test 2

Radio Grande

Gibson "Roy Smeck Radio Grande", Baujahr 1936

Von Wilhelm Henkes und Rudolph Blazer, Antique Acoustics

Wie schon oft an dieser Stelle wird auch diesmal wieder eine Gitarre vorgestellt, die für einen bestimmten Musikstil konzipiert wurde, der in den 30ern rasend populär war - die Hawaii-Musik und die dazugehörende Spielweise.

Es handelt sich bei "Hawaii-Gitarren" um mehr oder weniger normal konstruierte akustische Instrumente. Während die Gitarre auf dem Schoß ("lap") liegt, werden ihre Saiten mit einem Rundstahl ("steel") anstelle der Greifhand intoniert. Zu diesem Zweck ist die Saitenlage mittels Sattel und Stegeinlage erhöht. So läßt sich das Wortsammler.jpg (7691 Byte) "Lapsteel" erklären, und obwohl dieser Begriff meist mit elektrischen Instrumenten assoziiert wird, ist er vielleicht doch eine bessere Bezeichnung als "Hawaii-Gitarre".

Roy Smeck war ein absoluter Star, als Gibson an ihn herantrat, um mit ihm eine neue Gitarre zu entwickeln. Es bestand allerdings ein wesentlicher Unterschied zwischen Roy Smeck und anderen zeitgenössischen Musikern wie Nick Lucas, Gene Autry oder Ray Whitley, die ebenfalls für Gibson spielten. Er war nämlich ein reiner Instrumentalist und bestritt seine gesamten Konzertauftritte mit Ukulele, Gitarre, Banjo und eben auch mit Lapsteel, ohne Gesangseinlagen. Diese Tatsache machte ihn doppelt interessant für die Gibson-Leute, die gerade dabei waren, ihre ersten großen Flattops zu perfektionieren. Im Jahre 1932 war schon die experimentelle HG-Serie entstanden, eine Hawaii-Gitarre mit vier F-Löchern, einem Schalloch und doppelten Zargen und - ganz wichtig - mit der bis heute verwendeten Round-Shoulder-Korpusform. Zwei Jahre später dann erschienen die normal spielbare Jumbo und die nach Smeck benannte Lapsteel.

Die Korpusmaße der Jumbo und der Roy Smeck sind identisch. Gravierender Unterschied ist der damals sehr fortschrittliche 14-Bund-Hals der Jumbo, im Gegensatz zu dem um zwei Bünde kürzeren Roy-Smeck-Hals. Was vielleicht als kleines Detail erscheint, bedeutet für die Gesamtkonstruktion Entscheidendes. So sitzt bei der "Roy Smeck" das Schalloch weiter unten, der Steg ebenso, die Griffbrett-Extension wird länger, und hinter dem Steg auf der Deckeninnenseite ist nur noch für zwei Tonbalken Platz. Gleichzeitig entsteht ein durch seine Kürze sehr stabiler Hals. Weil man das Instrument ohnehin von oben spielt, entsteht dadurch technisch keine Einschränkung, und das andere Klangbild, das so erzeugt wird, ist durchaus gewollt. Durch diese bauliche Eigenart entstand eine gelungene Mischung aus altem und neuem Gibson-Design. Der Hals ist zwar nicht viereckig wie bei vielen Lapsteels der Konkurrenz, aber doch so breit und kräftig, daß sich die wenigsten Gitarristen nach einem Umbau zur normalen Saitenlage wohlfühlen würden. Deswegen ist verständlich (obwohl bedauerlich), daß eine ganze Menge solcher Gitarren abgeändert oder gar mit neuen Hälsen ausgestattet wurden.

Es gab zwei Modelle, die nach Roy Smeck "The Wizzard of the Strings" genannt wurden: einmal die "Stage De Luxe", eine Mahagoni-Fichte-Konstruktion, wie die Jumbos in Sunburst lackiert und im Preis ähnlich. Dann die hier abgebildete "Radio Grande", doppelt so teuer, aus Rio-Palisander und mit einer blonden Adirondack-Fichtendecke versehen. Das Griffbrett wurde mit den wohl schönsten Perlmutteinlagen verziert, die Gibson je gemacht hatte und die auch schon auf den früheren "Nick-Lucas" zu sehen waren. Das abgebildete Instrument blieb weitgehend von den oben beschriebenen Modifizierungen verschont, wurde einige Zeit als normale Gitarre benutzt und jetzt so umgebaut, daß sie wieder auf dem Schoß zu spielen ist. Beim Anspielen erkennt jeder Lapsteel-Hawaiian-Gitarrist schon nach den ersten Tönen, daß es sich wie bei vielen Instrumenten der "Golden Era" nicht nur optisch um ein absolutes Sammlerstück handelt.