Ein-Mann-Orchester
Tuck Andress
Von Andreas Schulz (Text & Fotos)

Tuck Andress – nicht jeder kann mit diesem Namen spontan etwas anfangen. Tuck & Patti jedoch ist als Duo mit internationaler Fan-Gemeinde jedem Musik-Interessierten ein Begriff. Tuck Andress und Patti Cathcart haben die Zweier-Besetzung von Gitarre und Gesang zu unglaublicher Perfektion und Präzision entwickelt und gehören zu den intensivsten und herzlichsten Musikern, die man derzeit auf der Bühne erleben kann.

Das Jahr 1999 war für Tuck Andress und Patti Cathcart ein Grund zum Feiern: vor 20 Jahren hatten sie sich als Partner und musikalische „Soulmates“ gefunden, vor zehn Jahren hatten sie ihr erstes Album „Tears Of Joy“ aufgenommen. Anlässlich ihres damals gerade erschienenen fünften Werkes „Paradise Found“ hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, mit den beiden zu reden.

 


Welche Geschichte steckt hinter „Tuck und Patti“?
Tuck Andress: Als ich Patti traf, spielte ich etwa 13 Jahre Gitarre und war eine Art Allround-Gitarrist. Ich spielte E-Gitarre mit dem Pick und arbeitete eigentlich immer als Mitglied einer größeren Band. Die Begegnung mit Patti änderte mein Leben. Zum ersten mal hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich eine Art von Musik machen konnte, die ich mir für mein ganzes Leben vorstellen konnte. Ich wusste sofort: Das ist es! Damals waren wir kein Paar, sondern einfach zwei Musiker, die wunderbar zueinander passten. Wir bildeten ein Duo das die gleichen Vorstellungen hatte. Auch als Gitarrist war das ein Wendepunkt: ich hatte immer versucht, zu klingen wie George Benson, Jimi Hendrix oder Larry Carlton. Nun legte ich das Plektrum weg und lernte Fingerstyle. In der Folge entwickelte sich der Stil, den ich heute spiele. Nach unserem ersten Zusammentreffen formten wir unser Duo und verbrachten eine lange Zeit damit, unzählige Gigs in lokalen Clubs in der Gegend um San Francisco zu spielen. Wir waren damals nicht auf einen schnellen Plattenvertrag aus. Wir mussten selbst herausfinden, was wir eigentlich machten, schließlich war die Duo-Situation für uns beide neu. Wir spielten ausschließlich Cover-Versionen, die ersten eigenen Stücke entstanden erst im Studio. Viele Arrangements entwickelten sich beim Improvisieren und Jammen. Wir versuchen auch auf der Bühne dafür zu sorgen, dass sich die Stücke weiterentwickeln und nie genau gleich klingen.

Inzwischen habt ihr weltweit enormen Erfolg. Fragst du dich manchmal, wie es dazu gekommen ist?
Tuck Andress: Es ist ein ständiges Mysterium für uns. Und jeden Tag eine Überraschung, dass wir so viele Menschen mit unserer Musik erreichen können. Ich denke, wir bekamen unseren Plattenvertrag zu einer ungewöhnlichen Zeit. Wir machten etwas Besonderes, abseits des Mainstream, und hatten damit Erfolg. Dazu trug auch die lange Phase der Entwicklung unseres Stils bei. Wir wollten vor den ersten Aufnahmen sicher sein, dass wir gut waren und ließen uns mehrere Jahre Zeit. Ich glaube, dass unser Bekenntnis zur Botschaft des Herzens und der Liebe ein großes Publikum anspricht, welches sich von virtuoser Musik allein nicht unbedingt angesprochen fühlen würde. Unsere Musik verströmt ein Gefühl von Hoffnung und Liebe. Wir sind der Meinung, dass wir alle unsere Talente, nicht nur die rein musikalischen, nutzen sollten.

Meinst du damit, dass ihr nicht nur Musik, sondern eine Art spirituelle Kraft auf die Bühne bringen möchtet?
Tuck Andress: Genau. Es ist immer eine Möglichkeit der Musik, dem Zuhörer einen Weg zu einem spirituellen Ort zu eröffnen. Musik kann der Schlüssel sein, der die Herzen der Menschen öffnet. Wir sind überzeugt, dass in der Musik eine einzigartige Kraft steckt.

