Neues Label, neues Konzept, neue Gastmusiker. Mit „Storm“ kehrt die karibische Songwriterin zurück zu ihren Wurzeln.

Heather Nova, wird am 6. Juli 1968 als Heather Frith geboren. Durch die Musikalität ihrer Mutter lernt sie mit 8 Gitarre zu spielen und entdeckt Künstler wie Neil Young, Tim Buckley und Jimmy Cliff. 18 Jahre lebt sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwester auf dem Hausboot ihrer Eltern, dann besucht sie die Rhodes Island School Of Music. Von dort zieht sie nach New York und tingelt mit ersten eigenen Songs durch die Bars und Kaffeehäuser. Anfang der Neunzigerjahre zieht sie nach London und nimmt ihre erste EP „These Walls“ auf, die sie als Heather Nova – nach dem Namen ihrer indianischen Großmutter – veröffentlicht. 1993 folgt ihr erster Longplayer „Glow Stars“, aufgenommen mit der Hilfe ihres damaligen Freundes, dem Killing Joke-Gitarristen Youth. Heather Nova tritt im Vorprogramm von den Violent Femmes und den Cranberries auf. Ein erster Erfolg gelingt ihr mit ihrem Major-Debot „Blow“, der große Durchbruch folgt mit ihrem 94er Album „Oyster“.

Hallo Heather, fühlst du dich gut?
Heather Nova: Ja, danke. Ich spiele gerade akustische Showcases, um mein neues Album vorzustellen.

...beim ersten Hören deines Albums war ich mir nämlich nicht so sicher. Es gibt eine Menge unglückliche Liebeslieder auf dem Album.
Heather Nova: Nun, ich schreibe eigentlich immer über die Unwägbarkeiten in Beziehungen; ich habe da schließlich die gleichen Erfahrungen wie jeder andere Mensch. Auch ich weiß, dass das Leben nicht immer leicht ist. Und auch ich habe den Weg zum perfekten Glück noch nicht gefunden. Ich schreibe über die Dinge in meinem Leben, an denen ich arbeiten muss und will.

Zum Beispiel?
Heather Nova: An meiner Beziehung, zum Beispiel. Wenn du in einer sehr langen Beziehung bist und dann einen anderen Mann attraktiv findest, musst du dich damit auseinandersetzen. Ich habe mit meinen Freundinnen darüber gesprochen und jede von ihnen kam irgendwann mal an den gleichen Punkt. Diese Songs reflektieren meine Erfahrung mit dem Gefühl, dass du bei allem im Leben, selbst beim schlimmsten Schmerz, am Ende etwas daraus lernen kannst.

Kollegen wie Justin Currie (Del Amitri) oder Billy Corgan (Zwan) referieren über die Schönheit der Traurigkeit als künstlerischen Antrieb.
Heather Nova: Ja, genau. Oft entstehen die wunderbarsten Songs aus schmerzhaften Erfahrungen.

Die Aufnahmen zu „Storm“ entstanden an sehr gegensätzlichen Orten mit sehr unterschiedlichen Stimmungen - der Wärme der Bermudas und der Kälte der schneebedeckten Berge nahe Woodstock.
Heather Nova: Das war eigentlich gar nicht geplant, das hat sich zufällig so ergeben. Die Leute, mit dem ich arbeiten wollte (Mitglieder der Band Mercury Rev), leben nun mal im nördlichen New York State. Und dort, im Februar, erlebten wir den schlimmsten Schneesturm der vergangenen 50 Jahre. So etwas habe ich noch nie erlebt! Unglaublich! Wir arbeiteten in einer Hütte, auf der Spitze eines Berges, völlig isoliert von der Außenwelt. Kein menschliches Leben im Umkreis von 150 Kilometern. Der Sturm war so intensiv, dass alle Verbindungen für Tage unterbrochen waren. Ich fand dieses Gefühl der Einsamkeit toll. Wir haben am Kaminfeuer gesessen und Gitarre gespielt. Es war unglaublich romantisch.

Das Schreiben der Songs fand allerdings wie immer auf den Bermudas statt, oder?
Heather Nova: Ja. Ich liebe es, auf den Ozean zu schauen, das hilft mir, alles von der Seele zu waschen, mich nur auf die Musik einzulassen und die pure Wahrheit dessen, was ich sagen will zu finden. Der Ozean ist für mich so etwas wie ein gigantischer Reinigungsapparat. Da gibt es einfach nichts außer Himmel, Wellen und Wind. Und alles verändert sich ständig und das schärft deine Wahrnehmung.

