In Concert
Gilberto Gil. Bonn, Museumsmeile


Für Künstler, die bei einem Festival als Hauptattraktion gebucht sind, gibt es eine zynische alte Regel, deren Anwendung Publikumserfolg so gut wie garantiert: Besorg dir schlechte Vorgruppen und erscheine selbst mit wohl dosierter Verspätung. Obwohl Gilberto Gil in Bonn keineswegs verspätet war und sich auch die Umbaupause für seine stattliche Band durchaus nicht in die Länge gezogen hatte, wurde er wie ein Erlöser begrüßt, als er nur die Bühne betrat. Denn während man der ersten Vorgruppe, einem mongolischen Saitenensemble in königsblauen Kaftanen, noch Exotenbonus für ihre gewöhnungsbedürftig-monotone Vorführung zubilligen durfte, haben „Elektro Bamako“ die anerkannt mitreißende und vielschichtige Musik Westafrikas nach Kräften blamiert: 80 % der Musik des Trios kam aus der Maschine – gespart worden war an allem: an Arbeitskräften, Einfällen, Soundqualität, farbenfroher Optik sowie Charme und Intelligenz der Zwischentexte.

Immerhin fördern solche Darbietungen bei den Zuschauern tiefe Sehnsüchte nach echten Musikern – und einer Interaktion mit Überraschungen. Und all das kam mit dem brasilianischen Superstar, einer – wie sofort deutlich wurde – charismatischen Figur, die es nicht nötig hat, einen Auftritt mit maschineller Hilfe oder plumpen Anbiederungen aufzupeppen. Der Mann war einst aus kulturellen Gründen im Exil, und die verhasste Militärregierung zu Brasiliens bleierner Zeit stufte seine Songs als Jugend gefährdend ein – dass er allein schon dadurch zu einem Symbol für (künstlerische) Freiheit und Unangepasstheit geworden ist, verleiht seiner Musik auch ohne Brimborium eine Tiefe, die Anhänger von Lifestylesounds und -feten nicht einmal erahnen.

Nun sollte man sich nicht täuschen – nicht jeder Brasilianer ist Bossa-Nova-Fan und stimmt, wo einer mit blau-grün-gelber Flagge auftaucht, gleich das „Girl From Ipanema“ an. Gilberto Gil (Jahrgang 1942) gehört zu einer Generation, die, vom Bossa-Nova-Boom der späten 50er Jahre inspiriert, gleichwohl keine zehn Jahre später eine kritische Gegenposition einnahm, die die Isolierung dieser hoch artifiziellen Spielart vom breiten Musikstrom des Riesenlandes beklagte und eine eigene Richtung begründete – den nach einem Songtitel von Caetano Veloso benannten „Tropicalismo“. Dabei orientierte man sich auch am Rock: Gil lernte bei seinem London-Exil Ende der 60er Jahre die Musik von Jimi Hendrix und den Beatles kennen (es gab dann sogar ein „Chuck Berry Fields Forever“!) und lernte Miles Davis schätzen; als weltgewandter Musiker, immer auf der Grenze zum angestrebten internationalen Popstar-Status, machte er sich um seine musikalische Identität nie allzu viele Gedanken.

Und was das alles mit Gilberto Gils Auftritt in Bonn zu tun hat? Nun, es erklärt die enthusiastische Begrüßung durch seine Landsleute, die in ihm (paradoxer Weise) einen Erneuerer ihrer kulturellen Identität sehen; es warnt davor, dass man bei seinen Auftritten durchaus mit ganz unterschiedlichen Musikrichtungen konfrontiert werden kann; und es begründet ein gewisses Unbehagen damit, dass Gil aus seinem reichhaltigen Fundus diesmal nur einen einzigen Stil hervorholte: den Reggae, dazu noch zu 80% keinen selbst gemachten. Gewiss – Bob Marley ist eine faszinierende Persönlichkeit, und wer ist nicht von ihm beeinflusst, zumal der Jamaikaner der gesamten Dritte Welt ein glänzendes Beispiel dafür gab, wie man eine eigene Lebenskultur mit einer politischen Befreiungs- und Erweckungsbewegung verbindet? Aber muss ein glänzender Liedermacher, der aus einem Paradies an musikalischer Vielfalt stammt, wirklich ein ganzes Konzert fast ausschließlich mit dessen Songs bestreiten?
Und: Genügt es einem Musiker, der die Raffinesse brasilianischer Harmonik und Rhythmik gleichsam mit den Drinks seiner Jugend aufgesogen hat, einen ganzen Abend lang auf seiner Gitarre auf den Schlägen 2 und 4 jeweils einen Stakkato-Akkord zu setzen, um im Reggae-typischen Groove mitzumischen? Sei’s drum, die Leute waren begeistert, und die hervorragende Band, die von Namen und Anzahl her eine brasilianische Fußball-Nationalmannschaft hätte sein können, bot nun wirklich keine Billigware: Reggae in allen Schattierungen, in abwechslungsreichen Arrangements und Tempi, in verschiedenen Sprachen, in rockigeren und luftigeren Grooves, mit rasanten oder spielerischen Fill-ins, mit simpel akzentuierenden oder virtuos dahin geschlängelten Basslinien, mit Frage- und Antwort-Spiel zwischen Star und Background-Sängerinnen, mit polyrhythmischer Perkussion, Berimbau-Intro und nicht zuletzt geschmeidiger Bühnen-Choreographie. Es wippte dann auch im Publikum jeder Fuß, es lockerte sich jeder Körper – man konnte wirklich kaum anders, auch wenn man zwischendurch seufzend dachte, was diese tollen Musiker (Gilberto Gil eingeschlossen) noch alles an Rhythmen und Harmonien hätten zelebrieren können, wenn sie nur gewollt hätten, bzw. wenn es ihnen jemand wirklich abverlangt hätte.
Zwischen den Stücken glänzte der Star selbst noch zusätzlich – mit Zwischentexten voll begeisternder Sachlichkeit und Wärme. Und mit augenzwinkerndem Humor: Das „Girl From Ipanema“ machte – im original brasilianischen Portugiesisch gesungen – auch als Reggae eine gute Figur. Michael Lohr