Ihr habt eine auffallend intensive Art der Kommunikation auf der Bühne, sowohl innerhalb des Duos als auch mit dem Publikum.
Tuck Andress: Das haben uns viele Leute gesagt. Wenn wir spielen, spüren wir das nicht. Wir sind dann verloren in der Musik und in uns selbst. Unser Job ist ganz einfach: wir gehen auf die Bühne und geben 100 % dessen, was an diesem Abend im Bereich unserer Möglichkeiten liegt. Das lässt uns relaxt sein. Wir vertrauen darauf, dass die richtigen Dinge, die guten Dinge, durch uns zum Ausdruck kommen. Das ist die Erklärung dafür, dass echte spirituelle Musik nicht an Religiosität gebunden ist. Die Natur dessen, was wir als Künstler tun, ist: wir verlieren uns in der Kunst, und in diesem Prozess kann etwas Besonderes durch uns zum Ausdruck kommen.

Anfänglich wurdet ihr oft mit dem Duo von Ella Fitzgerald und Joe Pass verglichen.
Tuck Andress: Ella und Joe waren eines der wenigen Modelle für unsere Arbeit. Sie sind Helden für uns. Wenn du nach Guitar/Vocal-Duos suchst, stößt du sofort auf Ella und Joe. Von ihrem Album „Take Love Easy“ haben wir jeden Song gelernt, Note für Note. Diese besonders intensive Arbeitsweise wendeten wir später für andere Teile unseres Repertoires an: wir studierten Jimi Hendrix, „Steely Dan“, Stevie Wonder oder die „Beatles“. Ella und Joe verbrachten ihr ganzes Leben mit Jazz. Als Patti und ich anfingen, hatten wir unser Leben damit verbracht, Jazz zu lieben, aber andere Musik zu spielen: Gospel, Rock und Soul. Das hat heute noch den Effekt, dass unsere Musik groove-betont ist.

Ihr spielt Teile des Jazz-Repertoires, seid aber keine Stil-Puristen. Wie würdest du eure Musik kategorisieren?
Tuck Andress: Von Anfang an gab es Jazz-Einflüsse. Außerdem hatten wir lange Zeit unseren Lebensunterhalt in kommerziellen Bands mit Rock und Soul verdient. Beides ist uns vertraut. Wir fanden schnell heraus, dass stilübergreifend praktisch jede denkbare Musik auf das Guitar/Vocal-Duo-Format übertragbar ist. Wir begannen genau die Musik zu spielen, die wir wirklich mochten und achteten trotz unserer speziellen Interpretation genau auf den jeweiligen historischen und stilistischen Hintergrund.

Eigene Stücke machen inzwischen einen ansehnlichen Teil eures Programms aus.
Tuck Andress: Es stellte sich heraus, dass Patti eine gute Songschreiberin ist. Viele Leute denken, sie schriebe die Texte, ich machte die Musik. Tatsächlich sie es die Songs komponiert. In unserer kleinen Gruppe ist sie Komponistin, Arrangeurin und die Produzentin. Das ist ein großer Vorteil. Normalerweise würde ein Gitarrist die Songs so gestalten, wie sie für ihn am einfachsten sind. Patti hört sehr viel mehr als ein Arrangeur. Ergebnis sind eher ungewöhnliche Elemente, die von Patti ausgingen. Ich musste immer einen Weg finden, ihre Ideen auf der Gitarre umzusetzen. Wenn wir im Studio arbeiten, ist meine Rolle die des Gitarristen und Tontechnikers, Patti ist die Produzentin. Sie hat die Gabe, im Studio den Überblick zu bewahren und die Ergebnisse sehr gut einschätzen zu können. Unser Approach ist sehr spontan. Oft kann ich die neuen Stücke kaum richtig spielen, wenn wir sie aufnehmen. Diese Herausforderung hält uns frisch, die Stücke entstehen zum Teil während der Aufnahmen. Wir nehmen live auf und versuchen, mit so wenigen Takes wie möglich auszukommen; es ist eine echte gemeinsame Performance. Wir haben in unserem Studio getrennte Räume und können uns noch nicht einmal sehen, nur hören.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 5-02