Hip-Jazz
Ronny Jordan
Von Hans-Jürgen Lenhart


Die Effektgeräte hat er in die Ecke gestellt. Er will nichts an Klang vorgeben, was nicht allein mit seinen Fingern zu erzeugen wäre. Effekte lässt er lieber andere machen. Seinen DJ zum Beispiel. Und dieser treibt Jordan bei dessen Konzerten derzeit zu improvisatorischen Höchstleistungen an, die ihm sichtlich Spaß machen.

Und obwohl Ronny Jordan als bekannter Vertreter der "Acid-Jazz"-Gitarristen gilt, will er auch diesen Begriff lieber in die Ecke stellen und dort am liebsten seine akustische Gitarre herausholen. Ist der für den Grammy nominierte Jordan etwa etabliert geworden? Im Gegenteil, Jordan fühlt sich jetzt erst recht "fresh and new". Mit seinem aktuellen Album "A Brighter Day" war der von Jazzpuristen meist kritisch beäugte Jordan der erste Musiker, der beim renommierten Jazz-Label Blue Note im neuen Jahrtausend unter Vertrag genommen wurde. Ein verheißungsvolles Zeichen für den Jazz? Zumindest für Jordan selbst. Seine Aufbruchstimmung machte sich in einem erweiterten Konzept bemerkbar. Bossa-Nova-Rhythmen und indische Klänge treiben die Stimmung in für ihn ungewohnte Richtungen, ohne dass er vergisst, die Charakteristika des Acid Jazz als seine Wurzeln zu zitieren. Doch seine Wurzeln liegen eigentlich in der Musik von Jazzgitarristen der 60er Jahre wie Grant Green, von dem er hier auch eine Nummer spielt, oder Wes Montgomery.

1962 als Sohn jamaikanischer Eltern in London geboren, trat er unter dem Einfluss seines Vaters, der Pfarrer war, schon früh als Gitarrist in Gospelgruppen auf. Später beeinflusste ihn dann der Rap und brachte ihn dazu, Miles Davis' "So What" mit Hip-Hop-Grooves zu mixen, womit er nicht nur einen absoluten Klassiker des Acid Jazz kreierte, der manch jüngeren Hörer heute glauben lässt, die Nummer sei von Jordan geschrieben, sondern auch einen Plattenvertrag erstand. Sein 1992 entstandenes Album "The Antidote" beeinflusste die Acid Jazz-Bewegung maßgebend, was auch für seine Zusammenarbeit mit Gurus Projekt "Jazzmatazz" 1993 galt. Es folgten die Alben "Quiet Revolution"und "Bad Brothers" mit Remixen, dann eine erneute Zusammenarbeit mit Guru und "Light to Dark". 1998 wechselte er von Island Records zum Blue-Note-Label und zog nach New York, um mit illustren Gästen wie dem Vibraphonisten Roy Ayers das Album "A Brighter Day" mit wesentlich erweiterten Impulsen einzuspielen, was zur Folge hatte, dass er die von ihm zunehmend weniger geschätzte Rolle des Acid-Jazz-Pioniers erheblich abbauen konnte.

Was bedeutet der Begriff Acid Jazz für dich eigentlich noch?
Ronny Jordan: Oh, Acid Jazz hat sich in verschiedene Richtungen entwickelt, da gibt es Retro-, Rare-Groove- und Hip-Hop-Acid-Jazz. Der Begriff hing mir jahrelang nach, nun gut, es schmeichelt mir, wenn man mich als Pionier sieht, aber jetzt nach zehn Jahren würde ich mich als "zeitgemäßen Jazzgitarristen" bezeichnen, damit will ich betonen, dass ich jetzt eben Neues und Frisches spiele. Es gibt so viele Jazzgitarristen, die virtuos sind, aber eine Musik spielen, die 30, 40 Jahre alt ist. Das ist nicht mein Ding. Man kann z. B. in die Musik von sagen wir Django Reinhardt als Gitarrist verliebt sein, aber warum versetzt man sie nicht in die heutige Zeit? Das wäre doch eine tolle Herausforderung. Auch wenn man mich dafür kritisieren mag, man kann das jederzeit versuchen. Auch Acid Jazz war am Anfang eigentlich Musik, die nur DJs machten. Ich war einer der ersten Musiker, die diese Musik zu ihrer Sache machten. Das war meine Herausforderung. Es gibt da noch den Smooth Jazz wie z. B. Peter White. Ich fühle mich irgendwo in der Mitte zwischen beiden Polen. Würde ich mich jetzt noch Acid-Jazz-Musiker nennen, würde ich mich begrenzt fühlen. Momentan entwickle ich mich am ehesten in die Hip-Hop-Ecke, ich improvisiere jetzt bei meinen Auftritten mit den Rhythmen, Loops und Scratches meines DJs Master Phil im Duett, was so, glaube ich, bisher kaum gemacht wurde und ich wünsche mir, dass mir solche Ideen immer wieder kommen.

