Autonom
Ani DiFranco
Von Stefan Woldach

Viele Register hat diese Powerfrau in ihrer Karriere bereits gezogen: Als streitbare Indie-Revoluzzerin, als gefühlvolle Folk-Ikone und stilsichere Jazz-Interpretin, als männermordende Sirene, selbstbewusste Labelchefin und gut gelaunte Bandleaderin. Mit „Evolution“ hat die Sängerin und Gitarristin aus Buffalo, New York, gerade ihr vielseitigstes Album mit ihrer Band eingespielt. Es wird wohl für eine Weile das letzte dieser Art sein, denn momentan bereitet sich die zierliche Künstlerin in ihrer neuen Wahlheimat New Orleans auf die Rückkehr zu ihren Wurzeln vor, als sie noch allein mit ihrer Gitarre durch die Clubs zog und ihr Publikum mit sehr persönlichen, intimen Sets begeisterte.

Bereits im zarten Alter von neun Jahren trat Ani in Bars und Cafes ihrer Heimatstadt auf. Mit 15 schrieb sie eigene Songs, tingelte durch die USA und verkaufte Kassetten mit ihren Stücken, bevor sie ihr in Eigenregie produziertes Debüt aufnahm. Ein wichtiger Schritt für die Unabhängigkeit der Newcomerin. Ein Aspekt, auf den sie – aller Vereinnahmungsversuche der Musikindustrie zum Trotz - bis heute größten Wert legt. Sie gründet folgerichtig ihr eigenes Label mit dem passenden Namen „Righteous Babe“, um künstlerische Kontrolle über ihre Arbeit zu behalten und zieht einen Mailorder-Vertrieb für ihre CDs auf. Heute ist Ani DiFranco die einzige amerikanische Musikerin, der das Kunststück gelang, sich als Independent-Künstlerin über unabhängige Vertriebswege in den Top 50 der Billboard-Charts zu platzieren; so 1997 mit „Living In Clip“. Mit ihrer fulminanten Mischung aus Folk, Punk, Ska und Spoken Word-Performances wird die selbstbewusste Frau zum Star. Seit den frühen Neunzigern verfeinert DiFranco mit jedem Album ihren eigenen Stil, ungeachtet aller kommerziellen Diktate. Mit Erfolg.

Und: einfach ist es nicht, ein Interview mit DiFranco zu arrangieren. Immerhin, nach dem fünften abgesagten Termin hat es schließlich geklappt!


Hallo Ani, wie geht’s? Es hieß, du hättest Probleme mit deiner Stimme gehabt?
Ani DiFranco: Ja, leider. Ich war sehr lange auf Tour und hatte zum Schluss wirklich Schwierigkeiten. Aber jetzt, wo ich zu Hause bin und den ganzen Tag den Mund halten kann, geht’s mir schon viel besser.

Dann lass uns über deine neue CD „Evolve“ reden. Wie würdest du denn deine eigene Entwicklung seit deinem selbstbetitelten Debüt beschreiben?
Ani DiFranco: Jeder Moment seit damals war eine große Reise. Und überall am Wegesrand warteten Möglichkeiten, um mich weiter entwickeln zu können. Eine der größten Entwicklungen für dieses Album war ganz klar das Zusammenspiel mit meiner Band. Mit diesem Sextett spiele ich nun schon seit Jahren. Wir haben uns diese Fähigkeiten und eine eigene Ästhetik erarbeitet.

„Evolve“ ist sorgfältig arrangiert, klingt aber trotzdem wie eine spontane Session. Wie bekommt man diesen Gegensatz hin?
Ani DiFranco: Genau das ist die Herausforderung, oder? Etwas zu arrangieren, aber dann doch alles in den Moment zu investieren, darin liegt die Kunst. Meine Bandmitglieder und ich haben uns oft darüber unterhalten. Keiner meine Musiker möchte Fehler machen, aber es will auch keiner „auf Nummer sicher“ spielen. Diese Balance ist schwer. Und ich kann nur immer wieder dankend sagen, dass ich bei der Aufnahme dieser Platte meine Tour-Band im Studio hatte - eine tolle, eingespielte Band.

