| Progreso
heißt im Spanischen Fortschritt. Das gleichnamige Modell verfügt
denn auch gleich über mehre für Konzertgitarren ungewöhnliche
Konstruktionsdetails, und Dieter Hopf beweist einmal mehr Mut zur
Moderne.
Dieter Hopf aus Taunusstein
gehört nun schon lange zu den angesehenen deutschen Gitarrenbauern
und greift auf eine lange Familientradition im Instrumentenbau zurück.
Im Gegensatz zu vielen vornehmlich handwerklich konservativ eingestellten
Kollegen war er aber stets auf der Suche nach klanglicher Erweiterung
mithilfe zeitgemäßer Mittel, in dem Bestreben, bewährte
Handwerkskunst mit aktuellen Methoden und Materialien zu verbinden
und darüber etwas Neues zu erschließen. So hat er bereits
mit Schallaustrittsöffnungen im vorderen Deckenbereich und
im Steg experimentiert, bevor ein amerikanischer Hersteller damit
zu durchgreifendem Erfolg kam. Auch heute ist er noch ausgesprochen
versuchsfreudig, wie das vorliegende Testinstrument nachweist.
Konstruktion
Nur auf den ersten Blick haben wir es bei der „Progreso“
mit einer ganz normalen Konzertgitarre zu tun, die über ein
zwar kräftiges, aber nicht weiter auffällig großes
Korpusvolumen verfügt. Augenfällig zunächst nur der
ausgeprägt filigrane „Schnurrbart“-Steg aus Palisander
und die im oberen Teil zusätzlich durchbrochene Kopfplatte,
ein Hopf- Signum. Schauen wir aber in das stattliche Instrument
hinein, so wundern wir uns über zwei von vorn nach hinten den
Korpus frei durchmessende Streben, die, links und rechts neben dem
Halsstock angebracht, leicht diagonal auf die hintere Zarge geführt
werden. Diese Rohre aus Glasfaser entlasten die Decke vom Saitenzug,
welche demgemäß mit einer leichten und filigranen, aber
mit Carbon verstärkten Gitterbeleistung auskommt. Darüber
hinaus sind auch die Bodenleisten konsequent carbonverstärkt.
Diese Konstruktion erlaubt vor allen Dingen eine bemerkenswert geringe
Deckenstärke (ca. 40 % unter Normalmaß) für die
besonders sensible Ansprache des Instruments. Donnerwetter –
da steckt schon eine Menge gedanklicher und handwerklicher Investition
in dieser Arbeit. Interessant auch, wie viele Variationen zum gesetzten
und weitgehend ausgereizten Standard unsere alte Konzertgitarre
doch immer noch zulässt! Aber wir wollen die allgemeinen Grundlagen
darüber nicht vernachlässigen, und die berufen sich immer
noch auf gute Tonhölzer, deshalb hier zunächst die üblichen
Details: Für den leicht gewölbten, über einen geschwärzten
Mahagonistreifen in der Mitte zweigeteilten Boden und die Zargen
der Progreso stand ungewöhnlich attraktiv gezeichnetes ostindisches
Palisander zur Verfügung. Die Ränder sind von hell unterlegten
Bindings aus Palisander eingeschlossen. Eine sehr feine, eng gemaserte
Fichte bildet das Herz des Instruments, dem eine in dezenten Brauntönen
gestaltete Rosette und aus mehreren Zierspänen gelegte Randstreifen
Zier geben. Der Hals aus Cedro ist aus zwei Teilen über einen
mit Zierstreifen belegten Ebenholzstreifen zur allgemeinen Verstärkung
gefügt und mit einem Griffbrett aus glattem schwarzen Ebenholz
ausgestattet. 19 perfekt bearbeitete, schlanke und eher flache Bünde
teilen sich die plane Griffbrettfläche. Lob gibt’s für
die hilfreichen Dots auf der Sichtkante zur Lagenkennung, das ist
leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Die gut abgewinkelte
und in oberen Bereich charakteristisch durchbrochene Kopfplatte
ist wie üblich angesetzt und mit einem kräftigen südamerikanischen
Palisanderfurnier belegt. Hochwertige, wenngleich für diese
Klasse etwas schwergängige hauseigene Präzisionsmechaniken
mit Ivoroid-Flügeln komplettieren den Kopf. Die saitentragenden
Elemente Sattel und Stegeinlage sind aus poliertem Knochen präzise
gearbeitet. Der Steg selbst ist aus einem schönen Stück
Palisander besonders flach und feingliedrig gestaltet, vornehmlich,
um Gewicht zu sparen. Versiegelt ist das Instrument rundum mit einer
dünnen seidenmatten Nitro-Lackierung. Diese Arbeit ist, wie
im Übrigen alle anderen handwerklichen Aspekte auch, auf vorbildlichem
Niveau und detailgenau ausgeführt, wenngleich die Halsrückseite
bei strengem Blick die eine oder andere nicht ganz geschlossene
Pore zeigt. Das aber ist wirklich kein Problem.