Man hört bei dir immer Wes Montgomery heraus. Wie kamst du zu ihm?
Ronny Jordan: In den 80ern hörte ich einmal bei einem Freund den "Westcoast Blues" von Wes Montgomery und es durchfuhr mich wie der Blitz. Ich hatte vorher alles Mögliche gespielt, auch Rock oder Sachen wie Parliament. Doch mit Wes war es, als hörte ich meine Zukunft. Ich habe einen von ihm inspirierten Sound, spiele aber eine tanzbarere Musik. Ich könnte aber nie Musik "im Stil Montgomerys" spielen. Diese Zeit ist vorbei, auch wenn ich ihn sehr schätze.

Welche Gitarre benutzt du?
Ronny Jordan: Ich spiele die sehr komfortable Ibanez "George Benson 10" Gitarre. Benson selbst empfahl sie mir und es stimmte genau, was er über sie sagte. Ich habe vor kurzem den Gibson Award gewonnen und danach kam die Firma auf mich zu und wollte ein nach mir benanntes Modell entwerfen lassen. Aber ich will mir damit Zeit lassen. Ich denke da sogar an eine akustische Gitarre. Bei den Saiten habe ich keine spezielle Wahl bis jetzt getroffen. Am längsten benutzte ich die semi-akustischen Tomastik-Saiten, die von Benson selbst benutzt werden. Ich habe mit Stärke neun angefangen, jetzt bin ich bei zwölf. Man kann sie ein wenig biegen, aber immer noch den vollen Ton heraus holen.

Wie siehst du selbst das Persönliche deines Stils?
Ronny Jordan: Ich habe mich erst in letzter Zeit richtig entwickelt. Ich spiele inzwischen mehr Akkorde und mein Rhythmusspiel wurde besser. So habe ich eine Woche im Haus von George Benson verbracht, er gab mir jede Menge Tipps. Durch diesen Aufenthalt bekam ich viele Inspirationen, es hat mich ungeheuer voran gebracht. Am Anfang meiner Karriere spielte ich nicht mein volles Potenzial aus, der Erfolg kam zu schnell. Aber gerade bei meiner jetzigen Tour in Deutschland bestätigen mir Leute meine Weiterentwicklung, denn man hatte mich hier sieben Jahre lang nicht live gesehen. Mein Ziel ist es, einen Sound zu kreieren, der nichts vormacht. Akustischer Klang ist immer noch der schönste für mich. Ich habe Effektgeräte und Verstärkermodelle ausprobiert, aber heute verzichte ich auf das alles. Ich stecke mein Kabel in einen einfachen Verstärker (Fender De Ville) und das ist es schon. Für mich gilt: Der Sound kommt aus den Fingern, nicht aus den Geräten. Ich kann genauso gut weiterspielen und überzeugen, wenn der Strom ausfällt, und das überzeugt die Leute. Als ich früher Effekte bei Soli einsetzte, klatschten die Leute nie Beifall, sie fanden es höchstens o.k. Und ich brauche auch kein Meer von Noten, die ich runternudeln muss. Deswegen war ich wohl auch nie ein Fan von John McLaughlin. Ich halte mich da eher an Leute wie B.B. King, die mit drei Noten mehr ausdrücken können als andere mit 300. Man muss das Publikum erobern! Man muss dem Hörer eine Nacht geben, die er nicht mehr vergisst. Aber das gelingt nicht, wenn einer daher kommt wie John, nach dem Motto: Keiner kann mich kopieren, denn keiner kann's so gut wie ich. Natürlich ist Technik wichtig, aber man muss genauso sein Spiel von Herzen kommen lassen. Man muss eine Show liefern und sein Bestes geben. Immer! Ich habe in Minneapolis mal in einem Club gespielt, da waren mehr Kellner da als Besucher. Ich habe mir die Finger trotzdem wund gespielt. Beim nächsten Mal dort ging die Besucherschlange um die Ecke und Prince kam vorbei. Was war? Die Besucher waren nämlich alle von der Presse und mein Auftritt hatte sich herumgesprochen. Man weiß eben nie.

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