Mild Maniac
Volker Kriegel (1943-2003)


Sein Spiel war wie sein Strich: fein, elegant, wohldurchdacht. Er war ein Meister des Konzipierens. Wildes Drauflos, in seiner Musik wie in seinen Zeichnungen, Cartoons, in den Märchen für Kinder und Erwachsene vom „Rock'n'Roll König“, von „Erwin mit der Tröte“ oder Olaf, dem verrückten Elch – das war seine Sache nicht. Und deshalb war er eigentlich auch kein Improvisateur, wie man ihn landläufig versteht. Er war ein hochsensibler, hochgebildeter Ästhet, ein Stilist mit Tiefgang, Analytiker und zuweilen auch und bis in seine Musik hinein ein Virtuose der Doppeldeutigkeit und der immer ein wenig distanzierenden Ironie, die ihn vielleicht vor seiner ihm so eigenen melancholischen Weltsicht schützen sollte. Seine Arbeit - als Komponist, als Gitarrist, als Autor (für den renommierten Haffmans Verlag), als Kritiker und Filmautor (etwa des Zeichentrickstreifens von dem armen Gitarrenspieler, dessen Schicksal darin besteht, sich stets und ständig an der immergleichen Stelle zu verspielen) – seine Arbeit stand stets irgendwie über den Dingen und verdiente vermutlich gerade deshalb stets unbedingte Beachtung.

Der in Wiesbaden lebende Frankfurter Volker Kriegel, Multi-Künstler, Ehemann und Familienvater, ist am 15. Juni in Spanien gestorben, „nach kurzer, schwerer Krankheit“, wie es hieß. Wir, die ihn zu kennen wähnten, wurden von der Meldung kalt erwischt, und die Trauer konnte kaum größer sein. Dass ich dem Freund hier in AKUSTIK GITARRE ein Lebwohl zurufe, mag manchem Puristen unverständlich erscheinen, aber das ist es nicht. Denn Volker hat schon auf einem seiner ersten Alben, dem 1971er „Spectrum“ - das übrigens auf CD in der MPS Reissue Serie (MPS 6595908) wieder erhältlich sein wird - und dann immer wieder aufs ästhetisch Schönste demonstriert, dass die Welt keineswegs nur aus einer ES-335 bestand. Es stimmt natürlich, wenn man ihn zu einem der wichtigsten Jazzrock-Gitarristen Europas erklärt. Doch der Soziologe Kriegel (der es im Studium fertig gebracht hatte, die verquere Jazzkritik Theodor W. Adornos in einer vom Herrn Professor höchstselbst mit einer Eins geadelten Prüfung zu widerlegen!) war für uns alle ja viel mehr als nur der Gitarrist, der noch in den Sixties seine Vorbilder Jim Hall und Kenny Burrell eingetauscht hatte für die neuen Klänge des Gary-Burton-Quartetts mit Jerry Hahn und dann Larry Coryell und anderen: Er war das Bindeglied, das mit dem Weggang Attila Zollers 1965 nach Amerika notwendig geworden war zwischen der klassischen Jazzgitarre-Moderne und den neuen musikalischen Idiomen, die begonnen hatten zwischen Rock und Jazz zu vermitteln. „Fusion“ hieß das erst noch vorsichtig.

Und Volker, der einst beim Frankfurter Amateur-Jazzfestival gewonnen hatte, wuchs dank der Mangelsdorff-Brüder und einer ohnehin fruchtbaren modernen Szene in Frankfurt sehr rasch in ebendiese hinein. 1968, als auf dem Ku'Damm nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg dessen Kommilitonen begannen, äußerst nachhaltig das westliche Nachkriegsdenken mitzuverändern, spielte Volker Kriegel im Quartett des Vibrafonisten Dave Pike. Man erlebte ihn Seite an Seite mit Don „Sugarcane“ Harris und anderen Crossover-Meistern unterm MPS-Etikett. Schließlich gründete er sein „Mild Maniac Orchestra“ und gelangte 1976 ins „United Jazz & Rock Ensemble“, mit dem er noch 2001 auf Tour war und das – er erzählte mir von dem Vorhaben, teils verwundert, irritiert, belustigt und unwillig – im Jahr darauf die Titel für das soeben erschienene Album „The United Jazz & Rock Ensemble plays Volker Kriegel“ einspielte.

Da war er im Grunde längst „draußen“, zog den Stift der Gitarre vor, obwohl ihm das Touren und Aufnehmen mit dem UJ&RE sehr wohl noch immer Spaß machte. Ich glaube, dass die Zeit schwerer Krankheit anfangs der achtziger Jahre auch die Zeit der Transitionen war, der Veränderungen auf breiter Basis. Ich glaube, dass Volker damals sehr viel nachgedacht, sich geprüft, sich hinterfragt hat. Jedes Mal, wenn ich mit ihm in den folgenden Jahren sprach, verfestigte sich der Eindruck, dass er zwar die Gitarre noch immer liebte und auch mit Interesse weiter verfolgte, was sich in der weiten Welt tat (er verehrte Metheny...). Aber was ihn selbst als Gitarristen betraf, schien seine Seele doch zunehmend zur Echokammer verflossener Tage geworden, in die man, je älter man wird, desto häufiger zurückkommt. Irgendeine Resignation gab es da nicht; es ging nicht um Rückzüge oder sonstige Fatalismen. Es ging wohl eher darum, dass für ihn, den so bedeutenden Anreger und Beweger der späten sechziger und vor allem der siebziger Jahre, gewisse Dinge auf ganz natürliche Weise zu Ende gegangen waren und das Leben nach Ablösung, Wechsel, nach Veränderung verlangte.
Er war ein Gentleman, ein Mild Maniac sein Leben lang. Und seine Metamorphosen vollzogen sich leise. Sogar noch die letzte...

Alexander Schmitz