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Viele
Register hat diese Powerfrau in ihrer Karriere bereits gezogen:
Als streitbare Indie-Revoluzzerin,
als gefühlvolle Folk-Ikone
und stilsichere Jazz-Interpretin, als männermordende Sirene,
selbstbewusste Labelchefin und gut gelaunte Bandleaderin. Mit „Evolution“ hat
die Sängerin und Gitarristin aus Buffalo, New York, gerade
ihr vielseitigstes Album mit ihrer Band eingespielt. Es wird wohl
für eine Weile das letzte dieser Art sein, denn momentan bereitet
sich die zierliche Künstlerin in ihrer neuen Wahlheimat New
Orleans auf die Rückkehr zu ihren Wurzeln vor, als sie noch
allein mit ihrer Gitarre durch die Clubs zog und ihr Publikum mit
sehr persönlichen, intimen Sets begeisterte.
Bereits im
zarten Alter von neun Jahren trat Ani in Bars und Cafes ihrer
Heimatstadt auf. Mit 15 schrieb sie eigene
Songs, tingelte
durch die USA und verkaufte Kassetten mit ihren Stücken, bevor
sie ihr in Eigenregie produziertes Debüt aufnahm. Ein wichtiger
Schritt für die Unabhängigkeit der Newcomerin. Ein Aspekt,
auf den sie – aller Vereinnahmungsversuche der Musikindustrie
zum Trotz - bis heute größten Wert legt. Sie gründet
folgerichtig ihr eigenes Label mit dem passenden Namen „Righteous
Babe“, um künstlerische Kontrolle über ihre Arbeit
zu behalten und zieht einen Mailorder-Vertrieb für ihre CDs
auf. Heute ist Ani DiFranco die einzige amerikanische Musikerin,
der das Kunststück gelang, sich als Independent-Künstlerin über
unabhängige Vertriebswege in den Top 50 der Billboard-Charts
zu platzieren; so 1997 mit „Living In Clip“. Mit ihrer
fulminanten Mischung aus Folk, Punk, Ska und Spoken Word-Performances
wird die selbstbewusste Frau zum Star. Seit den frühen Neunzigern
verfeinert DiFranco mit jedem Album ihren eigenen Stil, ungeachtet
aller kommerziellen Diktate. Mit Erfolg.
Und: einfach
ist es nicht, ein Interview mit DiFranco zu arrangieren. Immerhin,
nach dem fünften abgesagten Termin hat es schließlich
geklappt!
Hallo Ani, wie geht’s? Es hieß, du hättest Probleme
mit deiner Stimme gehabt?
Ani DiFranco: Ja, leider. Ich war sehr lange auf Tour und hatte
zum Schluss wirklich Schwierigkeiten. Aber jetzt, wo ich zu Hause
bin und den ganzen Tag den Mund halten kann, geht’s mir schon
viel besser.
Dann lass uns über deine neue CD „Evolve“ reden.
Wie würdest du denn deine eigene Entwicklung seit deinem selbstbetitelten
Debüt beschreiben?
Ani DiFranco: Jeder Moment seit damals war eine große Reise.
Und überall am Wegesrand warteten Möglichkeiten, um mich
weiter entwickeln zu können. Eine der größten Entwicklungen
für dieses Album war ganz klar das Zusammenspiel mit meiner
Band. Mit diesem Sextett spiele ich nun schon seit Jahren. Wir
haben uns diese Fähigkeiten und eine eigene Ästhetik
erarbeitet.
„Evolve“ ist sorgfältig
arrangiert, klingt aber trotzdem wie eine spontane Session. Wie
bekommt man
diesen Gegensatz
hin?
Ani DiFranco: Genau das ist die Herausforderung, oder? Etwas zu
arrangieren, aber dann doch alles in den Moment zu investieren,
darin liegt die Kunst. Meine Bandmitglieder und ich haben uns oft
darüber unterhalten. Keiner meine Musiker möchte Fehler
machen, aber es will auch keiner „auf Nummer sicher“ spielen.