Was dir auch die Freiheit gab, dich intensiv mit der Produktion zu beschäftigen – was dich ja seit deinem ersten Album beschäftigt. Hast du eine Erklärung dafür, warum dieser Part einer Albumproduktion sonst eine typische Männerdomäne ist?
Ani DiFranco: Keine Ahnung. Im Grunde sind Produktionsmittel doch nur Werkzeuge, mit denen wir ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen. Eine Gitarre ist im Grunde auch nichts anderes. „Evolve“ ist übrigens das erste Album, das ich ganz allein gemixt habe. Früher habe ich immer mit jemandem gearbeitet, der ein Auge auf der Produktion hatte oder Alternativen wusste, wenn ich nicht weiter kam. Diesmal habe ich alles allein gemacht. Vielleicht ist das Album auch deshalb so pur geworden, weil mir irgendwann die Energie ausging? (lacht)

Es ist bestimmt kein Zufall, dass du dein Lachen im Outro zu „In The Way“ auf der Aufnahme gelassen hast. Das zeigt, dass du trotz der Arbeit eine Menge Spaß im Studio hattest.
Ani DiFranco: Oh ja! Ich liebe meine Band. Das sind nicht nur gute Freunde, sondern so etwas wie meine Familie. Das war mir besonders wichtig, nachdem ich mein halbes Leben allein, als Solokünstlerin verbracht hatte. Nun bin ich wieder solo unterwegs und komme mir etwas allein vor.

Warum diese Entscheidung?
Ani DiFranco: Um ehrlich zu sein, ich hatte mich in den letzten Jahren mehr darum gekümmert was die anderen Instrumente spielen, als um mich selbst. Aber jetzt, wo meine Gitarre wieder „meine Band“ ist, genieße ich ein Gefühl, dass ich lange nicht mehr gehabt habe. Irgendwie hatten wir das Ende der Fahnenstange erreicht. Deshalb wollte ich mich wieder auf mich selbst konzentrieren.

...und bist wieder zur puristischsten Form des Songwritings zurückgekehrt.
Ani DiFranco: Ja, und es ist eine heftige Liebesaffäre! Meine Gitarre war immer meine beste Freundin. Und meine beste Lehrerin, wenn ich zurückschaue, was sie mir gegeben hat, im Studio und bei Konzerten - das Gefühl für Dynamik, auch für Nuancen zwischen Flüstern und Schreien. Als Fingerpickerin liebe ich die Beziehung zwischen Melodie und Rhythmus. Das sind Punkte, die essentiell für mein Spiel sind.

Was für Gitarren kamen auf diesem Album zum Einsatz?
Ani DiFranco: Ich wechsle häufig zwischen einer normalen 6-saitigen Alvarez „Virtuoso Weir Acoustic“ und einer alten Bariton-Gitarre. Die Kompositionen basieren mittlerweile 50:50 auf diesen beiden Instrumenten. Aber die Alvarez ist schon meine Hauptgitarre. Momentan arbeiten sie bei Alvarez an einem Modell nach meinen Vorstellungen. Ich verändere nämlich die Höhe des Sattels für die E-, A,- und D-Saite, weil ich eine ganze Menge Open Tunings spiele, die eine ziemlich tiefe Stimmung erfordern. Daneben unterhalten wir uns auch gerade über eine andere Mensur und einen kleineren, aber tieferen Korpus. Ich suche eben immer noch nach der perfekten Gitarre. Momentan baut Alvarez diese Gitarre für mich. Wenn die gut wird, geht sie vielleicht sogar in Serie. Wer weiß? Da gibt es allerdings schon sehr spezielle Features. Ich mag es, wenn die Gitarre eine Menge Bass mitbringt. Ich will eine Menge „Arsch“ und nicht so viel Mitten und Höhen, wie das viele andere Künstler mögen.

