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So
ein „richtig amtliches“ Studium der Konzertgitarre
absolviert man hierzulande an einer Musikhochschule oder einem öffentlichen
Konservatorium. Wir sahen uns an der Hochschule für Musik
und Theater, Hannover um und unterhielten uns auch mit Studierenden.
Mit rund 100
Professoren und etwa 1.200 Studenten ist die Hochschule in Hannover
eine der größten deutschen Musikhochschulen,
was damit zu tun hat, dass man „die gesamte Orchesterpartitur“ bedient.
Dazu gehört die Konzertgitarre freilich nicht, und den für
den zugehörigen Unterricht bestimmten Raum findet man so im
zweiten Stock fast am Ende eines langen Ganges im Betonbau-Stil
der 70-er Jahre, bevor man über einen trickreich gewendelten
abschüssigen Gang - genannt „Die Schnecke“ - irgendwann
im Keller in der Mensa landet. Trotz dieses scheinbaren Schattendaseins
ist man als Student der Gitarre in Hannover nicht schlecht bedient.
Für die kaum 20 Hauptfach-Studis gibt es immerhin zwei Professoren:
Frank Bungarten und Hans-Michael Koch, jeweils mit ihren Studenten, „Klasse“ genannt.
Hinzu kommen als Lehrbeauftragte Wiebke Dollmann (Methodik des
Gruppenunterrichts) und Axel Wolf (Generalbassspiel und Improvisation).
Zur „Grundausbildung“ gehören zudem diverse theoretische
Fächer, die für alle Studenten gleich angeboten werden.
Aufnahmeprüfung
Doch zunächst gilt es, eine Aufnahmeprüfung zu absolvieren,
die in Hannover jährlich in der zweiten Juni-Hälfte stattfindet.
Diese beginnt mit einer Klausur in Sachen Gehörbildung, die
sich mit ein- und zweistimmigem Notendiktat, mit Akkorden, Skalen
und Rhythmen befasst, was mit einer mündlichen Prüfung
fortgesetzt wird, bei der eventuelle Fehler relativiert werden
können - sagt Hans-Michael Koch. Student Jan Erler weist darauf
hin, dass bessere Musikschulen dafür eine SVR (studienvorbereitende
Ausbildung) anbieten. Und natürlich muss gespielt werden,
ein kleines Programm von zehn bis 15 Minuten Dauer. Koch erwartet
eigentlich nur Mittelschweres, etwa ein Villa-Lobos-Präludium,
einen Satz von Giuliani, Sor oder Bach etwa. Doch er verlangt,
dass das kleine Programm persönlich ansprechend und gut serviert
sein sollte. Freilich kann es helfen, wenn sich Professor(en) und
Student(en) schon vorher kennen. Das ist keinesfalls Kungelei;
Koch meint: „Dann wissen beide Seiten schon vorher, was auf
sie zukommt.“ Sara Koeckmann etwa hat in Hannover Physik
studiert und dabei Privatunterricht bei Koch genommen. Inzwischen
ist die Physik vergessen; Sara studiert im zweiten Semester bei
Koch an der Hochschule. Zur diesjährigen Aufnahmeprüfung
hatten sich 21 Kandidaten angemeldet. Zwar, sagt Koch, nehmen der
Kollege Bungarten und er auch mal einen Studenten mehr als üblich,
wenn es sie reizt (was immerhin eine Semester-Wochenstunde mehr
Arbeit ist, da jeder Student seine wöchentliche Stunde bekommt).
Doch natürlich bleibt das Kontingent begrenzt, wenn auch zu
erwartende Studienabschlüsse neue Plätze schaffen. Koch
selbst hatte sich diesmal auf etwa drei neue Studenten eingerichtet.
Möglichkeiten
Kristina Gosemärker ist im 4. Semester des Studiengangs Schulmusik
mit dem Hauptfach Gitarre. Sie wird also irgend wann in der Sekundarstufe
II Musikunterricht geben, wozu auch ein solides Klavierspiel gehört.
An der Hochschule hat sie derzeit etwa 25 Wochenstunden an Lehrveranstaltungen
zu absolvieren. Auf ihr zweites Lehrfach Englisch wird sie sich
stürzen, wenn sie die Masse der musikalischen Nebenfächer
hinter sich gebracht hat. Sie bedauert es sehr, dass eine Teilnahme
an den Angeboten aus dem Jazz-Pop-Rock-Studiengang nicht möglich
ist. Gut findet sie, dass man bereits im dritten Semester in die
Schule geht und Stunden hält.
Benjamin Schwenen (6. Sem.) und Jan Erler (8. Sem.) studieren Musikerziehung
(ME) mit dem Hauptfach Gitarre. Dies ist in Hannover das Basisstudium;
Prof. Koch sagt: „Irgendwie unterrichten müssen alle,“ daher
gehöre zum „normalen“ Studium eine didaktische
Ausbildung. Mit wissenschaftlichen Fächern wie Pädagogik,
Psychologie, Methodik und systematischer sowie historischer Musikwissenschaft
kommt Jan derzeit auf zehn Wochenstunden. Man könne seine
Zeit frei einteilen, müsse aber letztlich gut organisiert
sein. Die Vielseitigkeit der überwiegend frei zu wählenden
musikwissenschaftlichen Angebote findet er „großartig“.
