Kompromisslos
Guild JF 30-12
Auf hohem Niveau: Guild Twelvestring JF 30-12
Von Andreas Schulz


Die Twelvestring gilt vielen als der „liebste Feind“ des Gitarristen. Tatsächlich hat fast jeder Akustiker schon mal ein solches Monstrum in der Hand gehabt. Doch viele Spieler - selbst die von ihrem typischen Klang Begeisterten – schrecken angesichts der herausfordernden Handhabung vor einem solchen Instrument zurück. Begutachten wir in diesem Sinn die Guild JF-30-12.

Zum Test bekamen wir diese wirklich großformatige Jumbo-Twelve-String in Natur-Hochglanzfinish. Auch ich konnte mich beim Öffnen des Koffers einer gewissen Ehrfurcht nicht entziehen. Was für ein Riesenteil! Zum Volumen des Korpus kommt noch die ausladende Kopfplatte mit den zwölf Tunern und sorgt dafür, dass diese Gitarre eine Ausstrahlung von echter Größe und Autorität besitzt. Die JF-30-12 ist seit Mitte der 80er Jahre im Guild-Programm und zählt zu den beliebten und erfolgreichen Modellen. Den Guild-Twelvestrings haftet der Ruf an, Gitarristen und Zuhörer mit besonders lautem und klarem Ton zu beglücken.

Konstruktion

Die JF-30-12 ist eine ausgewachsene Jumbo. Die amerikanischen Maße lesen sich so: 17 Zoll Breite, 21 Zoll Länge, 5 Zoll Tiefe. Die Decke besteht aus massiver AA-Fichte und weist eine sehr schöne, gleichmäßige und enge Maserung auf. Interessanterweise ist die Decke trotz des hohen Saitenzuges nicht signifikant dicker als die von normalen Six-Strings. Hier wird offensichtlich die nötige Stabilität durch ein kräftiges und für Zwölfsaitige optimiertes Bracing gewonnen. Guild nennt seine Entwicklung „Jumbo Bracing Pattern“, ein Blick ins Innere offenbart ein handgeschnitztes Scalloped-Bracing. Die Korpusseiten bestehen aus Curly Maple, also aus massivem Ahorn mit einer aufregenden „streifigen“ Struktur und Maserung. Durch die perfekte Hochglanzlackierung wird hier eine ansprechende Tiefenwirkung erreicht. Auch der Boden besteht aus Ahorn, doch wurde hier ein mehrschichtiges Laminat verbaut. Dies ist Guild-typisch und hängt mit der starken Wölbung des Bodens zusammen. Alle Hölzer dieser Gitarre sind von hervorragender Qualität und attraktiver Optik. Um die Korpuskanten verläuft ein mehrstreifiges schwarz-weißes Kunststoff-Binding. Hier gibt es einen Kritikpunkt anzumelden: das Binding ist nicht verrundet, sondern besitzt eine recht scharfe Kante, die je nach Haltung und Spielweise unschön in den rechten Arm drückt. Rund um das Schallloch zieht sich ein aufgeklebter Streifen, der im unteren Bereich vom Tortoise Shell Pickguard verdeckt wird. Die Bridge ist sanft geschwungen und besteht aus Ebenholz; die Saiten werden mit Plastik-Pins festgesteckt.
Der Hals der JF-30-12 besteht aus Mahagoni, genauer gesagt aus zwei Mahagoni-Stücken mit einem schmalen Mittelstreifen aus Ahorn. Er wird aufgrund des hohen Saitenzuges von einem doppelten Stahlstab stabilisiert. Typisch ist die große Kopfplatte mit den zwölf kleinen vergoldeten Grover-Tunern, die gewohnt gut ihren Dienst verrichten. Speziell bei Twelvestrings, die naturgemäß schwer zu stimmen sind, sind qualitativ hochwertige Mechaniken unverzichtbar. Die Grovers auf unserer Testgitarre benahmen sich tadellos, sorgten für gute Stimmung und hielten diese auch über längere Zeiträume. Das Griffbrett der JF-30-12 besteht aus Ebenholz; einzige Verzierung sind Mother-Of-Pearl-Dots an den bekannten Positionen. Die Halsmaße betragen 4,2 cm Breite am Sattel und 5,9 cm am XII. Bund. Die Halsrückseite entspricht einem leicht abgeflachten D und trägt dazu bei, dass diese Twelvestring trotz imposanter Maße vergleichsweise bequem zu spielen ist. Die Verrundung der Griffbrettkanten sowie der Bundstäbchen und überhaupt der gesamte „Fret-Job“ sind tadellos. Auf der Kopfplatte prangt neben dem bekannten Guild-Schriftzug ein längliches kronenförmiges Inlay (im Firmenjargon „Chesterfield Logo“ genannt).
Die Konstruktion dieser Guild-Acoustic bestätigt einmal mehr den Ruf der Company (inzwischen unter dem Fender-Dach heimisch), äußerst robuste und langlebige Gitarren zu bauen. Dabei geht es nicht etwa um hemdsärmeliges Handwerkertum und eine eher derbe Gitarrenbau-Attitüde, im Gegenteil. Die JF-30-12 (und eigentlich alle Guilds, die ich bisher unter den Fingern hatte) ist hervorragend verarbeitet und bei aller Solidität durchaus filigran gebaut. In Sachen Verarbeitung habe ich nichts auszusetzen und vergebe gern die Bestnote.