Das bringt uns zur Aufnahmesituation. Wie nimmst du deine Gitarre ab?
Ani DiFranco: Oh je, ich habe so viele Alben aufgenommen und habe jedes Mal etwas anderes probiert! (lacht) Das hängt damit zusammen, dass ich nicht nur eine akustische Gitarre aufnehmen muss, sondern auch noch mich, als Sängerin, weil ich nämlich am liebsten Gitarre und Gesang gleichzeitig aufnehme. Meistens nehme ich die Gitarre mit dem Tonabnehmer ab, parallel dazu mit dem Mikrofon und schicke das Signal auch noch über einen Gitarrenverstärker. Ich finde solche Kombinationen sehr interessant.

Kümmerst du dich auch um die Raumsituation?
Ani DiFranco:. Sicher. Ich habe mich immer gefragt, warum man ein Mikrofon neben einem Instrument platziert, das Signal ins Mischpult schickt und dann Reverb dazu fügt? Warum stellt man das Mikro nicht etwas weiter weg? Warum spielt man nicht mit den räumlichen Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen? Jetzt, wo ich für mich alleine arbeite und nicht sechs Musiker auf mich warten, habe ich die Zeit, mich mal ausgiebig mit diesen Dingen zu beschäftigen. Derzeit habe ich fünf verschiedene Mikrofone und fünf verschiedene Kompressoren, mit denen ich herumspiele. Ich mag es, wenn man etwas mitkriegt von der Atmosphäre, in der ein Künstler arbeitet. Erinnerst du dich noch an das erste Album des Buena Vista Social Club? Da hatte ich wirklich das Gefühl, dort im Raum zu stehen.

Du bewegst dich zwischen Funk, Jazz, Blues und klassischem Songwriting. Ist das wandern abseits aller Konventionen und Schubladen ein kommerzielles Risiko, mit dem es sich aber gut leben lässt?
Ani DiFranco: Nun, ich weiß, dass man mich in einer Menge Rollen sieht und in eine Menge Schubladen steckt. Ich aus meiner Sicht versuche immer nur, mich nicht zu blamieren! (lacht) Ich sehe Musik auch nicht als Sammlung unterschiedlicher Stile. Ich unterscheide nicht. Musik wird erst in der kommerziellen Welt unterteilt, z.B. wenn du in einen Plattenladen gehst und etwas Bestimmtes suchst. Meine Ohren sind Tag und Nacht offen und nehmen so viel auf, was mich beeinflusst, und das kommt dann eines Tages auf andere Weise wieder aus mir heraus.

Für viele Kritiker ist „Evolve“ dein vielseitigstes Album. Das führt wieder zu Spekulationen über deine vielseitigen Einflüsse...
Ani DiFranco: Sicher. Weißt du, selbst nach so vielen Jahren im Musikbiz bin ich immer noch dabei zu lernen. Besonders was meinen Gesang betrifft. Ich liebe Betty Carter – eine großartige Jazz-Sängerin. Sie hat mir mehr vermittelt als jeder andere zuvor. Ich kann heute ihren Einfluss sehr deutlich in meinem Gesang hören. Was die Gitarre betrifft, habe ich vor nicht all zu langer Zeit John Fahey wieder entdeckt (US-Folk-Gitarrist, 1939 - 2001). Er hat ein paar wunderbare instrumentale Gitarrenalben aufgenommen. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine Platte von ihm hatte, als ich anfing Gitarre zu spielen. Als ich Faheys Musik kürzlich wieder mal hörte, wurde mir klar, dass er doch einen größeren Einfluss auf mich hat als ich gedacht hätte.

