Avantgarde - Frameworks MIDI Classical Guitar
Von Andreas Schulz

Da staunten der Postbote und der AKUSTIK-GITARRE-Tester gemeinsam. Beide sind gewohnt, dass die regelmäßig eintreffenden Pakete mit Akustikgitarren eine doch recht imposante Größe aufweisen. Diesmal war alles anders.

Ein Paket von knapp 100 x 19 x 24 cm steht im Testraum. Heraus kommt eine schmucke und stabile Kunststofftasche, die die Frameworks-Gitarre enthält. Das Geheimnis liegt in der Konstruktion. Dieses Instrument ist eine gewaltige Abstraktion dessen, was wir unter dem Namen "Klassikgitarre" kennen. Angepeilter Einsatzzweck dieser Gitarre ist vornehmlich die professionelle Live- und Studioarbeit. In diesem Sinne ist in dieses Modell auch ein MIDI-Tonabnehmer integriert, der zum Anschluss an die gängigen Konverter von Roland, Axon oder Yamaha vorgesehen ist.

Aufbau

Die Frameworks besteht aus einem durchgehenden Stück Mahagoni in Griffbrettbreite, an dessen einem Ende die Saiten befestigt werden. Eine Kopfplatte sucht man vergebens (Headless-Design). Am anderen Ende sitzen hinter der Bridge die sechs verchromten Stimmmechaniken von Schaller, die mit schwarzen Flügeln versehen sind. Über stabile Stahlstifte werden an beiden Seiten dieses reduzierten "Bodys" die so genannten "Frames" angesetzt. Sie bilden die Konturen eines normalen Gitarrenkörpers nach, in unserem Falle die einer Gitarre mit Cutaway. Die Frames selbst haben einen Metallkern, der mit Schläuchen aus schwarzem Zellkautschuk überzogen ist. Sie sind extrem stabil und fühlen sich sehr gut und körperfreundlich an. Der Zusammenbau der Gitarre ist dabei eine Sache von wenigen Handgriffen - in kürzester Zeit ist das Instrument spielbereit. Verblüffend ist, wie schnell sich der Gitarrist an dieses Baukonzept gewöhnt. Einem verwunderten Blick beim Erstkontakt folgt ein zufriedenes Grinsen mit dem Instrument vorm Bauch. Diese Gitarre, die zu 90 % aus Luft besteht, lässt sich sowohl im Sitzen als auch im Stehen (mit Gurt, die nötigen Gurtpins sind bereits montiert) äußerst bequem spielen. Nach wenigen Minuten ist selbst der automatische Griff der rechten (!) Hand zu den Stimmmechaniken, die an ungewohnter Stelle hinter dem Tonabnehmer sitzen, eine Selbstverständlichkeit.
Das Mahagoni von Korpus und Hals ist mit einem Ölfinish endbehandelt, was ein angenehmes Seidenmatt-Gefühl zur Folge hat. Wenigstens der Hals vermittelt dem verwunderten Gitarristen einen Rest des gewohnt "holzigen" Spielgefühls. Um die Natürlichkeit des Klangs zu gewährleisten, sind in die Konstruktion Resonanzkammern integriert worden. Diese auf das Wesentliche reduzierte Bauweise hat einen angenehmen Nebeneffekt: ein extrem geringes Gewicht. Das Griffbrett, das 19 Bundstäbchen trägt (im Bereich von e- und h-Saite 22), besteht aus feinem Ebenholz und verfügt auf der Oberkante über drei kleine Markierungen im V., VII. und XII. Bund zur Orientierung. Die Griffbrettmaße orientieren sich an den Bedürfnissen klassischer Gitarristen. Überhaupt sind alle spieltechnisch relevanten Maße wie Mensur, Halsbreite und Saitenabstand in den gewohnten Dimensionen belassen. Die Bedienelemente der Frameworks MIDI Classical finden sich dem Spieler zugewandt auf der Oberseite von Hals/Korpus. Im Einzelnen sind dies zwei Drehregler für die Lautstärke der Gitarre und die des angeschlossenen Synthesizers sowie ein Schalter, dem MIDI-Funktionen zugeordnet werden können. Der 13-polige Stecker für den Anschluss des MIDI-Interfaces ist ebenfalls hier angesiedelt. Die Standard-Klinkenbuchse für das Audio-Kabel sitzt versenkt auf der Rückseite neben dem einfach zu öffnenden Batteriefach. Die Saitenführung ist im Vergleich zu einer normalen klassischen Gitarre genau umgekehrt. Am Ende des Halses (wo sich sonst die Kopfplatte befindet) werden die Saiten durch ein Stück Ebonol gefädelt und laufen über einen Nullbund. Am anderen Ende sitzt der integrierte Tonabnehmer für Audio und MIDI. Sechs individuelle piezoelektrische RMC-Saitensensoren sind vorhanden. So ist eine optimale Trennung der Einzelsaiten gewährleistet.
Zwischenbericht: Bei aller Extravaganz der Konstruktion sollte der aufgeschlossene Gitarrist mit dieser Gitarre gut klarkommen. Auch eine streng klassische Haltung ist problemlos möglich. Nur diejenigen, die es bei ihrer Spielweise - sei es Fingerstyle oder mit dem Plektrum - gewohnt sind, den rechten Ringfinger oder den kleinen Finger auf der Decke des Instruments abzustützen, sind in Schwierigkeiten. Es gibt keine Decke! Zur Not ist hier eine Ruheposition an der Unterseite des Mahagoniblocks vorstellbar.