Du hast schon öfters an ungewöhnlichen Orten aufgenommen. Wie wichtig ist dir das Ambiente einer Aufnahme?
Heather Nova: Sehr wichtig! Ein toller, inspirierender Ort oder ein gut klingender Raum geben dir schließlich eine gute Arbeitsatmosphäre. Auf jener Hütte hatten wir eine tolle Aussicht und wir hatten dort einen Kamin. Ich glaube zwar nicht, dass man das Knistern des Feuers hören kann; aber spüren, vielleicht. Solche Sachen sind mir wichtig. Die Akustik des Raumes natürlich auch. Alles spielt eine Rolle und trägt dazu bei, dass es am Ende eine tolle Platte wird. Den Gesang habe ich auf den Bermudas aufgenommen, und bei den ganz sparsamen, akustischen Songs kannst du im Hintergrund sogar die Frösche quaken hören. (lacht) Dieses Album ist sehr, sehr ehrlich.

Wenn Musik auch Reflexion ist, was für Musik hast du in der letzten Zeit gehört?
Heather Nova: Wenn ich schreibe oder aufnehme höre ich grundsätzlich keine Musik. Das ist eine Zeit, in der ich einen leeren Kopf brauche. Reine Gedanken. Keine Einflüsse, keine Ablenkung. Ich habe die Zeit auf den Bermudas auch mit Gartenarbeit verbracht und damit mein Boot zu renovieren. Erst jetzt, wo ich wieder unterwegs, bin, gehe ich in Plattenläden und schaue mich um, was in der Zwischenzeit an Musik erschienen ist.

Welche Gitarren kamen auf dem Album zum Einsatz?
Heather Nova: Ich spiele noch immer meine Taylors. An sie habe ich mich gewöhnt, komme gut mit ihnen klar und habe – hoffe ich - meinen Sound gefunden. Andere Instrumente für dieses Album waren Streicher, eine Hammond B3, ein bisschen Klavier und etwas gebürstetes Schlagzeug.

Wie hat sich im Laufe der Zeit dein Fingerpicking entwickelt?
Heather Nova: Nicht sonderlich, befürchte ich! (lacht) Ich bin mit meiner Technik zufrieden, sie ist für mich ganz klar ein Mittel zum Zweck. Denn für mich steht immer der Song im Vordergrund. Aber klar, ich mag Fingerpicking, im Gegensatz zum Chord-Strumming, weil es deinem Spiel eine gewisse Leichtigkeit verleiht.

„Storm“ ist sehr ruhig ausgefallen, ist auf das Wesentliche reduziert: auf Melodie und Stimme.
Heather Nova: So eine Platte wollte ich schon seit Jahren machen. Als mein Plattenvertrag mit dem letzten Album auslief, entschloss ich mich, keinen weiteren Deal zu unterschreiben. Dieses Album habe ich zum ersten Mal ohne eine Plattenfirma gemacht. Es gab also niemanden, der bestimmte Erwartungen an mich hatte, der meinte, ich solle einen Hit fürs Radio schreiben, oder der mir riet, endlich kommerzieller zu werden. Ich wollte ganz einfache, aufs wesentliche reduzierte Songs. Erst als die Platte fertig war, habe ich sie verschiedenen Labels angeboten. So hatte ich während des gesamten Prozesses die künstlerische Kontrolle darüber, was ich machen wollte.

War das Album eine leichte Geburt?
Heather Nova: Es war das schnellste Album, das ich je aufgenommen habe. Es entstand in lediglich zehn Tagen. Das Songwriting hat mehrere Monate gedauert, die Aufnahmen lediglich ein paar Tage. Es war der natürlichste Aufnahmeprozess den ich je erlebt habe. Ich habe mit meinen Freunden von Mercury Rev aufgenommen. Wir waren, wörtlich genommen, in der gleichen Stimmung, es war alles im Fluss. Es war die beste Erfahrung, die ich je bei einer meiner Platten gehabt habe.

Außerdem hast du mit Patti Smith-Gitarrist Lenny Kay gearbeitet. Er hat sich als Fan von dir geoutet.
Heather Nova: Ich mag das! (lacht). Aber ernsthaft, ich mag seine Musik und er meine, das beruht auf gegenseitigem Respekt. Wir kennen uns schon eine ganze Weile. Und als ich in New York war, um die Songs zu mixen, rief ich ihn an und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte spontan etwas zu meinen Songs zu spielen. Das war dann wirklich ein sehr entspanntes Arbeiten.

Dies ist dein 5. Album. Wo stehst du mit diesem Werk?
Heather Nova: Es ist mein Lieblingsalbum. Mein vorletztes Album entstand mit zu vielen Produzenten, während mir meine Plattenfirma die ganze Zeit über die Schulter schaute und einzureden versuchte, dass ich einen Hit bräuchte. Keine gute Atmosphäre für eine Platte! Dies dagegen ist das Album, das ich seit Jahren machen wollte. Was kann ich sagen? Ich bin absolut glücklich!

Diskografie:
Glowstars, 1993; Blow, 1993; Oyster, 1994; Siren, 1998; Wonderlust, 2000; South, 2001; Storm, 2003.