Nach der Regelstudienzeit von acht Semestern ist eine Diplomarbeit
in einem der genannten Fächer fällig; Jan schreibt über
die Gitarrenmusik des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Andrés
Segovia, beklagt jedoch, dass er wissenschaftliches Arbeiten an
der Hochschule eigentlich nicht gelernt habe. Das muss nicht, könnte
aber mit der schulischen Vorbildung zu tun haben; während
Abitur für das Schulmusik-Studium vorausgesetzt wird, ist
für das ME-Studium Mittlere Reife ausreichend.
Daten
Die Studiengebühr beträgt rund 125 € pro Semester;
dazu kommt natürlich der Lebensunterhalt, wobei sich das eher
günstige Mietpreisniveau in Hannover angenehm auswirkt. Wer
die Regelstudienzeit von acht Semestern mit mehr als vier Semestern überzieht,
muss etwa 500 € pro Semester zahlen. Prof. Koch meint, dass
an die 75 Prozent der Studenten mit den Regelsemestern auskommen,
seufzt aber über eventuell kommende Sparzwänge. Augenzwinkernd: „Das
neue Niedersächsische Hochschulgesetz schafft mehr Bürokratie,
denn jetzt muss die Effizienz kontrolliert werden.“ Wie das
im künstlerischen Bereich gehen mag, sei anheim gestellt…
Praxis
Die Studenten klagen über andere Dinge. Während dem Interviewer
die ganze Atmosphäre äußerst kreativ vorkommt,
sagt Benjamin Schwenen dazu „Jein“. Es herrsche viel
Konkurrenzdenken; alle Instrumente, alle Klassen fühlten sich
jeweils besser als die anderen...
Während die Spieler von Orchesterinstrumenten vermutlich zu
diversen Orchesterprojekten verpflichtet sind, müssen die
Gitarristen singen, was die Studenten für vier Semester je
nach stimmlicher Kapazität zu unterschiedlichen Chören
mit Anwesenheitspflicht zwingt. Dazu kommt dann auch noch Stimmbildung,
was vor allem die ME-Studenten seufzen lässt, denn „es
zerreißt den Tag „ - dies seien „Fächer
zum Vergessen“. Dazu gehört wohl auch das obligatorische
Zweitinstrument. Bei der Aufnahmeprüfung spielt es keine Rolle,
aber nach den ersten beiden dicken Semestern kommt irgendwann das
Vordiplom, eine Art Zwischenprüfung, wobei Haupt- und Nebenfach
gefragt sind. Und das, wo doch aber vor allem die Gitarre angesagt
sei: „Lästig!“ Es besteht jedoch „Testatpflicht“,
d.h. zu Beginn und Ende des Semesters muss die Lehrkraft das Studienbuch
signieren.
Natürlich ist solch ein (letztlich:) Regelstudium an einer
(letztlich:) Fachhochschule nicht nur ein Honigschlecken, und (fast)
jeder Professor hofft irgendwie auch auf den „Wunderstudenten“.
Der freilich ist nur begrenzt planbar.
Catharina von
Bargen hat das Basisstudium ME hinter sich und auch die KA, die „künstlerische Ausbildung“. Zur KA
als Aufbaustudium wird in Hannover nur zugelassen, wer das ME-Diplom
mit Eins absolviert hat (Trost: andere Musikhochschulen nehmen
dafür auch Zweier-Absolventen aus Hannover). Catharina ist
nun bei Frank Bungarten in der Soloklasse im zweiten Semester,
hat 1,5 Stunden Unterricht die Woche und verfolgt allerhand Projekte,
für die sich ggf. dann auch andere Professoren gewinnen lassen.
Da geht es um die Uraufführung eines Werkes einer Kompositionsstudentin
aus Hannover und um weitere Projekte.
Jan Erler spielt im Gitarrenduo Musik des 20. Jahrhunderts, die
Andere nicht spielen. Auch Sara Koeckmman spielt Duo. Benjamin
Schwenen spielt noch elektrische Gitarre und hat sich in dieser
Doppelfunktion für eine Theaterproduktion in Berlin beworben.
Fast alle haben auch Schüler, die dann mal zu einer Lehrprobe
mitgebracht werden müssen. Prof. Hans-Michael Koch begrüßt
die Aktivitäten: „Schon während des Studiums unterrichten,
konzertieren, Wege suchen“.
Und es gibt Befruchtungen. Koch wird sich im Wintersemester 03/04
mit seinen Studenten und mit allerhand Gästen der Kammermusik
von Hans-Werner Henze annehmen, was die Studis laut Koch bereits
begeistert begrüßt haben. Außerdem hat eine Musikhochschule
für ihren Standort eine wichtige kulturelle Bedeutung: In
Hannover lief gerade das Projekt „Mendelssohn!“ mit
Musikern und Schauspielern,; praktisch jeden Abend gibt es in einem
breiten Spektrum ein bis zwei Veranstaltungen, zu Eintrittspreisen
von nicht über acht Euro. Hochschulen strahlen also auch nach
außen aus, und das mag helfen, die eigenen Wege zu finden.
Wer sich für ein klassisches Gitarrenstudium interessiert,
sollte einfach mal hinfahren. Vorherige Kontakte können nicht
schaden, aber oft kann man auch einfach mal zuhören (im Einzelunterricht
sollten freilich sowohl Dozent als auch Student damit einverstanden
sein). Kontakt: www.hmt-hannover.de
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