Klang
Auch bei einem solchen Instrument lohnt ein Check des rein akustischen Klanges. Hier stellt man bereits fest, dass das Klangbild extrem ausgewogen und sauber ist. Das Sustain ist lang und von klarer Gestalt, unangenehme Eigenresonanzen mit Überbetonungen einer bestimmten Frequenz sind nicht feststellbar. Auch das Schwingungsverhalten einer akustischen Gitarre ist im weitesten Sinne spürbar. Natürlich ist die Frameworks nicht zum akustischen Spielbetrieb vorgesehen. Die Lautstärke ist gerade so, dass sie immerhin eine Kontrolle des eigenen Spiels gestattet und mitternächtliches Üben problemlos möglich ist. Ihre wahre Stärke offenbart die Frameworks im Studio. Der Sound, der aus den Monitoren perlt, ist bereits bei linearer Equalizer-Einstellung eine wahre Freude. Die Frequenzverteilung ist absolut ausgewogen, und die akustische Abbildung einer klassischen Gitarre ist durchaus gelungen. Piezotypische Eigenheiten wie leichte Überbetonung des Anschlags und komprimierte Klangentfaltung halten sich in akzeptablen Grenzen. Etwas Hall dazu, und schon vergeht die Zeit wie im Flug. Auch Spielereien am parametrischen Equalizer des Mischpults offenbaren Interessantes. Der bereits gute Grundklang ist hier ganz leicht in verschiedene Richtungen zu beeinflussen. Etwas mehr Fülle gefällig? Suchen Sie einen edlen "HiFi-Nylonstring-Klang"? Mögen Sie es etwas wärmer und bedeckter? Alles kein Problem. Die Frameworks-Gitarre ist ein richtiges Multifunktions-Talent und reagiert willig und ohne zu zicken auf kleinste Veränderungen am EQ. Auffallend ist einmal mehr die Ausgewogenheit in Klang und Dynamik. Die Balance der Saiten untereinander, die Lautstärke der einzelnen Töne über das gesamte Griffbrett und das lange Sustain sind bestens ausbalanciert und von analytischer Schärfe. Die Frameworks MIDI Classical ist unter dem Gesichtspunkt der elektroakustischen Anwendung ein absolut professionelles Werkzeug. Wer den Mut hat, sich mit diesem ausgefallenen Instrument zu beschäftigen, könnte für die beschriebenen Live- und Studio-Anwendungen das lang ersehnte Trauminstrument finden. Beim Live-Betrieb darf man nicht aus den Augen verlieren, dass das Ergebnis "on stage" von der Güte der verwendeten Verstärkungsanlage abhängt. Stehen hier hochwertige Komponenten für Monitor und PA zur Verfügung, wird das Ergebnis für Musiker und Publikum überzeugend ausfallen. Jazz-, Fusion- und Latin-Gitarristen werden, so sie nicht ein klassisches Klangideal mit entsprechendem Spielgefühl bevorzugen, mit der Frameworks-Gitarre ihre Freude haben. Etwas Aufgeschlossenheit gehört allerdings schon dazu, ein solches Instrument zu spielen.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 5/2000