Diese Balance ist schwer. Und ich kann nur immer wieder dankend
sagen, dass ich bei der Aufnahme dieser Platte meine Tour-Band
im Studio hatte - eine tolle, eingespielte Band.
Was dir auch
die Freiheit gab, dich intensiv mit der Produktion zu beschäftigen – was dich ja seit deinem ersten Album
beschäftigt. Hast du eine Erklärung dafür, warum
dieser Part einer Albumproduktion sonst eine typische Männerdomäne
ist?
Ani DiFranco: Keine Ahnung. Im Grunde sind Produktionsmittel doch
nur Werkzeuge, mit denen wir ein bestimmtes Ergebnis erzielen wollen.
Eine Gitarre ist im Grunde auch nichts anderes. „Evolve“ ist übrigens
das erste Album, das ich ganz allein gemixt habe. Früher habe
ich immer mit jemandem gearbeitet, der ein Auge auf der Produktion
hatte oder Alternativen wusste, wenn ich nicht weiter kam. Diesmal
habe ich alles allein gemacht. Vielleicht ist das Album auch deshalb
so pur geworden, weil mir irgendwann die Energie ausging? (lacht)
Es ist bestimmt
kein Zufall, dass du dein Lachen im Outro zu „In
The Way“ auf der Aufnahme gelassen hast. Das zeigt, dass
du trotz der Arbeit eine Menge Spaß im Studio hattest.
Ani DiFranco: Oh ja! Ich liebe meine Band. Das sind nicht nur gute
Freunde, sondern so etwas wie meine Familie. Das war mir besonders
wichtig, nachdem ich mein halbes Leben allein, als Solokünstlerin
verbracht hatte. Nun bin ich wieder solo unterwegs und komme mir
etwas allein vor.
Warum diese Entscheidung?
Ani DiFranco: Um ehrlich zu sein, ich hatte mich in den letzten
Jahren mehr darum gekümmert was die anderen Instrumente
spielen, als um mich selbst. Aber jetzt, wo meine Gitarre wieder „meine
Band“ ist, genieße ich ein Gefühl, dass ich
lange nicht mehr gehabt habe. Irgendwie hatten wir das Ende der
Fahnenstange erreicht. Deshalb wollte ich mich wieder auf mich
selbst konzentrieren.
...und bist
wieder zur puristischsten Form des Songwritings zurückgekehrt.
Ani DiFranco: Ja, und es ist eine heftige Liebesaffäre! Meine
Gitarre war immer meine beste Freundin. Und meine beste Lehrerin,
wenn ich zurückschaue, was sie mir gegeben hat, im Studio
und bei Konzerten - das Gefühl für Dynamik, auch für
Nuancen zwischen Flüstern und Schreien. Als Fingerpickerin
liebe ich die Beziehung zwischen Melodie und Rhythmus. Das sind
Punkte, die essentiell für mein Spiel sind.
Was für
Gitarren kamen auf diesem Album zum Einsatz?
Ani DiFranco: Ich wechsle häufig zwischen einer normalen 6-saitigen
Alvarez „Virtuoso Weir Acoustic“ und einer alten Bariton-Gitarre.
Die Kompositionen basieren mittlerweile 50:50 auf diesen beiden
Instrumenten. Aber die Alvarez ist schon meine Hauptgitarre. Momentan
arbeiten sie bei Alvarez an einem Modell nach meinen Vorstellungen.
Ich verändere nämlich die Höhe des Sattels für
die E-, A,- und D-Saite, weil ich eine ganze Menge Open Tunings
spiele, die eine ziemlich tiefe Stimmung erfordern. Daneben unterhalten
wir uns auch gerade über eine andere Mensur und einen kleineren,
aber tieferen Korpus. Ich suche eben immer noch nach der perfekten
Gitarre. Momentan baut Alvarez diese Gitarre für mich. Wenn
die gut wird, geht sie vielleicht sogar in Serie. Wer weiß?
