Von Ralf Bauer
Pink
Anderson (1900-1974)
Es ist vielleicht
der erstaunlichste Aspekt des Blues, dass er sich zur gleichen Zeit
in unterschiedlichen Regionen entwickelt und herausgebildet hat und,
obwohl randvoll vom Gefühl des Geschlagenseins und des Verzagens, nicht
eigentlich pessimistisch ist, nirgendwo. Die Wiege und das Herz des
Blues liegen für viele sicherlich im Mississippi-Delta, doch haben andere
Gebiete sehr eigenständige Variationen dieser Musik hervorgebracht.
Die sozialen und gesellschaftlichen Umstände haben dabei entscheidenden
Einfluss auf den Charakter der Musik genommen und die Position der schwarzen
Bevölkerung in den entsprechenden Landesteilen widergespiegelt. Kein
Wunder also, dass beispielsweise in Mississippi, dem ärmsten Bundesstaat
der USA, ausgesprochen harte Lebensumstände sich in einer von Ausdruck
und Emotionalität geprägten Bluesform wiederfinden und weiter im Osten,
wo ein offeneres und liberaleres Gesellschaftsbild vorzufinden war;
auch der Blues weitaus beschwingter und fröhlicher zutage trat. Obwohl
auch der East-Coast-Blues jede Menge an Traurigkeit und Melancholie
zum Thema hatte, sind hier die musikalischen Limits weit weniger begrenzt
als im Delta, und auch die Trennung zwischen weißer und schwarzer Musik
ist geringer ausgeprägt.
Der Ragtime,
besonders in Bezug zur Gitarre, hat sich zu großen Teilen an der Ostküste
entwickelt und einige der bedeutendsten Musiker dieser Stilistik hervorgebracht,
allen voran Blind Blake. Doch der große Mann des Piedmont-Style-Pickings,
wie es in Carolina, Virginia und Georgia vorzufinden war, ist Blind
Boy Fuller, der trotz seines frühen Todes ganze Generationen von Gitarristen
beeinflusst hat. Einer von ihnen war Pink Anderson, am 12.02.1900 in
Lawrence, South Carolina geboren und in Spartanburg, North Carolina
aufgewachsen. Mit 14 Jahren bereits nahm ihn Dr. Kerr von der Indian
Remedy Company als Witzeerzähler, Sänger und Tänzer unter Vertrag. Von
quer durch das Land ziehenden Medicine Shows wurden hier der Bevölkerung
alle möglichen Wunder- und Heilmittel in Shows von Entertainment aller
Art angepriesen. Bis zu Dr. Kerrs Tod im Jahre 1945 blieb diese Partnerschaft
bestehen und prägte über weite Strecken das Leben Andersons. 1916 stieß
Simmie Dooley, ein älterer blinder Musiker aus Spartanburg, zu der Truppe,
dem sich Pink Anderson verstärkt annahm. Von ihm kamen die entscheidenden
musikalischen Einflüsse, insbesondere in Sachen Blues. Wenn die beiden
nicht mit der Indian Remedy unterwegs waren, spielten sie auf lokalen
Partys und Picknicks. Für Columbia Records machten sie Ende der 20er
Jahre ihre ersten Aufnahmen. Als wenig später Soloaufnahmen ohne Simmie
Dooley entstehen sollten, lehnte Pink Anderson, der seinem musikalischen
Lehrmeister nach wie vor höchste Anerkennung und Dank zollte, dankend
ab.
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Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 4-99