Klang und Handhabung

Aufgrund der großen Kopfplatte und des Gewichtes der zwölf Mini-Tuner neigt die JF-30-12 zu einer leichten Kopflastigkeit. Dies ist jedoch auch ohne Gurt mit der linken Hand in den Griff zu bekommen, ohne dass dadurch die Bespielbarkeit leidet. Tatsächlich ist diese voluminöse Twelvestring angesichts ihrer Ausmaße verblüffend leicht zu spielen. Man muss natürlich um den Korpus herumfassen und sich mit der großen Kiste vorm Bauch erst mal arrangieren, doch das betrifft jede Jumbo, ob mit sechs oder zwölf Saiten. Die Arbeit der linken Hand an Hals und Griffbrett ist dann schließlich gar nicht so anstrengend und kräftezehrend wie zunächst befürchtet. Tatsächlich braucht man, als Gitarren-Normalo mit Vorliebe für sechs Saiten, keineswegs Angst vor dieser schweren Lady zu haben. Nach einer ersten Phase des vorsichtigen Kennenlernens zeigt sich, dass man durchaus leichtfüßig auf dem etwas verbreiterten Griffbrett tänzeln kann und die gewohnten Melodien und Akkorde mit etwas mehr Zupacken hinbekommt. Auch das etwas breitere Aufsetzen der Fingerspitzen (schließlich muss man zwei Saiten herunter drücken) gelingt nach kurzer Zeit. Also: Kein Grund zur Panik. Ist die erste Ehrfurcht und die traditionelle Berührungsangst einmal überwunden, offenbart sich diese Twelvestring als durchaus zugänglicher Charakter. Und damit wären wir beim Sound der JF-30-12. Dieser ist absolut mächtig und laut, dabei jedoch von einer verblüffenden Klarheit und Subtilität. Mit einem festen Plektrum erklingt die Guild unglaublich voluminös und raumfüllend. Ein Singer/Songwriter, der sich mit dieser Gitarre begleitet, braucht sich um die Tragfähigkeit der Song-Begleitung wirklich keine Sorgen mehr zu machen. Wechselt man zu einem etwas dünneren flexiblen Pick, erreichen flirrende Klangwolken das Ohr, die mit dynamischem Anschlag eine ganze Combo ersetzen können. Doch auch filigrane Dinge lassen sich realisieren, schließlich ist man nicht gezwungen, die ganze Zeit kräftig reinzulangen. Auch einen etwas zärtlicheren Anschlag quittiert die Guild mit fülligem Sound, es wird dann etwas HiFi-mäßiger, die Mitten treten zurück, Bässe und Höhen dominieren das Klangbild. Auch dem Single-Note-Solisten hat die JF-30-12 einiges zu bieten. Insbesondere im mittleren Register auf D- und g-Saite kommen reizvolle Linien zu Gehör, die durch die Oktavierung gewinnen. Bleibt man zu lange ausschließlich auf h- und e-Saite, wird das Bild durch den Gleichklang etwas monoton. Besonders interessant sind angulare Linien, die gern auch wild und abstrakt zwischen den Saiten hin und her springen dürfen. Die stete Abwechslung zwischen Oktavierung und Gleichklang sorgt dabei für willkommene Unvorhersagbarkeit.
Twelvestrings und Fingerpicking – ein besonderes Thema. Auf der einen Seite gehören die Zwölfsaitigen schon traditionell zum gängigen Instrumentarium von Fingerstyle-Spezialisten; einige legendäre Einspielungen sind so entstanden. Auf der andere Seite kapitulieren viele Fingerpicker vor den Ansprüchen der doppelchörigen Saiten. Man muss die Spieltechnik umstellen, den Anschlag modifizieren und mit dem Winkel zur Saite experimentieren – und doch kann es passieren, dass nach vielen Versuchen und langem Üben nicht das angestrebte Klangbild oder die gewohnte Lässigkeit und Selbstverständlichkeit erreicht wird. Für mein Empfinden ist die JF-30-12 auch für die Anschlaghand zu meistern. Wer eine flexible und anpassungsfähige Rechte hat und dazu feste und ausreichend lange Fingernägel, kann hier einen orchestralen Klangteppich oberster Güte ausbreiten. Dazwischen gestreute Obertöne lassen die Sonne aufgehen, deftige und leicht abgedämpfte Bass-Riffs sorgen für erdige Schwere. Man höre sich Aufnahmen von Leo Kottke oder Ralph Towner an und entscheide dann, ob man nicht Lust hat dieses Klangbild einmal selbst zu erzeugen. Die Guild JF-30-12 bietet die Grundlage, den berühmten Twelvestring-Sound in professioneller Qualität zum Besten zu geben.

