Kommunikation
Von Franz Holtmann

Wir alle sind angewiesen auf ein Netzwerk der Kommunikation, auf Austausch und Anregungen, auf Informationen aller Art. Die Quellen sind weit gestreut, das Feld der Einflüsse und Wirkungen kaum einzugrenzen. Dennoch kann es nicht schaden, sich zumindest versuchsweise ein Bild zu machen, auch wenn -wie immer - der Blickwinkel naturgemäß subjektiv, selektiv und damit eingeschränkt bleiben muss.

Nichts kommt von nichts – heißt es im Volksmund, und wo hat das mehr Geltung als im instrumentalen Fach? Ein Instrument gibt immer nur das heraus, was man vorher in dieses investiert hat. Oder vielleicht doch gelegentlich mehr? Nun gut – der göttliche Funke, die Inspiration des Augenblicks, der Kuss der Muse, ist ein ganz besonderer Bonus, der sich u.U. erst spät einstellt. Das muss aber nicht unbedingt so sein, ist der berechtigte Einwand. Warum sonst bleiben wir anfangs denn überhaupt am Instrument, wo es doch so viele Mühsale für uns bereit hält, wenn da nicht die Ahnung von etwas Außerordentlichem wäre? Allerdings fällt uns auch nichts einfach so in den Schoß. Als soziale Wesen können wir zwar aus dem Vollen schöpfen, sind aber auch den vorgefundenen Bedingungen unterworfen.

Unterricht
Am Anfang stützen wir uns auf Erfahrungen, die andere weit vor uns gemacht und in Klang umgesetzt haben. Selbst der autodidaktische Weg orientiert sich in der Regel an Mustern, die abgeschaut und nachvollzogen werden. Instrumentalunterricht ist in den frühen Jahren eine eher eindimensionale Angelegenheit. Der erfahrene Lehrer vermittelt sein Wissen, gibt dem Schüler Techniken und formale Inhalte an die Hand, die dieser sich zunächst durch Repetieren, möglichst bald aber auch schon durch kanalisiertes Interpretieren aneignet. Solange es sich um historische Musik handelt, sind wir gut beraten, die zeitbezogenen Manieren, Ornamentierungen oder auch Verzierungen im Literaturspiel zunächst epochengerecht zu reproduzieren. Dazu ist Anleitung nötig. Fortgeschrittene Schüler bewegen sich in dem eingegrenzten Kontext dann stilsicher, und spätestens hier beginnt die kreative Auseinandersetzung über das Wie und Wo der Ausführung. Wir können nicht wirklich fühlen, nur ahnen, wie alte Musik zu ihrer Zeit auf die Menschen und Spieler wirkte, aber wir dürfen, ja müssen sie mit unserem eigenen Leben erfüllen, aktuelle Bezüge herstellen, intuitive Transformation in die Jetztzeit vornehmen.
Bestimmte Fragestellungen und inhaltliche Diskussionen wirken jedoch gelegentlich auch in Richtung auf den Lehrer und beeinflussen seinen Standpunkt zur Musik. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eher eines für die offene Bereitschaft, sich den vielfältigen Möglichkeiten musikalischen Denkens und Interpretierens zu öffnen. Auch ändert sich gelegentlich eine vorgefasste Einstellung den musikalischen Phänomenen gegenüber - allein schon durch deren analytische Beschreibung, bzw. durch die Rationalisierung bislang intuitiv umgesetzter Ausdrucksformen. Dabei ist die Furcht vor Entmystifizierung der Geheimnisse der Musik gänzlich unbegründet – dieser See ist tiefer, als wir zu schauen in der Lage sind - wohl aber verliert man seine Naivität. Gelegentlich fehlt dem Fachmann auch der unverstellte Blick auf die Dinge - ein durchgängiges Problem der modernen Gesellschaft, die dazu neigt Dinge bis ins Kleinste zu differenzieren, damit aber auch zu isolieren und darüber den Blick für das Ganze zu verlieren. Es gibt jedoch auch Musikformen, die von Anfang an auf Kommunikation und Interaktion setzen, wie z.B. von Blues und Jazz geprägte Spielweisen.

Spieler
Gitarristen, vornehmlich die akustischen, zeigen bemerkenswert oft einen fatalen Hang zur Einsamkeit. Der in Abgeschiedenheit geführte Kampf mit dem Instrument schlägt sich dann gelegentlich in einer Isolation vom Rest der Welt nieder. Davor sei gewarnt! Wichtig ist das Zusammenspiel mit musikalischen Partnern nicht nur für die allgemeine Entwicklung am Instrument und in Bezug auf eine teilbare Zeit, sondern ganz fundamental für die unverzichtbare Kommunikationsfähigkeit. Wer übt schon sprechen, um dann ausschließlich Selbstgespräche zu führen? Der Dialog mit außersprachlichen Mitteln, der Austausch auf einer emotionalen Ebene ist grandioser Zugewinn. Da wird natürlich in erster Linie über die Ohren gearbeitet, aber auch Körpergesten und Blickkontakt steuern das gemeinsame Handeln. Dann gibt es noch so etwas wie eine Meta-Ebene, eine gefühlte oder geahnte Übereinstimmung im Handeln, die zu einem harmonischen Ausdruck in Bögen, Spitzen, Dynamik u.a. führt. Zum Teil ist dies ein Ergebnis gemeinsamer Erfahrungen, von gegenseitigem Verständnis durch das zielgerichtete und offene Zusammenspiel geprägt. Darüber hinaus jedoch existiert eine intuitive Ebene der Verständigung, die sprachlich kaum zu fassen ist. Diese Ebene ermöglicht die intensive Kommunikation auch unter Spielern, die sich bis dahin fremd waren. Das ist nicht ganz so überraschend wie es sich anhört, kennen wir ähnliche Wirkungen doch z.B. auch aus anderen Lebensbereichen, wo der Funke spontan zündet. Gelegentlich treffen wir auf uns bis dahin unbekannte Menschen, die unsere Emotionen teilen, mit denen wir uns übergangslos verständigen können. Aber auch der Kampf, die Auseinandersetzung, die Spannung als Resultat unterschiedlicher Standpunkte liefert gelegentlich grandiose Ergebnisse. So kann im letzteren Fall z.B. aus improvisierter Musik ein unerwartet tolles Ergebnis resultieren, das aus der Irritation der Erwartungshaltung entsteht.

