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Wir
alle sind angewiesen auf ein Netzwerk der Kommunikation, auf Austausch
und Anregungen, auf Informationen aller Art. Die Quellen sind weit
gestreut, das Feld der Einflüsse und Wirkungen kaum einzugrenzen.
Dennoch kann es nicht schaden, sich zumindest versuchsweise ein
Bild zu machen, auch wenn -wie immer - der Blickwinkel naturgemäß
subjektiv, selektiv und damit eingeschränkt bleiben muss.
Nichts kommt
von nichts – heißt es im Volksmund, und wo hat das mehr
Geltung als im instrumentalen Fach? Ein Instrument gibt immer nur
das heraus, was man vorher in dieses investiert hat. Oder vielleicht
doch gelegentlich mehr? Nun gut – der göttliche Funke,
die Inspiration des Augenblicks, der Kuss der Muse, ist ein ganz
besonderer Bonus, der sich u.U. erst spät einstellt. Das muss
aber nicht unbedingt so sein, ist der berechtigte Einwand. Warum
sonst bleiben wir anfangs denn überhaupt am Instrument, wo
es doch so viele Mühsale für uns bereit hält, wenn
da nicht die Ahnung von etwas Außerordentlichem wäre?
Allerdings fällt uns auch nichts einfach so in den Schoß.
Als soziale Wesen können wir zwar aus dem Vollen schöpfen,
sind aber auch den vorgefundenen Bedingungen unterworfen.
Unterricht
Am Anfang stützen wir uns auf Erfahrungen, die andere weit
vor uns gemacht und in Klang umgesetzt haben. Selbst der autodidaktische
Weg orientiert sich in der Regel an Mustern, die abgeschaut und
nachvollzogen werden. Instrumentalunterricht ist in den frühen
Jahren eine eher eindimensionale Angelegenheit. Der erfahrene Lehrer
vermittelt sein Wissen, gibt dem Schüler Techniken und formale
Inhalte an die Hand, die dieser sich zunächst durch Repetieren,
möglichst bald aber auch schon durch kanalisiertes Interpretieren
aneignet. Solange es sich um historische Musik handelt, sind wir
gut beraten, die zeitbezogenen Manieren, Ornamentierungen oder auch
Verzierungen im Literaturspiel zunächst epochengerecht zu reproduzieren.
Dazu ist Anleitung nötig. Fortgeschrittene Schüler bewegen
sich in dem eingegrenzten Kontext dann stilsicher, und spätestens
hier beginnt die kreative Auseinandersetzung über das Wie und
Wo der Ausführung. Wir können nicht wirklich fühlen,
nur ahnen, wie alte Musik zu ihrer Zeit auf die Menschen und Spieler
wirkte, aber wir dürfen, ja müssen sie mit unserem eigenen
Leben erfüllen, aktuelle Bezüge herstellen, intuitive
Transformation in die Jetztzeit vornehmen.
Bestimmte Fragestellungen und inhaltliche Diskussionen wirken jedoch
gelegentlich auch in Richtung auf den Lehrer und beeinflussen seinen
Standpunkt zur Musik. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern
eher eines für die offene Bereitschaft, sich den vielfältigen
Möglichkeiten musikalischen Denkens und Interpretierens zu
öffnen. Auch ändert sich gelegentlich eine vorgefasste
Einstellung den musikalischen Phänomenen gegenüber - allein
schon durch deren analytische Beschreibung, bzw. durch die Rationalisierung
bislang intuitiv umgesetzter Ausdrucksformen. Dabei ist die Furcht
vor Entmystifizierung der Geheimnisse der Musik gänzlich unbegründet
– dieser See ist tiefer, als wir zu schauen in der Lage sind
- wohl aber verliert man seine Naivität. Gelegentlich fehlt
dem Fachmann auch der unverstellte Blick auf die Dinge - ein durchgängiges
Problem der modernen Gesellschaft, die dazu neigt Dinge bis ins
Kleinste zu differenzieren, damit aber auch zu isolieren und darüber
den Blick für das Ganze zu verlieren. Es gibt jedoch auch Musikformen,
die von Anfang an auf Kommunikation und Interaktion setzen, wie
z.B. von Blues und Jazz geprägte Spielweisen.
Spieler
Gitarristen, vornehmlich die akustischen, zeigen bemerkenswert oft
einen fatalen Hang zur Einsamkeit. Der in Abgeschiedenheit geführte
Kampf mit dem Instrument schlägt sich dann gelegentlich in
einer Isolation vom Rest der Welt nieder. Davor sei gewarnt! Wichtig
ist das Zusammenspiel mit musikalischen Partnern nicht nur für
die allgemeine Entwicklung am Instrument und in Bezug auf eine teilbare
Zeit, sondern ganz fundamental für die unverzichtbare Kommunikationsfähigkeit.
Wer übt schon sprechen, um dann ausschließlich Selbstgespräche
zu führen? Der Dialog mit außersprachlichen Mitteln,
der Austausch auf einer emotionalen Ebene ist grandioser Zugewinn.
Da wird natürlich in erster Linie über die Ohren gearbeitet,
aber auch Körpergesten und Blickkontakt steuern das gemeinsame
Handeln. Dann gibt es noch so etwas wie eine Meta-Ebene, eine gefühlte
oder geahnte Übereinstimmung im Handeln, die zu einem harmonischen
Ausdruck in Bögen, Spitzen, Dynamik u.a. führt. Zum Teil
ist dies ein Ergebnis gemeinsamer Erfahrungen, von gegenseitigem
Verständnis durch das zielgerichtete und offene Zusammenspiel
geprägt. Darüber hinaus jedoch existiert eine intuitive
Ebene der Verständigung, die sprachlich kaum zu fassen ist.