Fazit

Die Guild JF-30-12 bestätigt einmal mehr den Ruf dieser Firma, hervorragende Zwölfsaitige zu bauen. Die JF-30-12 ist in Sachen Materialauswahl und Verarbeitung kompromisslos und auf hohem Niveau. Trotz der ausladenden Maße ist sie keinesfalls ein „Angstgegner“. Auch klanglich kann nur Bestes berichtet werden. Entgegen der Tendenz vieler Twelvestrings zu undifferenzierter und leicht matschiger Wiedergabe kommen hier alle Töne klar und wohldefiniert zu Gehör. Neben mächtig schiebenden und urgewaltigen Lautstärken ermöglicht die JF-30-12 auch flirrende Klangwolken und subtile Stimmführungen. In der Hand des kundigen Gitarristen ist die Guild Twelvestring bei gehobener Qualität ein inspirierendes Instrument, für Fans!

AKUSTIK GITARRE CD

Auf der CD zum aktuellen Heft ist ein Audio-Beitrag zu hören, eingespielt mit der Guild JF-30-12. Demonstriert werden typische Spielweisen mit Plektrum und Fingerstyle. Die Gitarre wurde mit zwei Großmembran-Kondensator-Mikrofonen aufgenommen.

Technische Daten

Modell Guild JF-30-12
Herkunft USA
Bauweise Jumbo Twelve-String
Body Ahorn, massiv (Seiten); Ahorn, laminiert (Boden)
Decke Fichte, massiv
Bindings Kunststoff
Hals Mahagoni/Ahorn, dreistreifig
Griffbrett Ebenholz
Bünde 20 medium
Hals-Korpus-Übergang 14. Bund
Saitenabstand Sattel/Steg 39 mm/56mm
Mechaniken Grover, vergoldet
Steg Ebenholz
Finish Hochglanz, natur
Optionen Pickup/Preamp; Finish Black oder Antique Burst
Preis ca.2319 € incl. Luxus-Hardcase