Publikum
Ähnlich wie zwischen den Musikern in dynamischen, farblichen, aber auch emotionalen Fragen ist es jedoch auch möglich, das Publikum in sein Spiel mit einzubeziehen. Das ist keine Frage der Technik, auch wenn die Zirkusnummer immer ihre Wirkung zeitigt. Eher ist es die Kraft der emotionale Sprache, die das Publikum erreicht. In einem solchen Fall kommt die investierte Energie aus der nicht mehr nur hörenden, sondern direkt emotional beteiligten Gemeinde zurück und hebt den Spieler. Diesen Momenten der sicher gefühlten Übereinstimmung sind demgemäß auch oft die großen inspirierten Momente, die Sternstunden in der Musik zu verdanken, die kein anderes uns bekanntes Medium in diesem Maße zu transportieren in der Lage ist als die Musik.

Transzendenz
Von einer ganz besonderen Variante der Kommunikation sprechen Spieler gelegentlich nach besonders selbstvergessenen Aufführungen. Dieses unmöglich sprachlich beschreibbare Außer-sich-Sein, der Verzückungszustand, in dem jede Handlung wie von selbst und mit größter Sicherheit ausgeführt wird, ist ein seltener Zustand der Gnade, in dem das Ego überwunden wird und alles fließt. „It plays“ nannte John McLaughlin einmal diesen außergewöhnlichen Moment, der durchaus in der Lage ist, für eine gewisse Zeit und in einem besonderen Sinn die Schwerkraft aufzuheben. Auch Naturreligionen nutzen Musik für rituelle Handlungen, um den Zustand der Ekstase zu erreichen. In diesem Fall wird die Musik allerdings funktionalisiert, wird Mittel zum Zweck.

Kontakte/Management
Um überhaupt mit seinen Künsten an die Öffentlichkeit zu kommen, bedarf es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, besonderer Anstrengungen. Nur wer unterwegs ist, sich zeigt, Kontakte knüpft und pflegt, kommt vielleicht auch ins Gespräch - wenn denn die Fähigkeiten und Inhalte stimmen, das Profil in ein gewisses Bild passt, die Lücke im Markt gefunden ist. Nicht zuletzt gilt, was im Englischen „right time, right place“ genannt wird, also das Gefühl für den rechten Augenblick, in dem man zur Stelle ist, um seine große Chance zu nutzen. Mancher auf Karriere orientierte Spieler versucht es mit übertriebenem Aktionismus, andere wiederum warten (oft vergebens) auf den Wink des Schicksals. Der Weg zum Erfolg, hier gemeint der öffentliche Erfolg, setzt auf jeden Fall Kontaktpflege und umfassende Kommunikation voraus.

Medien/Internet
Heute können wir den Einfluss moderner Medien auf unser Weltbild gar nicht groß genug wähnen. Aber sie halten auch in ihrer Vielfalt der Möglichkeiten enormen Zugriff auf Informationen aller Art bereit. Für uns Musiker spannt sich der enorme Bogen u.a. von der einfachen Produktinformation, über inhaltliche Diskussionen in Print- und Bild-Medien, über virtuelle Lernprogramme, bis hin zu Internetkonzerten zusammengeschalteter Musiker, die sich an verschiedenen Orten der Welt befinden. Es kann einem schwindelig werden angesichts der Fülle von Kommunikationsgelegenheiten -Chancen, -Opportunitäten - ich höre nun lieber auf, bevor ich mich in diesem gewaltigen Spektrum verliere.

Finale
Wie man sieht, fällt es schwer, ein solches Thema zu fassen, öffnen sich doch ständig neue Türen zu hochinteressanten Fragestellungen. Das aber ist nicht wirklich schlecht, denn so bewahren wir die Musik vor der Ermüdung, der vorschnellen Erledigung. Da wir also Statik erst gar nicht anstreben, ist unser Verhältnis zur Musik im übertragenen Sinne durchaus auch so, wie John Berger es in seinem Buch „Ways of Seeing“ so treffend beschreibt: „Nie sehen wir einfach nur ein Ding an sich; immer schauen wir auf das Verhältnis zwischen den Dingen und uns selbst.“