Diese Ebene ermöglicht die intensive Kommunikation auch unter
Spielern, die sich bis dahin fremd waren. Das ist nicht ganz so
überraschend wie es sich anhört, kennen wir ähnliche
Wirkungen doch z.B. auch aus anderen Lebensbereichen, wo der Funke
spontan zündet. Gelegentlich treffen wir auf uns bis dahin
unbekannte Menschen, die unsere Emotionen teilen, mit denen wir
uns übergangslos verständigen können. Aber auch der
Kampf, die Auseinandersetzung, die Spannung als Resultat unterschiedlicher
Standpunkte liefert gelegentlich grandiose Ergebnisse. So kann im
letzteren Fall z.B. aus improvisierter Musik ein unerwartet tolles
Ergebnis resultieren, das aus der Irritation der Erwartungshaltung
entsteht.
Publikum
Ähnlich wie zwischen den Musikern in dynamischen, farblichen,
aber auch emotionalen Fragen ist es jedoch auch möglich, das
Publikum in sein Spiel mit einzubeziehen. Das ist keine Frage der
Technik, auch wenn die Zirkusnummer immer ihre Wirkung zeitigt.
Eher ist es die Kraft der emotionale Sprache, die das Publikum erreicht.
In einem solchen Fall kommt die investierte Energie aus der nicht
mehr nur hörenden, sondern direkt emotional beteiligten Gemeinde
zurück und hebt den Spieler. Diesen Momenten der sicher gefühlten
Übereinstimmung sind demgemäß auch oft die großen
inspirierten Momente, die Sternstunden in der Musik zu verdanken,
die kein anderes uns bekanntes Medium in diesem Maße zu transportieren
in der Lage ist als die Musik.
Transzendenz
Von einer ganz besonderen Variante der Kommunikation sprechen Spieler
gelegentlich nach besonders selbstvergessenen Aufführungen.
Dieses unmöglich sprachlich beschreibbare Außer-sich-Sein,
der Verzückungszustand, in dem jede Handlung wie von selbst
und mit größter Sicherheit ausgeführt wird, ist
ein seltener Zustand der Gnade, in dem das Ego überwunden wird
und alles fließt. „It plays“ nannte John McLaughlin
einmal diesen außergewöhnlichen Moment, der durchaus
in der Lage ist, für eine gewisse Zeit und in einem besonderen
Sinn die Schwerkraft aufzuheben. Auch Naturreligionen nutzen Musik
für rituelle Handlungen, um den Zustand der Ekstase zu erreichen.
In diesem Fall wird die Musik allerdings funktionalisiert, wird
Mittel zum Zweck.
Kontakte/Management
Um überhaupt mit seinen Künsten an die Öffentlichkeit
zu kommen, bedarf es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, besonderer
Anstrengungen. Nur wer unterwegs ist, sich zeigt, Kontakte knüpft
und pflegt, kommt vielleicht auch ins Gespräch - wenn denn
die Fähigkeiten und Inhalte stimmen, das Profil in ein gewisses
Bild passt, die Lücke im Markt gefunden ist. Nicht zuletzt
gilt, was im Englischen „right time, right place“ genannt
wird, also das Gefühl für den rechten Augenblick, in dem
man zur Stelle ist, um seine große Chance zu nutzen. Mancher
auf Karriere orientierte Spieler versucht es mit übertriebenem
Aktionismus, andere wiederum warten (oft vergebens) auf den Wink
des Schicksals. Der Weg zum Erfolg, hier gemeint der öffentliche
Erfolg, setzt auf jeden Fall Kontaktpflege und umfassende Kommunikation
voraus.
Medien/Internet
Heute können wir den Einfluss moderner Medien auf unser Weltbild
gar nicht groß genug wähnen. Aber sie halten auch in
ihrer Vielfalt der Möglichkeiten enormen Zugriff auf Informationen
aller Art bereit. Für uns Musiker spannt sich der enorme Bogen
u.a. von der einfachen Produktinformation, über inhaltliche
Diskussionen in Print- und Bild-Medien, über virtuelle Lernprogramme,
bis hin zu Internetkonzerten zusammengeschalteter Musiker, die sich
an verschiedenen Orten der Welt befinden. Es kann einem schwindelig
werden angesichts der Fülle von Kommunikationsgelegenheiten
-Chancen, -Opportunitäten - ich höre nun lieber auf, bevor
ich mich in diesem gewaltigen Spektrum verliere.
Finale
Wie man sieht, fällt es schwer, ein solches Thema zu fassen,
öffnen sich doch ständig neue Türen zu hochinteressanten
Fragestellungen. Das aber ist nicht wirklich schlecht, denn so bewahren
wir die Musik vor der Ermüdung, der vorschnellen Erledigung.
Da wir also Statik erst gar nicht anstreben, ist unser Verhältnis
zur Musik im übertragenen Sinne durchaus auch so, wie John
Berger es in seinem Buch „Ways of Seeing“ so treffend
beschreibt: „Nie sehen wir einfach nur ein Ding an sich; immer
schauen wir auf das Verhältnis zwischen den Dingen und uns
selbst.“
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