Da gibt es allerdings schon sehr spezielle Features. Ich mag es,
wenn die Gitarre eine Menge Bass mitbringt. Ich will eine Menge „Arsch“ und
nicht so viel Mitten und Höhen, wie das viele andere Künstler
mögen.
Das bringt uns zur Aufnahmesituation. Wie nimmst du deine Gitarre
ab?
Ani DiFranco: Oh je, ich habe so viele Alben aufgenommen und habe
jedes Mal etwas anderes probiert! (lacht) Das hängt damit
zusammen, dass ich nicht nur eine akustische Gitarre aufnehmen
muss, sondern auch noch mich, als Sängerin, weil ich nämlich
am liebsten Gitarre und Gesang gleichzeitig aufnehme. Meistens
nehme ich die Gitarre mit dem Tonabnehmer ab, parallel dazu mit
dem Mikrofon und schicke das Signal auch noch über einen Gitarrenverstärker.
Ich finde solche Kombinationen sehr interessant.
Kümmerst
du dich auch um die Raumsituation?
Ani DiFranco:. Sicher. Ich habe mich immer gefragt, warum man ein
Mikrofon neben einem Instrument platziert, das Signal ins Mischpult
schickt und dann Reverb dazu fügt? Warum stellt man das
Mikro nicht etwas weiter weg? Warum spielt man nicht mit den
räumlichen Möglichkeiten, die einem zur Verfügung
stehen? Jetzt, wo ich für mich alleine arbeite und nicht
sechs Musiker auf mich warten, habe ich die Zeit, mich mal ausgiebig
mit diesen Dingen zu beschäftigen. Derzeit habe ich fünf
verschiedene Mikrofone und fünf verschiedene Kompressoren,
mit denen ich herumspiele. Ich mag es, wenn man etwas mitkriegt
von der Atmosphäre, in der ein Künstler arbeitet. Erinnerst
du dich noch an das erste Album des Buena Vista Social Club?
Da hatte ich wirklich das Gefühl, dort im Raum zu stehen.
Du bewegst
dich zwischen Funk, Jazz, Blues und klassischem Songwriting.
Ist das wandern abseits aller Konventionen
und Schubladen ein kommerzielles
Risiko, mit dem es sich aber gut leben lässt?
Ani DiFranco: Nun, ich weiß, dass man mich in einer Menge
Rollen sieht und in eine Menge Schubladen steckt. Ich aus meiner
Sicht versuche immer nur, mich nicht zu blamieren! (lacht) Ich
sehe Musik auch nicht als Sammlung unterschiedlicher Stile. Ich
unterscheide nicht. Musik wird erst in der kommerziellen Welt unterteilt,
z.B. wenn du in einen Plattenladen gehst und etwas Bestimmtes suchst.
Meine Ohren sind Tag und Nacht offen und nehmen so viel auf, was
mich beeinflusst, und das kommt dann eines Tages auf andere Weise
wieder aus mir heraus.
Für viele Kritiker ist „Evolve“ dein vielseitigstes
Album. Das führt wieder zu Spekulationen über deine vielseitigen
Einflüsse...
Ani DiFranco: Sicher. Weißt du, selbst nach so vielen Jahren
im Musikbiz bin ich immer noch dabei zu lernen. Besonders was meinen
Gesang betrifft. Ich liebe Betty Carter – eine großartige
Jazz-Sängerin. Sie hat mir mehr vermittelt als jeder andere
zuvor. Ich kann heute ihren Einfluss sehr deutlich in meinem Gesang
hören. Was die Gitarre betrifft, habe ich vor nicht all zu
langer Zeit John Fahey wieder entdeckt (US-Folk-Gitarrist, 1939
- 2001). Er hat ein paar wunderbare instrumentale Gitarrenalben
aufgenommen. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine Platte von
ihm hatte, als ich anfing Gitarre zu spielen. Als ich Faheys Musik
kürzlich wieder mal hörte, wurde mir klar, dass er doch
einen größeren Einfluss auf mich hat als ich gedacht
hätte.
Du gehst in
Kürze allein auf Club-Tour. Lassen sich die Songs
von „Evolve“ problemlos als One-Women-Show umarrangieren?
