Celtic World Fee
Anne Wylie
Von Michael Lohr

Ende der 80er Jahre: Fast schienen die Folk-Feen der 60er für immer abgeschafft. Da tauchte eine Sängerin auf, an der wiederum das Neonjahrzehnt spurlos vorübergegangen schien: Anne Wylie, deren 1991er Debüt "Down To The Sea" zumindest im Titelsong ein wenig nach der Joni Mitchell der Woodstock-Phase klang.

Über zeitgeist-gemäßen Stil hat sich die ehemalige Graphikstudentin aus Dublin ("geboren zwischen den Kanälen") noch nie Gedanken gemacht. Auch ohne musizierende Eltern hatte sie in einer erzmusikalischen Nation bald Anregungen gefunden: "Eine äußerst musikalische Grundschullehrerin hat mich auf alle Fälle geprägt und gefördert: Chor, Orchester usw." Mit neun gab es eine Blockflöte, später wunschgemäß zu Weihnachten eine Gitarre, "nachdem ich angefangen hatte immer mehr zu singen." Ihre damaligen Helden? "Keine Ahnung - ich habe noch nie viel Musik gehört, besitze keine riesige Plattensammlung und bin auch nicht von Bands beeinflusst." Aber natürlich habe sie Neil Young gekannt, Joan Baez und Bob Dylan.

Profi - im Wortsinne - wurde Anne Wyli über Umwege: Durch Reiselust nach Deutschland verschlagen und dort geblieben, ließ sie es vor gut zehn Jahren einfach geschehen: "Ich habe es gemacht, es kam an, und dann habe ich weiter gemacht, und es kam weiter an." Ihre beiden ersten CDs würde sie heute lieber ignorieren: "Ich klinge da doch wie ein kleines Mädchen." Tatsächlich kommt sie fast elfenhaft daher mit Traditionals, Jigs und dezent poppigem Folk. Immerhin gibt es eine Menge instrumentale Feinarbeit; mit "Cobbled Streets" einen Song gewordenen England-Traum und mit "Sunday Mornings" wunderbare Kindheitserinnerungen, auch wenn die Produktion unsicher nach zeitgemäßem Folk-Sound sucht.
Nach dem zweiten, ähnlichen Album schien "in dieser Konstellation alles erreicht, was damit möglich war; jetzt musste etwas anderes passieren." Ein "musikalischer Wendepunkt" war der spontane Kauf einer Djembe an einem freien Tourneetag, "zumal sich gleichzeitig auch meine Stimme entwickelt hatte und ich plötzlich das Bedürfnis nach dem Gälischen, Irlands ursprünglicher Muttersprache, gespürt habe." Der bedeutendste Impuls aber kam von neuen Mitspielern. An die Stelle wechselnder Besetzungen trat ab 1996 eine feste kleine Band - mit Florian King (Bouzouki, Gitarre) und Henrik Mumm (Bass). "Als die kamen, habe ich gesagt: Die bleiben. Sie sind ein echter Glücksfall, eine absolute Bereicherung."

Das erste CD-Resultat dieser Konstellation ist "Live", eine erstaunlich klare und saubere Aufnahme, bei der sofort Mumms ungeheuer treibend-präziser Fretless Bass auffällt, wo die Intros raffinierter klingen, die Dramaturgie spannender, die Instrumentierung polyglotter ist (eine Talking- Drum begleitet eine Jig). Und so fesselt diese Produktion die Zuhörer mit stillem Zauber, vermag sie aber auch mit ausgelassenen Tanzrhythmen in Ekstase zu spielen.
Die aktuelle CD "One And Two" bedeutet noch einmal einen Quantensprung - in jeder Hinsicht. Die keltische Musik erhält teilweise einen Hauch von Funk, überbordende Rhythmen wechseln mit Schwebeklängen. Aus drei Strophen eines uralten Sommerlieds werden acht Minuten Musik von genau der besungenen luftigen Schönheit dieser Jahreszeit. Anne Wylies Stimme klingt gereift ("Sie kommt jetzt aus dem Bauch."), und fast alle Titel sind in Gälisch - eine künstlerische Therapie ihres chronischen Heimwehs nach Irland.
Folk ist das nicht mehr ("wozu man ja als Irin gern abgestempelt wird"), obwohl Folk-Elemente enthalten sind, wie auch solche von Jazz, Pop oder Ethno: "Es ist so ungefähr Celtic World Music. Meine Wurzeln stecken in den uralten Texten und Melodien. Aber wir machen unser eigenes Ding daraus. Florian hat sich mit traditioneller europäischer Musik, z.B. vom Balkan, beschäftigt, Henrik mit Klassik; beide haben Jazz und Popmusik studiert". Sie gelten für Anne Wylie als absolut ebenbürtige Partner im kreativen Prozess: "Nichts wird konzipiert; das gegenseitige Geben und Nehmen funktioniert einfach."
Als Bauchmensch vollzog sie ihre Rückkehr zu den Wurzeln unbewusst und blieb absoluter musikalischer Autodidakt: "Was mir gefällt, muss ich vorsingen. Ich kann nicht sagen: Das ist ein #11-Akkord. Ich sage nur: Da ist so ein Ton dazwischen. Und singe es vor. Und dann fangen Henrik und Florian an zu zählen: Um Gottes Willen, was wird das wieder für ein Rhythmus?" Oft entstehen auf der Bühne Ideen spontan, wenn die Irin in ihrem Element ist: "Der Kontakt zum Publikum ist mir wichtig, ich rede mit den Leuten. Und Musik heilt! Ich bin oft krank auf Tournee gegangen und gesund zurückgekommen." Bis heute unheilbar reiselustig, freut sie sich unbändig darüber, "dass ich in diesen Beruf hineingerutscht bin", zumal die Band "live total gut ankommt." Andererseits "bin ich auch nach den tollsten Projekten die Gleiche wie immer." Auf der Suche ist sie nicht mehr: "Ich glaube, meine Musik habe ich jetzt gefunden - mit meiner Band. Ich bin lange im Geschäft; meine Musik hat sich immer entwickelt. Und da, wo sie jetzt ist, gefällt es mir."


Discographie
Down To The Sea (1991)
Tir na nog (1994)
Live (1997)
Anne Wylie Band: One And Two (2001)