In Concert


Tuck & Patti
Frankfurt, Sendesaal des HR
von Andreas Schulz

Tuck Andress und Patti Cathcart freuen sich, und sie haben besondere Gründe dafür. Ein Doppeljubiläum steht an: 20 Jahre private und musikalische Partnerschaft, zehn Jahre Dokumentation derselben in Form von Duo-CDs.

Ihre bislang fünfte mit dem Titel „Paradise Found" haben sie gerade herausgebracht. Im Rahmen einer ausgedehnten Tournee waren sie auch in unseren Gefilden live zu erleben.

Tuck & Patti, das ist mittlerweile ein Synonym für die Duobesetzung von Gitarre, in diesem Fall einer Gibson L5 „Archtop" Jazzgitarre, und Gesang. Sicher, solche Duoformationen hat es vorher schon gegeben, aber keine hat die kunstvolle Verzahnung von virtuosem Saitengezupfe und souligem Gesang in solchem Maße kultiviert und vorangetrieben wie die der beiden Amerikaner. Ella (Fitzgerald) und Joe (Pass) fallen einem da noch ein, ein frühes Guitar-&-Vocal-Traumpaar des Jazz. Die beiden waren großartig und haben die Fundamente für die Aufbauarbeit ihrer Nachfolger gelegt, doch war ihre rein musikalische Zweisamkeit nur ein kleiner Aspekt ihrer Arbeit. Bei Tuck & Patti ist das anders: Sie sind im Grunde eine verschworene Gemeinschaft wie Bonny & Clyde ... Zusammen erobern sie die Welt, in ihrem speziellen Fall die Bühnen der Welt. Als die beiden im abgedunkelten Saal unauffällig von der Seite auf die Bühne treten, brandet begrüßender Applaus auf. Offenbar sind die meisten Zuhörer gekommen, um beim Jubiläum mitzufeiern. Selbst in einem so großen Konzertsaal etablieren die beiden von Beginn an eine familiäre Stimmung. Der Bühnenaufbau ist minimal. Ein kleines Rack mit Electronics, darauf ein Blumenstrauß, ein Floorboard mit Lautstärkepedalen und der In-Ear-Monitoring-Anlage, ein Hocker für Patti, eine Wasserflasche für Tuck. Das reicht auch, denn die beiden benötigen weder große Technik noch eine ausufernde Bühnenshow für ihren Auftritt.

Nachdem sie sich auf der Bühne kurz verkabelt haben, geht’s los, mit einem Titel ihrer aktuellen CD. Und da ist er wieder, der Zauber, den die beiden imstande sind zu entfachen. Der beruht zu gleichen Teilen auf ihrer musikalischen Ausdruckskraft, ihrem kompromisslosen und leidenschaftlichen Vortrag und – nun ja, ihrer gemeinsamen Ausstrahlung. Wer die beiden auf der Bühne erlebt, weiß, dass sie nicht nur ein musikalisches Team sind, sondern auch privat ein Paar. Und das tragen sie ohne jede Scheu und Peinlichkeit in die Öffentlichkeit. Ob es nun so ist, dass ihre Musik diese Emotionen transportiert oder ihr Zusammengehörigkeitsgefühl ihre Musik beflügelt – wen kümmert’s? Unterm Strich ist die geglückte Kombination von musikalischer Teamarbeit und gemeinsamem privaten Glück kaum zu schlagen und hat bisher jeden berührt, der ein Konzert der beiden besuchte. „Wir haben für unsere Musik einen unangreifbaren Platz reserviert", erklärt Tuck. „Business existiert für uns gar nicht. Wir überraschen uns immer noch gegenseitig, jeden Tag. Wie bei der Musik – eine Menge Improvisation und Interplay. Es macht Spaß."

„... und es wird noch immer besser", fügt Patti hinzu, „... es ist verblüffend. Wir werden noch lange zusammen unterwegs sein." Tuck Andress wurde in Oklahoma geboren, wechselte nach ersten Klavierübungen schnell zur Gitarre und zog in die Gegend um San Francisco, um in Stanford Musik zu studieren. Aus der San Francisco Bay Area stammt Patti Cathcart, die eine Ausbildung als klassische Sängerin hinter sich hat, sich aber viel lieber in Rock- und Jazzclubs herumtrieb. 1978 lernten sich die beiden kennen und sind seit 1981 verheiratet. „Es war Liebe beim ersten Hören", schwärmt Patti. „Es dauerte nur Sekunden, wirklich. Ich war auf einer Audition, die Jungs spielten, und ich achtete nur auf den Gitarristen in der Ecke. Tuck ergänzt: „Ich rief sofort danach meinen besten Freund an und erzählte ihm, dass ich die musikalische Traumpartnerin meines Lebens gefunden habe. Bei den vielen Fahrten zu Proben und Gigs sind wir beste Freunde geworden. Eigentlich hatten wir vor, eine Band zu formieren, aber wir saßen immer auf Pattis Couch und spielten zu zweit. Und nichts fehlte uns."

Die folgenden Jahre zogen sie durch Clubs und Musikkneipen im ganzen Land und entwickelten ihre eigenwillige Duostilistik. Mehrere Anfragen von Plattenlabels wurden abgelehnt, bis sie sich wirklich über ihre Vorstellungen, Ziele und Ambitionen im Klaren waren. Den Zuschlag erhielt schließlich 1988 Windham Hill, ein Jahr später stand die erste CD „Tears Of Joy" in den Läden. Bis heute folgten vier weitere Duo-CDs sowie einige Soloalben von Tuck. „Nach so vielen Jahren kennen wir uns gut. Und doch passiert immer etwas Neues. Klar haben wir Sorgen im Alltag. Klar haben wir Konflikte. Klar streiten wir uns, wir sind Experten darin. Aber irgendwann müssen wir lachen. Das war’s dann. Musik und Privatleben sind für uns nicht zu trennen. Musik ist unser Leben. Wir machen das, was wir am liebsten machen, mit der Person, die wir am meisten lieben." Zurück zum laufenden Konzert: Den ersten Teil bilden Stücke der neuen CD im Mix mit alten Klassikern ihres Repertoires. Patti ist eine temperamentvolle Sängerin. Ihre Kondition ist bewundernswert, sie singt fast ununterbrochen, nur kürzere Soli von Tuck geben ihr eine Verschnaufpause.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 4-99