Spiel-
und Klangeigenschaften
Bereits die ersten Akkorde zeigen die Progreso als ein besonderes
Instrument. Da durchflort ein feiner Odem aus zarten Obertönen
die klingende Substanz der Gitarre. Die insgesamt seidige, gleichwohl
jedoch hochpräzise und trennscharfe Grundnote wird beflügelt
durch einen Chor von einschwingenden Resonanztönen, deren weiches
Timbre eine ganz besondere Atmosphäre erzeugt. Die Bässe
reagieren prompt auf den Anschlag, werden dann förmlich noch
von einschwingenden Obertönen unterstützt und zeigen glattes
homogenes Schwingverhalten. Allein in den ersten drei Bünden
neigt die Saite bei kräftigem Anschlag etwas zu leichten Nebengeräuschen
durch Ansetzen an die nächsthöheren Bünde. Die Saitenlage
ist entsprechend niedrig und für eine sehr bequeme Handhabung
eingestellt. Eine andere Saite schon könnte das Problem lösen
– wenn es denn überhaupt eins ist, denn bei leichter
Anschlagskultur taucht es erst gar nicht auf. Wo wir schon dabei
sind: Die Progreso lässt sich wunderbar leicht und komfortabel
bespielen. Das Hals-Shaping bietet in Zusammenhang mit der flach
gehaltenen Saitenlage optimale Bedingungen für jedwede technische
Umsetzung, der Rest ist pure Spielfreude.
Zurück zu den Details: Ein runder, weicher klanglicher Charakter
kennzeichnet die tragenden Mitten der Gitarre. Der Diskant zeigt
eine feine und doch innerlich gefestigte Artikulation. Nicht immer
ist, wie man hier sehr schön beobachten kann, eine vordergründige
Präsenz des Diskanttons die beste Lösung für guten
klanglichen Ausgleich. Die Progreso verfügt über eine
geradezu nachdrückliche Schwingungsentfaltung auf den hohen
Saiten, deren Substanz sich in ihrer Durchsetzungskraft zeigt. Frei
von Vordergründigkeit setzt sie Melodiespiel präzise in
Szene und ergänzt das akkordische Klangbild mit harmonischer
Eleganz. Im Bereich oberhalb des 12. Bundes wird der Ton naturgegeben
wohl etwas kürzer, stellt sich aber auch hier immer noch verblüffend
gut und plastisch dar, lässt darüber hinaus auch noch
Entwicklungspotential spüren. Das allgemeine Timbre lässt
sich als überaus feingliedrig, luftig und leicht, keineswegs
deshalb aber als schmalbrüstig kennzeichnen. Die Klänge
zeichnen sich durch eine detailreiche Auflösung mit viel Tiefgang
aus. Sensibel reagiert die Progreso auf das Registerspiel, der Klang
wechselt Farbe, ohne an Kraft und Ausdruck zu verlieren. Selbst
in extremer Stegposition bleiben unangenehme Härten aus. Imposant
auch die gut verteilten Trag- und Projektionskräfte in allen
Griffbrettpositionen; selbst in den hohen Lagen entfalten sich die
Klänge immer resonant und beschwingt. Das Instrument strahlt
zudem eine sehr angenehme Wärme und Souveränität
aus, geht mit dem Spieler, folgt leichtfüßig seinen Intentionen.
So soll es sein!
Den vollständigen
Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 4/02
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