Ani DiFranco: Einige ja, andere nicht. Ich habe die Songs ja für
die Band geschrieben. Deswegen gibt’s da auch die eine oder
andere Nummer, die auf der Gitarre allein gespielt eher uninteressant
klingt. Die neuen Songs, an denen ich arbeite, sind natürlich
ganz auf eine Soloperformance ausgerichtet.
Kannst du uns schon einen Hinweis geben, in welche Richtung du
dich bewegen willst?
Ani DiFranco: Nun, ich arbeite momentan mit einer alten analogen
4-Spur Tascam Tonbandmaschine und einem kleinen 8-Kanal-Mischpult
aus den Sechziger Jahren. Damit nehme ich sehr direkte, einfache
Songs auf, nur Gitarre und Gesang. Natürlich wird es ein paar
Overdubs geben, etwas Chorgesang, ein paar rückwärts
aufgenommene Gesangspassagen. Und vielleicht etwas Bass.
Und ein paar
Gitarrensoli? Damit wären wir
bei den Geschlechterrollen: Warum gibt es so wenig Frauen, die
Solo spielen?
Ani DiFranco: Vielleicht liegt es daran, dass Männer dazu
neigen, sich in den Vordergrund zu stellen und ganz gradlinig auf
ihr Ziel zuzusteuern. Wir Frauen dagegen nehmen lieber eine nicht
ganz so extrovertierte Rolle ein. Wir bewegen uns auch eher in
Kreisen, symbolisch gesprochen, als direkt geradeaus. Aber beide
Wege führen am Ende zu einem Ziel.
Für dein Fingerpicking klebst du dir künstliche Fingernägel
auf die Nägel deiner rechten Hand. Wie kamst du dazu?
Ani DiFranco: Nun, ich spiele mit der rechten Hand extrem hart.
Besonders auf der Bühne. Im Studio kann ich das besser kontrollieren.
Dabei habe ich mir haufenweise Fingernägel ruiniert. Also
habe ich angefangen diese künstlichen Fingernägel zu
benutzen, um härter anschlagen zu können. Ich habe diese
Plastiknägel auf meine eigenen geklebt und zusätzlich
getaped, damit ich mehr Halt bekam. Außerdem bot mir das
Tape Schutz, weil ich mir die Fingerspitzen der rechten Hand oft
blutig gespielt habe.
Dein Anschlag ist ein wichtiger Bestandteil deines Spiels.
Ani DiFranco: Oh ja! Ich habe die Gitarre immer auch als Perkussion-Instrument
verstanden, wie auch als melodisches Instrument. Ich habe als
Solomusikerin angefangen, da musste ich gleichzeitig meine eigene
Rhythmusgruppe sein. Ich bin keine Chord-Strummerin. Ich picke,
slappe und poppe und probiere alles mögliche.
Was für
Saiten benutzt du zurzeit?
Ani DiFranco: Ich spiele D’ Addarios in mittlerer Stärke.
Heavy Sets klingen mir nicht brillant genug. Manchmal spiele ich
auch die großen Fender Triangle-Pleks.
Du legst sehr
großen Wert auf Dynamik, oder?
Ani DiFranco: Ja, denn Musik basiert nicht nur auf den Sounds die
du produzierst, sondern auch auf der Stille; und dem Raum, dem
du einem Sound gibst. Auch das ist Teil eines Songs. Je älter
ich werde, desto mehr wird mir bewusst, wie wichtig es ist, an
bestimmten Stellen NICHT zu spielen. Es ist wichtig, die Stille
zu respektieren. Gerade in dem, was sie nicht spielen, definieren
und differenzieren sich große Musiker. Ich versuche das
zu lernen. Außerdem: Wenn du allein auf der Bühne
stehst, hast du auch nicht viele Möglichkeiten zur Verfügung.
Du hast den Text und seine Symbolik, den Gesang, die Melodie
und die Gitarre. Und eben die Dynamik.
Das vollständige
Interview finden Sie in AKUSTIK GITARRE 4 / 03
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