Vintage-Flair
Epiphone Steelstring „AJ-28S“
Von Günther Sohn


Wer mit Epiphone-Gitarren nur preiswerte Kopien der wesentlich teureren Gibson-Instrumente verbindet, liegt verkehrt: Zwar wurden Epiphone-Gitarren schon in den 60er Jahren unter Gibson-Regie (und in deren Fabrik) gefertigt, aber schon seit 1930 baute die amerikanische Firma eigenständige Designs, die sich nicht geringer Beliebtheit erfreuten.
Eins davon war die „FT-79“, deren Herstellung nach der Übername durch die neue Mutterfirma unter dem Namen „Texan“ fortgeführt wurde. Ein soches Exemplar wanderte 1964 in den Besitz von Paul McCartney, der – so will es die Legende – auf dieser Gitarre den Song „Yesterday“ komponierte.
Derzeit werden bei Epiphone die bisherigen Akustikgitarrenlinien überarbeitet und verbessert, und eines der ersten neuen Modelle ist die vorliegende „AJ-28S“ – die auch als Neuauflage der „Texan“ durchgehen könnte, denn die Konstruktionsunterschiede zum traditionsreichen Vorbild sind minimal.

Konzept und Aufbau
Bei der AJ-28S handelt es sich um eine Dreadnought-ähnliche Gitarre mit abgerundeten Schultern - eine Bauweise, die auch von Gibsons „J-45“ bekannt ist. Diese Korpusform wirkt weniger sperrig als eine Dreadnought, bietet aber ein ähnliches Klangvolumen. Letzteres wird bei dieser Gitarre durch eine massive Fichtendecke mit einem ein x-förmigen Bracing (nicht gescalloped) gefördert. Das Testmodell ist einem geschmackvoll gelungenen Vintage-Sunburst lackiert. Unterhalb der stilecht schlicht verzierten Schalllochrosette wird die Decke von einem einlagigen schwarzen Kunststoff-Schlagbrett vor Plektrum- und Fingernägelattacken geschützt, welches zur Zierde Epiphones E-Logo trägt. Die Decke ist, wie auch die Rückseite des Mahagonikorpus’, von einem mehrlagigen Kunststoff-Binding eingefasst, dessen cremige Farbgebung auch einer seit vierzig Jahren in rauchigen Clubs konzertierenden Gitarre ähnelt. Denselben Farbton zeigt auch die einlagige Einfassung des Palisander-Griffbretts. Dieses trägt 20 Bünde mittlerer Stärke sowie – bis auf die mit einem Abalone-Dreieck verzierte Rechteckeinlage am 12. Bund – dot-förmige Lagenmarkierungen aus Perlmuttimitat. Der Hals besteht aus Mahagoni. Allerdings wurde er im Bereich der Übergänge zum Korpus und zur Kopfplatte deckend schwarz lackiert, so dass nicht zu erkennen ist, ob er aus einem Stück besteht oder ob Halsfuß und Kopfplatte aus weiteren Holzstücken angesetzt wurden.
Die Kopfplatte entspricht in ihrer Formgebung dem Design das Gibson 1959 bei Epiphone einführte. Oben prangt der Epiphone-Schriftzug, darunter befindet sich eine Perlmutt-Einlage in gestuft-ovaler Form – diese war schon auf „Epis“ der 50er Jahre zu finden. Keinerlei Vintage-Appeal hingegen verströmen die geschlossenen „No Name“-Mechaniken – hinsichtlich der Optik mag das mancher bedauern, hingegen wohl kaum bezüglich der Funktion, die ist nämlich zeitgemäß präzis, gleichmäßig und ruckelfrei.


Am anderen Ende der Gitarre tut ein einzelner Gurthalteknopf einsam seinen Dienst – wer die AJ-28S im Stehen spielen möchte, wird entweder am Halsfuß einen zweiten Knopf anbringen müssen oder sich mit der „Gurt-am-Hals-verknotet-Wandergitarren-Optik“ zufrieden geben. Aber auch dies ist eben „vintage“ – ebenso wie die Formgebung des Palisanderstegs mit seinen sechs cremefarbenen Pins zur Saitenfixierung (die sich allerdings farblich ein wenig mit der nicht kompensierten Stegeinlage aus schneeweißem Kunststoff beißen).

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 5-02