Ende der 80er Jahre:
Fast schienen die Folk-Feen der 60er für immer abgeschafft. Da
tauchte eine Sängerin
auf, an der wiederum das Neonjahrzehnt spurlos vorübergegangen
schien: Anne Wylie, deren 1991er Debüt "Down To The Sea"
zumindest im Titelsong ein wenig nach der Joni Mitchell der Woodstock-Phase
klang.
Über zeitgeist-gemäßen
Stil hat sich die ehemalige Graphikstudentin aus Dublin ("geboren
zwischen den Kanälen") noch nie Gedanken gemacht. Auch
ohne musizierende Eltern hatte sie in einer erzmusikalischen Nation
bald Anregungen gefunden: "Eine äußerst musikalische
Grundschullehrerin hat mich auf alle Fälle geprägt und
gefördert: Chor, Orchester usw." Mit neun gab es eine
Blockflöte, später wunschgemäß zu Weihnachten
eine Gitarre, "nachdem ich angefangen hatte immer mehr zu singen."
Ihre damaligen Helden? "Keine Ahnung - ich habe noch nie viel
Musik gehört, besitze keine riesige Plattensammlung und bin
auch nicht von Bands beeinflusst." Aber natürlich habe
sie Neil Young gekannt, Joan Baez und Bob Dylan.
Profi - im Wortsinne
- wurde Anne Wyli über Umwege: Durch Reiselust nach Deutschland
verschlagen und dort geblieben, ließ sie es vor gut zehn Jahren
einfach geschehen: "Ich habe es gemacht, es kam an, und dann
habe ich weiter gemacht, und es kam weiter an." Ihre beiden
ersten CDs würde sie heute lieber ignorieren: "Ich klinge
da doch wie ein kleines Mädchen." Tatsächlich kommt
sie fast elfenhaft daher mit Traditionals, Jigs und dezent poppigem
Folk. Immerhin gibt es eine Menge instrumentale Feinarbeit; mit
"Cobbled Streets" einen Song gewordenen England-Traum
und mit "Sunday Mornings" wunderbare Kindheitserinnerungen,
auch wenn die Produktion unsicher nach zeitgemäßem Folk-Sound
sucht.
Nach dem zweiten, ähnlichen Album schien "in dieser Konstellation
alles erreicht, was damit möglich war; jetzt musste etwas anderes
passieren." Ein "musikalischer Wendepunkt" war der
spontane Kauf einer Djembe an einem freien Tourneetag, "zumal
sich gleichzeitig auch meine Stimme entwickelt hatte und ich plötzlich
das Bedürfnis nach dem Gälischen, Irlands ursprünglicher
Muttersprache, gespürt habe." Der bedeutendste Impuls
aber kam von neuen Mitspielern. An die Stelle wechselnder Besetzungen
trat ab 1996 eine feste kleine Band - mit Florian King (Bouzouki,
Gitarre) und Henrik Mumm (Bass). "Als die kamen, habe ich gesagt:
Die bleiben. Sie sind ein echter Glücksfall, eine absolute
Bereicherung."
Das
erste CD-Resultat dieser Konstellation ist "Live", eine
erstaunlich klare und saubere Aufnahme, bei der sofort Mumms ungeheuer
treibend-präziser Fretless Bass auffällt, wo die Intros
raffinierter klingen, die Dramaturgie spannender, die Instrumentierung
polyglotter ist (eine Talking- Drum begleitet eine Jig). Und so
fesselt diese Produktion die Zuhörer mit stillem Zauber, vermag
sie aber auch mit ausgelassenen Tanzrhythmen in Ekstase zu spielen.
Die aktuelle CD "One And Two" bedeutet noch einmal einen
Quantensprung - in jeder Hinsicht. Die keltische Musik erhält
teilweise einen Hauch von Funk, überbordende Rhythmen wechseln
mit Schwebeklängen. Aus drei Strophen eines uralten Sommerlieds
werden acht Minuten Musik von genau der besungenen luftigen Schönheit
dieser Jahreszeit. Anne Wylies Stimme klingt gereift ("Sie
kommt jetzt aus dem Bauch."), und fast alle Titel sind in Gälisch
- eine künstlerische Therapie ihres chronischen Heimwehs nach
Irland.
Folk ist das nicht mehr ("wozu man ja als Irin gern abgestempelt
wird"), obwohl Folk-Elemente enthalten sind, wie auch solche
von Jazz, Pop oder Ethno: "Es ist so ungefähr Celtic World
Music. Meine Wurzeln stecken in den uralten Texten und Melodien.
Aber wir machen unser eigenes Ding daraus. Florian hat sich mit
traditioneller europäischer Musik, z.B. vom Balkan, beschäftigt,
Henrik mit Klassik; beide haben Jazz und Popmusik studiert".
Sie gelten für Anne Wylie als absolut ebenbürtige Partner
im kreativen Prozess: "Nichts wird konzipiert; das gegenseitige
Geben und Nehmen funktioniert einfach."
Als Bauchmensch vollzog sie ihre Rückkehr zu den Wurzeln unbewusst
und blieb absoluter musikalischer Autodidakt: "Was mir gefällt,
muss ich vorsingen. Ich kann nicht sagen: Das ist ein #11-Akkord.
Ich sage nur: Da ist so ein Ton dazwischen. Und singe es vor. Und
dann fangen Henrik und Florian an zu zählen: Um Gottes Willen,
was wird das wieder für ein Rhythmus?" Oft entstehen auf
der Bühne Ideen spontan, wenn die Irin in ihrem Element ist:
"Der Kontakt zum Publikum ist mir wichtig, ich rede mit den
Leuten. Und Musik heilt! Ich bin oft krank auf Tournee gegangen
und gesund zurückgekommen." Bis heute unheilbar reiselustig,
freut sie sich unbändig darüber, "dass ich in diesen
Beruf hineingerutscht bin", zumal die Band "live total
gut ankommt." Andererseits "bin ich auch nach den tollsten
Projekten die Gleiche wie immer." Auf der Suche ist sie nicht
mehr: "Ich glaube, meine Musik habe ich jetzt gefunden - mit
meiner Band. Ich bin lange im Geschäft; meine Musik hat sich
immer entwickelt. Und da, wo sie jetzt ist, gefällt es mir."
Discographie
Down To The Sea (1991)
Tir na nog (1994)
Live (1997)
Anne Wylie Band: One And Two (2001)
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