Du gehst in Kürze allein auf Club-Tour. Lassen sich die Songs von „Evolve“ problemlos als One-Women-Show umarrangieren?
Ani DiFranco: Einige ja, andere nicht. Ich habe die Songs ja für die Band geschrieben. Deswegen gibt’s da auch die eine oder andere Nummer, die auf der Gitarre allein gespielt eher uninteressant klingt. Die neuen Songs, an denen ich arbeite, sind natürlich ganz auf eine Soloperformance ausgerichtet.

Kannst du uns schon einen Hinweis geben, in welche Richtung du dich bewegen willst?
Ani DiFranco: Nun, ich arbeite momentan mit einer alten analogen 4-Spur Tascam Tonbandmaschine und einem kleinen 8-Kanal-Mischpult aus den Sechziger Jahren. Damit nehme ich sehr direkte, einfache Songs auf, nur Gitarre und Gesang. Natürlich wird es ein paar Overdubs geben, etwas Chorgesang, ein paar rückwärts aufgenommene Gesangspassagen. Und vielleicht etwas Bass.

Und ein paar Gitarrensoli? Damit wären wir bei den Geschlechterrollen: Warum gibt es so wenig Frauen, die Solo spielen?
Ani DiFranco: Vielleicht liegt es daran, dass Männer dazu neigen, sich in den Vordergrund zu stellen und ganz gradlinig auf ihr Ziel zuzusteuern. Wir Frauen dagegen nehmen lieber eine nicht ganz so extrovertierte Rolle ein. Wir bewegen uns auch eher in Kreisen, symbolisch gesprochen, als direkt geradeaus. Aber beide Wege führen am Ende zu einem Ziel.

Für dein Fingerpicking klebst du dir künstliche Fingernägel auf die Nägel deiner rechten Hand. Wie kamst du dazu?
Ani DiFranco: Nun, ich spiele mit der rechten Hand extrem hart. Besonders auf der Bühne. Im Studio kann ich das besser kontrollieren. Dabei habe ich mir haufenweise Fingernägel ruiniert. Also habe ich angefangen diese künstlichen Fingernägel zu benutzen, um härter anschlagen zu können. Ich habe diese Plastiknägel auf meine eigenen geklebt und zusätzlich getaped, damit ich mehr Halt bekam. Außerdem bot mir das Tape Schutz, weil ich mir die Fingerspitzen der rechten Hand oft blutig gespielt habe.

Dein Anschlag ist ein wichtiger Bestandteil deines Spiels.
Ani DiFranco: Oh ja! Ich habe die Gitarre immer auch als Perkussion-Instrument verstanden, wie auch als melodisches Instrument. Ich habe als Solomusikerin angefangen, da musste ich gleichzeitig meine eigene Rhythmusgruppe sein. Ich bin keine Chord-Strummerin. Ich picke, slappe und poppe und probiere alles mögliche.

Was für Saiten benutzt du zurzeit?
Ani DiFranco: Ich spiele D’ Addarios in mittlerer Stärke. Heavy Sets klingen mir nicht brillant genug. Manchmal spiele ich auch die großen Fender Triangle-Pleks.

Du legst sehr großen Wert auf Dynamik, oder?
Ani DiFranco: Ja, denn Musik basiert nicht nur auf den Sounds die du produzierst, sondern auch auf der Stille; und dem Raum, dem du einem Sound gibst. Auch das ist Teil eines Songs. Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, wie wichtig es ist, an bestimmten Stellen NICHT zu spielen. Es ist wichtig, die Stille zu respektieren. Gerade in dem, was sie nicht spielen, definieren und differenzieren sich große Musiker. Ich versuche das zu lernen. Außerdem: Wenn du allein auf der Bühne stehst, hast du auch nicht viele Möglichkeiten zur Verfügung. Du hast den Text und seine Symbolik, den Gesang, die Melodie und die Gitarre. Und eben die Dynamik.

Das vollständige Interview finden Sie in AKUSTIK GITARRE 4 / 03