|
Sein
Spiel war wie sein Strich: fein, elegant, wohldurchdacht. Er
war ein Meister des Konzipierens. Wildes Drauflos,
in seiner
Musik wie in seinen Zeichnungen, Cartoons, in den Märchen
für Kinder und Erwachsene vom „Rock'n'Roll König“,
von „Erwin mit der Tröte“ oder Olaf, dem verrückten
Elch – das war seine Sache nicht. Und deshalb war er eigentlich
auch kein Improvisateur, wie man ihn landläufig versteht.
Er war ein hochsensibler, hochgebildeter Ästhet, ein Stilist
mit Tiefgang, Analytiker und zuweilen auch und bis in seine Musik
hinein ein Virtuose der Doppeldeutigkeit und der immer ein wenig
distanzierenden Ironie, die ihn vielleicht vor seiner ihm so eigenen
melancholischen Weltsicht schützen sollte. Seine Arbeit -
als Komponist, als Gitarrist, als Autor (für den renommierten
Haffmans Verlag), als Kritiker und Filmautor (etwa des Zeichentrickstreifens
von dem armen Gitarrenspieler, dessen Schicksal darin besteht,
sich stets und ständig an der immergleichen Stelle zu verspielen) – seine
Arbeit stand stets irgendwie über den Dingen und verdiente
vermutlich gerade deshalb stets unbedingte Beachtung.
Der in Wiesbaden lebende Frankfurter Volker Kriegel,
Multi-Künstler,
Ehemann und Familienvater, ist am 15. Juni in Spanien gestorben, „nach
kurzer, schwerer Krankheit“, wie es hieß. Wir, die
ihn zu kennen wähnten, wurden von der Meldung kalt erwischt,
und die Trauer konnte kaum größer sein. Dass ich dem
Freund hier in AKUSTIK GITARRE ein Lebwohl zurufe, mag manchem
Puristen unverständlich erscheinen, aber das ist es nicht.
Denn Volker hat schon auf einem seiner ersten Alben, dem 1971er „Spectrum“ -
das übrigens auf CD in der MPS Reissue Serie (MPS 6595908)
wieder erhältlich sein wird - und dann immer wieder aufs ästhetisch
Schönste demonstriert, dass die Welt keineswegs nur aus einer
ES-335 bestand. Es stimmt natürlich, wenn man ihn zu einem
der wichtigsten Jazzrock-Gitarristen Europas erklärt. Doch
der Soziologe Kriegel (der es im Studium fertig gebracht hatte,
die verquere Jazzkritik Theodor W. Adornos in einer vom Herrn Professor
höchstselbst mit einer Eins geadelten Prüfung zu widerlegen!)
war für uns alle ja viel mehr als nur der Gitarrist, der noch
in den Sixties seine Vorbilder Jim Hall und Kenny Burrell eingetauscht
hatte für die neuen Klänge des Gary-Burton-Quartetts
mit Jerry Hahn und dann Larry Coryell und anderen: Er war das Bindeglied,
das mit dem Weggang Attila Zollers 1965 nach Amerika notwendig
geworden war zwischen der klassischen Jazzgitarre-Moderne und den
neuen musikalischen Idiomen, die begonnen hatten zwischen Rock
und Jazz zu vermitteln. „Fusion“ hieß das erst
noch vorsichtig.
Und Volker, der einst beim Frankfurter Amateur-Jazzfestival
gewonnen hatte, wuchs dank der Mangelsdorff-Brüder und einer ohnehin
fruchtbaren modernen Szene in Frankfurt sehr rasch in ebendiese
hinein. 1968, als auf dem Ku'Damm nach der Erschießung des
Studenten Benno Ohnesorg dessen Kommilitonen begannen, äußerst
nachhaltig das westliche Nachkriegsdenken mitzuverändern,
spielte Volker Kriegel im Quartett des Vibrafonisten Dave Pike.
Man erlebte ihn Seite an Seite mit Don „Sugarcane“ Harris
und anderen Crossover-Meistern unterm MPS-Etikett. Schließlich
gründete er sein „Mild Maniac Orchestra“ und gelangte
1976 ins „United Jazz & Rock Ensemble“, mit dem
er noch 2001 auf Tour war und das – er erzählte mir
von dem Vorhaben, teils verwundert, irritiert, belustigt und unwillig – im
Jahr darauf die Titel für das soeben erschienene Album „The
United Jazz & Rock Ensemble plays Volker Kriegel“ einspielte.
Da war er im Grunde längst „draußen“, zog
den Stift der Gitarre vor, obwohl ihm das Touren und Aufnehmen
mit dem UJ&RE sehr wohl noch immer Spaß machte. Ich glaube,
dass die Zeit schwerer Krankheit anfangs der achtziger Jahre auch
die Zeit der Transitionen war, der Veränderungen auf breiter
Basis. Ich glaube, dass Volker damals sehr viel nachgedacht, sich
geprüft, sich hinterfragt hat. Jedes Mal, wenn ich mit ihm
in den folgenden Jahren sprach, verfestigte sich der Eindruck,
dass er zwar die Gitarre noch immer liebte und auch mit Interesse
weiter verfolgte, was sich in der weiten Welt tat (er verehrte
Metheny...). Aber was ihn selbst als Gitarristen betraf, schien
seine Seele doch zunehmend zur Echokammer verflossener Tage geworden,
in die man, je älter man wird, desto häufiger zurückkommt.
Irgendeine Resignation gab es da nicht; es ging nicht um Rückzüge
oder sonstige Fatalismen. Es ging wohl eher darum, dass für
ihn, den so bedeutenden Anreger und Beweger der späten sechziger
und vor allem der siebziger Jahre, gewisse Dinge auf ganz natürliche
Weise zu Ende gegangen waren und das Leben nach Ablösung,
Wechsel, nach Veränderung verlangte.
Er war ein Gentleman, ein Mild Maniac sein Leben lang. Und seine
Metamorphosen vollzogen sich leise. Sogar noch die letzte...
Alexander Schmitz
|